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Lage nach dem Bau der Berliner Mauer (18)

3. September 1961
[Bericht] Nr. 532/61 über die Situation aufgrund der Schutzmaßnahmen der DDR

Gegnerische Pläne und Aktionen in Westberlin

Am 3.9.1961 von 10.30 bis 12.20 Uhr wurde in der Westberliner »Waldbühne« das angekündigte Revanchistentreffen durchgeführt,1 wobei Lemmer als Hauptsprecher auftrat. Die »Waldbühne« war nur zu 50 bis 70 %, vorwiegend mit älteren Menschen besetzt. An den Grenzen zum demokratischen Berlin bzw. zur DDR kam es auch in der Berichtszeit wieder zu provokatorischen Handlungen, wobei, wie in den Vortagen, der Lautsprecherwagen Sender »Stacheldraht«2 zum Abspielen seiner Hetzsendungen an verschiedenen Stellen der Grenze in Westberlin eingesetzt wurde. Am GKA Heerstraße wurde diese Hetzsendung durch Musik unserer Lautsprecher übertönt.

Gegen 3.10 Uhr wurden in der Boyenstraße durch Stupo-Angehörige eine Westzeitung, eine volle und eine angebrochene Schachtel Zigaretten über die Grenze geworfen. Eine Schachtel war mit einem Papierstreifen beklebt, der die Aufschrift trug: »Lasst Euch nicht zu Lumpen machen.«

Am KP Chausseestraße kam es auf westlicher Seite zu einer Ansammlung von ca. 100 randalierenden Jugendlichen, die durch Stupo zerstreut wurde.

Am 3.9., gegen 8.25 Uhr warfen fünf Jugendliche im Bereich der Komp. Stapelburg, GB Halberstadt, fünf mit Benzin gefüllte Bierflaschen über die Grenze auf das Gebiet der DDR. Eine Flasche brannte aus.

Um weitere Provokationen zu verhindern, wurden zusätzliche Posten eingesetzt.

In der Berichtszeit wurden in 19 S-Bahn-Wagen Beschädigungen und in neun Fällen faschistische Schmierereien festgestellt. (Davon eine faschistische Schmiererei im demokratischen Berlin.)

Provokationen und Vorkommnisse im demokratischen Berlin

Am 3.9. gab es im demokratischen Berlin feindliche Handlungen besonders durch Abreißen von DDR-Staatsflaggen durch ehem. Grenzgänger.3 Gegen 1.00 Uhr wurden in Friedrichshain zwei ehem. Grenzgänger festgenommen, die in der Grüneberger Str. 66 eine Staatsflagge abgerissen hatten. (Abteilung K, VPI Friedrichshain)

Gegen 5.00 Uhr wurden zwei Personen, davon ein ehem. Grenzgänger, beim Abreißen einer Staatsflagge in Pankow, Flora-/Grunowstr. gestellt und festgenommen. (Abteilung K, VPI Pankow)

Gegen 0.10 Uhr wurden in Pankow, Berliner Str. zwei Personen festgenommen, die zwei Staatsflaggen und eine 11 m lange Wimpelkette abgerissen hatten. Sie trampelten auf den Staatsflaggen umher und führten staatsverleumderische Reden. (Abteilung K, VPI Pankow)

In der Vorhalle des S-Bahnhofes Mahlsdorf wurden zwei Jugendliche festgenommen, als sie versuchten, die dort angebrachten Fahnen abzureißen.

Am 3.9.1961, 22.30 Uhr, wurde in der Grüneberger Str. 68 festgestellt, dass unbekannte Täter eine Staatsflagge der DDR von dem dortigen HO-Lebensmittelgeschäft entfernten. (E-Verfahren wurde eingeleitet) (Bei den acht festgenommenen Tätern handelt es sich ausschließlich um Jugendliche aus dem demokratischen Berlin.)

Einschätzung der taktischen Maßnahmen der Besatzungsmächte in Westberlin

In den taktischen Handlungen der Besatzungsmächte an der Staatsgrenze nach Westberlin traten am 3.9. im Verhältnis zum Vortage keine wesentlichen Veränderungen ein.

Nach wie vor führen die Besatzungsmächte eine rege Streifentätigkeit mit SPW, MTW und Jeeps sowie zusätzliche Fußstreifen in längeren Zeitabständen durch. Während die Fußstreifen mehr in den Außengebieten eingesetzt sind, erfolgt an den Schwerpunkten der Streifentätigkeit im Stadtkern von Berlin der Einsatz von motorisierten Streifen, die unterschiedlich zusammengesetzt sind. Der Franzose setzte jeweils einen Jeep und einen SPW gemeinsam als Streife ein. Regelmäßig traten hierbei zwei derartige Streifen auf. Zusätzlich wurden die KP im Stadtkern durch Jeeps und MTW angefahren.

