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Friedensseminar »Konkret für den FriedenVI« in Cottbus

16. März 1988
Information Nr. 131/88 über die Durchführung des sogenannten Friedensseminars »Konkret für den Frieden VI« vom 26. bis 28. Februar 1988 in Cottbus

In Fortsetzung gleichartiger Veranstaltungen seit dem Jahre 1983 wurde im Zeitraum vom 26. bis 28. Februar 1988 in verschiedenen Räumlichkeiten evangelischer Kirchengemeinden in Cottbus das 6. zentrale »Friedensseminar« von Basisgruppen evangelischer Kirchen in der DDR durchgeführt.1 Es stand unter dem Motto »Teilhabe statt Abgrenzung – Wege zu einer solidarischen Lebens- und Weltgestaltung«.2

Alle bisherigen »Friedensseminare« wurden von reaktionären kirchlichen und anderen feindlich-negativen Kräften für politisch negative Zielstellungen, insbesondere zur Propagierung ihrer antisozialistischen Auffassungen, missbraucht. Sie dienten gezielten Versuchen der Zusammenführung, Vernetzung und der inhaltlichen Profilierung von kirchlichen »Friedens-«, »Ökologie-«, »Menschenrechts-« und anderen sogenannten Basisgruppen sowie dem Auf- und Ausbau funktionierender Kommunikationssysteme. Relativ ungehindert konnten oppositionelle Kräfte aus nicht dem kirchlichen Bereich zuzuordnenden Gruppierungen diese Veranstaltung als Plattform eigenen Wirksamwerdens nutzen.

Ohne die von Inspiratoren/Organisatoren angestrebten Zielstellungen und beabsichtigten Wirkungen in der Gesamtheit zu erreichen, hat sich das Friedensseminar »Konkret für den Frieden« als feste Institution im Bereich der evangelischen Kirche in der DDR herausgebildet.

Der zwischen den jährlichen Veranstaltungen und mit Unterstützung kirchenleitender Gremien und Kräfte agierende sogenannte Fortsetzungsausschuss trug zu einer Verbesserung der Organisation und inhaltlichen Vorbereitung der Veranstaltung bei.

Das fand seine Bestätigung auch im Zusammenhang mit der Vorbereitung und Durchführung des 6. zentralen »Friedensseminars« in Cottbus.

Unter Beachtung bisher vorliegender Erkenntnisse zum »Friedensseminar« und der erneut zu erwartenden Aktivitäten feindlich-negativer Kräfte auf der diesjährigen Veranstaltung wurden seitens der zuständigen staatlichen Organe langfristig geeignete differenzierte Maßnahmen zur Verhinderung des politischen Missbrauchs dieses sogenannten Friedensseminars durchgeführt.

Ausgehend von der staatlichen Erwartungshaltung waren vor allem der von der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg für das »Friedensseminar« verantwortlich gemachte Generalsuperintendent Richter/Cottbus und weitere, am Veranstaltungsort wirkende Pfarrer bemüht, auf die Wahrung des religiösen Charakters der Veranstaltung und die Vermeidung von Öffentlichkeitswirkung außerhalb des kirchlichen Bereiches Einfluss zu nehmen.

Nach vorliegenden Hinweisen nutzte jedoch eine Reihe kirchenleitender Personen aus anderen Landeskirchen ihre Möglichkeiten nur ungenügend, um auf die Auswahl von Teilnehmern sowie den Inhalt und Verlauf der Veranstaltung im Sinne der staatlichen Erwartungshaltung positiv einzuwirken. Selbst das Auftreten von Bischof Forck während des »Friedensseminars«, insbesondere seine tendenziöse Darstellung der sogenannten Berlin-Ereignisse und seine Interpretation des Gespräches des Mitglieds des Politbüros und Sekretärs des ZK der SED, Genossen Jarowinsky, mit Bischof Leich, als vom Staat angeblich gewollte Verhärtung des Verhältnisses Staat – Kirche, stand dazu im krassen Gegensatz und bestärkte auf politisch negativen Positionen stehende Veranstaltungsteilnehmer in ihren Auffassungen und ihrem Vorgehen.

