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Veröffentlichungsvorhaben Anthologie »Berliner Geschichten«

17. Januar 1976
Information Nr. 49/76 über weitergehende Aktivitäten von Schriftstellern der DDR zur Herausgabe der Anthologie »Berliner Geschichten« unter Ausschaltung der Verlagslektoren

Ergänzend zu den Informationen Nr. 788/75 vom 10. November 1975 und Nr. 840/75 vom 25. November 1975 wurde dem MfS zuverlässig bekannt, dass die Schriftsteller Klaus Schlesinger, Ulrich Plenzdorf und Martin Stade auch weiterhin bemüht sind, den Autorenkreis für die Anthologie »Berliner Geschichten« über die 18 bisher beteiligten Autoren hinausgehend zu erweitern.1

Dieser Autorenkreis, um den sich die drei Initiatoren der Anthologie seit Ende 1975 bemühen, wurde offensichtlich unter dem Gesichtspunkt ausgewählt, auch bekannte und profilierte Schriftsteller an der Anthologie zu beteiligen, um die Ausgabe repräsentativer und annehmbarer zu gestalten. Die Organisatoren sind bestrebt, offenbar zur Verschleierung ihrer wahren Absichten, gegenüber den neu zu gewinnenden 24 Autoren in den Hintergrund zu treten. Sie haben deshalb in individuellen Absprachen vorgeschlagen, die Schriftsteller Kunert, de Bruyn und Klingler mit der Leitung des Vorhabens zu beauftragen. Bei Ablehnung durch die Vorgenannten wollen sie das Vorhaben jedoch selbst verantwortlich realisieren.

Dem MfS wurde intern bekannt, dass nach Absprache zwischen Schlesinger, Plenzdorf und Stade außer den 18 bisher an der Anthologie beteiligten Autoren folgende Schriftsteller zur weiteren Beteiligung an dem Projekt gewonnen werden sollen:

  • Seghers, Anna – Berlin

  • Kohlhaase, Wolfgang – Berlin

  • Rücker, Günter – Berlin

  • Jakobs, Karl-Heinz – Berlin

  • Wolf, Christa – Potsdam

  • Wolf, Gerhard – Potsdam

  • Müller, Heiner – Berlin

  • Mickel, Karl – Berlin

  • Kirsch, Sarah – Berlin

  • Kirsch, Rainer – Berlin

  • Czechowski, Karl-Heinz – Halle

  • Braun, Volker – Berlin

  • Seyppel, Joachim – Berlin

  • Brasch, Thomas – Berlin

  • Berger, Friedemann – Weimar

  • Rennert, Jürgen – Berlin

  • Branstner, Gerhard – Berlin

  • Franz, Michael – Berlin

  • Krumbholz, Eckart – Berlin

  • Kirsten, Wulf – Weimar

  • Lipowski, Egbert – Michendorf bei Potsdam

  • Paschiller, Doris – Berlin

  • Tramp, Wolfgang – Berlin

  • Walther, Joachim – Berlin

Aus intern bekannt gewordenen Äußerungen des Schriftstellers Stade geht hervor, dass einige Beiträge von neu hinzugekommenen Autoren eventuell noch im Januar 1976 erwartet werden.

Den neu hinzukommenden Autoren gegenüber sollten zunächst keine Angaben über die Zielstellung des Projekts – Schaffung eines druckfertigen Manuskriptes und ultimative Übergabe an einen Verlag lediglich zur drucktechnischen Herstellung und Auslieferung bei »Nichtanerkennung der Zensur« – gemacht werden, und sie sollen erst nach ihrer Zustimmung Einsicht in das bisher vorliegende Manuskript erhalten.

Dem MfS wurden intern Einzelheiten über eine am 10. September 1975 im Klub der Kulturschaffenden »Johannes R. Becher« Berlin unter der Leitung von Plenzdorf, Schlesinger und Stade stattgefundene Beratung zum Stand der Realisierung des Vorhabens bekannt, zu der alle zu diesem Zeitpunkt 18 beteiligten Autoren Einladungen erhalten hatten. Außer den drei Genannten waren erschienen: Elke Erb, Günter Kunert, Jürgen Leskien, Paul Gratzik, Hans-Ulrich Klingler, Gert und Heidemarie Härtl, die zu diesem Zeitpunkt auch von allen 18 Erzählungen Kenntnis hatten.

Intern wurde dem MfS dazu weiter bekannt, dass bei dieser Zusammenkunft widersprüchliche Auffassungen unter den beteiligten Autoren zum Projekt sichtbar wurden. Während die Organisatoren an ihrer Zielstellung festhielten, erklärten Günter Kunert und Jürgen Leskien, sie würden sich nur unter der Bedingung weiter am Projekt beteiligen, wenn es entsprechend den geltenden Kriterien einem DDR-Verlag angeboten und vorher im Bezirksverband Berlin des Schriftstellerverbandes der DDR, wie bei solchen Vorhaben üblich, offiziell bekannt gegeben wird.

