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Republikflucht eines Eiskunstläufers

20. Dezember 1963
Einzelinformation Nr. 786/63 über die Republikflucht des Eiskunstläufers Bodo Bockenauer vom SC Dynamo Berlin

Am 19.12.1963 nahm an der 2. Olympia-Ausscheidung1 im Eiskunstlauf im Westberliner Sportpalast der Dynamo-Sportler Bockenauer2 teil. Von dieser Ausscheidung kehrte er nach der Abendvorstellung nicht in die DDR zurück.

Die Eiskunstläufer der DDR, die an den Olympia-Ausscheidungen gegen Westdeutschland teilnahmen, befanden sich mit ihrer Trainerin Genossin Wischnewski3 und dem Genossen Perfölz,4 Vizepräsident des Deutschen Eislaufverbandes und Leiter des wissenschaftlichen Kabinetts des SC Dynamo Berlin, bereits am Nachmittag des 18.12.1963 zum Training in Westberlin, von wo sie vollzählig in das demokratische Berlin5 zurückkamen. Auch von den Ausscheidungen in der Pflicht, die am Vormittag des 19.12.1963 in Westberlin stattfanden, kamen alle Sportler in das demokratische Berlin zurück.

Das letzte Zusammentreffen zwischen den Eiskunstläufern der DDR und Westdeutschlands fand am gleichen Tag um 20.00 Uhr im Westberliner Sportpalast statt, an dem Bockenauer noch teilnahm.

Unmittelbar nach Abschluss der Veranstaltung am Abend des 19.12.1963 hielt der Präsident des DTSB, Genosse Ewald,6 eine Ansprache zur DDR-Delegation, wobei er die Aktiven und auch die Unterlegenen beglückwünschte. An dieser kurzen Zusammenkunft nahm Bockenauer noch teil7 und wurde daran anschließend letztmalig vom Eiskunstläufer Borghard8 gesehen, als er mit einem dem Borghard unbekannten Ehepaar auf dem Gang des Sportpalastes zusammentraf.

Die DDR-Delegation begab sich nach der Zusammenkunft ohne Bockenauer zu einem gemeinsamen Abendessen mit der westzonalen Delegation, das im Westberliner Sportpalast stattfand, lediglich die Trainerin Wischnewski blieb im Bus, um die eventuelle Rückkehr des Bockenauer abzuwarten. Da Bockenauer nicht eintraf, kehrte die DDR-Delegation am 20.12.1963 gegen 1.00 Uhr ohne Bockenauer in das demokratische Berlin zurück.

Bisher wurde festgestellt, dass Bockenauer ohne seine Trainingssachen flüchtig wurde.

Da er gemeinsam mit der Trainerin Wischnewski und dem Eiskunstläufer Borghard am 20.12.1963 um 7.53 Uhr nach Prag zu einem dreitägigen Schaulaufen fahren sollte, ist er im Besitz eines Reisepasses für die ČSSR.

Die Teilnahme an diesem Schaulaufen in Prag wurde vor allem deshalb organisiert, [um] dem B. zu beweisen, dass er nach seiner Niederlage in den Ausscheidungsläufen nicht einfach »abgeschrieben« wird.

Bockenauer zeigte bei der Mitteilung über die Teilnahme an diesem Schaulaufen keine Begeisterung, bat aber die Genossin Wischnewski am 19.12.1963 nachmittags, ihm für die Reise einige Gegenstände des persönlichen Bedarfs zu besorgen. Auf weitere Festlegungen, die die Reise nach Prag betrafen, ging er jedoch nicht ein, sondern äußerte, man könne diese Fragen nach Abschluss der Abendveranstaltung besprechen.

Das Verhalten Bockenauers vor der Kür am 19.12.1963 war wie stets sehr nervös und unruhig, war also für den Eingeweihten nichts Außergewöhnliches.

Die bisherigen Ermittlungen des MfS, die noch nicht abgeschlossen sind, ergaben, dass Bodo Bockenauer seine Republikflucht systematisch vorbereitete. So hatte sich B. am Vormittag des 19.12.1963 während des Pflichtlaufens mit seiner Cousine namens [Name 1], wohnhaft Berlin Zehlendorf-West, [Straße, Nr.], im Westberliner Sportpalast getroffen und von ihr ein größeres Paket entgegengenommen.9

Nach Abschluss der Veranstaltung am 19.12.1963 erwartete die [Name 1] in Begleitung von zwei jungen Männern den Bockenauer vor dem Westberliner Sportpalast.

Weiter wurde bekannt, dass Bockenauer während einer Trainingspause am 18.12.1963 vor dem Westberliner Sportpalast ein kurzes Gespräch mit einer unbekannten männlichen Person führte. Diese Person war mit einem Pkw vorgefahren.