Insgesamt ist jedoch einzuschätzen, dass die evangelische Kirche ihrer Verantwortung für diese Veranstaltung von »Basisgruppen« besser gerecht wurde. Das zeigte sich insbesondere in Bemühungen, das »Friedensseminar« nicht zu einer weiteren Eskalierung der im Zusammenhang mit den Ereignissen in der Hauptstadt der DDR, Berlin, entstandenen Lage missbrauchen zu lassen, es als vom Charakter her geschlossene Veranstaltung durchzuführen – Einlass wurde nur den ca. 220 bestätigten Teilnehmern gestattet – und Aktivitäten außerhalb der festgelegten kirchlichen Einrichtungen nicht zuzulassen.

Ferner in der konsequenten Einhaltung des festgelegten Organisationsplanes und der Tagesordnung; so wurde der Antrag eines hinlänglich bekannten Mitgliedes des »Friedenskreises« der Erlöserkirche in der Hauptstadt der DDR, Berlin, auf Bildung einer zusätzlichen Arbeitsgruppe, die Möglichkeiten der Bildung einer Dachorganisation für alle kirchlichen Basisgruppen als Beratungsgegenstand haben sollte, abgelehnt. (Streng intern wurde dem MfS dazu bekannt, dass die genannte Person mit weiteren im Sinne politischer Untergrundtätigkeit agierenden Kräften das Ziel verfolgt, in der DDR existierende »Friedens«- und »Ökologiegruppen« in einer sogenannten Friedensgesellschaft zu vereinigen.)

Außer der vorgesehenen Teilnahme des Korrespondenten Röder/epd, die staatlicherseits nicht genehmigt worden war, gab es keine erkennbaren Bestrebungen der Organisatoren, weitere westliche Medienvertreter hinzuzuziehen.

Ungeachtet der Einflussnahme politisch realistischer kirchlicher Kräfte, darunter von Mitgliedern der Christlichen Friedenskonferenz (CFK), konnten die – entsprechend dem praktizierten Auswahl- und Einladungsmodus – nach wie vor in der Mehrzahl befindlichen politisch-negativen Kräfte, die vor allem der sogenannten Kirche von unten zuzuordnen sind bzw. hinlänglich bekannte feindlich-negativen Personengruppierungen angehören, ihren Einfluss auf den Inhalt der Veranstaltung geltend machen. Es überwogen erneut politisch geprägte Veranstaltungselemente, in denen die aktuellen Diskussionsinhalte und Forderungen reaktionärer kirchlicher und anderer feindlich-negativer Elemente bestimmend waren, in denen durch bekannte negative Elemente bewusst von rein religiösen Problemstellungen abgelenkt und auf politische Fragen hinorientiert wurde. Wesentlich trug dazu bereits die vom Mitglied des »Fortsetzungsausschusses« des »Friedensseminars«, Pfarrer Tschiche/Magdeburg, zum Motto der Veranstaltung gegebene thematische Orientierung bei. Tschiche erläuterte ein von ihm verantwortlich unterzeichnetes Papier politisch negativen Inhalts (als Anlage der Information beigefügt) und stellte es zur Diskussion in den »Arbeitsgruppen«.

Dieser von ihm als strategisches »Identifikationspapier« bezeichnete Text beinhaltet erstmalig in relativer Geschlossenheit eine Selbstdarstellung sogenannter Basisgruppen in der DDR einschließlich der von diesen Kräften erhobenen Forderungen. Ausgehend von einer Standortbestimmung der »Basisgruppen« in der sozialistischen Gesellschaft (»Durch unsere Gruppen wird moralisch legitimiert eine kritische Öffentlichkeit in der DDR hergestellt, die das Gespräch über notwendige Veränderungen in das gesellschaftliche Bewusstsein heben«.) und der Orientierung, welche Kräfte dazu zählen (»… Einzelne und Gruppen … trotz unterschiedlicher ideologischer und/oder religiöser Motivation …«), werden in aller Offenheit antisozialistische Forderungen formuliert wie

  • »die pluralistische, demokratische und dezentralisierte Organisation des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens in der DDR« bzw.

  • »Entmilitarisierung des öffentlichen Lebens, Entideologisierung der Bildung, Entbürokratisierung des Umgangs mit den Bürgern«.

