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Besetzung des Ostberliner PLO-Büros durch Palästinenser

11. Januar 1977
Information Nr. 20/77 über eine zeitweilige Besetzung des Büros der PLO in der DDR durch in der DDR befindliche Palästinenser am 8.1.1977

Am 8.1.1977, gegen 14.15 Uhr, informierte der Leiter des Büros der PLO in der DDR,1 Koulailat, Nabil, den Posten des Wachkommandos Missionsschutz (WKM) darüber, dass am Nachmittag des gleichen Tages eine Zusammenkunft mit arabischen Studenten im Büro der PLO stattfindet, zu der er 24 Studenten eingeladen habe. Er übergab dem WKM-Posten eine namentliche Aufstellung dieser Personen sowie weitere Namen von Palästinensern, welche das Büro nicht betreten dürften.

Neben diesem offiziellen Hinweis lagen dem MfS Informationen vor, wonach Palästinenser aus Leipzig am 8.1. bzw. 9.1.1977 das Büro der PLO zwecks Klärung von Unstimmigkeiten aufsuchen wollten. Aufgrund dieser Hinweise wurden am Büro der PLO verstärkte Schutzmaßnahmen eingeleitet.

Nachdem am Nachmittag des 8.1.1977 entsprechend den von Koulailat zuvor gegebenen Hinweisen zwei kleineren Gruppen von Palästinensern der Zutritt zum Büro der PLO verwehrt worden war, begaben sich gegen 19.30 Uhr weitere 30 arabische Bürger, aus Richtung S-Bahnhof Berlin-Karlshorst kommend, zum PLO-Büro. Diesen Personen, die sich inzwischen vor dem Eingang des Büros versammelt hatten, wurde entsprechend der Weisung Koulailats mitgeteilt, dass sie das Objekt nicht betreten dürfen und auch von ihm nicht empfangen werden. Trotz dieser Mitteilung hielt sich diese Gruppe von Palästinensern weiter in der unmittelbaren Umgebung des Büros auf.

Gegen 20.40 Uhr erschien der stellvertretende Leiter des Büros der PLO in der DDR, Abu Ashraf, am Eingangstor des Objektes und teilte dem Posten des WKM mit, dass zehn der wartenden Palästinenser der Eintritt gewährt werden sollte. Dieser Bitte wurde nachgekommen. In Begleitung von Abu Ashraf befand sich ein namentlich nicht bekannter arabischer Bürger, der nach kurzer Zeit erneut zum Eingangstor kam und den Posten aufforderte, auch die restlichen Palästinenser einzulassen. Gegen 20.45 Uhr öffnete der Leiter des Büros der PLO ein Fenster im Erdgeschoss des Objektes und forderte die Posten des WKM auf, das Büro zu betreten, um Ordnung und Sicherheit herzustellen.

Entsprechend dieser Aufforderung begaben sich zehn Angehörige des WKM in das Objekt und übernahmen die Sicherung der Räumlichkeiten in der ersten Etage. Bei der Durchführung dieser Sicherheitsmaßnahmen kam es zu kleineren Zusammenstößen mit dort anwesenden Palästinensern. Im Zusammenhang mit der Einleitung der Sicherheitsmaßnahmen wurden sechs Palästinenser aus dem Objekt verwiesen.

Auf Ersuchen Koulailats, seine persönliche Sicherheit und die seiner Familie zu gewährleisten, wurde von Angehörigen des MfS dessen Wohnung betreten. Von Koulailat wurde mitgeteilt, dass seine Ehefrau von dem Palästinenser [Name, Vorname], an der Tür zu den Wohnräumen tätlich angegriffen worden sei. Das gleiche habe dieser auch bei seiner Mutter versucht. Koulailat selbst sollte gewaltsam am Verlassen der ersten Etage gehindert werden, was seine Anhänger durch ihr Eingreifen vereitelt hätten.

Im Interesse der Verhinderung von möglichen tätlichen Auseinandersetzungen begab sich ein verantwortlicher Mitarbeiter des MfS gemeinsam mit dem Genossen Hartmann, verantwortlicher Mitarbeiter im Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen (Komitee für Ausländerstudium), in die erste Etage, wo sich alle Palästinenser befanden. Es konnte festgestellt werden, dass sich alle Anwesenden ruhig und diszipliniert verhielten. Die Besetzung des Büros begründeten sie mit bestehenden Differenzen zwischen ihnen und dem Leiter des PLO-Büros Koulailat. Sie beabsichtigten, eine telefonische Verbindung nach Beirut herzustellen, um die Führung der PLO über die Gründe ihrer Aktion zu informieren. Aufgrund der Sperrung des Telefonanschlusses durch Koulailat kam diese Verbindung nicht zustande.

Der Wortführer der im Büro befindlichen Palästinenser, Dr. Issat Al-Asmar, wurde daraufhin gebeten zu veranlassen, dass die Anwesenden das Gebäude verlassen. Nach einer kurzen Ansprache von Al-Asmar verließen gegen 22.40 Uhr 30 Personen das Objekt des Büros der PLO. In seiner Ansprache, die Al-Asmar in deutscher Sprache hielt, protestierte er gegen die Handlungsweise Koulailats und erklärte den Anwesenden, dass man »auf anderen Wegen« die Führung der PLO über die »Machenschaften« Koulailats informieren werde.

Mit Einwilligung Koulailats wurden gegen 24.00 Uhr, unter seiner persönlichen Teilnahme, durch Mitarbeiter des MfS die Räumlichkeiten des Büros einer Kontrolle unterzogen, um evtl. Terroranschläge auszuschließen.

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    11. Januar 1977
    Information Nr. 21/77 über die Entwicklung der Einnahmen aus der Durchführung des verbindlichen Mindestumtausches für die Zeit vom 2. Januar 1977 bis 9. Januar 1977
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    11. Januar 1977
    Information Nr. 16/77 über feindliche Aktivitäten und in der Öffentlichkeit wirkende Kräfte sowie den tatsächlichen Sachverhalt im Zusammenhang mit der angeblichen Zwangsadoption der Kinder der ehemaligen DDR-Bürger Grübel, Otto, und Grübel, Bärbel