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Verhalten Manfred Krugs während seiner Konzerttournee

16. Februar 1977
Information Nr. 100/77 über das Verhalten des Manfred Krug während einer Konzert-Tournee durch die DDR

Manfred Krug führte mit dem Günther-Fischer-Quintett1 in der Zeit vom 13.1.1977 bis 4.2.1977 eine DDR-Konzert-Tournee durch.

Er bereiste die Bezirke Karl-Marx-Stadt, Halle, Potsdam, Dresden, Magdeburg, Frankfurt/O. und Erfurt, wo er insgesamt 24 Konzerte gab.

Die Konzerte waren auf der Basis von Verträgen mit der jeweiligen Konzert- und Gastspieldirektion und durch Selbstverträge organisiert. Die Vertragsabschlüsse waren zum Teil schon Mitte des Jahres 1976 erfolgt.

Nach dem MfS vorliegenden Hinweisen trat Krug vor bzw. nach den jeweiligen Veranstaltungen zurückhaltend auf und war offensichtlich bestrebt, öffentlichkeitswirksame und offene provokatorische Äußerungen und Handlungen zu vermeiden.

Es war festzustellen, dass Krug in den einzelnen Veranstaltungen die Reaktionen des Publikums offensichtlich jeweils testete, um sich dann darauf einzustellen. In diesem Zusammenhang zeichnete sich ab, dass Krug bei Publikum, das sich vorwiegend aus intellektuellen Kreisen zusammensetzte, stärkere Reaktionen auf z. T. unterschwellige, andeutungsweise politische Äußerungen – von ihm als sogenannte kleine Gags ausgespielt – erzielte, da dieses Publikum seine Äußerungen »auffing« und mit Applaus quittierte.

Krug, der während seiner Konzerte selbst moderierte, machte in jeder Veranstaltung bei der Ansage des Musiktitels »Der rote Baron« die Bemerkung, dass damit nicht Manfred von Ardenne gemeint sei,2 wobei er – je nach Zusammensetzung des Publikums – unterschiedliche »Heiterkeitsreaktionen« erzielte.

Ebenfalls zogen sich durch jede Veranstaltung bestimmte Anspielungen auf einen Teil der Anwesenden. Krug war, internen Hinweisen zufolge, offensichtlich der Meinung, dass ein Teil der in den Konzerten Anwesenden »geschickte Leute« seien, die nur in der Absicht seine Ausführungen hörten, um ihn »aufs Kreuz zu legen«. In dieser Ansicht wurde er von einer Reihe seiner »Freunde« noch unterstützt. In einem Fall wurde ihm »geraten«, einfach nicht zum Konzert zu erscheinen, um nicht »ins offene Messer zu laufen«. Dieser »Aufforderung« leistete Krug nicht Folge.

Krug äußerte jedoch in jeder Veranstaltung sinngemäß, in seinem Konzert seien immer wieder Menschen anwesend, die sich überhaupt nicht für seine Musik interessieren, sondern aus beruflichen oder dienstlichen Gründen anwesend sein müssten. Danach unterbrach er seine Bemerkungen, um die Reaktion des Publikums abzuwarten. Erfolgte Gelächter oder verständnisvoller Beifall (wie insbesondere in der Veranstaltung in der Bergakademie Freiberg), setzte er dann fort, er meine z. B. die Feuerwehrleute, Hausmeister und dergleichen.

In einem Fall führte er noch an – dabei sein schauspielerisches Talent nutzend, verschmitzt lächelnd und mit halb vorgehaltener Hand: »Die laufen sogar draußen ’rum und passen auf, dass uns niemand aus den Reifen die Luft ablässt.«

Am Schluss der Veranstaltung in Nordhausen, an der 700 Personen teilnahmen, sprach Krug vom Bühnenrand aus lautstark durch das Mikrophon zwei Gäste in der ersten Reihe in beleidigender Form an. Wörtlich sagte er: »Es muss doch direkt anstrengend sein, den ganzen Abend so dazusitzen mit einer langen Fresse und nicht eine Hand zu rühren. Das muss doch direkt wehtun. Sie dürfen das nicht so auffällig machen, das ärgert uns doch hier oben bloß.«

Krug hatte mit diesen Bemerkungen die Funktionäre Fritzschler, Heinz, Stadtrat für Inneres beim Rat der Stadt Nordhausen und Sauer, Lothar, Stadtrat für Handel und Versorgung beim Rat der Stadt Nordhausen, angesprochen. Diese brachten nach der Veranstaltung ihre Empörung über das Verhalten von Krug zum Ausdruck und bewerteten es als persönliche Beleidigung.

In einigen Fällen äußerte Krug unwillig bis beschwerdeführend gegenüber dem Veranstalter, er habe bei einem Teil des Publikums angemessenen Applaus vermisst, und es gefiele ihm nicht, dass nicht alle Veranstaltungskarten »frei verkauft« werden. Die Abgabe von Karten an Betriebskollektive, FDJ-Ordnergruppen usw. hielt er nicht für angebracht.

