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Verhandlungen über den Austausch von Kulturgütern DDR und Westberlin

16. März 1981
Hinweis auf wesentliche Gesichtspunkte in Zusammenhang mit Gesprächen/Verhandlungen über den Austausch von Kulturgütern zwischen der DDR und Westberlin [Bericht K 3/50]

Nachdem der Westberliner Regierende Bürgermeister Vogel1 am 12. März 1981 die Bereitschaft des Senats zur Rückgabe der zur Marx-Engels-Brücke (früher Schlossbrücke) gehörenden Skulpturen und die Aufnahme von Gesprächen zwischen Beauftragten beider Seiten vorgeschlagen hat, ergibt sich gegenwärtig folgender Stand:

  • Für die Gespräche mit der Westberliner Seite wurde als Leiter der DDR-Delegation der Generalkonservator und Direktor des Instituts für Denkmalpflege der DDR, Prof. Dr. Deiters,2 benannt.

  • Leiter der Westberliner Delegation ist der Landeskonservator beim Senator für Bau- und Wohnungswesen, Prof. Dr. Engel.3

  • Gemäß Gesprächs-Direktive ist u. a. festgelegt, Versuche der Westberliner Seite, die Verhandlungen und die Übergabe der Skulpturen als »innerstädtische« Angelegenheit zwischen den »beiden Teilen Berlins« (Vogel hatte sich an Oberbürgermeister Krack4 gewandt) zu behandeln und Fragen der Aufstellung der Skulpturen in der Hauptstadt der DDR mit erörtern oder daran mitwirken zu wollen, zurückgewiesen.

  • Sofern die Westberliner Seite die Unterredungen nutzt, um u. a. um die Rückgabe des Archivs der »Königlich-Preußischen Porzellanmanufaktur« zu ersuchen, soll so verfahren werden, dies zur Kenntnis zu nehmen und eine Prüfung zuzusagen.

Nach vorliegenden Hinweisen ist zu entnehmen, dass seitens der DDR gegenüber dem Westberliner Senat bisher keine Zusage zur Rückgabe des vorstehend genannten Archivs gegeben wurde. Genosse Müller, MfAA,5 hat gegenüber Senatsrat Kunze6 lediglich geäußert (Unterredung am 3. März 1981), dass die DDR im Falle einer Lösung der Angelegenheit (gemeint ist die Rückgabe der Brücken-Skulpturen) auch zur Regelung anderer anstehender Fragen, wie z. B. der Rückführung des Archivs der »Königlich-Preußischen Porzellanmanufaktur«, bereit sei.

Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang Folgendes:

Wie seitens verschiedener Experten eingeschätzt wird, sei der kunsthistorische Wert des Archivs der »Königlich-Preußischen Porzellanmanufaktur« bedeutend größer als der Wert der aus Westberlin zurückzuführenden Skulpturen. Aus diesem Grunde wurden seitens des Ministeriums für Kultur für den Fall einer Übergabe des Archivs an den Westberliner Senat Vorschläge für vom Westberliner Senat zu erbringende Gegenleistungen erwogen, mit der Zielsetzung, ein entsprechendes Äquivalent zu erhalten.

Zu den vorgenannten Kulturgütern im Einzelnen:

1. Zustand und Wert der Schlossbrückenfiguren

Es handelt sich um acht allegorische Figuren bzw. Figurengruppen. Sie sind – ohne Sockel – etwa 3 m groß. Sie wurden nach Vorlagen Schinkels (Zeichnungen aus dem Jahre 1819, unter dem Eindruck der Befreiungskriege entstanden) von weniger bekannten Bildhauern aus Marmor gefertigt.

Obwohl diese Exponate vor einiger Zeit in Westberlin mit einem Kostenaufwand von ca. 700 000 DM restauriert wurden, schätzen Experten ihren Gesamtzustand als nicht sehr dauerhaft ein und verweisen auf die Möglichkeit, dass durch Witterungseinflüsse bei den Figuren nach einigen Jahren größere Materialmängel auftreten (poröser Marmor).

Der materielle Wert der Brückenfiguren wird vom Generalkonservator der DDR, Genossen Prof. Deiters, auf ca. 2,2 Mio. Mark geschätzt. Der kunsthistorische und ideelle Wert wird – nach inoffiziellen Hinweisen – als nicht sehr bedeutend eingeschätzt.

Über den städtebaulichen Wert bzw. darüber, inwieweit die Figuren sich in das heutige Stadtbild der Hauptstadt einfügen, gibt es unterschiedliche Auffassungen.

2. Angaben zum Archiv der »Königlich-Preußischen Porzellanmanufaktur«

Bei dem Archiv handelt es sich nach ersten groben Schätzungen um Akten und Mappen, die ca. 10 000 auf Papier und Pergament aufgezeichnete Malvorlagen und Dekors enthalten.

Zum Archiv gehört auch eine ca. 1 500 bis 2 000 Bände (teilweise in Leder gebunden, stellen besondere Rarität dar) umfassende Bibliothek. Der Zustand der Dokumente wird als sehr gut eingeschätzt.

