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Republikflucht der Schriftstellerin Christa Reinig

[ohne Datum]
Einzelinformation Nr. 81/64 über den Republikverrat der Christa Reinig, freischaffende Schriftstellerin und Kunsthistorikerin am Pergamon-Museum Berlin

Im Januar 1964 kehrte die Christa Reinig,1 geboren 6.8.1926 in Berlin, wohnhaft gewesen Berlin-Prenzlauer Berg, [Straße, Nr.], nicht Mitglied des Deutschen Schriftstellerverbandes, von einer Reise nach Westdeutschland nicht in die DDR zurück. Christa Reinig hatte eine Aufenthaltsgenehmigung nach Bremen zum Empfang des Literaturpreises der Stadt Bremen – gestiftet von der Rudolf-Schröder-Stiftung2 – erhalten. Der Antrag der Reinig auf Ausreise nach Westdeutschland zum Empfang des Literaturpreises und zur Durchführung einer Dichterlesung war anfangs vom Minister für Kultur3 abgelehnt und ist dann erst nach Zustimmung des Genossen Hager4 genehmigt worden. Mit der Verleihung des Literaturpreises der Stadt Bremen ist die Auszahlung von 10 000 Westmark verbunden.

Christa Reinig hatte bis 1958 an der Humboldt-Universität studiert und dort ihr Staatsexamen abgelegt. Kurz danach nahm sie Arbeit als Kunsthistorikerin am Pergamon-Museum5 auf. Sie leidet an körperlichen Gebrechen und ist stark religiös gebunden. Weltanschaulich ist sie wenig gebildet und gefestigt. Aus ihren literarischen Werken erkennbarer Pessimismus und abstrakter Humanismus kommen vermutlich mit aus ihren Lebensumständen. Sie lebte in Berlin sehr zurückgezogen und isoliert. Verbindungen wurden lediglich zum CDU-Schriftsteller Johannes Bobrowski,6 Cheflektor des »Union-Verlages«, und durch diesen zu dem Schriftsteller Peter Huchel,7 ehemaliger Chefredakteur der Zeitschrift »Sinn und Form« bekannt.

In früheren Jahren hat sich die Schriftstellerin Anna Seghers8 um Christa Reinig gekümmert, weil die Reinig nach Ansicht von Anna Seghers auf literarischem Gebiet Veranlagung besaß. Werke von Christa Reinig sind in der DDR nicht erschienen.

Öffentlich trat Christa Reinig in der DDR erstmalig im Rahmen der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg9 am 25./27.1.1963 in Berlin-Weißensee mit ihrer Erzählung »Drei Schiffe« auf.10 Diese Erzählung ist in einer verzerrten, pessimistischen und religiösen Form geschrieben.

Bisher veröffentlichte die Reinig ihre Gedichte nur in Westdeutschland.11 Dort erschienen von ihr drei Bücher:

  • 1960 »Die Steine von Finsterre« (Gedichte, Verlag Eremitenpresse Stierstadt/Taunus),

  • 1961 »Der Traum meiner Verkommenheit« (Prosa, Fitkau-Verlag12),

  • 1963 »christa reinig gedichte« (Gedichte, S. Fischer-Verlag Frankfurt/M.).

Der 1963 im S-Fischer-Verlag erschienene Gedichtband richtet sich in elf von 40 Gedichten in verschleierter Form gegen die sozialistischen Verhältnisse in der DDR. Die Reinig unterhielt aus angeblich beruflichen Gründen enge Verbindung zu dem Lektor dieses Verlages Dr. Klaus Wagenbach.13

Aktiv bemühte sich die »Gruppe 47«14 aus Westdeutschland in der Vergangenheit um die Reinig. So erhielt sie eine Einladung, vor der »Gruppe 47« aus ihren Büchern zu lesen. Mit der Herausgabe der Bücher Reinigs und mit entsprechenden Veröffentlichungen in der westdeutschen Presse wird das Ziel sichtbar, politisch-ideologischen Einfluss auf die Schriftsteller der DDR zu nehmen.

  1. Zum nächsten Dokument Wesentliche Hemmnisse in der Entwicklung der DDR-Reifenindustrie
    1. Februar 1964
    Einzelinformation Nr. 82/64 über wesentliche Hemmnisse und Mängel in der Entwicklung der Reifenindustrie der DDR und der Zentralen Forschungsstelle Reifen Fürstenwalde Frankfurt/O.
  2. Zum vorherigen Dokument Mängel bei Errichtung der Lösungsacetat-Anlage in Eilenburg
    30. Januar 1964
    Einzelinformation Nr. 75/64 über Mängel bei der Errichtung der Lösungsacetat-Anlage im VEB Eilenburger Zelluloidwerk