Der Engländer setzte mehrere SPW, MTW und Jeeps als Einzelstreife ein. Der Amerikaner führte die Grenzbeobachtungen mit Jeeps, die mit Nachrichtenmitteln ausgestattet sind, durch. Besonders häufig zeigten sich die Streifenfahrzeuge der Besatzungsmächte an den KP der Chausseestraße, Invalidenstraße und am Brandenburger Tor. Bemerkenswert ist, dass in einigen Fällen die Streifen wieder Karteieintragungen und Kartenvergleiche vornahmen sowie Fotoaufnahmen fertigten. Im zahlenmäßigen Bestand der eingesetzten Kräfte haben sich zum Vortage keine wesentlichen Veränderungen ergeben.

Über den Zufahrtsweg zur Enklave Eiskeller fuhren in regelmäßigen Abständen von 30 und 60 min in beiden Richtungen Jeeps und SPW.

Gegen 12.15 Uhr landete bei der Radarstation Rudow ein Hubschrauber, der gegen 12.20 Uhr wieder startete und im Gebiet des KP Dankmarsteig ca. 50 m tief in den Luftraum des demokratischen Berlin eindrang. Nach der Luftraumverletzung landete der Hubschrauber wieder bei der Radarstation und flog von dort aus gegen 12.40 Uhr in Richtung Westberlin ab.

Aus den rückwärtigen Gebieten Westberlins liegen keine Meldungen vor.

Grenzdurchbrüche und Desertionen

In der Berichtszeit wurde an der Staatsgrenze nach Westberlin ein Grenzdurchbruch bekannt.

Die [Name 1] aus Berlin-Adlershof durchbrach am KP 71 (Rudower Chaussee) gegen 13.30 Uhr die Grenze. Sie fuhr mit dem Fahrrad bis an den Drahtzaun und überstieg ihn, ehe die Posten eingreifen konnten. Das Fahrrad sowie eine Handtasche und den DPA ließ sie zurück.

An der Staatsgrenze DDR/Westdeutschland kam es zu sechs Grenzdurchbrüchen mit insgesamt 13 Personen. Zwei Grenzdurchbrüche konnten vereitelt und die Personen festgenommen werden. Z. B. wurden gegen 5.30 Uhr im Bereich der Komp. Andenhausen/Bad Salzungen 13 Personen beim gemeinsamen Versuch, die Grenze zu durchbrechen, gestellt und festgenommen. Sie führten einen Pkw (F 8) und ein Krad mit sich. Bei den Beteiligten handelt es sich um vier Familien. (zehn Personen aus Geisar und drei Personen aus Oechsen/Bad Salzungen, Bearbeitung erfolgt durch Aufklärer, MfS und Abteilung K)

Im Berichtszeitraum wurden drei Desertionen bekannt. Dabei handelt es sich um den Wm. [Name 2], 1. Brigade der Bereitschaftspolizei, 4. Abteilung, der am 2.9.1961, 23.20 Uhr, in der Nähe des KP 10 über den Grenzzaun sprang. [Name 2] wurde kurze Zeit nach der Flucht in Zivil, aus einem Westberliner Grenzhaus kommend, gesehen. Es wurde ermittelt, dass in einem dieser Häuser seine Cousine wohnt, zu der er vermutlich vorher Verbindung aufgenommen hatte. Uwm. [Name 3], 1. Brigade der Bereitschaftspolizei, 5. Abteilung, 3. Komp., kroch am 3.9.1961, 23.20 Uhr, durch den Absperrzaun an der Treptower Straße auf Westberliner Gebiet. Von der Lehrbereitschaft Potsdam wurde der [Name 4] fahnenflüchtig. Er meldete sich am 3.9.1961 gegen 21.30 Uhr zum Gästehaus der DEFA ab und kehrte nicht wieder zurück.

Vorkommnisse in der DDR und an der Grenze DDR/WD

In Wittenberg/Halle (Berliner Straße) wurde ein selbstgefertigtes Flugblatt mit folgendem Inhalt gegen die Wahlen am 17.9. gefunden: »Wir warnen, wer am 17.9.1961 wählt, kann leicht ums Leben kommen. Wir versuchen, die SED-Wahl zu verhindern und werden jetzt mit scharfen Mitteln vorgehen. Weg mit Ulbricht, raus mit den Russen.« Unterschrift: KTT 114 (dreimal)

Am 3.9., gegen 22.40 Uhr geriet auf westlicher Seite am KP Liebau/Sonneberg ein westdeutscher Lkw ins Schleudern und kam dabei auf den 10-m-Kontrollstreifen. Der Fahrer flüchtete auf das Gebiet der DDR und konnte kurze Zeit später durch die DGP festgenommen werden, als er versuchte, wieder nach Westdeutschland zu gelangen. (Der Fahrer stand unter starkem Alkoholeinfluss.)

Der schwerverletzte Beifahrer wurde noch vor Eingreifen der DGP durch drei BGS-Angehörige auf westdeutsches Gebiet zurückgeholt. Der Lkw wurde von der DGP sichergestellt.

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    6. September 1961
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    2. September 1961
    [Bericht] Nr. 530/61 über die Situation aufgrund der Schutzmaßnahmen der DDR