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DDR-feindliches Auftreten tschechoslowakischer Journalisten in Dresden

8. April 1968
Einzelinformation Nr. 385/68 über das DDR-feindliche Auftreten tschechoslowakischer Journalisten in Dresden

Am 5.4.1968 erschienen in der Bezirksdirektion Dresden des Deutschen Reisebüros zwei Journalisten aus Ústí und ein Reporter des Prager Rundfunks und baten den Direktor der Bezirksdirektion um ein Interview.

Bei den beiden Journalisten handelt es sich um [Name 1, Vorname], geboren [Tag, Monat] 1921, wohnhaft in Ústí, [Straße, Nr.], gehört zur Redaktion des Kreisorgans der KSČ1 »Pruboj«, und Sieredzki, Jan,2 geboren 7.3.1913, wohnhaft in Ústí, [Straße, Nr.], Kreisredakteur der deutschsprachigen »Volkszeitung«.3 Die Personalien des Prager Rundfunkreporters sind: [Name 2, Vorname], geboren [Tag, Monat] 1929, wohnhaft in Teplice.4

Als Wortführer trat Sieredzki auf. Es handelt sich um den gleichen Redakteur, der in Ústí den Direktor und Parteisekretär des DDR-Zirkus »Berolina«,5 Scheel6 und Hertel,7 und den Intendanten der Landesbühnen Dresden-Radebeul, Karl Hoffmann,8 speziell über ihre Meinung zur Äußerung9 Genossen Prof. Hagers10 interviewt hatte. Der angebliche Wortlaut des Interviews wurde in der »Volkszeitung« vom 5.4.1968 (erscheint als Wochenblatt vor dem aufgedruckten Datum) und in der »Süddeutschen Zeitung« vom 5.4.1968 veröffentlicht.11

Der Anlass des Besuches der Redakteure, die Ursachen für den Rückgang der Schiffsreisen von Bad Schandau nach Děčín zu erfahren, war offensichtlich fingiert, denn in der Hauptsache äußerten sie sich über die Ereignisse in der ČSSR,12 verbunden mit Angriffen gegen die DDR.

Nachdem die gestellte Frage über die Schiffsreise beantwortet worden war (Bedarf gedeckt, jahreszeitlich bedingt, Hinweis auf erzielte Steigerung in den letzten Jahren, geplante weitere Steigerung), äußerten beide Redakteure: Fast jeder zweite DDR-Bürger, der in die ČSSR einreist und dort angesprochen wird, bringe zum Ausdruck, dass »etwas in der Luft liegen« würde und die Einstellung des Reiseverkehrs nach der ČSSR befürchtet werden müsse. Als ihm geantwortet wurde, dass es sich hier um Parolen des Rias, des NDR und von Radio Luxemburg handeln würde, erklärte Sieredzki, dass er der gleichen Meinung sei, jedoch möchte er auch sagen, dass Prof. Hager dem Rias einen »großen Bärendienst erwiesen« habe. Prof. Hager habe »das tschechische Volk diskriminiert und beleidigt«, indem er seine Ausführungen »auf eine Stufe stellte wie zur Zeit des Faschismus«. Die gesamte tschechische Bevölkerung sei über diese »Bevormundung« und »Einmischung« in die Angelegenheiten der ČSSR sehr empört.

Nachdem die beiden tschechoslowakischen Redakteure auf die Aufforderung an Prof. Hager, in einem Rundtischgespräch vor ČSSR-Journalisten Stellung zu nehmen, und auf den »Austausch von Protestnoten auf Botschafterebene« hingewiesen hatten, bezeichnete Sieredzki den von Prof. Hager »angegriffenen« Smrkovský13 als einen »Volkshelden«. Prof. Hager habe mit seinen Ausführungen »der Springer-Presse einen großen Dienst erwiesen«.

