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Lesung mit Stefan Heym in der Berliner Erlösergemeinde (2)

22. November 1977
Information Nr. 734/77 über Verlauf und Inhalt der am 21.11.1977 in der »Erlöserkirche«, 1134 Berlin, Nöldnerstraße 43, in Anwesenheit des Schriftstellers Stefan Heym durchgeführten Veranstaltung

Der vom Pfarrer der »Barmherzigkeits-Gemeinde«, 113 Berlin, Margaretenstraße 7, Gottfried Gartenschläger, in der »Erlöserkirche« veranstaltete Gesprächskreis zum Thema »Der König-David-Bericht«1 fand am 21.11.1977 im Beisein des Schriftstellers Stefan Heym statt.

Die Veranstaltung wurde im Kirchenschiff der »Erlöserkirche« durchgeführt, begann um 20.00 Uhr und wurde um 21.50 Uhr beendet. Sie war von der verantwortlichen Kirchengemeinde trotz Auflage von zuständigen staatlichen Organen nicht gemäß Veranstaltungsverordnung angemeldet worden.

An der Veranstaltung nahmen ca. 280 bis 300 Personen teil. Vor der Kirche parkten ca. 25 Pkw mit polizeilichen Kennzeichen der Hauptstadt der DDR und je ein Pkw aus den Bezirken Cottbus und Gera. Die Teilnehmer setzten sich aus ca. 40 % Jugendlichen und älteren Jahrgängen zusammen, davon ca. 60 % Männer. Die Mehrzahl waren Angehörige der Intelligenz und Studenten. Der größte Anteil der Jugendlichen waren Angehörige der »Jungen Gemeinde«2 der »Erlöserkirche« und der »Barmherzigkeitskirche«.

Als prominenter Gast war Generalsuperintendent Grünbaum der Einladung gefolgt. Weiterhin waren die Pfarrer Langhammer, »Erlöserkirche«, Kirste, »Barmherzigkeitskirche«, Reimann, Kirchengemeinde Friedrichsfelde anwesend.

Am Gesprächskreis nahmen 15 bis 18 Personen teil. Aus ihren Fragen und Diskussionsbeiträgen war ersichtlich, dass sie mit dem Inhalt des Buches »Der König-David-Bericht« vertraut waren.

Vom Veranstalter wurde moderne Technik benutzt. (Lautsprecher/Verstärker) Heym zeichnete den gesamten Verlauf der Veranstaltung mit Minirekorder auf.

Den Abschluss der Veranstaltung bildete ein Gebet des Pfarrers Gartenschläger zu einem Psalm Davids und die Durchführung einer Kollekte zur Gewährleistung weiterer Gesprächskreise.

Die Teilnehmer verließen einzeln und in kleinen Gruppen die Kirche, die um 22.10 Uhr geschlossen wurde. Vor und in der Nähe der Kirche waren nach der Veranstaltung keine Vorkommnisse feststellbar.

Zum Ablauf der Veranstaltung wurde Folgendes bekannt:

Heym erschien kurz vor 20.00 Uhr gemeinsam mit Pfarrer Gartenschläger in der Kirche und nahm neben dem Altar, auf dem Kerzen brannten, Platz.

Pfarrer Gartenschläger betonte bei der Eröffnung den kirchlich-religiösen Charakter der Veranstaltung und hob das biblisch-historische Anliegen der Auseinandersetzung mit dem Werk Stefan Heyms hervor. Er stellte Heym auf der Grundlage der 1957 bei Reclam erschienen Biographie3 vor und betonte besonders die antifaschistische Vergangenheit Heyms.

Anschließend las Heym das erste und die beiden letzten Kapitel seines Werkes vor.

Die anschließende Diskussion kam nur schleppend ingang, sodass Heym die Frage stellte, welche Erwartungshaltung die Teilnehmer einnehmen würden.

Die folgende Fragestellung war überwiegend sachbezogen und stark religiös geprägt auf die inhaltliche Seite des Buches von Heym ausgerichtet. Es kam weder durch Veranstalter und Teilnehmer noch durch Heym zu offenen und vordergründigen Provokationen. Die Veranstaltung wurde auch nicht für die Entwicklung konträrer Meinungen zum Verhältnis Staat – Kirche oder zur Entfaltung negativ-feindlicher Polemik gegen unsere Gesellschaftsordnung ausgenutzt. Heym war offensichtlich darauf bedacht, sachlich zu bleiben und auf politische Hintergründe nicht einzugehen.

