Direkt zum Seiteninhalt springen

Lage in Berlin und in den Bezirken

[Ohne Datum]
Situationsbericht von Groß-Berlin und der Republik vom 18.6.1953 von 0.00 bis 12.00 Uhr [Meldung Nr. 5/53]

I. Groß-Berlin

Durch die Verhängung des Ausnahmezustandes und die damit verbundene Ausgangssperre in der Zeit von 21.00 bis 5.00 Uhr morgens herrschte in der Nacht fast völlige Ruhe. Es kam zu keinen nennenswerten Störungen. Im Verlaufe des Vormittags des 18.6.1953 konnte eine Entspannung der Lage in Groß-Berlin festgestellt werden. In den frühen Morgenstunden gab es Ansammlungen von Menschen z. B. auf dem Ostbahnhof, auf dem Bahnhof Ostkreuz und Friedrichstraße. Diese Ansammlungen sind zurückzuführen auf das Bestreben der Arbeiter, durch die Verkehrsmittel zu ihren Arbeitsstellen zu gelangen. Da der Verkehrsbetrieb aber vorerst in einem beschränkten Umfang aufgenommen wurde, gab es die oben geschilderten Stauungen.

Am Morgen des 18.6.1953 haben die Arbeiter in einer Reihe von wichtigen Betrieben die Arbeit wieder aufgenommen. Bei Bergmann-Borsig arbeiteten ca. 55 % der Tagesschicht, im TRO arbeiteten ca. 70 % der Belegschaft, im RFT Köpenick ca. 80 % der Belegschaft, der VEB Secura hat die Arbeit fast vollständig wieder aufgenommen. Die Stimmung wird in diesem Betrieb als gut bezeichnet. Bei Siemens-Plania arbeiten ca. 70 bis 80 % der dort Beschäftigten. Im Kraftwerk Klingenberg gibt es keine Störungen, der Betrieb arbeitet fast vollständig. Die Energieversorgung ist gesichert. Es muss noch bemerkt werden, dass der Prozentsatz der Arbeitenden höher wäre, wenn nicht erhebliche Verkehrsschwierigkeiten zu überwinden wären.

Während in einer Reihe wichtiger Betriebe die Arbeiter den Streik abbrechen, legten andere, weniger bedeutende Betriebe die Arbeit nieder. Die Transportarbeiter des Kühlhauses traten in den Streik, weil die Diskussionsgruppen, die sich im Betrieb bildeten, aufgelöst wurden, die Yacht-Werft in Köpenick hat mit 700 Beschäftigten um 11.45 Uhr die Arbeit eingestellt. Forderungen nach Preissenkung in der HO und Rücktritt der Regierung wurden gestellt.

Fast in oder vor allen Betrieben traten Elemente auf, die versuchten die Belegschaft von der Aufnahme der Arbeit abzuhalten. Im RFT Funkwerk erschien der Nationalpreisträger Dr. Vinzelberg1 und versuchte die Arbeiter von der Wiederaufnahme der Arbeit abzuhalten.

Im VEB Wälzlager2 versuchte ein Provokateur die Arbeiter am Betreten des Betriebes zu hindern3. Der Betreffende wurde inzwischen festgenommen.

Die Bauarbeiter der Stalinallee haben zum überwiegenden Teil die Arbeit noch nicht wieder aufgenommen. Lediglich auf dem Lehrlingsbau in der Stalinallee wird gearbeitet und darüber hinaus auf den Baustellen E-Süd und E-Nord. Im Abschnitt G-Nord wurde die Arbeit aufgenommen, wenige Zeit später aber wieder niedergelegt. Die Ursache der Arbeitsniederlegung liegt darin, dass zahlreiche Demonstranten zwischen Proskauer und Bersarinstraße sie aufgefordert haben die Arbeit wieder niederzulegen. Die Bauarbeiter werden in der Benutzung der Transportmittel behindert und bedroht. Die Bauarbeiter erklärten sich bereit die Arbeit wieder aufzunehmen, wenn sie den nötigen Schutz von der Volkspolizei erhalten.

In der DHZ Leninallee 148/150 forderten die beiden BGL-Vorsitzenden zum Streik auf. Zum Teil fordern die Arbeiter in den Betrieben, dass die von den Staatsorganen festgenommenen Rädelsführer freigelassen werden und zu ihnen sprechen. Das ist der Fall im EAW »J. W. Stalin«.