In diesem Zusammenhang bemerkte er am 3.2.1977 während seines Konzerts im »Theater des Friedens«, Weimar: »Hier gebe ich mein vorletztes Konzert dieser Tournee. Danach wird man von mir lange nichts hören – bis die Karten für meine Konzerte an der Kasse frei erhältlich sind.« Als der Direktor der Konzert- und Gastspieldirektion Erfurt mit ihm zu dieser Bemerkung im Anschluss an das Konzert sprechen wollte, lehnte Krug ein Gespräch ab und behauptete, der Direktor wäre nur gekommen, um ihm zu sagen, er solle »die Schnauze halten«.

In der nächsten Veranstaltung forderte Krug auf, Beifall zu klatschen, »trotz geschenkter Karten«.

Am 4.2.1977 ging Krug während der Veranstaltung in Sömmerda auf die Geschichte der Stadt Sömmerda ein und äußerte u. a., hier sei die Entscheidung des deutsch-dänischen Krieges (im 18. Jahrhundert) gefallen.3 Das sei zugleich »der letzte Krieg gewesen, den wir gewonnen haben«.

Am 31.1.1977 bemerkte Krug während einer Veranstaltung in der Stadthalle Magdeburg, er habe sich den Magdeburger Dom angesehen, für den der Staat ca. 4 Mio. Mark für Werterhaltung ausgegeben hat. Er kenne DEFA-Filme, die auch so viel gekostet haben, die aber niemand sehen würde. Deshalb sei es richtiger, diesen Beitrag für Werterhaltung auszugeben.

Zu einem Vorkommnis kam es nach seinem Konzert am 2.2.1977 in Mühlhausen. Krug begab sich von Mühlhausen am späten Abend nach Erfurt, um im Hotel »Tourist« zu übernachten.

Am Nachmittag hatte er dort für den Abend ein Essen bestellt. Eine Bierbestellung wurde ihm im Hotel »Tourist« vom Barkeeper abgelehnt, wobei die anwesende Hotelleiterin ergänzte, dass Krug aber ein »Herrengedeck«4 erhalten könne.

Krug äußerte: »Das ist nur im Sozialismus möglich, das gibt es überhaupt nicht.« In diesem Zusammenhang machte der ebenfalls anwesende Ehemann der Hotelleiterin, [Name, Vorname], gegenüber Krug die Bemerkung, dass es im Sozialismus auch keine Schweizer Bankkonten gebe. Daraufhin wurde Krug gegenüber [Name] tätlich und schlug ihm mehrmals mit der Faust ins Gesicht und auf den Kopf. Dazu machte Krug die Bemerkungen: »Du Schwein, von wem hast du das, welche Verbrecher haben dir das gesagt. Du Lump, glaub nicht, was die anderen Lumpen hier sagen, das sind alles Verbrecher, die so etwas erzählen.« Durch Anwesende wurde Krug von weiteren Tätlichkeiten abgehalten.5

Laut ärztlichem Gutachten sind bei [Name] Schwellungen im Gesicht aufgetreten. Er hat beim Volkspolizeikreisamt Erfurt Anzeige gegen Krug wegen Körperverletzung gestellt.

Während der ersten Beschuldigtenvernehmung des Krug am 4.2.1977 bei der Deutschen Volkspolizei in Erfurt verhielt sich Krug sachlich und korrekt, bestätigte den Sachverhalt und gab zu, nicht richtig reagiert zu haben. (Weitere Ermittlungsergebnisse liegen gegenwärtig nicht vor.)

Die Konzert-Tournee Krugs wurde mit seinem Auftritt am 4.2.1977 in Sömmerda beendet. Er fuhr am gleichen Abend nach Berlin zurück.

Es wird vorgeschlagen, zu prüfen und gegebenenfalls zu veranlassen, dass durch einen kompetenten Vertreter des Ministeriums für Kultur mit Manfred Krug eine Aussprache geführt und dieser aufgefordert wird, sich jeglicher provokatorischen Äußerungen zu enthalten und sich bei seinen Auftritten entsprechend den Gepflogenheiten anderer Künstler/Kulturschaffender zu verhalten.

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    16. Februar 1977
    Information Nr. 101/77 über die Entwicklung der Einnahmen aus der Durchführung des verbindlichen Mindestumtausches für die Zeit vom 7. Februar 1977 bis 13. Februar 1977
  2. Zum vorherigen Dokument Bestechung von Angestellten der Staatsbank beim Umtausch von Rubeln
    16. Februar 1977
    Information Nr. 98/77 über bekannt gewordene Erscheinungen des ungesetzlichen Geldumtausches durch Bürger der UdSSR in Wechselstellen der Staatsbank der DDR