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»Verhaltensweisen« von Manfred Krug und Armin Mueller-Stahl

23. Mai 1977
Information Nr. 338/77 über weitere Hinweise zu Verhaltensweisen des Krug, Manfred, und des Mueller-Stahl, Armin

In Ergänzung der Information des MfS Nr. 257/77 vom 22.4.1977 über Verhaltensweisen des Krug, Manfred, und des Mueller-Stahl, Armin, wurden dem MfS weitere interne Hinweise über deren Reaktion bekannt. Dazu im Einzelnen:

Die Haltung Krugs nach seinem am 19.4.1977 erfolgten Ersuchen auf Übersiedlung in die BRD hat sich weiter verhärtet. Seine Schwiegereltern, die Genossen Zschelletzschky, Herbert und Charlotte, wohnhaft: Berlin-Weißensee, [Adresse], schätzen nach einer mit ihm am 7.5.1977 geführten Unterredung ein, dass er zurzeit kaum zur Zurücknahme des Übersiedlungsersuchens zu bewegen ist und auch ihr Einfluss nicht ausreichen werde, ihn von seinem Entschluss abzubringen.

Weder eine Aussprache mit dem Minister für Kultur, Genossen Hoffmann, noch ein Gespräch mit dem stellvertretenden Chefredakteur der »Berliner Zeitung«, Dr. Gerstner, hätten ihn in seinem Entschluss schwankend gemacht. Krug habe sich in eine regelrechte Psychose gesteigert, in der er glaubt, dass man eine zielgerichtete Kampagne gegen ihn führe. Er bezweifelt, dass man ihm echt verzeihen wird und glaubt, jetzt gemachte Versprechen würden zu einem späteren Zeitpunkt wieder rückgängig gemacht. Andererseits sieht er sich durch sein Übersiedlungsersuchen bereits »festgelegt« und möchte vor seinen Freunden und Bekannten nicht das »Gesicht verlieren«. Hinzu kommt, dass Krug eine Reihe von Personen aus seinem Bekanntenkreis beeinflusst, seinem Beispiel zu folgen und ebenfalls Übersiedlungsersuchen in die BRD zu stellen. So richtete er am 30.4.1977 an die Schauspielerin Jutta Hoffmann das Ansinnen, aufgrund ihrer ungewissen beruflichen Existenz gleichfalls um eine Übersiedlung zu ersuchen. Jutta Hoffmann habe eindeutig zum Ausdruck gebracht, dass sie trotz aller »Repressalien« in der DDR bleiben werde. Der Jazz-Musiker Klaus Lenz, der zum Umgangskreis von Krug gehört, stellte vermutlich unter dessen Einfluss am 9.5.1977 ein Übersiedlungsersuchen. Der Schauspieler Armin Mueller-Stahl, der stark unter dem Einfluss Krugs steht, trägt sich ebenfalls mit dem Gedanken der Übersiedlung.

Krug begann nach der Aufforderung, am 5.5.1977 beim Rat des Stadtbezirkes Berlin-Pankow wegen seines Ersuchens zu erscheinen, sofort mehrere große Koffer vor allem mit Wertsachen zu packen, da er damit rechnen müsse, dass seine Angelegenheit sehr schnell entschieden werde.

Wie weiter bekannt wurde, habe Krug erklärt, dass er auch nach einer Periode des Überdenkens nicht bereit sei, von seinem Vorhaben zurückzutreten.

Er wolle weg und werde seine Ausreise erreichen. Diesbezüglich habe er konkrete Vorstellungen. Unter anderem sei er bereit, sich bei Ablehnung seines Übersiedlungsersuchens mit akkreditierten Westjournalisten in Verbindung zu setzen und mittels entsprechender Veröffentlichungen seine Ausreise zu erzwingen. Außerdem könne er nicht nur wegen seiner Glaubhaftigkeit nicht mehr in der DDR bleiben, sondern auch deshalb, weil er bereits sein Vermögen in Form von Wertsachen, Antiquitäten usw. durch die Hilfe befreundeter Diplomaten illegal nach dem Westen geschafft habe.

Im Kreis des Drehbuchautors Klaus Poche, der Regisseure Christel und Roland Gräf und des Regisseurs Frank Beyer wurde geäußert, dass das Übersiedlungsersuchen Krugs bereits im Westen hinterlegt sei.

Krug unterhält ständige Verbindung zur in die BRD übergesiedelten Eva-Maria Hagen, jetzt in Hamburg wohnhaft, die er über den Fortgang seiner Angelegenheit ständig informiert.

Die Position des Schauspielers Mueller-Stahl hat sich internen Hinweisen zufolge ebenfalls verhärtet. In verschiedenen individuellen Gesprächen äußerte er erneut die Absicht, demnächst das von ihm seit einiger Zeit vorbereitete Übersiedlungsersuchen abzugeben. (In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass Mueller-Stahl bereits seit Mitte April 1977 – siehe Information des MfS Nr. 257/77 vom 22.4.1977, Seite 18 – intern äußert, ein entsprechendes Ersuchen abzugeben, was jedoch bisher nicht erfolgt ist.) In internen Gesprächen betont Mueller-Stahl wiederholt, gegen ihn und andere Künstler würde seit November 1976 »von denen da oben ein Kesseltreiben veranstaltet«.

