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Illegale Gruppenbildung an der Humboldt-Universität

28. Oktober 1965
Einzelinformation Nr. 958/65 über eine illegale Gruppenbildung an der Humboldt-Universität Berlin

Am 26.10.1965 wurden die Studenten Herlemann, Horst, geb. am [Tag, Monat] 1941 in Magdeburg, Beruf: Chemie-Ingenieur, zuletzt Student der landwirtschaftlich-gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, wohnhaft 104 Berlin, [Straße, Nr.], [Name 1, Vorname], geb. am [Tag, Monat] 1944 in Gnesen, Beruf: ohne, zuletzt Student an der landwirtschaftlich-gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, wohnhaft Berlin-Biesdorf, Oberfeldstraße (Studentenheim), und [Name 2, Vorname], geb. am [Tag, Monat] 1944 in Cottbus, Beruf: Rinderzüchter, zuletzt Student an der landwirtschaftlich-gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, wohnhaft 1058 Berlin, [Straße, Name], wegen dringenden Verdachts der Bildung einer illegalen Gruppierung und staatsgefährdender Propaganda und Hetze durch das MfS festgenommen.1

Die Festnahmen waren erforderlich, um über die bereits vorliegenden Aufklärungsergebnisse hinaus völlige Klarheit über eventuelle feindliche Verbindungen nach Westdeutschland/Westberlin bzw. zu anderen feindlichen Personenkreisen zu schaffen und um die Ursachen und die begünstigenden Bedingungen für das feindliche Verhalten dieser und eventuell weiterer Personenkreise restlos aufzuklären.

Nach Vorliegen der Untersuchungsergebnisse soll entschieden werden, ob die Ermittlungsverfahren mit oder ohne Haft weitergeführt werden bzw. ob eine Auswertung durch disziplinarische und erzieherische Maßnahmen erfolgen soll.

Die bisherigen Untersuchungen durch das MfS führten zu folgendem Ergebnis:

Die o. g. Studenten lernten sich im März/April 1965 erstmals näher kennen. Bei diesen Zusammenkünften unterhielten sie sich über verschiedene politische Tagesfragen, im Ergebnis dessen sie übereinstimmend zu der Auffassung kamen, gemeinsam eine ablehnende Haltung gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR zu vertreten. Diese Gemeinsamkeit ihrer politischen Haltung bezog sich u. a. auf solche Probleme, dass in der DDR die persönlichen Freiheiten eingeschränkt wären, ungenügende Informationsmöglichkeiten bestünden und das zum Zeitpunkt der Bundestagssitzung in Westberlin durchgeführte gemeinsame Manöver der NVA und der Sowjetarmee die Kriegsgefahr vergrößere.

Besonders Herlemann spielte dabei die Rolle des Wortführers. Er unterbreitete den anderen Studenten auch den Vorschlag, derartige Diskussionen in Zukunft fortzusetzen und als organisatorische Basis eine Studentengruppe zu bilden, in deren Rahmen sie sowie andere noch einzubeziehende Studenten ihre politischen Auffassungen vortragen und diskutieren können. Zu diesen Zusammenkünften sollten auch Professoren eingeladen werden. [Name 1] und [Name 2] erklärten sich damit einverstanden.

In der Zeit von April bis Anfang Oktober 1965 erfolgten in unregelmäßigen Abständen fünf bis sieben derartige Zusammenkünfte. Als Treffort wählten sie ausschließlich Gaststätten in Berlin-Mitte. Die Vereinbarungen für die jeweiligen Zusammenkünfte erfolgten bei entsprechenden Begegnungen in der Universität. Während Herlemann an allen Zusammenkünften teilnahm, waren [Name 2] bei drei und [Name 1] bei vier solcher Treffen anwesend. An zwei Zusammenkünften nahmen die Studentin [Vorname Name 3] und der Student [Vorname Name 4] auf Einladung von Herlemann teil.

Diese Zusammenkünfte verfolgten den Zweck, Aufbau und Ziele der zu bildenden Studentengruppe zu erarbeiten. Herlemann vertrat dabei die Auffassung, einen »Studentenbund« als organisatorische Plattform zur Verbreitung der gegen die DDR gerichteten Auffassungen zu schaffen. Ziel sollte es sein, durch Aktionen gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR an die Öffentlichkeit zu treten. Zu diesem Zweck erklärte er sich z. B. bereit, während der Kundgebung am 1. Mai 1965 ein Plakat mit der Aufschrift »Mehr Meinungsfreiheit für die Studenten« über den Marx-Engels-Platz zu tragen. Weiter forderte er die Organisierung von Studentendemonstrationen und Unterschriftensammlungen, in denen gegen die DDR gerichtete Forderungen erhoben werden sollten. Außerdem schlug er vor, eine Verbindung zum westdeutschen Allgemeinen Studentenausschuss (ASTA) herzustellen, wozu er sich selbst erbot. Alle Vorschläge des Herlemann hinsichtlich der Organisierung direkter feindlicher Aktionen stießen bei den Teilnehmern dieser Zusammenkünfte auf Ablehnung, weil sie an der Schaffung eines »legalen« Studentenbundes interessiert waren.