Gert und Heidemarie Härtl dagegen äußerten, ihnen seien Verlauf und Charakter dieser Beratung nicht »aggressiv« genug. Falls die anfangs beabsichtigte Zielstellung dieser Anthologie nicht beibehalten werde, würden sie ihre Beiträge zurückziehen. Im internen Kreis vertraten sie die Auffassung, mit der Beteiligung weiterer Schriftsteller an der Anthologie sei eine »Verwässerung und Verschleppung« des Vorhabens verbunden.

Nach der Beratung am 10. September 1975 wurde von Plenzdorf, Schlesinger und Stade ein Protokoll gefertigt und als intern zu behandelnder »Rundbrief« allen bis zu diesem Zeitpunkt am Vorhaben beteiligten Autoren zugesandt. In diesem Protokoll sind die weiteren Absichten der Organisatoren als »Beschluss« der an der Beratung teilgenommenen Autoren formuliert:

  • 1.

    Das bisher vorliegende Manuskript wird keinem Verlag angeboten.

  • 2.

    Die Diskussion um einzelne Beiträge ist aufzuschieben.

  • 3.

    Folgende weitere Autoren sind zur Beteiligung an der Anthologie einzuladen. (Es folgt eine Aufstellung der in der Information bereits genannten 24 Namen.)

  • 4.

    Den neu hinzukommenden Autoren [ist] erst nach ihrer Zustimmung das vorliegende Manuskript zur Einsicht zu geben.

  • 5.

    Die nächste Zusammenkunft der Beteiligten [ist] am 5. März 1976 durchzuführen.

  • 6.

    Eine Presseerklärung [ist] zu formulieren und sie im Mitteilungsblatt des Schriftstellerverbandes zu veröffentlichen.

Zur Haltung und Reaktion an der Anthologie beteiligter Autoren bei der weiteren Entwicklung des Vorhabens liegen dem MfS bemerkenswerte interne Informationen vor: Unmittelbar nach der vom Gen[ossen] [Helmut] Küchler, Sekretär der Parteiorganisation im Bezirksschriftstellerverband Berlin, am 9. Dezember 1975 mit Ulrich Plenzdorf (Mitglied der SED und des Vorstandes des Bezirksschriftstellerverbandes Berlin) geführten Aussprache informierte Plenzdorf den parteilosen Schlesinger über den Inhalt der Aussprache. Dabei äußerte er Genugtuung darüber, dass die 18 beteiligten Autoren bisher über das Projekt geschwiegen hätten und er dem Gen[ossen] Küchler die von diesem mit dem Vorhaben befürchteten Absichten habe »ausreden« können.

Über vom Genossen Küchler nach Angaben Plenzdorfs angeblich [gemachte] Äußerungen über den Charakter der Anthologie wie »Konkurrenzunternehmen zur Parteitagsanthologie« oder »hochgefährliches Komplott« machte sich Plenzdorf lustig.

In der Vorstandssitzung des Bezirksschriftstellerverbandes Berlin am 10. Dezember 1975 äußerte Plenzdorf, mit dem 6. Plenum 1972 habe eine Modifizierung der Kulturpolitik der SED begonnen, die auf eine Zurücknahme der Beschlüsse des VIII. Parteitags hinauslief, was »er selbst am eigenen Leibe verspürt« habe.2

Martin Stade bestärkte nach der Beratung am 10. September 1975 in einem individuellen Gespräch mit Gert Härtl diesen in seiner aggressiv-feindlichen Haltung im Zusammenhang mit der weiteren Realisierung des Vorhabens. Stade hatte es als Mitorganisator der Anthologie übernommen, solche Autoren für die Anthologie zu gewinnen, die ihm aus der Zeit des gemeinsamen Studiums am »Johannes-R.-Becher-Institut« Leipzig als politisch indifferent bis negativ bekannt waren, darunter Gert und Heidemarie Härtl, Hans-Ulrich Klingler, Paul Gratzik.3

Nach vorliegenden internen Informationen haben sich einzelne der beteiligten Autoren nach Kenntnis des Gesamtmanuskriptes und besonders im Ergebnis der mit ihnen geführten Aussprachen vom Vorhaben distanziert.

