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Situation im Gesundheitswesen Berlins

18. August 1961
Bericht Nr. 439/61 über die Situation im Berliner Gesundheitswesen bei möglichem Ausfall der Westberliner Ärzte

Nach vorliegenden Hinweisen ergäbe sich beim vollen Ausfall der Westberliner Ärzte im Gesundheitswesen des demokratischen Berlin folgende Situation. Insgesamt würden 143 Ärzte, 19 Zahnärzte und 40 Apotheker1 ausfallen. Bei den Ärzten würden durch den Ausfall folgende Fachdisziplinen betroffen:

[Fachgebiet]

Stationär. Gesundheitswesen

Ambulant. Gesundheitswesen

Betriebsgesundheitswesen

insgesamt

Innere

32

7

6

45

Urologie

9

1

10

Gynäkologie

7

4

3

14

HNO

1

1

Allg. Prakt.

6

8

14

Dermatologie

2

1

1

4

Pathologie

2

2

Orthopädie

1

1

Hygiene

2

2

Lungen

2

2

4

Röntgen

9

3

12

Chirurgie

10

2

2

14

Kinder

5

4

9

Augen

1

1

Neurologie

10

10

[gesamt]

90

33

20

143

Von den 143 Ärzten sind in den nachfolgenden Fachdisziplinen beschäftigt:

[Fachgebiet]

Oberärzte

Chefärzte

Innere

5

3

Urologie

2

2

Gynäkologie

2

2

Dermatologie

1

1

Pathologie

1

Röntgenologie

1

2

Chirurgie

3

1

Kinder

1

Neurologie

1

[gesamt]

14

14

Von den in Westberlin wohnenden Angehörigen des Gesundheitswesens sind bis zum Mittag des 17.8.1961 nicht zum Dienst erschienen:

  • 14 Ärzte,

  • 2 Zahnärzte,

  • 1 Zahntechniker,

  • 2 Masseure,

  • 1 Apotheker,

  • 1 Apothekernhelferin,

  • 6 Schwestern.

Als mittleres medizinisches Personal arbeiten im Gesundheitswesen des demokratischen Berlin 60 Personen, die ihren Wohnsitz in Westberlin haben. Eine nähere Aufschlüsselung dieses Personenkreises liegt zzt. noch nicht vor.

Als Zahnärzte sind insgesamt 19 Westberliner in den Gesundheitseinrichtungen des demokratischen Berlin tätig.

Apotheker würden insgesamt 352 ausfallen. Davon sind elf in Privatapotheken tätig.

Nach den vorliegenden Berichten ist bei einem Ausfall der Westberliner Kräfte, vor allem auf dem Gebiet der Urologie, mit besonderen Schwierigkeiten zu rechnen, weil in dieser Fachdisziplin insgesamt nur 15 Fachärzte vorhanden sind. Davon wohnen sechs in Westberlin. Bei der Besetzung der leitenden Stellen ist dabei besonders in der urologischen Abteilung des Krankenhauses Friedrichshain mit Schwierigkeiten zu rechnen, da hier sowohl der Chef- als auch der Oberarzt ausfallen würden.

Außerdem wären in diesem Krankenhaus folgende Stellen zu besetzen: In der Dermatologischen Abteilung die Stelle des leitenden Arztes und in der gynäkologischen Klinik die Stelle des Chefarztes sowie die Stellen zweier Oberärzte.

Besondere Schwierigkeiten würden beim Ausfall der Westberliner Ärzte im St.-Hedwig-Krankenhaus entstehen. Hier ist die derzeitige Besetzung folgende:

Abteilung

Westberliner Ärzte

hiesige Ärzte

Innere und Infektion

1 Chefarzt

[leer]

[Innere und Infektion]

2 Oberärzte

[leer]

[Innere und Infektion]

3 Assistenzärzte (Fachärzte)

3 Assistenzärzte (ohne Facharzt)

[Innere und Infektion]

2 Pflichtassistenten

[leer]

Chirurgie mit kl. Gynäkol.

1 Chefarzt

[leer]

[Chirurgie mit kl. Gynäkol.]

1 Oberarzt

[leer]

[Chirurgie mit kl. Gynäkol.]

