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Verlassen der DDR-Delegation durch Prof. Barwich in Genf

11. September 1964
Einzelinformation Nr. 758/64 über das illegale Verlassen der DDR-Delegation der 3. Internationalen Konferenz für die friedliche Nutzung der Atomenergie in Genf durch Prof. Heinz Barwich

Ergänzend zu unserer Information Nr. 730/64 vom 8.9.1964 wurde dem MfS Folgendes bekannt: Die inoffizielle Beobachterdelegation der DDR, die an der 3. Internationalen Konferenz für die friedliche Nutzung der Atomenergie1 in Genf teilnahm, ist am 10.9.1964 in Berlin wieder eingetroffen mit Ausnahme von Prof. Barwich,2 der sich am Sonntag, dem 6.9.1964 in Genf von der Delegation unter verschiedenen Vorwänden entfernt hat und nicht wieder zurückkehrte.

Aus dem Verhalten von Prof. Barwich unmittelbar vor dem Abflug der DDR-Delegation nach Genf (z. B. Verabschiedung von seiner Ehefrau) sowie während der Reise nach Genf waren keine Besonderheiten zu erkennen, die zu der Schlussfolgerung einer beabsichtigten Republikflucht hätten führen können. Prof. Barwich unterhielt sich mit Mitgliedern der Delegation sehr aufgeschlossen, wobei er noch erwähnte, dass er 1962 oder 1963 bei einem Rückflug von Wien in die DDR über Westberlin geflogen sei und in der DDR schon geglaubt worden wäre, er sei überfällig; ein solcher Schritt käme jedoch für ihn nicht infrage. Auch während des Zwischenaufenthaltes der Delegation in Prag vom 28. zum 29.8.1964 wurden zum Verhalten Prof. Barwichs keine besonderen Feststellungen getroffen. Bei der Weiterreise nach Zürich stellte jedoch Prof. Barwich fest und teilte dies auch einigen Mitgliedern der Delegation mit, dass er einen Beutel mit Schmuck – später erklärte er, dass es sich lediglich um Manschettenknöpfe und Ringe handelte, die er von seiner Frau geschenkt bekommen habe – im Hotel in Prag versehentlich zurückgelassen habe. Von Genf aus telefonierte Prof. Barwich sofort nach der Ankunft nach Prag mit der Bitte, ihm seine persönlichen Gegenstände nach Genf nachzusenden, was vom Prager Hotel aus auch kurze Zeit danach erfolgte.

Das Verhalten Prof. Barwich in Genf war anfänglich ebenfalls als normal einzuschätzen. Festzustellen war jedoch, dass Prof. Barwich kein besonderes Interesse an einer intensiven Mitarbeit auf der Konferenz zeigte. Obwohl sich Prof. Barwich vor Antritt der Fahrt nach Genf mit den Problemen in der DDR auf dem Gebiet der Kernforschung näher vertraut gemacht hatte, war aber augenscheinlich, dass er sich während seines Aufenthaltes in Genf nicht zu diesen Problemen äußerte. Als er von Prof. Steenbeck3 – Vizepräsident der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin und Mitglied der DDR-Delegation in Genf – wiederholt in dieser Richtung angesprochen wurde, gab er zu den aufgeworfenen Fragen keine konkrete Stellungnahme ab. (Dem MfS wurde bekannt, dass sich Prof. Barwich nach seiner Rückkehr aus Dubna [Juni 1964] mit einem streng geordneten Arbeitsprogramm beschäftigte. Dabei verschaffte er sich insbesondere einen genauen Überblick über den Stand der wissenschaftlichen Arbeiten in allen Bereichen des Zentral-Instituts für Kernphysik Rossendorf und nahm eine Überprüfung der Arbeiten am Atomkraftwerk I4 vor. Weiterhin führte er Besprechungen zu Problemen der zweiseitigen Zusammenarbeit SUDDR auf dem Gebiet der Kernenergie mit dem Genossen Wyschofsky5, Plankommission, durch, die u. a. auch im Detail alle Probleme aus einem diesbezüglichen Brief des Genossen Walter Ulbricht beinhalteten.)

Während der täglichen Besprechungen der Mitglieder der DDR-Delegation in Genf trat Prof. Barwich vom ersten Tage an nicht als Delegationsleiter auf, sondern überließ die Initiative Prof. Steenbeck. Auf größeren Konferenzen ging es Prof. Barwich nach Feststellungen von DDR-Delegationsmitgliedern mehr um repräsentative Gespräche als um eine wissenschaftliche Mitarbeit.

