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Zum Verlauf der Passierscheinerteilung an Westberliner, 3. Bericht

21. Dezember 1963
3. Bericht Nr. 788/63 über den Verlauf der Maßnahmen zur Passierscheinerteilung und über die Einreise Westberliner Bürger in das demokratische Berlin

Am 20.12.1963 wurden einige Passierscheinstellen1 bereits 20 bis 30 Minuten vor 13.00 Uhr, die anderen pünktlich 13.00 Uhr durch die Postangestellten2 der DDR geöffnet.

Am 20.12.1963 wurden 208 427 Anträge mit nach Westberlin genommen. 73 834 Anträge wurden unausgeschrieben wieder zurückgebracht.

Ausgegeben wurden 134 593 Anträge. Damit hat sich die Zahl der insgesamt seit dem 18.12.1963 ausgegebenen Anträge auf (240 935) erhöht.

(Die im Folgenden in Klammern mit angeführten Zahlen sind ebenfalls die seit dem 18.12.1963 erreichten Gesamtzahlen.)

Am 20.12.1963 wurden 48 684 (103 319) Anträge entgegengenommen.

Auf diesen Anträgen sind 99 433 (220 877) Personen erfasst. Beantragt wurde die Einreise von 12 183 (27 002) Kfz. Nicht zurückgegeben wurden 85 909 Anträge.

Nach Westberlin wurden am 20.12.1963 41 450 Passierscheine mitgenommen. Ausgegeben wurden 33 417 (51 608) Passierscheine. 8 033 Passierscheine wurden zurückgebracht. Am 21.12.1963 sind 56 712 Passierscheine auszugeben.

Aufteilung der am 20.12.1963 ausgegebenen Anträge auf die einzelnen Ausgabestellen:

Stadtbezirke

ausgegebene Anträge

zurückerhaltene Anträge

bei Antragsteller verblieben

Wedding

16 020

4 916

11 104

Kreuzberg

14 072

2 489

11 583

Schöneberg

13 961

4 695

9 266

Spandau

13 251

6 253

6 998

Tiergarten

13 032

3 979

9 053

Wilmersdorf

11 221

2 719

8 502

Tempelhof

11 018

4 797

6 221

Steglitz

9 679

3 759

5 920

Zehlendorf

9 531

2 940

6 591

Neukölln

8 486

4 235

4 251

Reinickendorf

7 196

4 561

2 635

Charlottenburg

7 126

3 341

3 785

Insgesamt

134 593

48 684

85 909

Entsprechend3 der bisher angegebenen Besuchstage werden ca. 73 % aller Westberliner Bürger an den Sonn- und Feiertagen das demokratische Berlin besuchen. Dabei kommt durchschnittlich auf drei Erwachsene ein Kind, während ebenfalls 72 % mit Pkw einreisen werden.

Die nachstehend angeführten Zahlen der an den einzelnen Tagen einreisenden Westberliner Bürger wurden aufgrund der am 18. und 19.12.1963 entgegengenommenen Anträge errechnet. Sie können jedoch nur relativ sein, weil sie sich mit der weiteren Passierscheinausgabe ständig noch erhöhen.

Einreisetag

Anträge

Personen insgesamt

Erw[achsene]

Kinder

Kfz

20.[12.1963]

1 574

2 749

2 081

668

329

21.[12.1963]

3 298

10 308

7 729

2 579

880

22.[12.1963]

8 915

19 302

14 995

4 307

2 384

23.[12.1963]

1 730

2 677

2 173

504

292

24.[12.1963]

2 317

4 269

3 470

799

429

25.[12.1963]

8 446

17 092

13 264

3 828

1 698

26.[12.1963]

6 636

13 291

10 151

3 140

1 487

27.[12.1963]

2 497

4 899

3 759

1 140

565

28.[12.1963]

3 143

6 353

4 870

1 483

798

29.[12.1963]

5 418

11 042

8 557

2 485

1 365

30.[12.1963]

1 052

2 051

1 569

482

228

31.[12.1963]

4 725

8 803

6 825

1 978

879

1.[1.1964]

2 629

5 066

3 927

1 139

579

2.[1.1964]

