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Mängel und Missstände im Berliner Bauwesen

12. März 1964
Einzelinformation Nr. 207/64 über umfangreiche Mängel und Missstände im Berliner Bauwesen auf dem Gebiet der Materiallagerung und -wartung und des Materialverbrauchs sowie über einige begünstigende Umstände für Diebstähle und Vergeudung von Baumaterialien

In den verschiedensten Berliner Baubetrieben, wie z. B.

  • VEB Tiefbau,

  • VEB Baustofftransporte,

  • VEB Hochbau und VEB Ingenieur-Hochbau usw.

  • sowie auf vielen Baustellen des Berliner Wohnungsbaus,

sind seit Jahren umfangreiche Mängel und Missstände auf dem Gebiet der Materiallagerung und des Materialverbrauchs vorhanden. Außerdem sind in diesen Betrieben eine Reihe von Diebstählen und Unterschlagungen vorgekommen, die zu beträchtlichen finanziellen Verlusten für die Baubetriebe führten.

Mängel und Missstände in der Leitung der Baubetriebe, mangelndes Verantwortungsbewusstsein der Bauleiter und leitender Funktionäre auf den Baustellen begünstigen nicht nur diese umfangreichen Diebstähle und Unterschlagungen von Baumaterialien. Sie begünstigen auch die Vernichtung von Bau- und Ausbaumaterialien und ermöglichen indirekt den Verkauf von Baumaterialien an Privatunternehmer. Ebenfalls völlig unzureichend ist die Absicherung der Baustellen durch den Einsatz von Betriebsschutzangehörigen, was u. a. die Diebstähle ermöglicht. Mängel in der Planung der Bauvorhaben und den daraus resultierenden Schwächen in der Zusammenarbeit der Kooperationsbetriebe, insbesondere mit dem Baunebengewerbe, führen zu erheblichen Störungen in der Arbeitsorganisation auf den Baustellen.

So wurden beispielsweise nach grober Einschätzung in der Zeit von Mitte 1962 bis Mitte 1963 auf den Baustellen in Berlin-Johannisthal folgende Baumaterialien und Ausrüstungen in Schuttkippen vernichtet oder wurden gestohlen:

  • ca. 35 t Zement (12 TDM),

  • ca. 20 t Splitt (schwarz-weiß),

  • ca. 30 Sack Stuckgips,

  • ca. 75 Rollen Dachpappe,

  • ca. 20 Ballen Isoliermaterialien (Schlackenwolle),

  • ca. 5 000 m³ Kies (50 TDM),

  • ca. 14 000 Stück Mauersteine,

  • ca. 3 000 Stück Kacheln,

  • etwa 150 m Tonrohre (200 mm Ø),

  • etwa 6 t Brikett,

  • etwa 30 Stück Lignolith-Leichtbauplatten,1

  • größere Mengen Schalplatten, Baudraht und Schilfmatten,

  • etwa 700 l Dieselkraftstoff und 1 200 l Vergaserkraftstoff,

  • außerdem wurden Durchlauferhitzer, Wachbecken, Badewannen, Abwaschschränke für Einbauküchen, Fußbodenbelag u.a.m. gestohlen.

Ein großer Teil dieser Materialien (etwa 30 t Zement, 20 t Splitt, ca. 30 Rollen Dachpappe, Brikett und größere Mengen Isoliermaterialien) soll durch Verschulden der Bauleitung auf Schutthalden abgekippt bzw. bei Planierarbeiten verwendet worden sein. Dieses Baumaterial wurde teilweise durch Witterungseinflüsse, falsches Entladen und Lagern, durch Überfahren von Baufahrzeugen für den Bau unbrauchbar gemacht.

