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Situation auf der Leipziger Herbstmesse, 2. Bericht

4. September 1963
Einzelinformation Nr. 521/63 über die Situation auf der Leipziger Herbstmesse 1963 (Nr. 2)

Mit dem Stand vom 4.9.1963, 5.00 Uhr, waren folgende Messebesucher1 anwesend:

Sozialistische Staaten

5 730

(6 107)2

– 377

Imperialistische Paktstaaten

1 880

(1 970)

– 90

Antiimperialistische Staaten

156

(156)

[–]

Übrige kapitalistische Staaten

909

(888)

+ 21

Westberlin

1 733

(713)

+ 1 020

Westdeutschland

4 146

(2 642)

+ 1 504

Westdeutsche Delegationen

832

(378)

+ 454

Bemerkenswert ist nach wie vor der starke Anstieg der Besucherzahl aus Westberlin. Die Anzahl der Westberliner Besucher liegt bereits erheblich über der Zahl des Jahres 1960, der letzten Herbstmesse vor Errichtung des antifaschistischen Schutzwalles.3 Entsprechend der Anzahl der in Westberlin verkauften Messeausweise wird für das Wochenende noch mit einer erheblichen Steigerung gerechnet.

Die Handelstätigkeit war in den ersten Tagen noch gering, soweit es konkrete Abschlüsse betraf. Der Außenhandel der DDR betrachtet es als Hauptaufgabe der Leipziger Herbstmesse, zum Plan noch fehlende Exportverträge nach dem kapitalistischen Ausland in Höhe von 285 Mio. Valuta-DM vertraglich zu binden und einen maximalen Vertragsvorlauf für beide Weltmärkte für das Jahr 1964 zu schaffen. Nach dem dritten Messetag wurden von der genannten Summe fünf Millionen DM vertraglich gebunden. Auch Importverträge wurden bisher nur im geringen Maße abgeschlossen.

Einer Einschätzung der Leistungsfähigkeit der DDR-Industrie im Vergleich mit dem internationalen Stand zufolge, die durch das MAI vorgenommen wurde, zeigt sich ein allgemeiner Fortschritt bei den Ausstellungsgütern der DDR. Eine Reihe von Mängeln wurde in der Textilindustrie, bei Kulturwaren und technischen Konsumgütern festgestellt. Für die Textilindustrie ist nach Ansicht des MAI ein Zurückbleiben der Verwendung von synthetischen Fasern zu verzeichnen. Die Lieferfristen in der gesamten Textilindustrie entsprechen noch nicht den internationalen Bedingungen. Auf dem Sektor Kulturwaren ist insbesondere bei Spielwaren und Täschnerwaren ein beträchtliches Zurückbleiben gegenüber der internationalen Entwicklung vorhanden.

Bei technischen Konsumgütern ist das MAI der Auffassung, dass der durchschnittliche Weltstand noch nicht erreicht wurde. Es wird eingeschätzt, dass die ausgestellten Neu- und Weiterentwicklungen in ihrer technischen Konzeption um zwei bis drei Jahre hinter den entsprechenden Erzeugnissen kapitalistischer Firmen hinterherhinken. Insbesondere in der Kamera-Industrie sei festzustellen, dass der Abstand zur Weltspitze noch größer geworden sei. Fortschritte sind insbesondere in der Elektrotechnik zu verzeichnen. (Von westdeutschen Journalisten wird in ihrer Berichterstattung das Niveau der elektrotechnischen Konsumgüter besonders hervorgehoben.)

Im Handel mit den sozialistischen Ländern sind in den ersten Tagen der Messe Schwierigkeiten dadurch aufgetreten, dass eine Reihe wesentlicher Vertreter der Partnerländer nicht in Leipzig anwesend sind. Insbesondere auf dem Gebiet des Maschinenbaues halten sich die Vertreter der UdSSR und Ungarns mit Rücksicht auf die bevorstehende Messe in Brno4 zurück. Auch aus Bulgarien und Ungarn sind keine Vertreter anwesend, die mit der DIA Nahrung Verträge abschließen könnten.

Bei der Führung der Verhandlungen mit den Vertretern der sozialistischen Länder ergeben sich Schwierigkeiten bei der Neufestsetzung der Vertragspreise für das Jahr 1964. (Der RGW hat bekanntlich festgelegt, dass die Preise im Außenhandel der sozialistischen Länder überprüft werden.) Die Volksrepublik Ungarn und die ČSSR lehnen ab, in die Verträge für Baumwollgewebe (DDR-Import) Vorbehaltsklauseln aufzunehmen. In ähnlicher Weise tritt die sowjetische Seite bei Importverhandlungen der DDR auf, während sie andererseits bei Einkäufen aus der DDR die bisher gezahlten Preise nicht mehr akzeptieren will.

Im Handel mit den kapitalistischen Ländern gibt es Bezugswünsche dieser Länder, die von unseren Außenhandelsunternehmen aufgrund fehlender Warenbereitstellung nicht befriedigt werden können. So für Schwefel und Aluminiumsulfat nach Finnland, für Ferrolegierungen nach Schweden, für Taschenlampenhülsen und Dauerbackwaren nach dem Sudan u. a.

Vom Außenhandel wird kritisiert, dass eine Reihe von überseeischen Vertretern nicht nach Leipzig angereist sind.