[Name 1] und [Name 2] vertraten dazu die Vorstellung, an der Humboldt-Universität eine zur FDJ in »Opposition« stehende offizielle Studentenorganisation zu gründen, in deren Rahmen öffentliche Diskussionen und Foren zu aktuellen politischen Problemen stattfinden sollten. Dazu sollten auch Professoren der Humboldt-Universität und Professoren von westdeutschen Universitäten eingeladen werden.

Für diese Studentenorganisation wurden verschiedene Namen wie »Liberalerer Studentenbund«, »Demokratischer Studentenbund« und »Freier Studentenbund« vorgeschlagen, wobei über den letztgenannten Namen eine Einigung erzielt wurde. Zur Pflege »studentischer Traditionen« sollten die Mitglieder der Gruppe als äußerliches Kennzeichen Studentenmützen tragen und der Studentenbund eine Vereinsfahne besitzen.

Während Herlemann vorschlug, die Bildung eines Studentenbundes durch eine größere Versammlung von Studenten im Marx-Engels-Auditorium2 der Humboldt-Universität einzuleiten, zu welcher er einen Vortrag mit dem Thema »Freiheit, die wir meinen« halten wollte, vertraten die anderen Teilnehmer die Meinung, diese Vorstellungen zur Bildung eines Studentenbundes erst in den Seminargruppen zu erläutern.

Zur Überprüfung der legalen Möglichkeiten zur Verwirklichung ihrer Pläne, setzten sich Herlemann, [Name 2] und [Name 4] am 25.5.1965 mit Frau Prof. Dr. Voderberg,3 Direktor des Instituts für Botanik an der landwirtschaftlich-gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität, in Verbindung, der sie ihre Vorstellungen über die Gründung eines Studentenbundes darlegten. Frau Prof. Dr. Voderberg riet ihnen jedoch von der Bildung einer solchen Organisation ab und forderte sie auf, sich im Rahmen der FDJ zu betätigen. Da sie mit dieser Empfehlung nicht einverstanden waren, führten Herlemann, [Name 1] und die Studentin [Name 3] am 13.10.1965 mit Prof. Dr. Herbst,4 Direktor des Instituts für Zoologie an der landwirtschaftlich-gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität, eine Aussprache, in der sie ihm ebenfalls ihre Pläne zur Bildung eines Studentenbundes vortrugen. Prof. Dr. Herbst wies sie gleichfalls mit dem Hinweis ab, sich in der FDJ zu betätigen. Seit diesem Zeitpunkt fanden keine weiteren Absprachen zwischen den Teilnehmern dieser Zusammenkünfte statt.

In der bisherigen Untersuchung konnten auch keine Anhaltspunkte dafür erarbeitet werden, dass weitere aktive Maßnahmen zur Verwirklichung des Vorhabens getroffen und weitere Studenten zur Beteiligung angesprochen wurden.

Zu Herlemann wurde durch die Untersuchungen bekannt, dass er bereits während seines Besuches an der Oberschule in Barby in Diskussionen mit Schülern sowie gegenüber den Lehrern provokatorisch auftrat und deswegen 1957 von der Oberschule verwiesen wurde.

Trotzdem wurde er zum Studium an der Fachschule »Justus von Liebig« in Magdeburg zugelassen. Während seines Studiums in der Zeit von 1960 bis 1963 hetzte er insbesondere gegen die Grenzsicherungsmaßnahmen vom 13.8.1961. Nachdem er im Februar 1965 an der landwirtschaftlich-gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität immatrikuliert worden war, suchte er sofort Kontakt zu gleichgesinnten Studenten mit dem Ziel, eine organisatorische Plattform für sein weiteres feindliches Auftreten zu schaffen.

Für die politische Haltung des Herlemann ist z. B. die folgende Bemerkung charakteristisch, die er in einem sichergestellten Brief an einen ihm bekannten Studenten machte: »Zwischen mir und dem Zonenkommunismus kann es keine Koexistenz geben«.

Bei der Wohnungsdurchsuchung des Herlemann wurden auch mehrere Hetzschriften älteren Datums (»Der Sozialdemokrat«, »Presserundschau«,5 »Die neue Klasse«6 u. Ä.) sichergestellt.

Weiter wurden bei den Festgenommenen eine große Anzahl Briefe und andere schriftliche Aufzeichnungen sichergestellt, die noch entsprechend ausgewertet werden müssen.

Gegen Herlemann, [Name 1] und [Name 2] wurden wegen dringenden Verdachts der staatsgefährdenden Propaganda und Hetze Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Weitere Untersuchungen werden durch das MfS geführt. Nach Vorliegen neuer, über die vorliegende Information hinausgehender Untersuchungsergebnisse wird nachberichtet.

  1. Zum nächsten Dokument Festnahme eines österreichischen Fluchthelfers
    29. Oktober 1965
    Einzelinformation Nr. 961/65 über die Festnahme eines österreichischen Staatsangehörigen wegen Beihilfe zur Schleusung eines Bürgers der DDR nach Westberlin
  2. Zum vorherigen Dokument Kontaktaufnahme von Grenzsoldaten zu westdeutschen Zivilisten
    26. Oktober 1965
    Einzelinformation Nr. 946/65 über Kontaktaufnahmen von Angehörigen der 3. Grenzkompanie Probstzella (Grenzregiment Zschachenmühle, 13. Grenzbrigade Rudolstadt, Bez. Gera) zu westdeutschen Zivilpersonen