Auf die einleitende Frage, was Heym zu diesem Buch veranlasst habe, antwortete er, u. a. habe das Studium der Bibel Anlass gegeben, wobei er die Impulse für dieses Werk den starken Widersprüchen, die er in der Bibel zu diesem Thema gefunden hätte, entnommen habe.

Generalsuperintendent Grünbaum hielt Heym vor, im Gegensatz zu kirchlichen Kreisen, die sich eng an das biblische Thema halten würden, sei das bei Heym nicht der Fall. In diesem Sinne halte er das Buch »als zu negativ«, in dem z. B. die biblisch-historische Einschätzung König Davids nicht zur Geltung komme.

In zweideutiger Auslegung erklärte ein Diskussionsteilnehmer, es müsse bedacht werden, dass der König (David) über seine Schreiber (Geschichtsschreiber) ein »salomonisches Urteil« gefällt habe, indem er sie »totschweigen« ließ. (Die Auslegung war für die Teilnehmer so zu verstehen, dass in der Gegenwart bestimmte Autoren »totgeschwiegen« werden.)

Weitere Fragen bezogen sich auf die Glaubensgeschichte im Zusammenhang mit der König-David-Darstellung, auf die »Auslegung der Wahrheit« u. a. Die Frage, inwieweit man als »Schreiber« mehrere Meinungen haben könne, beantwortete Heym damit, er kenne viele Leute und ebenso viele Meinungen. Was man dem Buch »für die heutige Zeit als Empfehlung für Handlungen junger Menschen« entnehmen könne, beantwortete Heym in der Richtung, kein Schriftsteller würde fertige Rezepte vermitteln, aber die Fragestellung zeige, dass man sich über die weitere Entwicklung Gedanken mache.

In Beantwortung weiterer sachbezogener Fragen brachte Heym zum Ausdruck, die Literaturkritik in der DDR würde zurzeit »im Argen liegen«. Das Hauptfeuer, auch aus kirchlichen Kreisen, richte sich auf die angeblich nicht biblisch-historisch getreue Darstellung der Rolle und der Person König Davids. Die Kritik in der BRD sei breitgefächerter; das liege sicher daran, weil die BRD-Kritiker ihr Geld selbst verdienen müssten.

Im Zusammenhang mit einer Frage zu seiner Einschätzung der literarischen Entwicklung in der DDR verwies Heym auf seine vor drei Jahren in der BRD erfolgreich herausgegebene Sammlung von Literaturbeiträgen der verschiedensten DDR-Autoren.4 Diese Veröffentlichungen »spräche für sich«. Er plane eine neue Veröffentlichung in der BRD ähnlicher Art, wozu er ca. 70 DDR-Autoren angeschrieben und zustimmende Antworten erhalten hätte.5 Dieses neue Werk wäre qualitativ noch besser und widerspiegle die »positive Entwicklung in der Literaturszene der DDR, die einerseits umfassend gefördert werde, andererseits sich aus widersprüchlichen Haltungen einiger Schriftsteller ergebe«.

Nach der Auflagenhöhe seiner Bücher in der DDR befragt, antwortete Heym, Schriftsteller seien nie mit der erreichten Auflagenhöhe zufrieden; das seien auch Markt- und Papierfragen. Der aus dem Teilnehmerkreis geäußerte Wunsch nach Neuauflage des vergriffenen Buches »König-David-Bericht« wurde mit lautem Klopfen der Zuhörer unterstrichen.

Infolge der fortgeschrittenen Zeit drängte Heym auf den Abschluss des Gesprächskreises. Pfarrer Gartenschläger äußerte zum Abschluss der Veranstaltung, die Zielstellung, größere Klarheit über die Interpretation der Rolle des König David in der biblischen Geschichte zu erlangen, sei erreicht worden. In den nächsten drei Jahren würde kein Anlass für eine Wiederholung des Themas bestehen.

Durch Generalsuperintendent Grünbaum wurde die Veranstaltung als »gut« eingeschätzt. Es habe »keine Zwischenfälle und auch keine komischen Fragen« gegeben; deshalb seien »alle erleichtert«.

Stefan Heym erhielt 150 Mark Honorar.

Die Information ist nur zur persönlichen Kenntnisnahme bestimmt.

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    22. November 1977
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