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Ermittlungen gegen Fußballspieler von Dynamo Dresden

4. Februar 1981
Information Nr. 65/81 über bisher vorliegende Ergebnisse der Untersuchungen gegen Spieler des Fußball-Oberligakollektivs der SG Dynamo Dresden

Auf der Grundlage erarbeiteter Untersuchungsergebnisse in Ermittlungsverfahren gegen zwei DDR-Bürger wegen ihrer Mitwirkung an massiven Abwerbungsversuchen1 des 1. FC Köln gegenüber Spielern der SG Dynamo Dresden wurden die Spieler dieses Oberligakollektivs Weber, Gerd (24), geb. am [Tag, Monat] 1956, Obermeister der VP, BdVP Dresden, wh.: 8019 Dresden, [Straße, Nr.], seit 1976 Mitglied der SED, seit 1980 Leitungsmitglied der SG Dynamo, Müller, Matthias (26), geb. am [Tag, Monat] 1954, Obermeister der VP, BdVP Dresden, wh.: 8020 Dresden, [Straße, Nr.], und Kotte, Peter (26), geb. am [Tag, Monat] 1954, Obermeister der VP, BdVP Dresden, wh.: 8020 Dresden, [Straße, Nr.], am 24.1.1981 als Mitglieder der Fußballnationalmannschaft der DDR am Abflug nach Argentinien gehindert und aus der Mannschaft herausgelöst.2

In den bisher geführten Untersuchungen wurde festgestellt, dass mehrere Personen aus der BRD, darunter zwei ehemals in Dresden wohnhaft gewesene DDR-Bürger, die im April 1980 die DDR ungesetzlich verlassen haben (diese Personen waren den o. g. Spielern als ehemalige »Anhänger« der SG Dynamo bekannt), unter Einbeziehung von drei DDR-Bürgern aus Dresden versuchten, die drei genannten Spieler der SG Dynamo Dresden3 gegen Bezahlung von je 100 000 DM/DBB-Handgeld und Inaussichtstellung von Einjahresverträgen in Höhe von 200 000 DM/DBB beim 1. FC Köln zum ungesetzlichen Verlassen der DDR während eines Aufenthaltes mit der Mannschaft in einem kapitalistischen Staat zu veranlassen.

Etappen der Abwerbungsversuche bildeten der Aufenthalt der drei Spieler mit ihrer Mannschaft vom 20. bis 23.10.1980 in Enschede/Niederlande (UEFA-Cup-Spiele)4 sowie nachfolgend geführte Gespräche mit den Verbindungspersonen in Dresden.

Die drei Spieler erstatteten über die gegen sie unternommenen Abwerbungsversuche keine Meldung und vereinbarten untereinander, sich gegenseitig an der Realisierung des Republikverrats nicht zu hindern.

(Müller informierte nach Rückkehr aus Enschede/Niederlande [Name 1, Vorname 1] (49), Sportinstrukteur beim DTSB-Bezirksvorstand Dresden, umfassend über die Abwerbungsversuche gegenüber ihm, Weber und Kotte. Dieser habe zwar [Passage mit schutzwürdigen Informationen nicht wiedergegeben] auf mögliche Konsequenzen hingewiesen, es jedoch unterlassen, den Sachverhalt zu melden bzw. [Müller] zu veranlassen, diesen selbst zu melden.)

Die Motive der Handlungsweise des Weber, Müller und Kotte, insbesondere zu dem unterbreiteten Angebot, sind nach den bisher geführten Untersuchungen vordergründig von rein persönlichen, ihrer sportlichen Weiterentwicklung dienenden und insbesondere finanziellen Erwägungen bestimmt.

Weber war letztendlich entschlossen, das Angebot anzunehmen und bei einem Aufenthalt im kapitalistischen Ausland die Mannschaft zu verlassen. Weber informierte seine Freundin, [Name 2, Vorname 1] (22), Serviererin, über seinen Entschluss, das Angebot anzunehmen und die DDR ungesetzlich zu verlassen, wobei vorgesehen war, dass sie zur gleichen Zeit über das sozialistische Ausland nach der BRD ausgeschleust wird.

Hinsichtlich einer gleichen Entschlussfassung versuchte Weber erfolglos, auf Müller und Kotte einzuwirken. Die Spieler Müller und Kotte entschlossen sich im Dezember 1980 endgültig, auf die versuchte Abwerbung nicht einzugehen.

Wie die Untersuchungen weiter ergaben, hatten Weber, Müller und Kotte keine festen Bindungen zu den Funktionären und Trainern des Oberligakollektivs der SG Dynamo Dresden. Bei ihrer Entschlussfassung spielten der durch ihr Verhalten entstehende politische Schaden sowie erhebliche negative Auswirkungen auf den Leistungssport keine Rolle.