So äußerten die Autoren Uwe Kant und Jürgen Leskien (deren Beiträge zur Anthologie keine negativen Aspekte enthalten und die – wie auch Günter Kunert, Paul Gratzik und Fritz-Rudolf Fries – von den Organisatoren anfänglich nicht in die Zielstellung des Vorhabens eingeweiht wurden) in individuellen Gesprächen, sie seien bereit, sich sofort vom Vorhaben zurückzuziehen.4

Ähnlich reagierte auch Rolf Schneider nach einem Gespräch mit dem Stellvertreter des Ministers für Kultur, Genossen Höpcke, am 27. November 1975. Im Dezember 1975 erklärte er jedoch internen Hinweisen zufolge anderen Personen gegenüber, das Manuskript sei eigentlich harmlos.

Intern ist bekannt, dass die Organisatoren auch weiterhin an ihrem Vorhaben festhalten, bei Nichtveröffentlichung der Anthologie in der DDR eine Veröffentlichung im »Fischer«- oder im »Rowohlt«-Verlag der BRD, die bereits von der Existenz des Manuskripts Kenntnis hätten, zu realisieren.

Vom MfS wird empfohlen, weitere Aussprachen verantwortlicher Genossen des Partei- oder Staatsapparates mit den Organisatoren und Autoren der Anthologie zu führen mit dem Ziel, diese zu veranlassen,

  • den persönlichen Beitrag mit negativer oder politisch zweifelhafter Aussage zurückzuziehen,

  • den persönlichen politisch abzulehnenden Beitrag gegen einen mit politisch-ideologisch klarer Aussage auszutauschen,

  • sich vom bisherigen Vorhaben zu distanzieren,

  • die Absicht, weitere profilierte Autoren mit progressiven Beiträgen für die Anthologie zu gewinnen, zu unterstützen,

  • sich zur ordnungsgemäßen und den üblichen Normen entsprechenden Zusammenarbeit mit einem Verlag der DDR zu verpflichten,

  • sich für eine Anthologie »Berliner Geschichten« mit politisch-ideologisch klarer Aussage und hoher literarischer Qualität einzusetzen.

Mit solchen Autoren, die Mitglied der SED sind, könnte die Aussprache auf der Grundlage der vom Ministerium für Kultur vorgenommenen Einschätzung der Anthologie geführt werden, wobei eine prinzipielle Klärung ihrer Stellung zur Partei erfolgen könnte.

Die Aussprachen könnten erfolgen:

  • mit Plenzdorf, Ulrich, Berlin (Mitglied der SED, Mitglied des Bezirksvorstandes Berlin des Schriftstellerverbandes der DDR), durch einen Funktionär der Bezirksleitung der SED Berlin,

  • mit Stade, Martin, Rostock (Mitglied der SED, lehnte im Dezember 1975 eine weitere Mitarbeit in seiner Parteiorganisation des Bezirksverbandes Rostock des Schriftstellerverbandes der DDR ab), durch einen Genossen der Bezirksleitung der SED Rostock,

  • mit Schlesinger, Klaus, Berlin (parteilos, Mitglied des Bezirksverbandes Berlin des Schriftstellerverbandes der DDR), durch den Vorsitzenden des Bezirksverbandes Berlin des Schriftstellerverbandes der DDR.

Entsprechend der Funktionen, des politischen Engagements und der Haltung anderer Autoren könnten zweckmäßigerweise zielgerichtete Aussprachen geführt werden

  • durch den Vorsitzenden des Berliner Schriftstellerverbandes der DDR mit de Bruyn, Berlin, parteilos, und mit Schneider, Rolf, Frankfurt/O., parteilos,

  • durch ein Mitglied der Parteileitung des Bezirksverbandes Berlin des Schriftstellerverbandes der DDR mit Kant, Uwe, Berlin, Mitglied der SED und Mitglied des Vorstandes des Berliner Schriftstellerverbandes,

  • durch ein Mitglied des Vorstandes des Bezirksverbandes Dresden des Schriftstellerverbandes der DDR mit Gratzik, Paul, Dresden, parteilos,

  • durch den Leiter des Hinstorff Verlages Rostock mit Fries, Fritz-Rudolf, Frankfurt/O.

Dem MfS liegen weitere interne Hinweise zur politisch-ideologischen Haltung der bisher an der Anthologie beteiligten Autoren, zu deren Stellung zur Anthologie sowie weitere Vorstellungen zum Inhalt der mit bestimmten Autoren zu führenden Aussprachen vor.

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    17. Januar 1976
    Information Nr. 50/76 über die im Zusammenhang mit dem Prozess gegen den kriminellen Menschenhändler und Geheimdienstagenten Schubert stehenden bzw. vorgesehenen Maßnahmen
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    14. Januar 1976
    Information Nr. 38/76 über die Entwicklung der Einnahmen aus der Durchführung des verbindlichen Mindestumtausches für die Zeit vom 5. Januar 1976 bis 12. Januar 1976