In der in bekannter Art durchgeführten Gruppenarbeit widerspiegelten sich die von Tschiche vorgegebenen thematischen Orientierungen sehr differenziert (wesentlich abhängig von der Diskussionsleitung und der Zusammensetzung der Teilnehmer):

Arbeitsgruppe 1

Leitung Katechetin Brigitte Moritz/Leipzig; Leiterin der Initiative »Frauen für den Frieden« Leipzig3

Thema: »Grenzen und Möglichkeiten der emanzipatorischen Gruppen«.

20 Teilnehmer

Wesentlich gesteuert durch bekannte feindlich-negative Kräfte, wurden Probleme des »Vorantreibens der Vernetzung« von »Basisgruppen« und des Erfahrungsaustausches untereinander als wesentliche Grundlage für deren Lebensfähigkeit diskutiert.

Arbeitsgruppe 2

Leitung Kreisjugendwart Jürgen Wollmann/Suhl; Leiter des wegen negativen Aktivitäten bekannten »Montagskreises« der »Jungen Gemeinde« Suhl

Thema: »Grenzen und Möglichkeiten der organisierten Kirchen«.

18 Teilnehmer

Beraten wurde über die Zusammenarbeit der »Basisgruppen« mit den Kirchen und ihren Gremien sowie deren stärkere Nutzung (z. B. Einbringen von Eingaben an Synoden, Installierung von »Umweltbibliotheken«). Gefordert wurden eine stärkere Schutzfunktion der Kirchen für »Basisgruppen« im Falle von Konflikten dieser mit dem Staat sowie die künftige Vermeidung »geheimdiplomatischer« Beziehungen Kirche – Staat in derartigen Fällen.

Arbeitsgruppe 3

Leitung Editha Beyer/Magdeburg; Teilnehmerin an früheren »Friedensseminaren«.

Thema: »Formulierung und Durchsetzung gesamtgesellschaftlicher Ziele«.

56 Teilnehmer

Die Diskussion wurde wesentlich zu dem vorgenannten »Identifikationspapier« von Tschiche geführt. Es wurden weitergehende Forderungen eingebracht wie »Demokratisierung als Weg zur mündigen Gesellschaft« und »Veränderung der Machtstrukturen, damit eine dynamische Gesellschaft möglich wird«. Einigung wurde darüber erzielt, das Papier von Tschiche durch eine Redaktionsgruppe überarbeiten zu lassen.

In dieser Gruppe trat Bischof Forck wie eingangs erwähnt auf und identifizierte sich mit den feindlich-negativen Inhalten des Papiers.

Arbeitsgruppe 4

Leitung Klaus Gaber/Dresden; Mitorganisator des Arbeitskreises »Ökologie der drei Dresdner Kirchenbezirke«; wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut »Manfred von Ardenne«, Dresden

Thema: »Ziele und Forderungen für die nationale und internationale Politik«.

Es wurde eine sachliche Diskussion zu Fragen der Weltwirtschaft, der Abrüstung und Sicherheit, des Zusammenhangs zwischen nationaler und internationaler Politik geführt. Der vorzeitige Abtransport sowjetischer Raketen aus der DDR wurde positiv bewertet und die NATO wurde zu gleichen vertrauensbildenden Schritten aufgefordert. Seitens der sieben teilnehmenden Mitglieder der CFK wurde offensiv auf einen realistischen Gesprächsverlauf Einfluss genommen.

Arbeitsgruppe 5

Leitung Christian Matthes/Leipzig; Mitorganisator der Arbeitsgruppe »Umweltschutz«/Leipzig sowie der überregionalen sogenannten Koordinierungsgruppe Kernkraft

Thema: »Versuch einer veränderten persönlichen Lebensgestaltung zwischen Erfahrung und Hoffnung«.

16 Teilnehmer

Diskussionsschwerpunkt bildeten Probleme der christlichen Erziehung und der zwischenmenschlichen Beziehungen in unserer Gesellschaft (Dialog mit Andersdenkenden, Achtung der Meinung und Haltung Andersdenkender, auch christlicher Wehrpflichtiger, durch den Staat usw.)

Arbeitsgruppe 6

Leitung Martin Engel/Magdeburg; Mitglied der Arbeitsgruppe »Frieden« der Evangelischen Akademie Magdeburg

Thema: »Erinnerungen und Aufnahme religiöser Grunderfahrungen«.

