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2. Bericht über die Leipziger Frühjahrsmesse

[Ohne Datum]
Einzelinformation Nr. 186/65 über den Verlauf der Leipziger Frühjahrsmesse (2. Bericht)

Der Zustrom von Messebesuchern aus dem Ausland und aus Westdeutschland hält nach wie vor an. Bis zum 3.3.1965, 19.00 Uhr, waren Messebesucher polizeilich in Leipzig gemeldet:

Soz. Staaten

12 784 (10 317)

+ 2 467

Nichtsoz. Staaten

7 546 (5 414)

+ 2 132

Westberlin

3 449 (3 204)

+ 245

Westdeutschland

15 119 (11 086)

+ 4 033

Westd. Delegationen

2 633 (1 207)

+ 1 426

Die Beteiligung westeuropäischer Handels- und Wirtschaftskreise und von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens an der Leipziger Messe zeigt, dass sich führende kapitalistische Staaten Westeuropas in ihren außenwirtschaftlichen Beziehungen verstärkt auf die sozialistischen Länder orientieren und besonders in der DDR einen interessanten Handelspartner sehen.

So sind aus Großbritannien, Frankreich, Italien und Belgien viele Mitglieder von Wirtschaftsausschüssen der Parlamente und Persönlichkeiten mit weitreichendem Einfluss auf das Wirtschaftsleben ihres Landes in Leipzig anwesend. Von vielen Konzernen und Großunternehmen sind Vertreter der Leitungen (Präsidenten von Unternehmerverbänden, Generaldirektoren u. a.) anwesend. Zu den bedeutenden Persönlichkeiten, die auf der Leipziger Messe anwesend sind, gehören der Vizepräsident des Verbandes der belgischen metallverarbeitenden Industrie, Collin, der Präsident der Handelskammer Mailands, Vilardi, der Generaldirektor des britischen Chemiekonzerns ICI, Maier, der Präsident der finnischen Staatsbahnen, Aalto, u. a.

Auch aus den antiimperialistischen Ländern sind viele leitende Persönlichkeiten der Wirtschaft anwesend, so der Präsident der nigerianischen Handelskammer, Okunowo, das Mitglied des Präsidium der Handelskammer von Kuweit, Mutawa, der Generaldirektor der irakischen Industrievereinigung, Mustafa u. a.

Zum Auftreten der westdeutschen Konzernvertreter auf der Leipziger Messe

Nach wie vor zeigen die westdeutschen Konzernvertreter in Leipzig starke Aktivität und bemühen sich außerordentlich um Geschäftsabschlüsse. Obwohl aus dem Verhalten der Konzernvertreter und aus einzelnen Hinweisen geschlossen werden kann, dass vor der Messe Absprachen hinsichtlich einer Zurückhaltung der Konzernvertreter bei offiziellen Gesprächen mit führenden Vertretern der DDR getroffen wurden und sich die Konzernvertreter in den ersten Tagen entsprechend verhielten, ist seit dem 3. Messetag ein starkes Interesse an Gesprächen mit führenden Persönlichkeiten der DDR zu spüren.

Im Wesentlichen gibt es dabei folgende Zielsetzungen:

  • Es wird versucht, auf der Leipziger Messe, unabhängig von der Lösung der Mineralölfrage, die vertraglich vereinbarten Lieferungen an die DDR zu binden.

  • Angesichts der Aktivität der westlichen Aussteller im Anlagengeschäft versuchen die führenden westdeutschen Konzernvertreter Möglichkeiten zu finden, um selbst im Anlagengeschäft Fuß zu fassen. Sie versprachen, sich für die Annahme der DDR-Vorschläge einzusetzen. Besondere Aktivität zeigten dabei der Vorstandsvorsitzende von Phoenix-Rheinrohr,1 Mommsen, der Vorstandsvorsitzende von Ferrostaal2 und designierte Nachfolger von Reusch, Dr. Menges, der Vorstandsvorsitzende der DEMAG,3 Schulz, u. a.

  • In größerem Umfange versuchen Vertreter westdeutscher Firmen mit Firmen der DDR zu einer Zusammenarbeit auf dem Gebiete der Spezialisierung und des technischen Erfahrungsaustausches zu gelangen. So schlug ein leitender Vertreter der Concordia-Elektrizitäts-AG4 dem VEB Luftfilterbau eine Abstimmung des Produktionssortimentes vor. Ähnliche Beispiele gibt es auch von anderen Firmen.