Nach den bisher vorliegenden Angaben sind im Handel mit Westdeutschland gute Perspektiven für die Leipziger Herbstmesse vorhanden. Eine große Anzahl von Einkäufern bemüht sich ernsthaft um Importe aus der DDR.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass kurz vor der Messe beim MAI ein Fernschreiben der Treuhandstelle für Interzonenhandel5 mit einem interessanten Angebot eingegangen ist. Die westdeutsche Seite schlug vor, ihre Bezüge an Braunkohlenbriketts für das Kalenderjahr 1963 gegen Erweiterung der Lieferungen an Steinkohle nach der DDR zu erhöhen. Dieser Vorschlag wird gegenwärtig im MAI auf seine Realisierbarkeit geprüft.

Die in Leipzig anwesenden Einkaufsdelegationen der Versandhäuser Quelle und Neckermann disponieren in verhältnismäßig großem Maße. So hat Neckermann Damenoberbekleidung für 700 000 VE,6 Trikotagen für 800 000 VE, Sportartikel für 550 000 VE, Haushaltswaren für 400 000 bis 500 000 VE u. a. bestellt. Das Versandhaus Quelle verhandelt über den Bezug von Waren aus dem gesamten Konsumgüterbereich. Die Vertreter von Quelle äußerten sich außerordentlich lobend über die Zusammenarbeit mit den Handelsorganen der DDR.

Ein in Gründung befindliches Westberliner Handelshaus, das sich besonders auf den Handel mit DDR-Waren konzentrieren will, beabsichtigt seine gesamte Einrichtung aus der DDR zu beziehen.

Auch die in Leipzig anwesenden Einkaufsdelegationen von Mannesmann, Krupp und Röchling haben umfangreiche Wünsche zum Bezug von Konsumgütern aus der DDR geäußert.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Firma Mannesmann mit einer sehr repräsentativen Delegation in Leipzig anwesend ist.

Auch von Phoenix-Rheinrohr sind zwei Prokuristen anwesend, die hier einen vorbereiteten Liefervertrag mit der Deutschen Stahl- und Metall-Handelsgesellschaft7 zum Abschluss bringen sollen.

Aus den Gesprächen mit den Vertretern der Stahlkonzerne wird deutlich, dass die westdeutschen Stahlkonzerne sehr an einem Besuch der Leipziger Frühjahrsmesse 1964 interessiert sind. Nach vorliegenden Angaben ist Ende September mit einem Beschluss der großen Stahlkonzerne zu rechnen, ob teilgenommen werden soll oder nicht.

Bei einer Überprüfung der Westberliner Stände auf der Messe stellte sich heraus, dass fast alle Westberliner Stände entweder durch die Leiter der Unternehmen oder durch leitende Mitarbeiter vertreten sind. Die Qualität der Aussteller hat sich gegenüber den letzten Messen erheblich verbessert.

Die Berichterstattung der Journalisten von Leipzig ist nach wie vor relativ sachlich. Die bisherige Einschätzung bestätigt sich. Infolge der unsachlichen Berichterstattung von AP, die von einer Reihe von Zeitungsredaktionen übernommen wurde, kam es zu Auseinandersetzungen unter den westdeutschen Journalisten in Leipzig, die sich von den AP-Vertretern distanzieren.

Auffallend ist, dass sich westdeutsche Journalisten, so ein Mitarbeiter der politischen Redaktion des »Kölner Stadtanzeigers« an das Presseamt mit der Bitte um Zur-Verfügung-Stellung von belastendem Material über ehemalige SS- und SD-Angehörige im Bundesamt für Verfassungsschutz aus Archiven der DDR gewandt haben.

In der laufenden Berichterstattung spielte insbesondere die Pressekonferenz des MAI, am 3.9., eine Rolle, wobei die Auseinandersetzungen mit dem chinesischen Journalisten Li Yueh hervorgehoben wurden.8

Mit dem Stand vom 4.9. wurden insgesamt 643 Teilnehmer an der Arbeiterkonferenz9 vom Ständigen Ausschuss der Arbeiterkonferenz registriert. Davon kommen allein 231 aus Nordrhein-Westfalen und 107 aus Hamburg. 141 Delegierte gehören der KPD an, 34 der SPD und 36 der DFU, 420 sind parteilos. Nur 84 Delegierte haben gewerkschaftliche Funktionen. Mehr als ein Drittel der anwesenden Delegierten sind älter als 55 Jahre.

In der Argumentation der anwesenden Teilnehmer gibt es besonders Unklarheiten über die Meinungsverschiedenheiten mit der KP Chinas, vereinzelt auch unter Mitgliedern der KPD, die sich mehr oder weniger mit dem chinesischen Standpunkt solidarisieren.10 Verbreitet gibt es Illusionen über grundsätzliche Änderungen in der westdeutschen Außenpolitik nach der Übernahme der Kanzlerschaft durch Erhard.11

  1. Zum nächsten Dokument Einsatz von Teflon in der Glasindustrie der DDR
    4. September 1963
    Einzelinformation Nr. 532/63 über die Notwendigkeit des Einsatzes von Teflon und daraus gefertigter Bauelemente (Ventile – Pumpen) in der Glasindustrie der DDR
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    2. September 1963
    Einzelinformation Nr. 520/63 über die Situation auf der Leipziger Herbstmesse 1963 (Nr. 1)