Seitens der lediglich vier Diskussionspartner wurde hervorgehoben, als Gruppen künftig nicht in pharisäischen Eigengesetzen zu erstarren und zu bekunden, wogegen man sei, sondern die Ziele und Aufgaben der Gruppenarbeit zu bestimmen und danach zu handeln.

Arbeitsgruppe 7

Leitung Angelika Schön/Weimar; Inspiratorin feindlich-negativer Personenzusammenschlüsse unter dem Deckmantel der Friedens- und Menschenrechtsproblematik

Thema: »Umgang mit staatlichem Zwang und persönlicher Ohnmachtserfahrung«.

28 Teilnehmer

In der Diskussion wurde Einigkeit darüber erzielt, in einer Diktatur, in der die politischen Machtverhältnisse geklärt sind, zu leben. Ohnmachtserfahrungen zeigen sich angeblich in »Entmündigung, Rechtsunsicherheit und Kriminalisierung Andersdenkender«. Ausgehend davon müsse man in den »Basisgruppen« eine solidarische Verbundenheit entwickeln, um sich den künftigen Forderungen und Fragen besser stellen zu können.

Arbeitsgruppe 8

Leitung Heiko Lietz/Güstrow; zzt. ohne Arbeitsrechtsverhältnis

Thema: »Unser Beitrag zur Kultur des Streits – zum Streitpunkt Gewalt und Gerechtigkeit«.

37 Teilnehmer

Die Diskussion wurde im Wesentlichen auf der Grundlage sogenannter praktischer Erfahrungsberichte einzelner »Basisgruppen« gestaltet. Dabei wurden Probleme des Dialogs zwischen unterschiedlichen »Basisgruppen« als auch zwischen »Basisgruppen« und Staat/Kirche andererseits behandelt sowie Voraussetzungen und Kriterien für eine Dialogführung im Sinne einer »Kultur des Streits« herausgearbeitet.

(Im Vergleich zum »Friedensseminar« im Jahre 1987 in Leipzig, bei dem fünf der insgesamt acht Arbeitsgruppen von kirchlichen Amtsträgern geleitet wurden, lag die Leitung diesmal vorwiegend in Händen von »Basiskräften«, die in der Vergangenheit wiederholt mit negativen Handlungen in Erscheinung getreten waren.)

Neben der Beratung in den Arbeitsgruppen war das »Friedensseminar« durch die Arbeit im sogenannten Plenum charakterisiert. Darin wurden die Beratungsergebnisse der Arbeitsgruppe ausgewertet, weitergehende inhaltliche Ausführungen dazu gemacht und über aktuelle Probleme informiert. So wurden durch namentlich bekannte Personen Stellungnahme und Augenzeugenberichte zu den Ereignissen am und nach dem 17. Januar 1988 in der Hauptstadt der DDR, Berlin, verlesen bzw. abgegeben sowie über Verlauf und Ergebnisse der 1. Vollversammlung der »Ökumenischen Versammlung der Christen und Kirchen in der DDR für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« informiert, verbunden mit der Aufforderung, in breitem Rahmen durch Vorschläge und Hinweise zur Vorbereitung einer zweiten derartigen Vollversammlung mitzuwirken. Propagiert und vertrieben wurde eine Vielzahl von Schriften und Pamphleten politisch negativen Inhalts.

Im Plenum wurde ferner über eingebrachte Anträge abgestimmt:

  • Der von zwei hinlänglich bekannten feindlich-negativen Kräften aus der Hauptstadt der DDR, Berlin, gestellte Antrag zur Bildung von Kontakt- und Informationsbüros auf der Ebene der Landeskirchen wurde abgelehnt. Der Fortsetzungsausschuss wurde jedoch beauftragt, in Gesprächen mit den Kirchenleitungen dafür Sorge zu tragen, dass bei Bedarf entsprechende Bedingungen vorhanden sind, um unverzüglich derartige Kontaktbüros zu installieren.

