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Vermittlung eines Besuchs von Minister Balkow in Frankreich

20. März 1964
Einzelinformation Nr. 234/64 über Vermittlung eines Besuchs von Minister Balkow in Frankreich durch den französischen Geschäftsmann Goldstein

Der Pariser Geschäftsmann Goldstein, der Verbindung zu französischen Regierungskreisen hat, teilte einer zuverlässigen Quelle mit, dass er Minister Balkow1 ein Einreisevisum für Frankreich unter Ausschaltung des Westberliner Travel Board Office2 innerhalb von 24 Stunden vermitteln könne. Er vertrat aufgrund seiner Verbindungen und unter Berufung auf Gespräche, die er am 13. und 14.3.[1964] in Paris führte, die Auffassung, dass sowohl Industrieminister Bokanowski3 als auch Wirtschaftsminister d’Estaing4 sowie der Industriemagnat Rothschild5 daran interessiert seien, Minister Balkow zu empfangen. Nach Goldsteins persönlicher Meinung wäre ein Zusammentreffen mit Rothschild am wichtigsten. Durch seine Verbindung zum Kabinettssekretär des französischen Ministerpräsidenten habe er schließlich erfahren, dass auch Pompidou6 selbst Interesse an einem inoffiziellen Gespräch mit Balkow zeige.

Goldstein vertrat die Auffassung, dass ein Besuch Balkows in Frankreich viele Probleme auf dem Wege zu einer Anerkennung der DDR durch Frankreich lösen könne. Während seines Besuchs der Leipziger Frühjahrsmesse erklärte er dazu, dass eine Entwicklung in dieser Richtung in Etappen erfolgen müsste. Als eine erste Etappe bezeichnete er eine Einladung des ehemaligen französischen Ministerpräsidenten Faure7 in die DDR als zweckmäßig,8 die von Faure auf alle Fälle akzeptiert würde. Darüber hinaus regte er an, der Wochenzeitschrift »Paris Match« die Möglichkeit eines Interviews mit Walter Ulbricht einzuräumen. Die Zeitschrift gelte in französischen Regierungskreisen als halboffiziell.

Bei Goldstein handelt es sich um einen einflussreichen Pariser Geschäftsmann, der in geschäftlichen Verbindungen mit dem MAI und der AHU Nahrung und Genuss steht. Er zeigt, bedingt u. a. durch seine jüdische Abstammung, eine ablehnende Haltung zur politischen Entwicklung in Westdeutschland, bejaht dagegen die Politik der DDR und schätzt persönlich besonders den Genossen Walter Ulbricht. Es wird eingeschätzt, dass sich seine Verbindungen vor allem auf die mittlere Ebene französischer Regierungskreise erstrecken und dass er auf diesem Wege in führenden Kreisen von Regierung und Wirtschaft wirksam werden kann. Darüber hinaus unterhält er zahlreiche internationale Verbindungen besonders zu amerikanischen und kanadischen Regierungs- und Wirtschaftskreisen.

Goldstein hat sich bereits mehrfach mit Erfolg für die Interessen der DDR eingesetzt. Er vermittelte den Besuch einer britischen Parlamentarier-Delegation bei Walter Ulbricht und bereitete den Besuch einer Wirtschaftsdelegation der DDR in Kanada vor. Er bemüht sich um die Freigabe der blockierten Dollar-Guthaben der DDR in Kanada und informierte jetzt darüber, dass es ihm gelungen ist, bei der Euro-Bank in Paris einen zusätzlichen Kredit mit einjähriger Laufzeit für die erste Rate der kanadischen Weizenlieferungen in die DDR zu beschaffen, für die von kanadischer Seite ein Zahlungsziel von 18 Monaten gesetzt wurde. In jüngster Zeit vermittelte er den Kontakt zu einem hohen Beamten des französischen Landwirtschaftsministeriums, der unter Ausnutzung eines Besuchs in Westberlin mit Vertretern der DDR verhandeln will. (Über die Information wird Genosse Balkow vom MfS mündlich unterrichtet.)

Die Information darf im Interesse der Sicherheit der Quelle publizistisch nicht ausgewertet werden.

  1. Zum nächsten Dokument Kohlenstaubverpuffung in Brikettfabrik
    20. März 1964
    Einzelinformation Nr. 238/64 über eine Kohlenstaubverpuffung in der Brikettfabrik des BKW »Phönix« in Zipsendorf, [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig
  2. Zum vorherigen Dokument Verhalten Professor Havemanns und seines engsten Umgangskreises
    20. März 1964
    Einzelinformation Nr. 233/64 über das Verhalten Prof. Havemanns und seines engsten Umgangskreises – einige Auswirkungen seines Verhaltens