3 Assistenzärzte

3 Assistenzärzte

Urologie

1 Chefarzt

[leer]

[Urologie]

1 Oberarzt

1 Oberarzt

[Urologie]

4 Assistenzärzte

3 Assistenzärzte

Röntgenabteilung u. Ambulanz

1 Chefarzt

[leer]

[Röntgenabteilung u. Ambulanz]

1 Oberarzt

[leer]

[Röntgenabteilung u. Ambulanz]

5 Assistenzärzte

[leer]

[gesamt]

26

10

Alle diese Ärzte sind nebenbei noch in der Poliklinik dieses Krankenhauses tätig.

Neubesetzungen wären bei Ausfall der Westberliner Ärzte außerdem in folgenden Einrichtungen notwendig:

  • HNO-Klinik Hufeland-Krankenhaus,

  • Gynäkologische Abteilung des Krankenhauses Weißensee,

  • Augenklinik Prenzlauer Berg, durch einen Facharzt,

  • Poliklinik Christburger Straße, durch sieben Ärzte im allgemein-ärztlichen Jahr,

  • in der Abteilung Pathologie des Krankenhauses Herzberge.

Zur Sicherung des reibungslosen Ablaufes der ärztlichen Versorgung der Bevölkerung des demokratischen Berlin wurde beim Magistrat von Großberlin ein Operativstab »Berliner Gesundheitswesen« unter Leitung des Genossen Dr. Erler, Leiter der Abteilung Organisation des Gesundheitsschutzes beim Ministerium für Gesundheitswesen, gebildet. Dem Operativstab gehören ferner der Bezirksarzt von Großberlin, Genosse Dr. Höck, der Stadtrat Fechner3, die Genossin Bareis von der Bezirksleitung der SED und der Genosse Voigt vom Magistrat von Großberlin an.

Aufgabe des Operativstabes ist es, bei evtl. Ausfall der im demokratischen Berlin tätigen Westberliner Ärzte die ärztliche Versorgung sicherzustellen. Von diesem Operativstab wurden bereits verschiedene Bezirksärzte in der DDR angewiesen, bestimmte Ärzte für den Einsatz im demokratischen Berlin vorzubereiten, in dem Falle, wo Westberliner Ärzte ihre Arbeit nicht mehr aufnehmen. Diese Ärzte müssen ab 17.8.1961, 12 Uhr, abrufbereit sein. Ihre Auswahl erfolgt aufgrund der Besetzung der entsprechenden Einrichtungen und deren durchschnittlicher Belegung. Wert wird vor allem auf fortschrittliche Ärzte und Genossen gelegt. Insgesamt werden im Bedarfsfalle aus der DDR 23 Ärzte für stationäre Behandlung in Krankenhäusern und 15 Ärzte für die ambulante Versorgung abgezogen.

Außerdem sind für den Fall des Ausfalles der Westberliner Ärzte entsprechende Umbesetzungen innerhalb der Einrichtungen des Gesundheitswesens des demokratischen Berlin vorgesehen.

Der Plan des Operativstabes sieht im Einzelnen vor, dass aus der DDR und der Charité 13 Ärzte für Inneres angefordert und wie folgt eingesetzt werden sollen:

  • 3 Fachärzte Königin-Elisabeth-Hospital,

  • 3 Fachärzte Hedwigs-Krankenhaus,

  • 2 Fachärzte Ambulante Versorgung Mitte,

  • 3 Fachärzte Ambulante Versorgung Prenzlauer Berg,

  • 1 Facharzt Ambulante Versorgung Lichtenberg,

  • 1 Facharzt Betriebsgesundheitswesen Köpenick,

  • = 13 Fachärzte Inneres [gesamt].

Gynäkologen müssten aus der DDR und der Charité insgesamt sieben angefordert und wie folgt eingesetzt werden:

  • 1 Chefarzt Krankenhaus Friedrichshain,

  • 1 Oberarzt Krankenhaus Friedrichshain,

  • 1 Facharzt Krankenhaus Weißensee,

  • 1 Facharzt Ambulante Versorgung Mitte,

  • 1 Facharzt Ambulante Versorgung Prenzlauer Berg,

  • 1 Facharzt Ambulante Versorgung Pankow,

  • 1 Facharzt Betriebsgesundheitswesen Mitte,

  • = 7 Gynäkologen [gesamt].

Urologen müssten aus der DDR und der Charité insgesamt fünf angefordert und in folgenden Einrichtungen eingesetzt werden:

  • 1 Chefarzt Krankenhaus Friedrichshain,

  • 3 Fachärzte Hedwigs-Krankenhaus,

  • 1 Facharzt Ambulante Versorgung Pankow,

  • = 5 Urologen [gesamt].