  • Angenommen wurden drei Eingaben, die an staatliche Organe gerichtet werden sollen. Eine Eingabe hinsichtlich der Aufhebung bestehender gesetzlicher Bestimmungen über die Geheimhaltung von Umweltdaten in der DDR soll durch Pfarrer Tschiche und eine weitere Person vorerst mündlich beim Ministerium für Umweltschutz und Wasserwirtschaft der DDR vorgetragen werden, ehe über weitergehende Schritte entschieden wird. Eine Eingabe mit Forderungen zur Einführung von Teilzeitarbeit für Frauen soll (auf Anraten von Rechtsanwalt Schnur) nicht an die Volkskammer, sondern an den Bundesvorstand des FDGB und das Amt für Arbeit und Löhne beim Ministerrat der DDR verschickt werden. Über das weitere Vorgehen der angenommenen Eingaben mit der Forderung zur Einführung eines sogenannten sozialen Friedensdienstes soll die gemäß einem weiteren Antrag geschaffene Redaktionskommission entscheiden. (Diese Kommission soll die während des »Friedensseminars« eingebrachten Dokumente redaktionell überarbeiten, die Eingaben dem jeweiligen Empfänger zustellen und darüber hinaus ein Abschlussdokument erarbeiten, das allen Teilnehmern zugestellt werden soll.)

  • Zugestimmt wurde dem Antrag, wonach der Fortsetzungsausschuss und die Redaktionskommission die Leitungen der evangelischen Landeskirchen in der DDR vom Ergebnis des »Friedensseminars« in Kenntnis zu setzen haben.

Dem neu gewählten Fortsetzungsausschuss für das »Friedensseminar« 1989 – es soll mit der Bezeichnung »Konkret für den Frieden VII« in der Zeit vom 24. bis 26. Februar 1989 in Greifswald/Rostock stattfinden – gehören an: Ulrike Poppe (für die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg), Jochen Brothuhn (für die Evangelische Kirche der Kirchenprovinz Sachsen und die Evangelische Landeskirche Anhalts), Pfarrer Bernd Albani (für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens und die Evangelische Kirche des Görlitzer Kirchengebietes), Ines Fleckstein (für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Mecklenburgs) und Pfarrer Konstantin Stanescu (für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen). Pfarrer Michael Müller/Dresden vertritt die »2/3 Weltgruppen«, der Liedermacher Ralf Elsässer/Leipzig die »Umweltgruppen«, Silvia Müller/Berlin die »Menschenrechtsgruppen«, während Pfarrer Tschiche im Fortsetzungsausschuss als theologischer und Rechtsanwalt Schnur als juristischer Berater fungieren sollen.

Die Pfarrer Albani, Tschiche und Rechtsanwalt Schnur wurden wiedergewählt, die anderen Personen üben diese Aufgabe in dem insgesamt auf zehn Personen erweiterten Fortsetzungsausschuss erstmalig aus. Bei Ulrike Poppe und Silvia Müller handelt es sich um langjährig im Sinne politischer Untergrundtätigkeit agierende Elemente; Tschiche, Albani und Brothuhn sind ebenfalls wiederholt negativ bis feindlich aufgetreten.

Ein Antrag von Mitgliedern der CFK, ebenfalls ein Mandat für den Fortsetzungsausschuss zu erhalten, wurde entsprechend der gegenwärtigen Kräftekonstellation im Plenum abgelehnt. Gleichfalls abgelehnt wurde der Antrag für einen zweiten theologischen Berater mit der Begründung, den direkten Einfluss der Kirche auf die Arbeit dieses Gremiums nicht zu erweitern.

In Auswertung gewonnener Erkenntnisse zum »Friedensseminar« in Cottbus wird vorgeschlagen:

  • 1.

    In Fortsetzung bewährter Praxis sollten durch zuständige staatliche Organe in Gesprächen mit kirchenleitenden Kräften in differenzierter Form eine Auswertung vorliegender Erkenntnisse zum »Friedensseminar« vorgenommen und insbesondere solche das Verhältnis Staat – Kirche belastenden Aktivitäten wie von Pfarrer Tschiche/Magdeburg, energisch zurückgewiesen werden.

  • 2.

    Zur weiteren Stärkung des politischen und staatlichen Einflusses in den territorialen Bereichen sollte die Einbeziehung von geeigneten Kräften aus Betrieben und gesellschaftlichen Organisationen zu Gesprächen mit Teilnehmern des »Friedensseminars« beibehalten werden. Dazu werden an die zuständigen staatlichen Organe, Betriebe und gesellschaftlichen Organisationen vom Ministerium für Staatssicherheit konkrete auswertbare Hinweise zu Personen übergeben.