Bei Abrissarbeiten gewonnene Altstoffmaterialien, Gusserzeugnisse und Buntmetalle werden oftmals durch Bauarbeiter an private Altstoffhändler verkauft. Dadurch können die anfangs genannten volkseigenen Betriebe die aus Abrissarbeiten geplanten finanziellen Einnahmen nicht realisieren. So wurden z. B. während der Abrissarbeiten auf dem Gelände des ehemaligen deutschen Schauspielhauses und des ehemaligen Deutschen Doms etwa 40 t Guss, 1,7 t Blei, 2 250 kg Kupfer und 1 000 kg Messing gewonnen, die durch Bauarbeiter unerlaubt an private Altstoffhändler verkauft wurden.

Auf vielen Wohnungsbaustellen in Berlin tritt oft der Zustand ein, dass angelieferte Einrichtungsgegenstände sofort oder in den Abendstunden von unbekannten Tätern gestohlen werden (Durchlauferhitzer, Waschbecken, Badewannen, Einbaumöbel usw.).

Die fehlende Übersicht über den Einsatz von Kraftfahrzeugen vom VEB Baustofftransporte und VEB Tiefbau Berlin ermöglicht den Kraftfahrern, unkontrolliert Privatfahrten zu unternehmen. Baustoffe werden nicht immer an ihren eigentlichen Bestimmungsort transportiert. Fahraufträge, Fahrabrechnungen und sogenannte Kippzettel werden gefälscht. Benzinschiebungen werden insbesondere dadurch ermöglicht, dass der Normverbrauch des Lkw-Typs SIS2 mit 10 l Vergaserkraftstoff über dem effektiven Verbrauch geplant ist. Da die Abrechnung grundsätzlich nur nach dem angegebenen Normverbrauch erfolgt, können die eingesparten Mengen Vergaserkraftstoff von den Fahrern privat verkauft werden. Grobe Missstände herrschen in der Kraftfahrzeuginstandhaltung des VEB Tiefbau Berlin. Grundsätzlich werden keine Kleinreparaturen ausgeführt, sondern defekte Fahrzeugteile durch neue ersetzt. Abgenutzte Bremsbelege werden verschrottet, während an den Fahrzeugen neue Bremstrommeln eingebaut werden.

Unter den Bauarbeitern und in den Leitungen der Baubetriebe herrscht eine Atmosphäre der Duldsamkeit gegenüber solchen groben Mängeln, Missständen, Diebstählen und Betrügereien. Charakteristisch sind Auffassungen von Bauarbeitern, die für Materialschiebungen regresspflichtig gemacht wurden. So äußerten sie sich, »man müsse noch mehr Diebstähle organisieren, um für solche Fälle zusätzlich entsprechende Geldbeträge zur Verfügung zu haben«.

Vielfach wird auch auf den Umstand hingewiesen, dass Privatbauten der Betriebsangehörigen fast vollständig mit Baumaterialien der Baubetriebe ausgeführt werden.

Diese Erscheinungen veranlassen das MfS vorzuschlagen, dass durch die zuständigen Staats- und Wirtschaftsorgane – am zweckmäßigsten unter Einbeziehung der Arbeiter-und-Bauern-Inspektion und der Organe des MdI – Überprüfungen eingeleitet und kontrollfähige Maßnahmen zur Beseitigung dieser Missstände festgelegt werden. Vom MfS könnten für eine umfassende Untersuchung weitere Materialien über Einzelheiten zur Verfügung gestellt werden.

  1. Zum nächsten Dokument Einsatz eines Beraters in der indischen Botschaft in der ČSSR
    13. März 1964
    Einzelinformation Nr. 212/64 über Einsatz eines Beraters in der indischen Botschaft in der ČSSR mit dem Zweck der Aufrechterhaltung von Verbindungen zur DDR und zu Finnland
  2. Zum vorherigen Dokument Landwirtschaftsstudenten der Universität Rostock zu Studienänderungen
    9. März 1964
    Einzelinformation Nr. 201/64 über die Reaktion von Studenten der Universität Rostock – Fachrichtung Landwirtschaft – auf die Ausführungen des Rektors Magnifizenz Prof. Dr. Schick über die inhaltlichen Probleme des VIII. Deutschen Bauernkongresses und ihre Auswirkungen für den weiteren Studienablauf