1 482

2 622

2 017

605

239

3.[1.1964]

1 320

2 288

1 792

496

217

4.[1.1964]

3 076

6 446

4 895

1 551

822

5.[1.1964]

3 185

6 084

4 667

1 417

791

Insgesamt

61 443

125 342

96 741

28 601

14 0004

Aufgrund der Verteilung von Anträgen vor den Ausgabestellen konnten die Menschenschlangen bis etwa gegen 16.00 Uhr im Wesentlichen beseitigt werden. In den Ausgabestellen kam es in Spitzenzeiten noch zu größeren Ansammlungen. Hier handelte es sich vor allem um Personen, die ausgefüllte Anträge abgaben. Die Ausgabe der Passierscheine verlief reibungslos.

Die Arbeit der in den Passierscheinstellen tätigen Postangestellten wurde durch die erfolgte zahlenmäßige Verstärkung bedeutend erleichtert. Dazu trug auch die Aufklärung der Westberliner durch Merkblätter und Plakate, u. a. über die Verlängerung der für den 19. und 20.12. ausgestellten Passierscheine bis zum 21. bzw. 22.12. bei. Wie an den bisherigen Tagen gaben die Westberliner Post- und Senatsangestellten bei der Aufklärung der Antragsteller Hilfe und Unterstützung. Außerdem setzte die Westberliner Polizei wieder Lautsprecherwagen ein.

In allen Ausgabestellen erschienen mit Vollmachten ausgestattete Betriebsräte, Beauftragte bzw. Personalvertreter und nahmen Anträge für Belegschaftsangehörige (Sammelbestellungen) in Empfang.

Es wurden weniger ungültige oder verschriebene Anträge abgegeben.

Auch am 20.12. wurden die Sicherungs- und Ordnungsmaßnahmen der Westberliner Polizei im Wesentlichen zufriedenstellend durchgeführt. Neben Angestellten des Senats und der Westberliner Post halfen auch Lehrer und Schüler bei der Aufklärung der Bevölkerung und bei der Verteilung der Merkblätter.

Es ist festzustellen, dass am 20.12. eine Beeinträchtigung des Arbeitsablaufes in den Passierscheinstellen durch Westjournalisten nicht mehr vorkam. Westjournalisten, die nur noch vereinzelt die Passierscheinstellen aufsuchten, wurden von Westberliner Polizisten zurückgedrängt (bspw. in Charlottenburg und Spandau).

Der verstärkte Einsatz von Postangestellten der DDR wurde von vielen Westberliner Bürgern freudig begrüßt. Die Postangestellten der DDR wurden bei ihrer Ankunft mit Beifall empfangen. Es wurde zum Ausdruck gebracht, dass die DDR-Organe sehr beweglich und der Sache dienend reagieren und der Einsatz einer größeren Anzahl von Postangestellten auf Initiative der DDR erfolgte. Gleichzeitig wurde gefordert, dass seitens des Senats und der Westberliner Polizei noch mehr getan werden müsste, um einen schnelleren und reibungsloseren Ablauf zu gewährleisten.

Die Bekanntgabe der neuen Regelung bzw. des organisatorischen Ablaufs wurde ebenfalls begrüßt. So bedankten sich z. B. einzelne Westberliner Bürger in Spandau beim Leiter der Passierscheinstelle für das schnelle Reagieren der DDR-Organe sowie dafür, dass die Übereinkunft überhaupt erst durch die Initiative der Regierung der DDR ermöglicht wurde.

Bezeichnend ist auch, dass in weit größerer Anzahl als am Vortage von Senatsangestellten und Angehörigen der Westberliner Polizei Anträge auf Passierscheine verlangt wurden. So wurden z. B. in Schöneberg an diesen Personenkreis 30 Anträge ausgegeben. In Neukölln wurden jeweils bis zu zehn Anträge angefordert und in Steglitz wurden an etwa 100 Polizisten, u. a. an einen Offizier, Anträge ausgegeben.