In verschiedenen Betrieben finden Versammlungen statt. Der Charakter dieser Versammlungen ist unterschiedlich. Z. B. versammeln sich die Arbeiter des Kabelwerkes Köpenick im Hofe, um ihren Streikführer sprechen zu hören, weil zuvor das Gerücht verbreitet wurde, dass dieser festgenommen sei.

Im Fortschritt-Werk Möllendorffstraße wurde eine Versammlung vom Rat des Bezirkes unterbunden. Die von der Belegschaft einberufene Versammlung hatte den Zweck, den Arbeitsbeginn aufzuhalten. Nachdem die Versammlung abgebrochen war, ging ein Teil in den Betrieb zurück, während ein anderer Teil in Gruppen auf dem Hofe diskutierte.

Eine große Anzahl von Personen wurde besonders im Laufe der frühen Morgenstunden festgenommen, weil diese die verschiedenartigsten Störungsversuche unternahmen. Im KWO kam es zu Tätlichkeiten. Die Rädelsführer wurden von der VP festgenommen.

Innerhalb des Demokratischen Sektors wurde der U-Bahn-, Straßenbahn- und teilweise auch der S-Bahnverkehr wieder aufgenommen. Die S-Bahn wird z. T. durch Dampfzüge ersetzt. Im Bezirk Mitte ist der gesamte Straßenverkehr wieder im Gange, ebenfalls im Bezirk Lichtenberg. Wo es erforderlich war, sind zur Überwindung von Verkehrsstörungen Lastwagen und Omnibusse eingesetzt worden. Unter den BVG-Angehörigen wird dafür Stimmung gemacht, dass sie am 18.6.1953 nur bis 17 Uhr fahren. Die Schlepperführer der DSU streiken und fordern Lohnerhöhung.

Zusammenfassend kann Folgendes gesagt werden: Charakteristisch für die Morgenstunden des 18. Juni ist der Umstand, dass sich die Arbeiter in großer Zahl an ihre Arbeitsplätze begeben und die Bereitwilligkeit zur Aufnahme der Arbeit vorhanden ist.

Der größte Teil der Betriebe des demokratischen Sektors von Berlin arbeitet wieder, jedoch gibt es kaum einen Betrieb, in welchem die Belegschaft 100%ig anwesend ist. Das Fehlen vieler Arbeiter in den Betrieben ist aber zu einem großen Teil auf Verkehrsschwierigkeiten zurückzuführen. Ein Teil der fehlenden Arbeiter wohnt in den Westsektoren.

Bei einem Teil der Arbeiter zeigen sich Unentschlossenheit und Schwankungen bei der Wiederaufnahme der Arbeit. In verschiedenen Fällen sind die Arbeiter zwar im Betrieb, sie stehen aber umher und tun nichts. In einigen Betrieben gibt es in und vor den Betrieben Diskussionsgruppen. Die Aufnahme der Arbeit wird teilweise von der Erfüllung gestellter Forderungen abhängig gemacht.

Die gegnerische Arbeit zeigt sich darin, dass Provokateure und Aufwiegler versuchen, die Arbeiter von der Wiederaufnahme der Arbeit fernzuhalten. Sie versuchen insbesondere Protestversammlungen zu organisieren, um die Arbeiter zu beeinflussen. Überall dort, wo solche Feindtätigkeit bemerkt wurde, ergriffen unser Ministerium, Volkspolizei und KVP die notwendigen Maßnahmen. Eine Reihe von Personen wurde festgenommen. Diskussionsgruppen wurden zerschlagen, unerlaubte Versammlungen unterbunden.

Es ist festzustellen, dass eine Beruhigung der Lage eingetreten ist, wenn auch die augenblickliche Situation von den Werktätigen in den Betrieben noch sehr heftig diskutiert wird. Es sind aber zzt. keine Anzeichen vorhanden, dass es zu größeren Unruhen und Aktionen kommen könnte. Im Gegensatz zum 17.6. ist festzustellen, dass die Vertreter der Partei und Gewerkschaft zu den Arbeitern in den Betrieben jetzt sprechen und versuchen, die Lage zu klären.