Kinderärzte werden aus der DDR und der Charité insgesamt drei angefordert, die wie folgt eingesetzt werden müssen:

  • 1 Facharzt Krankenhaus Pankow,

  • 1 Facharzt Ambulante Versorgung Prenzlauer Berg,

  • 1 Facharzt Ambulante Versorgung Köpenick,

  • = 3 Kinderärzte [gesamt].

Pathologen werden aus der DDR und der Charité zwei angefordert, die wie folgt zum Einsatz kommen:

  • 1 Chefarzt Oskar-Ziethen-Krankenhaus,

  • 1 Facharzt Krankenhaus Herzberge,

  • = 2 Pathologen [gesamt].

Röntgenologen werden insgesamt sechs angefordert und wie folgt eingesetzt:

  • 1 Chefarzt Hedwigs-Krankenhaus,

  • 3 Fachärzte Hedwigs-Krankenhaus,

  • 1 Facharzt Ambulante Versorgung Lichtenberg,

  • 1 Facharzt Ambulante Versorgung Pankow,

  • = 6 Röntgenologen [gesamt].

Dermatologen werden aus der DDR und der Charité insgesamt zwei angefordert und wie folgt eingesetzt:

  • 1 Chefarzt Krankenhaus Friedrichshain,

  • 1 Facharzt Krankenhaus Friedrichshain,

  • = 2 Dermatologen [gesamt].

Chirurgen sind aus der DDR und der Charité insgesamt drei zum Einsatz anzufordern:

  • 1 Chefarzt Hedwigs-Krankenhaus,

  • 1 Facharzt Hedwigs-Krankenhaus,

  • 1 Facharzt Hedwigshöhe,

  • = 3 Chirurgen [gesamt].

Außerdem sind zur Anforderung und zum Einsatz in nachfolgenden Einrichtungen noch vorgesehen:

  • 1 Chefarzt für die physikalische Therapie im Institut Löwestr.,

  • 2 Fachärzte für die Psychiatrie im St.-Josef-Krankenhaus Weißensee,

  • 1 Augenarzt für die ambulante Versorgung im Prenzlauer Berg.

Die Situation im mittleren medizinischen Personal ist in den städtischen Einrichtungen im demokratischen Berlin hinsichtlich des Ausfalls der beschäftigten Westberliner Kräfte völlig gesichert. In den einzelnen Einrichtungen des städtischen Gesundheitswesens sind nur vereinzelt Westberliner Kräfte tätig.

Schwierigkeiten kann es im Falle des Wegbleibens dieser Kräfte nur in der Charité geben, wo insgesamt 93 Krankenschwestern und 31 medizinisch-technische Assistentinnen, die in Westberlin wohnhaft sind, arbeiten. Im Falle des Wegbleibens dieser Kräfte ist ein Austausch unter den Berliner Einrichtungen vorgesehen. Außerdem wird mit einer Anzahl hinzukommender ehemaliger Grenzgänger gerechnet, die zum Einsatz kommen sollen. Ein Abzug von mittlerem medizinischem Personal aus der DDR ist nicht beabsichtigt.

Seit Sonntag, dem 13.8.1961 sind nach vorliegenden Berichten folgende Republikfluchten erfolgt:

  • 26 Ärzte – Charité,

  • 16 Ärzte – Staatliches Gesundheitswesen,

  • 6 Zahnärzte – Staatliches Gesundheitswesen,

  • 2 Schwestern – Staatliches Gesundheitswesen.

Bei den Ärzten der Charité handelt es sich vorwiegend um junge Ärzte, die an Universitäten der DDR studiert haben, im Besitze von Passierscheinen für Westberlin waren bzw. in dieser Zeit zu Besuchen in Westdeutschland weilten.

  1. Zum nächsten Dokument Reaktion von Physikern der Akademie auf den Mauerbau
    18. August 1961
    Einzel-Information Nr. 441/61 über die Reaktion von Wissenschaftlern des Physikalischen Instituts der Akademie der Wissenschaften auf die Schutzmaßnahmen der DDR
  2. Zum vorherigen Dokument Lage nach dem Bau der Berliner Mauer (1)
    17. August 1961
    [Bericht] Nr. 440/61 über die gegenwärtige Situation aufgrund der Schutzmaßnahmen der DDR