Zur Begründung dieser Auffassung wird von ihm u. a. vorgebracht:1

  • Trotz eines persönlichen Versprechens des Genossen Lamberz ihm gegenüber und seiner eigenen »Wohlverhaltenserklärung« an Genossen Lamberz wären er und andere Künstler »Repressalien« ausgesetzt. Beispiele dafür seien u. a. die kurzfristige Absage seines »Porträts per Telefon«,2 die Ablösung seines Schwagers Ulf Reiher als Intendant des Landestheaters Halle, die Mitteilung an seine Schwägerin [Vorname Name] (Studentin an der Ingenieurschule für Chemie, Berlin-Friedrichshain), die Seminargruppe würde einen Exmatrikulationsantrag stellen, da er ein Übersiedlungsersuchen abgegeben hätte.

  • Genosse Adameck3 habe ihm gegenüber geäußert: »Ich mache aus Dir ein Nichts!«

  • Gerade ihm als »einen ganz großen Schauspieler« müssten »Zugeständnisse und größere Freiheiten« gewährt werden.

Es ist festzustellen, dass Mueller-Stahl stark unter dem negativen Einfluss von Krug steht. Nach eigenen Äußerungen empfindet Mueller-Stahl gegenüber Krug »große Achtung und Dankbarkeit«, da er [dazu] beigetragen hätte, sein Selbstvertrauen zu stärken. Früher hätte er alles toleriert, was die Partei- und Staatsführung, »die Adamecks« u. a. unternommen hätten. Jetzt – unter dem Einfluss von Krug – sei »seine Persönlichkeit aufgebrochen«, er fühle sich nicht mehr als »Schleimscheißer und Duckmäuser« und könne es »denen da oben endlich heimzahlen«.4

Bezeichnend für die Haltung des Mueller-Stahl ist, dass er offensichtlich aus Verbundenheit zu Krug nach dem von Krug abgegebenen Übersiedlungsersuchen eine Zusammenkunft in seiner Wohnung organisierte.

Während des Treffens, zu dem ca. 25 Personen erschienen waren (u. a. Heym, Becker, Beyer, Krug, Poche, Ulf und Gisela Reiher, Hagen Mueller-Stahl – Bruder, wohnhaft: Westberlin, Mallinger – Mitarbeiter der holländischen Botschaft in der DDR), trug Krug die Gründe für sein beabsichtigtes Verlassen der DDR vor. Mueller-Stahl betonte während dieser Zusammenkunft, dass derartige Treffen organisiert würden, um »die Isolierung, in die man geraten wäre, wenigstens in ihrem Kreis zu verhindern und das Zusammengehörigkeitsgefühl zu fördern«.5

Wie intern weiter bekannt wurde, schreibt Mueller-Stahl – ebenso wie Krug – an einem »Tagebuch über die Novemberereignisse«. Nach eigenen Äußerungen würde er täglich fünf Seiten fertigstellen. Er zeichne jedes Gespräch als »Gedächtnisprotokoll« auf und wolle u. a. nachweisen, dass auch derzeitige »Angebote der Partei- und Staatsführung« nur als vorübergehende taktische Maßnahmen zu beurteilen wären. Die »psychischen Repressalien bis hin zur Sippenhaft« würden weitergehen. Das »Tagebuch« würde er – wenn er nicht mehr in der DDR wäre und »im Westen als Schauspieler keine Perspektive sähe« – veröffentlichen.6 Dann würde man sich »um ihn reißen«. Ebenso wie um Ingolf Gorges, der »mit seinen Enthüllungen über die DDR im Westen groß herausgekommen« wäre.

Aus dem unmittelbaren Personenkreis um Mueller-Stahl wurde intern geäußert, Mueller-Stahl sehe sich immer stärker in der Rolle eines Märtyrers und gefalle sich darin. So äußerte er z. B., dass er lieber eine »verbogene Biographie statt eines verbogenen Rückgrats« hätte. Auch das »sehr angenehm« verlaufende Gespräch mit Genossen Bentzien7 (10.5.1977) könne daran nichts ändern. Genosse Bentzien hätte ihm »tolle Angebote, u. a. Westreisen mit Ehefrau«, unterbreitet. Aber für ihn komme alles zu spät. Er würde jetzt Veranstaltungs- und Rollenangebote aus Solidarität mit Krug und seinen anderen Freunden ablehnen, da er »ganz einfach ein Fünkchen Charakter zeigen« müsse.8

Nach internen Hinweisen entwickelt Mueller-Stahl Vorstellungen, wie bestimmte vermögensrechtliche Fragen in Vorbereitung der Übersiedlung zu klären wären. Er äußerte z. B., dass er sein Wohnhaus (Wert ca. 100 000 M, davon ca. 40 000 M Hypothek) an seine Schwester überschreiben lassen und dem Rechtsanwalt Irmscher eine Generalvollmacht zur Abwicklung der vermögensrechtlichen Angelegenheiten nach Ausreise aus der DDR erteilen wolle. Konkrete Aktivitäten in dieser Richtung erfolgten jedoch noch nicht.

In diesem Zusammenhang sind vertrauliche Äußerungen der Ehefrau des Mueller-Stahl interessant, die auf eine veränderte Position gegenüber der von ihr früher eingenommenen Haltung schließen lassen. Sie erklärte Mitte Mai, dass sie nicht aus der DDR weggehen wolle. Sie habe in der DDR als Ärztin ihre Perspektive. Ihr Ehemann hätte nur »schlechte Ratgeber«. Ihre Ehe ginge an der gegenwärtigen Situation zugrunde, da sie kein normales Familienleben mehr führen könnten. Mueller-Stahl würde ständig unsachlich diskutieren, verworrene Vorstellungen über die Zukunft entwickeln und sich gegenüber Partei- und Staatsfunktionären ungerecht verhalten. Alles würde überschattet und beeinflusst durch unerwünschte Besucher und Anrufer, die sich gegenseitig bemitleiden und aufputschen.9

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