Am 20.12. gab es Anzeichen dafür, dass von westlicher Seite aus erneut versucht wird, die nach wie vor vorhandene und durch die Maßnahmen der DDR noch verstärkte gute Stimmung unter der Westberliner Bevölkerung abzuschwächen. In Neukölln und Steglitz wurden z. B. Parolen verbreitet, wonach Passierscheine, die nicht unmittelbar am nächsten Tag abgeholt werden oder z. B. erst für fünf Tage später beantragt wurden, ungültig werden würden. Außerdem wurde an verschiedenen Stellen das Gerücht verbreitet, dass nicht genügend Passierscheinanträge nach Westberlin gebracht würden, damit eine gründlichere Überprüfung durchgeführt werden könnte.

In Steglitz wurde von Angehörigen des Senats und der Polizei, offensichtlich um Verärgerung und Missstimmung unter den Antragstellern auszulösen, gefordert, dass sich zunächst bis zu 150 Personen ansammeln sollten, die dann geschlossen abgefertigt würden.

Bei Kurierfahrten wurde festgestellt, dass Kraftfahrzeuge absichtlich langsam und teilweise auch nicht mehr mit Blaulicht fahren. In Neukölln war zu verzeichnen, dass bei Hin- und Rückfahrten jeweils eine andere Strecke benutzt wurde. Westberliner Polizeiangehörige versuchten die Änderung der Fahrtstrecke damit zu begründen, dass es sich hierbei um Testfahrten zum Herausfinden der kürzesten Fahrtstrecke handeln würde. Offensichtlich wird damit die Absicht verfolgt, den Transport zu verzögern und den DDR-Angestellten die angebliche westliche sogenannte Schaufensterüberlegenheit zu demonstrieren. Einem der Kuriere wurde erklärt, dass man ihn gerne über den Kurfürstendamm fahren würde, der dadurch entstehende Umweg jedoch zu groß sei. Weiter wurde versucht, die DDR-Angestellten erneut durch Geschenke zu beeinflussen. Diese Versuche wurden in allen Fällen zurückgewiesen.

Wie in diesem Zusammenhang außerdem intern bekannt wurde, will sich die sogenannte Kommission für Sicherheit beim Westberliner SPD-Landesvorstand am 23.12. mit der Passierscheinaktion befassen. Dabei soll beraten werden, in welcher Form die Besuchsmöglichkeiten in der Hauptstadt der DDR für die weitere Aufrechterhaltung bzw. für die Anknüpfung von Kontakten zu ehemaligen SPD-Mitgliedern ausgenutzt werden können.

Am 20.12.1963 wurde die Hauptstadt der DDR von insgesamt 2 712 Westberliner Bürgern mit Passierscheinen und mit 287 Pkw besucht. Die über die KPP

  • Bahnhof Friedrichstraße (398),

  • Chausseestraße (208),

  • Invalidenstraße (533),

  • Sonnenallee (602),

  • Oberbaumbrücke (971)

erfolgenden Ein- und Ausreisen verliefen ordnungsgemäß und ohne besondere Vorkommnisse. Aufgrund des verstärkten Einsatzes von Kontrollkräften entstanden keine Stauungen. Bei der Einreise am KPP Oberbaumbrücke verwahrten sich Westberliner Bürger gegen die ständige Belästigung durch westliche Reporter. Bei der Ausreise wurden die nach Westberlin zurückkehrenden Besucher an den KPP Sonnenallee und Chausseestraße (auf Westberliner Seite) gefilmt und von Pressevertretern interviewt.

Weder an den KPP noch an anderen Stellen der Staatsgrenze bzw. im demokratischen Berlin5 wurden provokatorisches Verhalten oder feindliche Handlungen im Zusammenhang mit den Besuchen Westberliner Bürger bekannt.

  1. Zum nächsten Dokument Havarie in einer Mischdüngerfabrik in Sondershausen, Bezirk Erfurt
    21. Dezember 1963
    Einzelinformation Nr. 789/63 über eine Havarie in der Mischdüngerfabrik des VEB Kali-Werk »Glückauf« Sondershausen, [Bezirk] Erfurt
  2. Zum vorherigen Dokument Republikflucht eines Eiskunstläufers
    20. Dezember 1963
    Einzelinformation Nr. 786/63 über die Republikflucht des Eiskunstläufers Bodo Bockenauer vom SC Dynamo Berlin