II. In der Republik

Die Lage hat sich in fast allen Bezirken – mit Ausnahme von Rostock – gegenüber dem Vortage entspannt. Aus einigen Bezirken, z. B. Leipzig, Dresden, Magdeburg, wird gemeldet, dass in ihren Bereichen noch gestreikt wird. Es wird noch demonstriert. Besonders verschärft hat sich die Lage in Rostock.

Bezirk Rostock

Nach der heutigen Meldung streiken im Bezirk Rostock fast sämtliche Werften, z. B. Reparatur- und Schiffswerft in Stralsund mit 3 000 Mann, die Warnow-Werft Warnemünde mit 4 000 bis 5 000 Mann. In der Warnow-Werft wurde die Flagge auf Halbmast gesetzt für die »gefallenen Kameraden« in Berlin.

Die Volkswerft Stralsund streikt mit 5 000 Mann. Die Arbeiter der Volkswerft verlangen, dass die zwei Lkw mit sowjetischen Soldaten, die vor der Werft aufgefahren sind, zurückgezogen werden und dass der Ausnahmezustand aufgehoben wird. Es streikt außerdem die Neptun-Werft Rostock mit 600 Arbeitern.

Ausnahmen machen die Werften [sic!] Mathias-Thesen-Werft, Wismar, wo noch gearbeitet wird. Die Arbeiter wollen jedoch ab 22.00 Uhr ebenfalls die Arbeit aufgrund der Verhängung des Ausnahmezustandes niederlegen.

Die Motorenwerke in Stralsund streiken ebenfalls. Die Peene-Werft in Wolgast arbeitet wieder. Die Reparatur- und Schiffswerft in Stralsund sowie die Warnow-Werft in Warnemünde wurden von Einheiten der Freunde und Grenzpolizei besetzt.4

Bezirk Karl-Marx-Stadt »W«5

Am 17.6.1953 vereinigten sich Industriearbeiter mit den Kumpels in Weida. In den heutigen Morgenstunden wurde ein Rädelsführer dieser Aktion festgenommen (Personalien unbekannt). Jedoch wurde aus der Dienststelle Gera erneut gemeldet, dass in Weida Demonstranten versuchten das VP-Revier zu stürmen. Die VP machte von der Schusswaffe Gebrauch. Drei Demonstranten wurden verletzt, ihr Verbleib ist unbekannt.

Aus Gera wird gemeldet, dass sich 300 Demonstranten auf der Chaussee Richtung Berga–Culmitzsch nach den Schächten Sorge-Süd und Sorge-Nord bewegen, um die Produktion stillzulegen.

In Ronneburg herrscht allgemeine Bereitwilligkeit der Kumpels zur Arbeit im Schacht. Einige Rädelsführer unternahmen jedoch Störversuche. Unsere Mitarbeiter befinden sich auf dem Weg der Festnahme derselben. Auf allen übrigen Schächten und Objekten herrscht Ruhe. Die Kumpels sind vollständig zur 1. Schicht eingefahren. Verletzte oder verwundete Mitarbeiter gibt es nicht.6

Freital meldet, dass der Transport der Wismut-Kumpels voll gewährleistet ist und dass sich in verschiedenen Schächten die Kumpels verpflichtet haben, bei ausfallenden Arbeitskräften in der 3. Schicht freiwillig weiterzuarbeiten. Trotz dieser Entspannungen muss die Lage noch als ernst angesehen werden.

Bezirk Magdeburg

Gegenüber dem Vortage hat sich die Lage in Magdeburg etwas verbessert. Sie ist jedoch noch als ernst zu betrachten. Vom Vortage wurde gemeldet, dass in den Krankenhäusern 42 Verletzte und sieben Tote festgestellt wurden, davon zwei VP-Angehörige7 und ein8 Mitarbeiter des MfS.9

Das Karl-Marx-Werk hat nur zu 20–30 % die Arbeit aufgenommen. Es verlassen jedoch bereits wieder Gruppen von 20 bis 30 Personen das Werk. Das Ernst-Thälmann- und Karl-Liebknecht-Werk fordern die Zurückziehung der sowjetischen Panzer. In der Staatswerft Rothensee haben heute Morgen Provokateure den Betriebsschutz entwaffnet.

Einige Betriebe arbeiten bereits wieder voll, so z. B. die Bau-Union, Fahlberg-List und das Sprengstoffwerk Schönebeck. Die Lage im Hüttenkombinat »West« in Calbe ist aus dem Bericht nicht ersichtlich. Von unserem Ministerium wurden bis heute 9.00 Uhr 20 Festnahmen, von der VP 100 durchgeführt.