  • 3.

    Alle Möglichkeiten gesamtgesellschaftlicher Einflussnahme sind zu nutzen, um in differenzierter Art und Weise positiv auf die für die Vorbereitung des »Friedensseminars« 1989 verantwortlichen Mitglieder des Fortsetzungsausschusses einzuwirken. Gleiches gilt bezogen auf die Kirchenleitung der Evangelischen Landeskirche Greifswalds.

Die Information ist wegen Quellengefährdung nur zur persönlichen Kenntnisnahme bestimmt.

Anlage zur Information Nr. 131/88

Abschrift4

Teilhabe statt Ausgrenzung – Wege zu einer solidarischen Lebens- und Weltgestaltung

Die modernen Industriegesellschaften sind so organisiert, dass die Zerstörung der Umwelt unaufhörlich voranschreitet, die Kluft zwischen den armen und reichen Völkern immer größer wird und die Austragung von politischen Konflikten mit Massenvernichtungswaffen nicht auszuschließen ist.

Es droht der kollektive Selbstmord der Menschheit, wenn nicht eine andere Lebens- und Weltgestaltung angestrebt wird.

Schritte auf dem Wege der Veränderung sind die Dezentralisierung wirtschaftlicher und politischer Machtballungen, die Förderung von umweltfreundlichen Technologien, die Unterstützung der Abrüstungsbemühungen der Mächtigen, Anstrengungen zur Herstellung einer weltweiten wirtschaftlichen Gerechtigkeit, die Stärkung der Einzelnen gegenüber den übergreifenden Machtstrukturen und die Abkehr von einer konsumorientierten Lebensform.

Für die Basisgruppen in der DDR sind die wichtigsten Verbündeten in diesem Veränderungsprozess der Industrienationen die Friedens-, Umwelt-, Zwei-Drittel-Welt-, Frauen-Bürgerrechtsgruppen und andere emanzipatorischen Gruppen in Europa und Nordamerika.

In diesem Umfeld wächst eine andere Kultur, die dem Hang zur Gewalttätigkeit widersteht und menschenwürdige und umweltfreundliche gesellschaftliche Strukturen entwickelt, ausprobiert und durchsetzt.

Dieser Aufbruch ruft den Widerspruch und den Widerstand der Etablierten und wird immer wieder zu staatlichem Vorgehen gegen diese Gruppen und zu ihrer gesellschaftlichen Verunglimpfung führen. Wir, die Vertreter dieser Basisgruppen, lassen uns aber auf diesem Wege nicht beirren und erklären:

  • 1.1.

    Durch unsere Gruppen wird moralisch legitimiert eine kritische Öffentlichkeit in der DDR hergestellt, die das Gespräch über notwendige Veränderungen in das gesellschaftliche Bewusstsein heben.

  • 1.2.

    Die Gruppen haben das Recht, so in der Öffentlichkeit aufzutreten, dass sie die gesellschaftliche Aufmerksamkeit erregen.

  • 1.3.

    Die gesellschaftliche Kraft und der politische Einfluss der Gruppen reichen im Augenblick nicht aus, um kurz- oder mittelfristig gesamtgesellschaftliche Veränderungen durchzusetzen.

  • 1.4.

    Trotz der Einsicht in die vorläufige Erfolglosigkeit verzichten Gruppen nicht auf das Ziel einer anderen Kultur. Sie werden sich stärker untereinander vernetzen. Sie suchen Mittel und Wege, um ihren Widerstand und ihr Ziel unübersehbar durch zeichenhaftes Handeln in die Öffentlichkeit zu bringen. Sie lassen sich nicht verführen, gewalttätige Theorien zu entwickeln und in die Tat umzusetzen.

  • 2.1.

    Die Gruppen erwarten, dass die Kirchen Räume zur Verfügung stellen, in denen Einzelne und Gruppen ohne Auflagen und trotz unterschiedlicher ideologischer und/oder religiöser Motivation über die notwendigen gesellschaftlichen und persönlichen Veränderungen miteinander sprechen. Sie erwarten, dass die Kirchen Öffentlichkeitsräume bereitstellen, in denen die Gruppen wirksam werden können.

  • 2.2.