Festgestellt wurde, dass Prof. Barwich im Verlaufe seines Aufenthaltes in Genf großes Interesse zeigte, mit führenden Wissenschaftlern – vor allem aus der Sowjetunion – näheren Kontakt zu halten, was ihm auch infolge seiner langjährigen Tätigkeit in Dubna gelang. In Gesprächen, die sich mehrfach auf Stunden erstreckten, wurde beobachtet, dass sich Prof. Barwich mehrfach stenografische Notizen über detaillierte Angaben zu Problemen der Kernforschung machte. Während eines Empfangs, den die sowjetische Delegation in Genf gab, unterhielt sich Prof. Barwich längere Zeit mit mehreren führenden sowjetischen Wissenschaftlern, die er zum Teil aus seiner Tätigkeit als Vizepräsident in Dubna kannte und mit denen er einen herzlichen Kontakt unterhielt. Besonders war Prof. Barwich an Gesprächen mit dem sowjetischen Wissenschaftler Arzimowitsch,6 Spezialist für Kernfusion, interessiert, wobei er die Gespräche mit ihm über Fachprobleme mitstenografierte. Ferner traf Prof. Barwich in Genf mit einer Reihe republikflüchtiger Wissenschaftler sowie ehemals in der SU tätiger und jetzt in Westdeutschland beschäftigter Spezialisten zusammen.

Bereits am ersten Tage des Aufenthaltes der Delegation in Genf begrüßte Prof. Barwich sehr herzlich den republikflüchtigen ehemaligen Mitarbeiter des Zentral-Instituts für Kernphysik7 Rossendorf, Dr. Thümmler.8 Von weiteren zahlreichen Gesprächspartnern Prof. Barwichs wurden ferner die ehemaligen SU-Spezialisten Prof. [Vorname Name 1] (Radio-Chemiker, 1956 aus der DDR flüchtig, gegenwärtig in München), Dr. [Name 2] (1955 mit Rückkehr aus der UdSSR nach Westdeutschland republikflüchtig, gegenwärtig wissenschaftlicher Mitarbeiter im Reaktor-Zentrum Karlsruhe) und Dr. [Name 3] (1955 mit Rückkehr aus der UdSSR nach Westdeutschland republikflüchtig, gegenwärtig bei Degussa/Hanau/Main), die in Westdeutschland leben, erkannt.

In verschiedenen Gesprächen mit Mitgliedern der DDR-Delegation brachte Prof. Barwich nach diesen Zusammenkünften mit westdeutschen Wissenschaftlern zum Ausdruck, dass die ehemaligen SU-Spezialisten nach ihrer Flucht nach Westdeutschland dort in guten Verhältnissen und Positionen leben und es in fachlicher Hinsicht zu etwas gebracht hätten.

(Im Zusammenhang mit der Republikflucht der Familie des Prof. Barwich aus Dresden nach Westdeutschland erscheint jetzt auch von Bedeutung, dass Prof. Barwich bereits der ersten Zusammenkunft der DDR-Delegation am 1.9.1964 fernblieb unter der Begründung, dringend mit seiner Ehefrau telefonieren zu müssen. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die gefälschten Reisepässe der Familie Barwich zum illegalen Verlassen der DDR bereits in deren Besitz.)

Für Sonntag, 6.9.1964, war von den Delegationsmitgliedern der DDR-Delegation ein gemeinsamer Ausflug in die Umgebung von Genf vereinbart worden. Prof. Barwich lehnte unter den verschiedensten Vorwänden eine Teilnahme ab, wobei er einigen Delegationsmitgliedern zu verstehen gab, dass er im Interesse weiterer Verhandlungen während der Konferenz dringende schriftliche Ausarbeitungen zu erledigen habe, anderen erklärte er, sich mit Mitgliedern anderer Delegationen zwecks wissenschaftlichen Meinungsaustausches treffen zu wollen und Prof. Steenbeck gegenüber äußerte er, dass er »nach außerhalb« zu fahren beabsichtige, wobei er eine Teilnahme am gemeinsamen Ausflug stets konsequent ablehnte. Bei einem anderen Teilnehmer der Delegation dagegen erkundigte sich Prof. Barwich, ob Prof. Steenbeck – mit dem er gemeinsam in einem Hotel wohnte – auch tatsächlich am Ausflug teilnehme.

