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Vorkommnis auf dem S-Bahnhof Westkreuz

11. Januar 1965
Einzelinformation Nr. 23/65 über ein besonderes Vorkommnis auf dem Bahnhof Westkreuz

Am 9.1.1965 traten auf dem Bahnhof Westkreuz mehrere Personen provozierend auf, wobei es zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen diesen Personen und Angehörigen der Bahnpolizei1 sowie zum Eingreifen der Westberliner Polizei kam.2 Über die Vorgänge ist bis jetzt – im Gegensatz zu westlichen Pressemeldungen – Folgendes bekannt geworden:

Gegen 13.30 Uhr kam es am Kiosk auf dem Bahnsteig C des Bahnhofes Westkreuz zwischen mehreren Reisenden zu einem Streit. Die von der Aufsicht herbeigerufene Streife der Bahnpolizei stellte fest, dass ein etwa 20 bis 25 Jahre alter und leicht angetrunkener Mann mehrere Personen anpöbelte, und trennte die Streitenden. Nachdem die betreffende männliche Person auf Verlangen der Kiosk-Verkäuferin ihre Zeche bezahlt hatte, wurde sie von der Streife der Bahnpolizei aufgefordert abzufahren bzw. den Bahnhof zu verlassen. Nach dieser Aufforderung trennte sich die Streife der Bahnpolizei von dem dortigen Personenkreis und beobachtete vom Dienstraum der Aufsicht aus das weitere Geschehen.

Da die zum Verlassen des Bahnhofes aufgeforderte männliche Person mit dem nächsten Zug nicht abfuhr, wurde sie von der Streife der Bahnpolizei erneut zum Verlassen des Bahnhofes aufgefordert.

Diese Person begab sich daraufhin bis zur Aufgangstreppe, wobei ihr die Bahnpolizeistreife folgte. Zu diesem Zeitpunkt fuhr ein Zug aus Richtung Sonnenallee im Bahnhof ein. Von den aussteigenden Reisenden rief eine weibliche Personen: Hier wird einer verschleppt, lass dich nicht verschleppen! Die betreffende männliche Person drehte sich daraufhin um, stieß die Angehörigen der Bahnpolizei zur Seite und schrie: »Helft mir doch Westberliner, sie wollen mich verschleppen!« Die Angehörigen der Bahnpolizei versuchten diese Person zu beruhigen, hielten sie dabei allerdings am Arm fest.

Zu diesem Zeitpunkt kam eine weitere Streife der Bahnpolizei hinzu. Einer der beiden hinzugekommenen Bahnpolizisten entnahm aus der Haltung der umstehenden Reisenden, dass es zu weiteren Auseinandersetzungen kommen könnte, verständigte vom Dienstraum aus über die Wache die Westberliner Polizei und begab sich zur Treppe zurück. Die provokatorisch aufgetretene männliche Person beruhigte sich und begab sich freiwillig, gefolgt von einer Streife der Bahnpolizei, zum Ausgang in Richtung der Bahnpolizeiwache. Ihnen folgten ca. 30 weitere Personen, die die Angehörigen der Bahnpolizei als »Kommunistenschweine, Schläger« usw. beschimpften.

Unmittelbar danach – die Westberliner Polizei war noch nicht eingetroffen – wurden die Angehörigen der Bahnpolizei von einigen der ihnen gefolgten Personen tätlich angegriffen. Bei dem Versuch einen Angriff abzuwehren, verletzte sich einer der abseits stehenden Bahnpolizisten (Einschlagen einer Fensterscheibe) und musste in der Poliklinik West ärztlich behandelt werden. Während dieser Auseinandersetzungen versuchte die sich angesammelte Menge die festgehaltene männliche Person der Streife der Bahnpolizei zu entreißen. Als gegen 14.12 Uhr zwei Westberliner Polizisten (Funkwagen) eintrafen, riss sich diese Person los und zerschlug dabei eine Türscheibe, wurde jedoch von den Westberliner Polizisten festgehalten.

Nachdem zwei Bahnpolizisten den Westberliner Polizisten den Verlauf geschildert hatten, forderten die Westberliner Polizisten Verstärkung an. Es erschienen ein weiterer Funkwagen (2 Polizisten) und ein Mannschaftswagen (4 Polizisten). Sechs Westberliner Polizisten betraten die Bahnpolizeiwache. Nachdem eine an den Tätlichkeiten beteiligte weibliche Person erklärt hatte, gegen einen der Bahnpolizisten Strafantrag zu stellen, forderten die Westberliner Polizisten von den Angehörigen der Bahnpolizei die Personalien, die ihnen – nach anfänglicher Weigerung – auch gegeben wurden. Gegen eine weitere Person, die ebenfalls an den Tätlichkeiten beteiligt war und im Beisein der Westberliner Polizisten die Angehörigen der Bahnpolizei als »Abschaum der Transportpolizei« bezeichnete, griff die Westberliner Polizei nicht ein. Die Menschenansammlung hatte sich in der Zwischenzeit aufgelöst. Die sechs Westberliner Polizisten verließen gegen 14.25 Uhr die Wache der Bahnpolizei und wenige Minuten später den Bahnhof, wobei sie vier männliche Personen, die leicht angetrunkene Person und die provozierende weibliche Person mitnahmen. Der leicht angetrunkene Mann, der den Vorfall ausgelöst hatte, war von der Bahnpolizei der Westberliner Polizei mit entsprechendem Protokoll übergeben worden.

Wie berichtet wird, wurde von der Transportpolizei/Abt. K3 der DDR inzwischen ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Mit den beteiligten Bahnpolizisten erfolgte eine entsprechende Auswertung. Außerdem ist seitens der zuständigen Dienststelle der Reichsbahn vorgesehen, dieses Vorkommnis in allen Bahnpolizeiwachen auszuwerten, um in Zukunft ein richtiges Auftreten und Verhalten der Bahnpolizeistreifen zu gewährleisten.

  1. Zum nächsten Dokument Großbrand im Kombinat Schwarze Pumpe
    12. Januar 1965
    Einzelinformation Nr. 29/65 über einen Großbrand im Druckgaswerk des Kombinates Schwarze Pumpe im Kreis Hoyerswerda, [Bezirk] Cottbus, am 12. Januar 1965
  2. Zum vorherigen Dokument Private Reisen von DDR-Rentnern in die Bundesrepublik
    6. Januar 1965
    Bericht Nr. 11/65 über die Tätigkeit des Gegners gegen den Beschluss des Ministerrats der DDR über private Besuchsreisen von im Rentenalter stehenden Bürgern der DDR nach Westdeutschland und Westberlin und über damit im Zusammenhang bekannt gewordene Stimmungen und Erscheinungen