    Die Gruppen wünschen in kritischen Situationen, die zu staatlichen Eingriffen führen, von den Kirchen nicht zuerst geheimdiplomatische Bemühungen und Teilnahme der kirchlichen Mandatsträger am Spiel der Mächtigen. Es sollte immer deutlich bleiben, dass sie sich dem Ideengut einer menschenwürdigeren Kultur und ihren Vertretern vorrangig solidarisch verpflichtet fühlen.

  • 2.3.

    Die Gruppen respektieren, dass die gesamtkirchliche Arbeit wichtige Aspekte hat, die nicht im Blickfeld der Gruppen liegen.

  • 3.1.

    In der DDR-Gesellschaft setzen sich die Gruppen dafür ein, dass die krisenhafte Situation der modernen Industriegesellschaften von allen Verantwortungsträgern öffentlich und durchschaubar diskutiert wird.

  • 3.2.

    Die Gruppen fordern die pluralistische, demokratische und dezentralisierte Organisation des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens in der DDR.

  • 3.3.

    Die Gruppen fordern den Ausstieg aus Technologien, die irreparable Umweltzerstörungen heraufbeschwören. Sie sind bereit, in der Bevölkerung um Verständnis zu werben, dass die entstehenden Kosten alternativer Entwicklungen von allen getragen werden müssen.

  • 3.4.

    Die Gruppen bemühen sich um den Abbau der konsumorientierten Ziele der sozialistischen Gesellschaft. Sie sind bereit, die Kosten eines gesellschaftlichen Umbaus mitzutragen.

  • 4.1.

    Die Gruppen bejahen jede politische Initiative, die zur allgemeinen Abrüstung führt. Sie unterstützen die Versuche, atomwaffenfreie Zonen in Europa zu schaffen.

  • 4.2.

    Die Gruppen setzen sich für eine Veränderung der Weltwirtschaftsordnung ein, damit die armen Völker eine Chance erhalten, ihr wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben unter menschenwürdigen Voraussetzungen zu gestalten. Sie beteiligen sich nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten an Initiativen, die diesem Ziele dienen.

  • 4.3.

    Die Gruppen gehen davon aus, dass die Zukunft der Welt davon abhängt, nationale und internationale Krisen nicht durch militärische Gewalt und Interventionen, sondern durch politische Bemühungen zu lösen. Sie werden solche Bemühungen öffentlich unterstützen.

  • 4.4.

    Die Gruppen bemühen sich in der DDR um eine Entmilitarisierung des öffentlichen Lebens, um die Entideologisierung der Bildung und um die Entbürokratisierung des Umgangs mit den Bürgern.

  • 5.

    Um diese Ziele zu erreichen, Forderungen durchzusetzen, mit Enttäuschungen und massiven Druck von unterschiedlichen Seiten leben zu können, brauchen die Gruppenmitglieder Trainingsfelder

    • 1.

      zur Einübung der eigenen alternativen Lebensform,

    • 2.

      zur Vergewisserung der eigenen religiösen und ideologischen Motivationen,

    • 3.

      zur Verarbeitung der eigenen Ohnmachtserfahrungen angesichts staatlichen Zwanges oder angesichts der sehr komplexen und komplizierten Problemlage,

    • 4.

      zur Fähigkeit des Einzelnen, trotz kontroverser Überzeugungen im kooperativen Gespräch zu bleiben.

    • Die Gruppen stellen diese Trainingsfelder zur Verfügung und verschaffen sich Sachkenntnisse, um solche Prozesse helfend zu begleiten.

25.2.1988

Hans-Joachim Tschiche

  1. Zum nächsten Dokument Grenzdurchbruch mit Lkw an der Glienicker Brücke
    16. März 1988
    Information Nr. 133/88 über einen gewaltsamen Grenzdurchbruch durch drei Bürger der DDR mit einem NKW, Typ W 50, am 10. März 1988 an der Grenzübergangsstelle Glienicker Brücke/Bezirk Potsdam
  2. Zum vorherigen Dokument Meinungen westlicher Vertreter zur Leipziger Frühjahrsmesse
    15. März 1988
    Erste interne Reaktionen westlicher Messeteilnehmer und -gäste im Zusammenhang mit dem Rundgang der Partei- und Staatsführung der DDR anlässlich der Leipziger Frühjahrsmesse 1988 [Bericht O/201]