Am Morgen des 7.9.1964 wurde Prof. Steenbeck durch das Hotelpersonal mitgeteilt, dass Prof. Barwich am 7.9.1964, gegen 3.00 Uhr, von außerhalb telefoniert und um Mitteilung an Prof. Steenbeck gebeten habe, dass er durch das Verpassen des Zuges erst am Morgen des 7.9.1964 wieder in Genf eintreffe. (Der Inhalt dieses Telefongespräches trug offensichtlich schon der Tatsache Rechnung, dass zwar die Republikflucht seiner Ehefrau und seiner künftigen Schwiegertochter geglückt war, aber nicht die seiner beiden Kinder, die inzwischen durch das MfS festgenommen worden waren.)

Auch durch das Nichterscheinen Prof. Barwichs zu einer für den 7.9.1964 vorgesehenen Zusammenkunft der Delegation wurde von Prof. Steenbeck festgestellt, dass Prof. Barwich im Verlaufe des 7.9.1964 nicht nach Genf zurückkehrte. Als am Abend des 7.9.1964, gegen 22.30 Uhr, der Präsident der 3. Internationalen Konferenz für die friedliche Nutzung der Atomenergie Prof. W. Jemeljanow9 (UdSSR) im Hotel Prof. Barwichs erschien und diesen zu sprechen wünschte, war Prof. Barwich immer noch nicht anwesend. Weitere Überprüfungen Prof. Steenbecks in der Nacht und am Morgen des 8.9.1964 beim Pförtner des Hotels sowie über Hoteltelefon im Hotel-Zimmer des Prof. Barwich erbrachten ebenfalls keine Ergebnisse. Daraufhin wurde am Morgen des 8.9.1964 zunächst von Prof. Steenbeck und kurz darauf durch Prof. Steenbeck gemeinsam mit einem Mitglied der DDR-Delegation das Hotelzimmer von Prof. Barwich besichtigt, wobei festgestellt wurde, dass sämtliche persönlichen Gegenstände von Prof. Barwich ausgeräumt waren. Prof. Barwich hatte im Zimmer lediglich einige Tagungsunterlagen der DDR-Delegation – die jedoch unvollständig und offensichtlich durch Prof. Barwich aussortiert worden waren – sowie einige Zeitungen »Die Kernenergie« und Prospekte, die Prof. Barwich in Genf an interessierende Persönlichkeiten übergeben sollte, zurückgelassen.

Nach dieser Feststellung, die den Beweis erbrachte, dass Prof. Barwich überfällig war, wurde durch Prof. Steenbeck in Gegenwart von Mitgliedern der DDR-Delegation aus dem Postfach des Prof. Barwich die inzwischen eingegangene persönliche Post von Prof. Barwich herausgenommen. Ein am 5.9.1964 in Frankfurt/M. an Prof. Barwich aufgegebenes Telegramm enthielt folgenden Text: »Können wir uns in Basel treffen, Haus Morgensonne«, Unterschrift: »Gretel«, Absender: »Badenweiler«.

Durch Prof. Steenbeck wurden am 9.9.1964 während einer Zusammenkunft alle Mitglieder der DDR-Delegation von den wesentlichsten Fakten informiert und auf ein einheitliches Auftreten und Verhalten hingewiesen. Die Delegationsmitglieder verurteilten während dieser Besprechung geschlossen das Verhalten von Prof. Barwich. (Während dieser Zusammenkunft äußerte das Mitglied der DDR-Delegation Dr. [Name 4] die Absicht, einen Tag vor der Abreise der Delegation nach Zürich zu fliegen, um dort ein mit Schulfreunden vereinbartes Treffen durchzuführen. Prof. Steenbeck lehnte infolge des illegalen Verlassens der Delegation durch Prof. Barwich diesen Antrag zunächst ab, stimmte aber später zu, da Dr. [Name 4] bereits im Besitz der Flugkarten war und bereits weitere Vorbereitungen getroffen hatte, sodass eine Zurücknahme der Vereinbarungen nicht mehr möglich war. Dr. [Name 4] kehrte mit der Delegation in die DDR zurück.)

Am Nachmittag des 9.9.1964 wurde durch Prof. Steenbeck und einige Mitglieder der DDR-Delegation ein schriftlicher Bericht über die Vorfälle um Prof. Barwich gefertigt und gemeinsam mit den noch vorhandenen schriftlichen Unterlagen Prof. Barwichs (Telegramm, ein Brief an Prof. Barwich, eine vom Pförtner geschriebene Mitteilung an Prof. Steenbeck über den Telefonanruf Prof. Barwichs) dem zuständigen Vertreter der DDR, Genossen Beling,10 zur Weiterleitung an das MfAA übergeben.

