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Tagung des Zentralausschusses des ÖRK in Genf

15. September 1976
Information Nr. 641/76 über die Tagung des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen vom 10. August bis 18. August 1976 in Genf

Dem MfS wurden nachstehende bemerkenswerte Einzelheiten über den Verlauf der Tagung des Zentralausschusses (ZA) des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) bekannt.1 Von den dem ZA angehörenden 140 Mitgliedern nahmen an der Tagung in Genf 122 Mitglieder teil. (Der ZA ist das Leitungsorgan des ÖRK zwischen den jeweils im Abstand von sieben Jahren stattfindenden Vollversammlungen.)

Aus der DDR nahmen die Mitglieder des ZA Bischof Dr. Hempel (Dresden), Kreiskatechetin Waltraud Peper (Bernburg), Ludwig Franke (Apolda) teil.

Neben den Mitgliedern des ZA waren zur Tagung Berater und Gäste geladen, zu denen u. a. Oberkirchenrat Pabst (Berlin) gehörte.

Diese Tagung erlangte als erste Tagung nach der Vollversammlung des ÖRK in Nairobi 19752 Bedeutung, da von ihr eine Positionsbestimmung der künftigen Arbeit des ÖRK erwartet wurde.

Die Tagung wurde vom Vorsitzenden des ZA des ÖRK, Erzbischof W. Scott (Anglikanische Kirche Kanadas) geleitet. Zur Debatte standen folgende Probleme:

  • Bericht des Generalsekretärs über die geleistete Arbeit des ZA,

  • Bericht des Generalsekretärs über seine Beratungen hinsichtlich der Rolle der Kirchen in den Signatar-Staaten der KSZE,

  • Programmvorhaben des ÖRK,

  • Resolutionsentwürfe zu internationalen Problemen (Südafrika, Zypern, Äthiopien, Uganda),

  • Empfehlungen zur Untersuchung zu Fragen der Menschenrechte.

Reaktionäre kirchliche Kreise des Westens erwarteten aufgrund der von ihnen in Nairobi geforderten »kritischeren« Haltung des ÖRK zur »Verletzung der Menschenrechte in sozialistischen Ländern«, dass diese angeblichen – besonders der Sowjetunion angelasteten – Verletzungen in Genf behandelt werden. Es ist jedoch festzustellen, dass diese Erwartungen in den offiziellen Tagungsdokumenten keinen Niederschlag fanden.

Zu Fragen der Menschenrechte wurde von Dr. Potter (Generalsekretär des ZA) – unter Bezugnahme auf die Dokumente der KSZE3– in seinem Bericht ausgeführt:

»Die Kirchen sowohl im Osten als auch im Westen können sich nicht mit Fragen der Religionsfreiheit befassen, ohne gleichzeitig die anderen Realitäten aufzugreifen. Die Kirchen der Signatar-Staaten müssen die gesamte Schlussakte von Helsinki im Lichte der ökumenischen Erkenntnisse in Bezug auf die verschiedenen hier behandelten Themen durcharbeiten. Wir brauchen mehr als ein Kompendium über Menschenrechte und Religionsfreiheit. Wir müssen außerdem die Positionen über Abrüstung, Koexistenz und andere Dinge, die wir schon mindestens seit 1954 in der Vollversammlung von Evanston4 aufgegriffen haben, durchdenken. Religionsfreiheit kann es nur geben, wenn auch die anderen Grundsätze der Schlussakte verwirklicht werden, ebenso wie diese in ihrer Verwirklichung davon abhängig sind, ob Bürger und Gruppen ihre Menschenrechte auch wahrnehmen und somit einen Beitrag zu Détente und Kooperation leisten. Wir, die Kirchen, können nicht verantwortlich zu dieser dialektischen Beziehung Stellung nehmen, ohne uns selbst mit allen hier aufgeworfenen Fragen auseinandergesetzt zu haben.«

Die sachlichen Darstellungen des ÖRK zu Problemen der Menschenrechte wurden besonders von Bischof Lønning (Norwegen) angegriffen, der in der Diskussion im Plenum versuchte, die Religionsfreiheit losgelöst von anderen Menschenrechten zu behandeln.