Das Archiv (einschließlich Bibliothek) umfasst inhaltlich die Entwicklung und Produktion der »Königlich-Preußischen Porzellanmanufaktur« von ihrer Gründung (etwa 1775) bis zu ihrer Kriegsauslagerung (etwa 1940) von Berlin (West)-Dahlem in das Depot des Märkischen Museums in der Hauptstadt der DDR, wo es sich jetzt noch befindet.

Eine in Mark ausgedrückte Einschätzung des Wertes konnte von Experten bisher nicht gegeben werden. Sie haben jedoch festgestellt, dass die Dokumente einen überaus hohen künstlerischen Wert besitzen. Darüber hinaus besitzen die Materialien des Archivs einen hohen und nur schwer abzuschätzenden Wert für etwaige industrielle Nachgestaltungen der Dekors und Formen.

3. Überlegungen über vom Westberliner Senat zu fordernde Gegenleistungen bei einer Übergabe des Archivs der »Königlich-Preußischen Porzellanmanufaktur« an die Westberliner Seite

Für etwaige Verhandlungen mit dem Westberliner Senat werden vom Ministerium für Kultur der DDR folgende »Austausch«-Objekte in Erwägung gezogen:

  • Ephraim-Palais (Mitte 18. Jahrhundert, Stil Rokoko, stand bis 1935 am Molkenmarkt, wurde im Zuge der Straßenverbreiterung abgebaut). Nach Meinung von Experten hat dieses Palais einen bedeutenden kunsthistorischen Wert. Nach der Demontage wurden wertvolle Architekturteile in einem Depot im heutigen Westberlin eingelagert.

  • Statue des »Großen Kurfürsten« von Schlüter (18. Jahrhundert, Bronze, Größe ca. 10 Meter).

    Das Original (Pferd mit Reiter) befindet sich seit Kriegsauslagerung im heutigen Westberlin. Der ursprüngliche Standort zwischen Marstall und Rathausbrücke.

    Der Originalsockel sowie eine Kopie von Pferd und Reiter befinden sich im Bodemuseum Berlin.

  • Schiller-Denkmal von Reinhold Begas (19. Jahrhundert, Stein, Größe ca. 8 Meter).

    Der ursprüngliche Standort ist am Platz der Akademie vor dem ehemaligen Schauspielhaus.

    Es wurde im 2. Weltkrieg demontiert und in ein Depot im heutigen Westberlin eingelagert. Nach 1945 wurde das Schillerdenkmal im Park von Lietzensee in Westberlin erneut aufgestellt. Eine Bronzeabgusskopie wurde im Schiller-Park7 in Westberlin aufgestellt.Der Originalsockel des Schiller-Denkmals mit vier allegorischen Figuren befindet sich in der Hauptstadt der DDR.

4. Rechtliche Aspekte

Im Zusammenhang mit den im Verlaufe des 2. Weltkrieges ausgelagerten Kulturgütern vertritt die DDR in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht die Auffassung, dass ausgelagerte, verschleppte oder anderweitig verbrachte Kulturgüter nach dem Grundsatz der territorialen Bindung der Objekte an ihren ständigen und rechtmäßigen Aufbewahrungsort an die Standorte zurückzuführen sind, an denen sie sich vor ihrer Auslagerung ständig befanden.

Im Unterschied zur DDR weigert sich die BRD, diesen Grundsatz des Völkerrechts zu realisieren. Soweit es sich bei den im Zugriffsbereich der BRD befindlichen Kulturgütern um Werke handelt, die früher Eigentum des Landes Preußen waren, wurden diese von der BRD der »Stiftung Preußischer Kulturbesitz« übertragen, eine Rückführung auf das Gebiet der DDR wird abgelehnt.

Die Skulpturen der ehemaligen Schlossbrücke sowie das Archiv der »Königlich-Preußischen Porzellanmanufaktur« waren nicht Eigentum des Landes Preußen, sondern der Stadt Groß-Berlin. Daher erklärt sich die Gesprächsbereitschaft des Westberliner Senats bzw. der BRD.

  1. Zum nächsten Dokument Statistik Einnahmen Mindestumtausch (9.3.–15.3.1981)
    18. März 1981
    Information Nr. 131/81 über die Entwicklung der Einnahmen aus der Durchführung des verbindlichen Mindestumtausches für die Zeit vom 9. März 1981 bis 15. März 1981
  2. Zum vorherigen Dokument Haltung der Berliner Bischofskonferenz zum Hirtenwort zu Ostern
    16. März 1981
    Information Nr. 130/81 über eine Stellungnahme der »Berliner Bischofskonferenz« zu den staatlichen Maßnahmen im Zusammenhang mit der Verlesung eines »Gemeinsamen Hirtenwortes der katholischen Bischöfe in der DDR zur österlichen Bußzeit 1981« und über die erfolgte Abkündigung des »Hirtenwortes« in den katholischen Kirchen der DDR am 8. März 1981