Dieser Bericht ist am 10.9.1964 durch Genossen Beling an das MfAA weitergeleitet worden. (Prof. Jemeljanow wurde durch Prof. Steenbeck von dem Sachverhalt ebenfalls in Kenntnis gesetzt.)

In einer Aussprache mit Prof. Steenbeck sofort nach Rückkehr der Delegation aus Genf wurden von ihm folgende Angaben über die eventuellen Umstände des illegalen Verlassens der DDR-Delegation durch Prof. Barwich gemacht: Bei einem früheren Gespräch über Republikfluchten von Wissenschaftlern hätte Prof. Barwich erklärt, dass er in einem solchen Falle nach dem »Osten« flüchten würde. Nach Ansicht Prof. Steenbecks war die Annahme der Delegierung nach Dubna 1960 für Prof. Barwich offensichtlich bereits eine solche »Flucht«. Prof. Barwich sei mit den Arbeitsverhältnissen, vermutlich aus charakterlichen Eigenschaften, nicht zufrieden und opponiere dagegen. Auch in Dubna habe Prof. Barwich keine Befriedigung gefunden. Prof. Steenbeck schlussfolgerte dies aus einem Besuch von Prof. Barwich Ende 1960, nachdem Prof. Barwich bereits ein halbes Jahr als Vizepräsident in Dubna tätig war. Prof. Steenbeck hätte bei diesem Besuch den Eindruck gewonnen, dass Prof. Barwich zu den dort tätigen Wissenschaftlern nicht den richtigen Kontakt gefunden hätte. Unter anderem habe Prof. Barwich während des damaligen Besuchs in Dubna gebeten, sich zu Besichtigungen einer Reihe von Instituten, die Prof. Steenbeck gestattet wurden, anschließen zu dürfen, da er offensichtlich vordem noch nicht die Möglichkeit dazu erhalten hatte.

In Genf hatte Prof. Steenbeck mit Prof. Barwich ein Gespräch über eine eventuelle Aufnahme Prof. Barwichs als Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften. Er bezog sich dabei auf eine vorangegangene Aussprache mit Prof. Hertz, in dem dieser erklärt hatte, Prof. Barwich solle in diesem Falle mehr durch Veröffentlichungen in Erscheinung treten, weil dann seine Aufnahme schneller erwirkt werden könne. Prof. Barwich brach daraufhin die Unterhaltung in einer solchen Form ab, die bei Prof. Steenbeck zu der Schlussfolgerung führte, dass Prof. Barwich nicht über entsprechendes wissenschaftliches Material zur Veröffentlichung verfüge.

Auch in anderen Gesprächen über die weitere Entwicklung der wissenschaftlichen Arbeit in Rossendorf legte sich Prof. Barwich in keiner Weise fest und brach diesbezüglich Diskussionen sofort ab, was sowohl bei Prof. Steenbeck als auch bei anderen Teilnehmern der DDR-Delegation zu der Schlussfolgerung führte, dass sich Prof. Barwich nicht im Detail über diese Fragen im Klaren ist. In diesem Zusammenhang äußerte sich ein weiteres Mitglied der DDR-Delegation, seiner Ansicht nach habe sich Prof. Barwich seit seiner Rückkehr aus der SU noch nicht ernsthaft mit der Perspektive der Kernforschung in der DDR beschäftigt.

Prof. Steenbeck ist bei Berücksichtigung der demnach mangelnden wissenschaftlichen Kenntnisse Prof. Barwichs der Auffassung, dass Prof. Barwich auch im kapitalistischen Ausland der Wissenschaft nichts Wesentliches bieten könne. Um bestehen zu können, wäre es seiner Meinung nach durchaus möglich, dass sich Prof. Barwich auch des Verrates von internen und streng geheimen Fakten bedienen wird. Im Gegensatz dazu vertrat Prof. Jemeljanow in einer Aussprache mit Prof. Steenbeck in Genf die Ansicht, dass er ihm den Verrat von internen Angaben nicht zutraue.

Die weiteren vom MfS eingeleiteten Maßnahmen zur näheren Aufklärung gehen von der Festlegung aus, Prof. Barwich nach wie vor eine Rückkehr in die DDR offenzuhalten.

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    11. September 1964
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