Weiter brachte er seine »Empörung« darüber zum Ausdruck, dass in die DDR verschickte deutschsprachige ČSSR-Zeitungen von den Zollorganen der DDR beschlagnahmt würden und die DDR-Presse über die »tatsächliche Revolution« in der ČSSR, die wieder dort beginne, wo sie vor 20 Jahren aufgehört habe, »nicht richtig« informiere. Dabei verstieg er sich bis zu der Behauptung, dass die DDR genauso schlecht informiere wie die ČSSR-Presse in den letzten 20 Jahren und die SED werde dafür eines Tages »so bezahlen müssen, wie das in der ČSSR der Fall ist«. Die Formulierung, »die Partei hat immer Recht und sagt immer die Wahrheit«, entspreche nicht den Tatsachen.

Die ČSSR-Journalisten hatten abschließend geäußert, dass sie einen namentlich noch nicht bekannten Kammersänger in Dresden-Wachwitz, das Theater der Jungen Generation und die Landesbühnen Dresden-Radebeul besuchen wollten. Nähere Einzelheiten sind darüber noch nicht bekannt.

Nach ihrem Aufenthalt in Dresden begaben sich die genannten drei ČSSR-Journalisten in den Bezirk Karl-Marx-Stadt, wo sie am 6.4. etwa gegen 10.00 Uhr, als sie in Karl-Marx-Stadt einen Stadtbummel unternahmen, vom Chefredakteur des Bezirksorgans »Freie Presse«, Genossen Vondrak, zufällig gesehen wurden. Genosse Vondrak kennt Sieredzki aufgrund der vorhandenen journalistischen Verbindungen als Redakteur aus Ústí und hat ihn angesprochen.

Nach dem Grund ihres Aufenthaltes befragt, erklärten die drei Journalisten, dass sie aus Dresden gekommen seien, dort Interviews gemacht hätten und sich jetzt in Karl-Marx-Stadt umsehen wollten. Vondrak lud sie daraufhin für 11.00 Uhr zu einer Diskussion in die Redaktion ein. Dieser Einladung war zunächst Sieredzki gefolgt. Die beiden anderen erschienen etwa 45 Minuten später.

Die ČSSR-Journalisten erklärten, bereits am 5.4. in Karl-Marx-Stadt angekommen zu sein und bei [Vorname Name 3] in Niederwiesa (Mitarbeiter der »Freien Presse« und vorher LPG-Vorsitzender in Niederwiesa) übernachtet zu haben. In der Wohnung des [Name 3] spielten sie die in Dresden auf Tonband aufgenommenen Interviews ab.

Im Verlaufe des Gesprächs in der Redaktion wurde den ČSSR-Journalisten angeboten, sie bis zur Grenze zu begleiten, was von ihnen kategorisch abgelehnt wurde, mit der Begründung, sie wollen sich erst noch in Karl-Marx-Stadt umsehen. Ein weiteres Angebot, ihnen dabei behilflich zu sein, wurde ebenfalls zurückgewiesen.

Die Journalisten wurden bewirtet und befanden sich zuletzt – bis auf einer dieser Journalisten, der das Kfz fährt – in angetrunkenem Zustand. Gegen 19.00 Uhr verließen sie die Redaktion mit der Bitte, ein Abstimmungslokal besichtigen zu können.

Nachdem ihnen das gestattet wurde, begaben sie sich gegen 19.13 Uhr in das Abstimmungslokal in der Straße der Nationen, das sie aber aufgrund des nur noch geringen Betriebes bald wieder verließen, ohne dass es zu Vorkommnissen kam.

19.30 Uhr verließen sie über die Autobahn Karl-Marx-Stadt und 21.28 Uhr über die GÜSt Zinnwald die DDR.

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    8. April 1968
    Einzelinformation Nr. 389/68 über einen Waffendiebstahl und beabsichtigte Fahnenflucht durch drei Angehörige der 1. mot. Schützendivision der NVA, Artillerieregiment 1 Klietz
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    6. April 1968
    Einzelinformation Nr. 383/68 über die Republikflucht des Chefkonstrukteurs Werth vom VEB Kranbau Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/O.