  • Nach wie vor werden Vorschläge über ein gemeinsames Vorgehen von DDR-Betrieben mit westdeutschen Betrieben auf dem Auslandsmarkt unterbreitet. So schlug Mommsen für den Fall einer Verschlechterung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Westdeutschland und der VAR eine Zusammenarbeit mit Betrieben der DDR auf dem arabischen Markt vor, »um den deutschen Namen hochzuhalten«. (Mommsen wird in Kürze in die VAR reisen.)

  • Schließlich nutzen die westdeutschen Konzernvertreter die Leipziger Messe stärker als bisher zur Pflege von Kontakten zu den Regierungsdelegationen der übrigen sozialistischen Länder aus. So haben führende westdeutsche Industrielle Gespräche mit dem sowjetischen Außenhandelsminister Patolitschew5 geführt, um die Möglichkeiten der Anlagenlieferungen in die Sowjetunion zu sondieren.

In ihrem politischen Auftreten versuchen die westdeutschen Konzernvertreter den Anschein zu erwecken, dass sie mit der Politik der westdeutschen Regierung nicht einverstanden seien. Im Allgemeinen wird anerkannt, dass die westdeutsche Regierung in letzter Zeit eine Reihe von Niederlagen erlitten hat. Gleichzeitig wird stets der politische Erfolg der Reise des Genossen Walter Ulbricht in die VAR6 hervorgehoben.

In der Berichterstattung der Journalisten setzt sich die bisherige Tendenz fort. Aus den Materialien der Pressekonferenz wird besonders hervorgehoben, dass die DDR für eine Revision der Sonderstellung des westdeutschen Handels mit der DDR durch die EWG eintrete.7 Eine bedeutende Rolle in den Berichten spielen Spekulationen über den Empfang des Genossen Kosygin in Leipzig.8

Zur Entwicklung der Handelstätigkeit

Bereits in den ersten Messetagen wurde eine Anzahl von wichtigen Abschlüssen getätigt. Die wichtigsten Exportabschlüsse wurden mit den sozialistischen Ländern, insbesondere mit der UdSSR, Polen und der ČSSR vereinbart. Bedeutende Abschlüsse sind aber auch die Kontrakte über den Export von zwei Langhobelmaschinen im Werte von 1,3 Millionen VM nach Indien, von Textilien, Motoren u. a. nach Westdeutschland usw.

Gegenwärtig wird über eine Reihe von Chemieanlagen mit Kuba, Österreich, Indien, Jugoslawien und der VAR mit einem Gesamtumfang von ca. 12 Millionen VM verhandelt. Mit Rumänien, Westdeutschland, Bulgarien u. a. Ländern wird über die Lieferung von Erzeugnissen der Fahrzeugindustrie (Schiffe, Autokrane u. ä.) verhandelt. Nach den USA wird ein Abschluss von 4000 Schreibmaschinen vorbereitet.

In großem Umfange findet das Sortiment unserer Konsumgüterindustrie Anklang im westlichen Ausland. Das bezieht sich besonders auf die Spielwarenindustrie, die Möbelindustrie, die Gebrauchskeramik und die Textilindustrie. Insbesondere in diesen Industriezweigen ist die Industrie der DDR nicht in der Lage, die Wünsche der ausländischen Importeure zu befriedigen.

Außerordentlich gut ist die Absatzsituation des VEB Carl Zeiss Jena.

Besonders gefragt sind Roheisen, Ferrolegierungen, Wirtschaftsglas, Bleikristall, verschiedene Textilerzeugnisse, darunter Deko-Stoffe und Damaste, Plattenspieler, Fernsehsender, Kurzwellensender u. a. Erzeugnisse. Die Industrie der DDR ist bei diesen Erzeugnissen nicht entfernt in der Lage den Anforderungen des Auslandes zu entsprechen.

Absatzschwierigkeiten gibt es bei Erzeugnissen der Büromaschinenindustrie, beim Export von Maschinenkühlwagen nach der Sowjetunion (insbesondere durch Preisforderungen der SU) und bei Erzeugnissen des VEB Secura. Dank der günstigen Absatzsituation ist es dem Außenhandel möglich, zum Teil erhebliche Preisverbesserungen durchzusetzen, insbesondere gegenüber Einkäufern aus den westlichen Ländern. Die Preisverbesserungen betragen bis zu 15 % und werden im Allgemeinen akzeptiert.