Ferner wurde festgestellt, dass bereits während der Ausscheidungen am 12.12.1963 in der Werner-Seelenbinder-Halle10 Bodo Bockenauer häufig Gespräche mit dem Westberliner Journalisten Wittig11 führte. (Sowohl beim Training als auch bei den Ausscheidungen in Westberlin konnten derartige Bemühungen nicht festgestellt werden.)

Sehr günstige Voraussetzungen zur Verbindungsaufnahme ergaben sich jedoch für unsere Eiskunstläufer am Nachmittag des 19.12.1963 in Westberlin. In einer Besprechung der Delegationsleitung, an welcher der Genosse Ewald teilnahm, war festgelegt worden, dass die Sportler am 19.12.1963 nach dem Training bzw. den Ausscheidungen unkontrolliert den Sportpalast verlassen dürfen, nachdem sie sich beim Trainer abgemeldet hatten. Ihnen wurde mitgeteilt, dass sie sich mit Verwandten treffen bzw. Einkäufe tätigen könnten. Die Entscheidung der Delegationsleitung wurde damit begründet, den Sportlern die Sicherheit zu geben, dass ihnen keinerlei Einschränkungen und Kontrollen auferlegt würden.

Sofort nach der Rückkehr unserer Delegation aus Westberlin versuchten die Genossen Grünwald12 (Generalsekretär des DELV) und Perfölz die Eltern des Bockenauer telefonisch zu erreichen. Da sich niemand meldete und auch die Versuche, die Eltern des B. einige Zeit später vom Sporthotel aus zu erreichen, erfolglos blieben, wurde festgelegt, dass beide Genossen sowie die Genossin Wischnewski gegen 2.00 Uhr zu den Eltern fahren.

Die Genossen des Verbandes vermuteten zunächst, dass die Mitteilung über die R-Flucht des Bockenauer vor allem die Mutter schockieren würde, zumal zwischen Bockenauer und seinen Eltern ein sehr gutes Verhältnis bestand. Die Reaktion der Eltern ließ jedoch erkennen, dass sie Kenntnis von der R-Flucht ihres Sohnes haben mussten.13 [Passage mit schutzwürdigen Informationen nicht wiedergegeben.] Beide äußerten in einer Aussprache, dass ihr Sohn bereits vor längerer Zeit erklärt habe, er interessiere sich sehr für das Schaulaufen und sehe darin sein Berufsziel.

Nach den bisherigen Ermittlungen wird eingeschätzt, dass dem Bockenauer ein sehr großzügiges Angebot als Revue-Läufer gemacht worden sein muss, wobei die Abwerber die gegenwärtige Situation der Niedergeschlagenheit des B. aufgrund seiner schlechten Platzierung bei den Olympia-Ausscheidungen ausnutzten.

Dass an Bockenauer als Revue-Läufer großes Interesse bestand, zeigte sich bereits früher in Äußerungen des Generalsekretärs des Wiener Eislaufverbandes und Managers der Wiener Eisrevue Dr. Eigel,14 die er gegenüber dem Genossen [Name 2] (Mitarbeiter im General-Sekretariat des DELV) Mitte des Jahres 1963 machte. Bereits 1959 hatte Bockenauer persönlich vom Leiter der Wiener Eisrevue ein entsprechendes Angebot erhalten. Es wird vermutet, dass dem B. mindestens ein Gehalt von monatlich 5 000 Westmark zugesichert wurde.

Bisher liegen keine konkreten wichtigen Anhaltspunkte vor, die auf weitere Ursachen der R-Flucht des Bockenauer hindeuten.

[Passage mit schutzwürdigen Informationen nicht wiedergegeben.] Von Sportlern des SC Dynamo wird die politische Haltung Bockenauers als unausgereift eingeschätzt. In Diskussionen vertrat er nicht immer die Politik unseres Staates.

In letzter Zeit war festzustellen, dass Bockenauer besonders nach sportlichen Niederlagen äußerst deprimiert war. Seine Niedergeschlagenheit nahm zu, nachdem er von Borghard in seinen sportlichen Leistungen überholt wurde. In letzter Zeit äußerte er ferner, das Eiskunstlaufen aufzugeben und »an den Nagel zu hängen«, »da es sowieso keinen Zweck mehr habe«. Mehrfach brachte er die Meinung zum Ausdruck, seine Zukunft würde im Schaulaufen und bei einer Eisrevue liegen.

  1. Zum nächsten Dokument Zum Verlauf der Passierscheinerteilung an Westberliner, 3. Bericht
    21. Dezember 1963
    3. Bericht Nr. 788/63 über den Verlauf der Maßnahmen zur Passierscheinerteilung und über die Einreise Westberliner Bürger in das demokratische Berlin
  2. Zum vorherigen Dokument Einschätzung der Passierscheinvereinbarung durch Egon Bahr
    20. Dezember 1963
    Einzelinformation Nr. 785/63 über Vorschläge des Westberliner Senatspressechefs Bahr zur Passierscheinaktion und über seine Bestrebungen, mit DDR-Kreisen Kontakte herzustellen