Intern wurde über die Haltung von führenden Vertretern westeuropäischer und amerikanischer Kirchen, die in Nairobi extrem antikommunistisch und antisowjetisch aufgetreten waren, bekannt, dass sie in Genf im Vergleich mit ihren bisherigen Forderungen nach Untersuchung der Verletzung der Menschenrechte in sozialistischen Ländern zurückhaltender auftraten. Im Einzelnen wurden folgende Äußerungen bekannt:

William Thompson (Lutherischer Weltbund) betonte, die Forderung nach Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen sei für den ÖRK ein fortlaufendes Mandat. Dazu sei eine Beratergruppe zu bilden, die in ständiger Verbindung mit dem ÖRK stehen müsse und kein selbstständiges Organ werden dürfe. Das sei wichtig, da es für den Bereich der Signatar-Staaten der KSZE kein entsprechendes kirchliches Organ gibt. Er äußerte vertraulich, er habe ein realeres Bild von den Kirchen in den sozialistischen Staaten und ihren Problemen erhalten. Im Plenum unterstützte er im Wesentlichen die realistischen Positionen der leitenden ÖRK-Mitarbeiter Potter und Niilus (Direktor der Abteilung für internationale Beziehungen der Kirchen).

Dr. van den Heuvel (Generalsekretär der reformierten Kirche der Niederlande) trat mit Forderungen nach Untersuchungen über Menschenrechtsverletzungen auf. Dabei stellte er mögliche Schwierigkeiten bei der Beurteilung der Menschenrechte wegen des unterschiedlichen Auslegens der KSZE-Schlussakte durch die Signatar-Staaten fest. Intern wurde seine Absicht bekannt, in naher Zukunft mit dem Staatssekretär für Kirchenfragen der DDR, Seigewasser, zu Gesprächen zusammentreffen zu wollen. Dabei will er sich der Fürsprache der Pastorin der niederländisch-ökumenischen Gemeinde in Westberlin, Bé Ruys, bedienen. Des Weiteren wurde intern ein enger Kontakt zwischen Heuvel und dem Generalsekretär der Christlichen Friedenskonferenz (CFK),5 Todt, bekannt.

Dr. Jacques Rossel (Schweiz) ging davon aus, dass die Diskussion zu Fragen der Menschenrechte erst beginne und so sachlich wie möglich zu führen sei. Der ÖRK brauche ein besseres Verständnis für die Verhältnisse in den sozialistischen Ländern. Rossel forderte eine Pluralität der Meinungen.

Weiter interessierende Personen vertreten folgende Auffassungen:

André Appel (Frankreich – Präsident der Konferenz Europäischer Kirchen) äußerte, in Staaten, in denen Kirchen keine Probleme haben, stimme etwas mit den Kirchen nicht. Schwierigkeiten müssten sich zwangsläufig vom Evangelium her ergeben. Die zehn Prinzipien von Helsinki müssten im Zusammenhang gesehen werden. Dabei bestehe unter den Kirchen ein ökumenisches Problem, da sie nicht gleichermaßen die Probleme im Blick auf Helsinki verstehen würden.

Prof. Jean Meyendorff (USA) forderte eine Studie in Bezug auf die einschlägigen Gesetze in osteuropäischen Ländern und der Sowjetunion zum Thema »Grundrecht auf Religionsfreiheit«. Für diese Studie sollten alle offiziellen Äußerungen der Signatar-Staaten der KSZE und die dort geltenden Gesetze als Grundlage dienen.

Dr. Heinz-Joachim Held (BRD – Außenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland) führte aus, dass die Frage nach den Menschenrechten »über-europäische Bedeutung« habe. Es gebe ein geistlich-kirchliches Potenzial im Blick auf die Menschenrechte. Es sollte Wert darauf gelegt werden, diese Frage gemeinsam zu lösen. Vorhandene Strukturen und vorhandenes Vertrauen sollten genutzt werden.

Weiter wurde intern bekannt, dass die antikommunistischen, klerikal geprägten Institute

  • Keston College – Zentrum für Studien über Religion und Kommunismus (England),

  • »Glaube in der 2. Welt« (Zürich – Schweiz) und

  • Interakademisches Institut für missiologische und ökumenische Forschung (Utrecht – Niederlande)

verschiedenen Teilnehmern der ZA-Tagung unmittelbar vor Tagungsbeginn eine Dokumentation mit dem Titel »Religiöse Freiheit in der Sowjetunion – ÖRK und UdSSR: eine Nach-Nairobi-Dokumentation« zugeschickt hatten.6

Diese Schrift wurde herausgegeben von Michael Bourdeaux (Keston College), Eugen Voss (»Glaube in der 2. Welt«), Hans Hebly (Institut Utrecht).

Darin werden angebliche Beweise für Menschenrechtsverletzungen in der UdSSR genannt, und es wird darauf verwiesen, das Ziel in Bezug auf die Sowjetunion sei erreicht; jetzt könne die Untersuchung von Menschenrechtsfragen in der ČSSR und Rumänien beginnen.