Im Handel mit den sozialistischen Ländern, insbesondere mit der Sowjetunion, müssen ungerechtfertigte Preisforderungen zurückgewiesen werden. Das MAI hat Weisung zu harten Preisverhandlungen beim Export der DDR gegeben.

In großem Maße sind in Leipzig sowjetische Experten anwesend, die das technische Niveau der Leipziger Messe studieren wollen. Die sowjetischen Spezialisten versuchen, sehr eingehende Informationen über die Exponate der DDR zu beschaffen und arbeiten dabei teilweise mit Messplatte und Kamera.

Durch den Volkswirtschaftsrat ist festgelegt worden, dass die sowjetischen Spezialisten nur allgemeine Informationen erhalten. Die Ausstellerbetriebe sind dementsprechend instruiert worden.

Von den Außenhandelsunternehmen wird berichtet, dass die in letzter Zeit komplizierte Situation in den Handelsbeziehungen mit China und Korea erheblich aufgelockert sei. In Verhandlungen mit Mitgliedern der chinesischen und koreanischen Messedelegation haben sich gute Perspektiven für den Absatz der DDR bei Ausrüstungen für den Schiffbau, den Bergbau, bei Werkzeugmaschinen und bei Chemieanlagen ergeben. Es wird über eine aufgeschlossene und freundschaftliche Verhandlungsatmosphäre berichtet.

Zur Arbeit des Außenhandels der DDR

Es gibt Berichte aus den Außenhandelsorganen, dass nach wie vor Unklarheiten hinsichtlich der Anwendung des neuen ökonomischen Systems vorhanden sind. Diese Unklarheiten erstrecken sich vor allem auf den Abschluss von Wirtschaftsverträgen. Es gibt ein Zurückweichen in dieser Frage, das im Unverständnis der Bedeutung der ökonomischen Beziehungen begründet ist.

Von einigen leitenden Genossen der Außenhandelsunternehmen wird die ungenügende Führungstätigkeit des Ministeriums kritisiert. So werden Außenhandelsunternehmen nicht rechtszeitig über wichtige Ereignisse, Delegationen und Empfänge unterrichtet. Nach Einschätzung des Parteistabes – Außenhandel – wird vom Ministerium zu wenig Einfluss auf die Durchsetzung der gefassten Beschlüsse genommen.

Unklarheiten gibt es nach wie vor bei der Durchsetzung der Weisung, dass Lizenzverträge zentral koordiniert werden müssen. Die persönliche Verantwortung für die Lizenzvergabe und -nahme ist nicht geregelt. Von einigen Außenhandelsunternehmen und VVB werden eigene Lizenzlisten erarbeitet, die mit dem zuständigen AHU Limex nicht abgestimmt sind. Das betrifft z. B. die VVB Mineralöle und organische Grundstoffe.

Auf der Messe haben die Studiengruppen der Industrie ihre Arbeit aufgenommen. Dabei gibt es eine Reihe Mängel. Von ca. 200 technischen Leitern der Betriebe des Allgemeinen Maschinenbaus sind z. B. nur 30 Mitglieder einer Studiengruppe. Im Bezirk Allgemeiner Maschinenbau wurden 84 Studiengruppen gebildet. 41 dieser Studiengruppen sind nur mit einem Mitarbeiter besetzt. Wichtige VVB haben keine Aufgabenstellung für die Studiengruppen auf dem Gebiet der Technologie gegeben, sondern sich auf den Bereich der Konstruktion beschränkt. Allgemein wird eingeschätzt, dass die Studiengruppen durch übergeordnete Leitungen nur ungenügend politisch angeleitet werden, sodass viele Mitarbeiter keinen Sinn in ihrer Arbeit sehen.

Aus dem Außenhandelsunternehmen Intercontroll wurde ein grober Verstoß gegen die Wachsamkeit bekannt. Der Stellvertreter des Generaldirektors, Genosse Barowski, hat gegenüber der französischen Firma Morey vertrauliche handelspolitische Maßnahmen bekannt gegeben. Ihm wurde jedes Gespräch mit ausländischen Kunden untersagt. Barowski musste nach Berlin zurückreisen.

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