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Brief des französischen Präsidenten an alle Auslandsfranzosen

11. November 1977
Information Nr. 705/77 über einen persönlichen Brief des Präsidenten der Französischen Republik, Giscard d’Estaing, an alle französischen Staatsbürger im Ausland

Wie dem MfS zuverlässig bekannt wurde, sandte der Präsident der Französischen Republik, Giscard d’Estaing, an alle französischen Staatsbürger, die sich im Ausland – darunter auch in der DDR – aufhalten, einen persönlichen Brief, in dem er zur Tätigkeit dieser Bürger Stellung nimmt und darauf hinweist, dass sie künftig an Wahlen in der Französischen Republik teilnehmen können.

Als Anlage übersenden wir Ihnen den Wortlaut des Briefes in französisch und in deutscher Übersetzung.

Anlage 1 zur Information Nr. 705/77 (nicht ediert)

[Brief des französischen Präsidenten]

Anlage 2 zur Information Nr. 705/77

[Brief des französischen Präsidenten Giscard d’Estaing (deutsche Übersetzung)]

Präsident der Republik | 5. September 1977

Madame, Mademoiselle, Monsieur,

Mir ist bekannt, dass es für viele im Ausland lebenden Französinnen und Franzosen schwierig ist, die Tätigkeit ihrer Regierung im Einzelnen zu verfolgen, selbst wenn sie davon nicht direkt berührt werden. Deshalb ergreife ich mit diesem persönlichen Brief die Initiative, um mich an jeden von Ihnen zu wenden.

Als Präsident der Republik erkenne ich besser als irgendjemand, dass die Ausstrahlungskraft Frankreichs und die Leistungen seiner Wirtschaft der Mitwirkung und Dynamik der im Ausland befindlichen Franzosen bedürfen. Da ich während meiner Reisen mit vielen von Ihnen zusammengetroffen bin, kenne ich Ihre Hoffnungen und Schwierigkeiten. Ebenfalls bin ich davon überzeugt, dass die soziale Gerechtigkeit und die Solidarität nicht an unsere Landesgrenzen gebunden sind, sondern für alle Mitglieder der großen französischen Familie Gültigkeit besitzen.

Ich habe mich damit beschäftigt und eine Reihe von Maßnahmen beschlossen, die Ihren speziellen Sorgen betreffend Ihrer beruflichen Tätigkeit, Ihrem Privatleben und Ihrer Verantwortlichkeit als Bürger entsprechen.

Um die daraus resultierenden Vorteile und Rechte nutzen zu können, möchte ich, dass Sie darüber informiert sind.

Ein Ihren Bedingungen besser angepasstes vereinfachtes Steuergesetz ist angenommen worden. Damit wird eine Reihe Ungerechtigkeiten beseitigt, unter denen Sie zu leiden hatten.

Den Franzosen, die zeitweilig oder ständig im Ausland tätig sind, wird ein besserer sozialer Schutz zuteil.

Wenn sie es wünschen, können sie in Zukunft, egal in welchem Land sie ihren Beruf ausüben, den gleichen sozialen Schutz wie in Frankreich beanspruchen.

Wie ich weiß, berührt der dritte Punkt viele von Ihnen: Es handelt sich dabei um die Entwicklung von Bildungsmöglichkeiten junger Französinnen und Franzosen im Ausland. Bedeutende finanzielle Anstrengungen sind zur Erreichung dieses Zieles erforderlich, da 1977 zum ersten Mal in unserer Geschichte der durchschnittliche Aufwand des Staates für jedes Schulkind im Ausland gleich dem für das Schulkind in Frankreich sein wird. Das wird fortgesetzt.

Schließlich bin ich bestrebt, dass die außerhalb unserer Grenzen lebenden älteren Personen in zunehmendem Maße von den Bestimmungen über das Mindestalter profitieren. Ab 1. Januar wird eine bedeutende erste Etappe zurückgelegt werden.

Jedoch genügt es nicht, die Lebensbedingungen der Franzosen im Ausland zu verbessern. Sie müssen auch die Möglichkeit haben, ebenso wie Ihre in Frankreich lebenden Landsleute, an den großen Wahlen, die die Zukunft unseres Landes bestimmen, und am nationalen Geschehen besser teilnehmen zu können.

Das ist Ihr Recht. Es ist auch das Interesse der Französischen Gemeinschaft, aus Ihrer bei der Verfolgung des Weltgeschehens gebildeten Meinung Nutzen zu ziehen. Aus diesem Grund lege ich Wert darauf, dass die Abstimmung der im Ausland lebenden Franzosen bei allen großen Wahlen nationalen wie auch europäischen Charakters in größtmöglichem Umfang erleichtert wird.

Für die nächsten Wahlen können Sie sich in die Wahlliste jeder Gemeinde Ihrer Wahl einschreiben, selbst wenn Sie dort nicht wohnhaft sind. Bedingung ist, dass der Ort mehr als 30 000 Einwohner hat.

Ich habe den Wunsch, dass Sie von diesen neuen Verfügungen zahlreich Gebrauch machen und somit Ihrer in der nationalen Gemeinschaft zurückerhaltenden Verantwortung gerecht werden.

Sie sind eine oder einer der Franzosen, von denen mehr als eine Million außerhalb unserer Grenzen leben und die durch Ihre Anwesenheit auf den fünf Kontinenten Frankreich vertreten, was ich als »weltweite Ausdehnung Frankreichs«1 bezeichne. Ungeachtet der Entfernung haben Sie in dieser Eigenschaft das Recht auf Ansehen und Zuneigung der großen französischen Familie.

Es ist Ausdruck dieser Wertschätzung und Zuneigung, dass ich mich an Sie wende und Ihnen damit verbunden persönliches Glück wünsche.

Herzlichst

V. Giscard d’Estaing

  1. Zum nächsten Dokument Lesung Stefan Heyms in Räumen der Evangelischen Kirche in Hirschluch
    11. November 1977
    Information Nr. 706/77 über die am 8.11.1977 von Stefan Heym durchgeführte Buchbesprechung in kircheneigenen Räumen in Hirschluch, Frankfurt/O.
  2. Zum vorherigen Dokument Bekämpfung des Missbrauchs der Transitwege (2)
    10. November 1977
    Information Nr. 665/77 über den Umfang und die bisherigen Ergebnisse der Durchsetzung der Maßnahmen zur Erhöhung der Wirksamkeit des Kampfes gegen den Missbrauch der Transitwege