Diese in englischer Sprache verbreitete »Dokumentation« spielte lediglich in internen Gesprächen eine Rolle. Der Generalsekretär des ÖRK, Potter, nahm zur Verbreitung der »Dokumentation« im Plenum wie folgt Stellung: »Die Verantwortung für diese Aussagen liegt bei den Autoren, nicht beim ÖRK

Mehrfach versuchten Westjournalisten, Vertreter aus der DDR zu antikommunistischen Äußerungen zu provozieren. So wurde u. a. Bischof Dr. Hempel vom SFB-Journalisten Horstmeier die Frage zu seiner Haltung zum »Schießbefehl an der Mauer« vorgelegt. Hempel wies diese Frage zurück.

Dem ZA-Mitglied Ludwig Franke wurden von einem niederländischen Radioreporter Fragen zum Thema Menschenrechte im Sozialismus vorgelegt, auf die Franke im Sinne einer staatsbürgerlich-positiven Haltung antwortete.

Beim Auftreten der DDR-Teilnehmer im Plenum und in anderen Diskussionen wurden keine besonderen Probleme bekannt.

Aus anderen sozialistischen Staaten traten folgende ZA-Mitglieder besonders mit politisch und theologisch positiven Beiträgen hervor:

  • Metropolit Juvenaly, Prof. Borowoy, Bujewski, Kirill (alle UdSSR),

  • Metropolit Pankratij (Bulgarien),

  • Bischof Bartha (Ungarn),

  • Prof. Smolik (ČSSR).

Als Schwerpunktaufgaben werden vom ÖRK gegenwärtig vorbereitet:

  • Weltkonferenz über eine gerechte, partizipatorische und verantwortbare Gesellschaft (1979), wobei vor allem die Funktion von »Glaube, Naturwissenschaft und Technik« im Blick auf eine solche Gesellschaft untersucht werden soll,

  • Abrüstungskonsultation (Frühjahr 1978).

Besondere Bedeutung erhält der Beschluss, ein Studienaktionsprogramm zum Thema »Militarismus und Abrüstung« durchzuführen, dadurch, da auch reaktionäre westliche Kirchenvertreter für ein solches Programm stimmten. Dr. van den Heuvel z. B. sehe damit eine Möglichkeit, konvergenztheoretische »Friedensforschung« im ÖRK zu betreiben und dabei auch die Sowjetunion anzugreifen.

Nach internen Hinweisen über antikommunistische Aktivitäten von Mitarbeitern des ÖRK in der letzten Zeit unterhält u. a. der leitende Mitarbeiter Lukas Vischer ständige Kontakte zum antikommunistischen Institut »Glaube in der 2. Welt« (Küsnacht bei Zürich).7 Von diesem Institut erhielt Vischer drei Wochen vor Beginn der ÖRK-Vollversammlung in Nairobi den an Potter adressierten Brief der Dissidenten Jakunin und Legelsow. Vischer ließ diesen Brief sofort ins Englische übersetzen, stellte Potter jedoch das Original erst unmittelbar vor Beginn der Vollversammlung zu. Potter erfuhr erst in Nairobi, dass der Brief bereits in der Übersetzung unter westlichen Journalisten kursiert.

Nach der Vollversammlung von Nairobi äußerte sich Vischer im Kreis seiner engsten Mitarbeiter, er habe sein Ziel erreicht und damit wohl den endgültigen Bruch zwischen der russisch-orthodoxen Kirche und Potter herbeigeführt. Auch beabsichtigte er damit die im August 1976 auf der Zentralratstagung fällige Mandatsverlängerung für Generalsekretär Potter zu gefährden. Aus dem Leitungskreis des ÖRK wurde intern bekannt, dass Vischer bestrebt ist und alles unternimmt, Generalsekretär des ÖRK zu werden.

Nach Auffassung im innerkirchlichen Bereich sei Vischer jedoch nicht in der Lage, die nötigen Stimmen für seine eventuelle Wahl zum Generalsekretär des ÖRK zusammenzubekommen. Die leitenden Mitarbeiter des ÖRK, Dr. Niilus und Piet Bouman, seien der Auffassung, Potters Position stabilisiere sich gegenwärtig wieder.

Nach ihrer Meinung seien die jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen Potter und der russisch-orthodoxen Kirche beendet. Sie sehen aber als möglichen Anwärter auf den Posten eines Generalsekretärs des ÖRK den Generalsekretär der Niederländisch-Reformierten Kirche, Dr. van den Heuvel.

Diese Information ist wegen Quellengefährdung nur zur persönlichen Kenntnisnahme bestimmt.

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    15. September 1976
    Information Nr. 644/76 über bisherige Ergebnisse der Untersuchung der Ursachen einer Betriebsgefährdung und über weitere Vorkommnisse im VEB Kernkraftwerk »Bruno Leuschner«
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    14. September 1976
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