Gegen Weber, Gerd und die an der Abwerbung beteiligten DDR-Bürger wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet und Haftbefehle erlassen.5

Bei Müller und Kotte ist von der Einleitung von Ermittlungsverfahren Abstand genommen worden. Gegen sie wurden durch den Chef der BdVP Dresden Disziplinarverfahren eingeleitet, in deren Ergebnis ihre Entlassung aus der Deutschen Volkspolizei vorgesehen ist. Sie werden in Übereinstimmung mit der Spielordnung des DFV der DDR für den Spielbetrieb in der Fußball-Oberliga und -Liga6 gesperrt.

Bei den mit ihnen durch den Vorsitzenden der SG Dynamo Dresden am 2.2. und 3.2.1981 geführten Gesprächen über ihre berufliche Entwicklung und weitere sportliche Betätigung traten beide diszipliniert und zurückhaltend auf.

Müller äußerte die Bitte, sein Fernstudium als Diplomsportlehrer an der DHfK beenden zu dürfen. Er beabsichtigt eine Tätigkeit bei der SDAG Wismut aufzunehmen und möchte sich in der BSG Wismut Pirna-Copitz sportlich betätigen.

Kotte hat sich entschlossen, im VEB Landmaschinenbaukombinat »Fortschritt« Neustadt in seinem Beruf als Instandhaltungsmechaniker tätig zu werden und möchte bei der BSG dieses Betriebes Fußball spielen.

Ausgehend von den bisher geführten Untersuchungen wird festgelegt, in der ideologischen und erzieherischen Arbeit und zur Unterbindung von Abwerbungsversuchen folgende Probleme noch stärker zu beachten:

  • Konsequente Durchsetzung einer wirksamen politisch-ideologischen Erziehungsarbeit auf der Grundlage der im Leistungssport-Beschluss festgelegten Anforderungen und Maßnahmen, insbesondere zur Herausbildung von Einstellungen der Verbundenheit zur DDR als ihre sozialistische Heimat, ihren Sport-Club, und Erhöhung ihrer politischen Wachsamkeit. Dabei sollte differenzierter durch das persönliche Gespräch mit den einzelnen Sportlern, entsprechend ihres unterschiedlichen Bewusstseins und unter Beachtung der in kapitalistischen Staaten praktizierten Machenschaften mit Sportlern, an ihrer Persönlichkeitsentwicklung gearbeitet werden.

  • Schaffung eines echten Vertrauensverhältnisses zwischen Leitung, Trainern und Sportlern, damit vorbeugend alle feindlichen Angriffe auf den Leistungssport der DDR, speziell gezielte Abwerbungs- und Kontaktversuche bei Aufenthalten im Ausland als auch im Freizeitbereich, rechtzeitig bekannt und unterbunden werden.

  • Gewährleistung einer qualifizierten, konkreten Einweisung von Sport-Delegationen vor ihren Einsätzen im Ausland und deren Absicherung während des Aufenthaltes.

Die Zusammensetzung der Delegationsleitungen muss sichern, dass alle feindlichen Kontaktversuche wirksam unterbunden und differenzierte Kontrollmaßnahmen zu den einzelnen Sportlern entsprechend ihres unterschiedlichen Bewusstseinsstandes wirksam werden.

Als Anlage wird der Entwurf einer Pressemitteilung beigefügt, deren Veröffentlichung erst nach Freigabe durch den Präsidenten des DTSB, Genossen Manfred Ewald,7 erfolgen soll.

Anlage zur Information Nr. 65/81

Presseinformation

Wegen grober Verletzungen des Statuts des DTSB der DDR und der Satzung des DFV der DDR wurde Gerd Weber aus dem DTSB der DDR ausgeschlossen. Peter Kotte und Matthias Müller wurden durch den Vorstand der SG Dynamo in Übereinstimmung mit der Spielordnung des DFV der DDR für die Oberliga-Mannschaft gesperrt.

  1. Zum nächsten Dokument Verhalten von Gerd Kische, Spieler des FC Hansa Rostock
    4. Februar 1981
    Hinweis über Verhaltensweisen des Kische, Gerd (29), Spieler des 1. Leistungskollektivs des FC Hansa Rostock und der Fußball-Nationalmannschaft der DDR [Bericht K 3/49]
  2. Zum vorherigen Dokument Statistik Einnahmen Mindestumtausch (26.1.–1.2.1981)
    4. Februar 1981
    Information Nr. 64/81 über die Entwicklung der Einnahmen aus der Durchführung des verbindlichen Mindestumtausches für die Zeit vom 26. Januar 1981 bis 1. Februar 1981