Bezirk Leipzig

Aus dem Bericht der Bezirksverwaltung Leipzig geht hervor, dass sich die Lage noch keineswegs beruhigt hat. In einer Reihe Betriebe ist die Arbeit noch nicht aufgenommen worden, so z. B. im IFA-Getriebewerk III Connewitz,10 Galvano-Technik, Torgauer Straße, und Elektro-Stahlguss. Die Auto-Union hat erst heute Morgen den Streik aufgenommen. Sie begründen das mit dem Argument, dass sie unter den jetzigen Verhältnissen keine Lust zum Arbeiten haben.

Aus der Stadt Leipzig werden keine Demonstrationen und Überfälle mehr gemeldet. Wie ernst die Lage trotzdem ist, zeigt die Meldung von 11.25 Uhr aus Eilenburg. Die Dienststelle des MfS wurde zu dieser Zeit von Demonstranten angegriffen. Gegenmaßnahmen wurden getroffen.

Bezirk Dresden

Aus dem Bericht der Bezirksverwaltung Dresden geht ebenfalls hervor, dass noch weitere Streiks durchgeführt werden.

8.05 Uhr wird aus Riesa gemeldet, dass im Stahlwerk Gröditz 800 Arbeiter die Arbeit niedergelegt haben. In Pirna haben die Spritz- und Pressgießerei sowie das Elbtalwerk Heidenau die Arbeit noch nicht aufgenommen. Man verlangt die Verhafteten zurück.

Außerdem haben im RAW Schlauroth, Kreis Görlitz, und im Trafo-Werk Dresden-Übigau die Arbeiter die Arbeit niedergelegt. In Dresden-Übigau sind es 200 Arbeiter, die Leitung liegt in Händen Jugendlicher, die »freie« Wahl fordern. Im Sachsenwerk Niedersedlitz wurde die Arbeit heute Morgen aufgenommen; nur in einer Abteilung wurde die Forderung gestellt, die Verhafteten freizulassen, da sonst mit Streik geantwortet wird. Weitere ernsthafte Dinge und Meldungen liegen nicht vor. Demnach hat sich die Lage gegenüber dem Vortage gebessert.

Bezirk Schwerin

Hier waren am Vortage keine Streiks. Aus der Meldung vom 18.6.1953, 8.40 Uhr, geht hervor, dass in Güstrow es zu einer Demonstration kam, wo ca. 4 000 bis 5 000 Personen teilnahmen.11 Die Demonstration richtete sich gegen den Ausnahmezustand, zerstreute sich aber, als sowjetische Lkw auftauchten. Im Apparatebau Grabow herrscht Missstimmung.

Es wurden drei Festnahmen vollzogen. Dabei handelt es sich darum, dass man forderte »Nieder mit der Regierung« und ein Leutnant in Ludwigslust tätlich angegriffen wurde. Es handelt sich hierbei nur um Einzelerscheinungen.

Bezirk Neubrandenburg

Von dort wird uns mitgeteilt, dass zwischen Waren und Malchow gegen Mitternacht die Fernsprechleitung gestört wurde und dass es im Bezirk Neubrandenburg zur Festnahme von 15 Personen kam, weil sie die Sperrstunden überschritten hatten. Im Kreis Teterow wurden 14 Personen festgenommen. Diese Festnahmen stehen im Zusammenhang mit der Zusammenrottung [vor] der Haftanstalt am 17.6.1953. Ebenfalls wurde im Kreis Altentreptow eine Person festgenommen, weil dieselbe einen Funktionär provozierte. Alle Festnahmen wurden durch die Volkspolizei getätigt.

Nach vorliegenden Berichten ist zu ersehen, dass unsere Mitarbeiter noch wenig Erfolg hatten und dass die Lage verhältnismäßig ruhig ist.

Bezirk Potsdam

Die Streiklage im Bezirk Potsdam hat sich gegenüber dem Vortage nicht verbessert. Zwar wurde die Arbeit in den Betrieben in Brandenburg-Havel wieder vollständig aufgenommen, ebenso in der Bau-Union-Spree. Eine Reihe anderer Betriebe jedoch hat die Arbeit noch nicht aufgenommen und es ist eine Reihe neuer Betriebe hinzugekommen, die ebenfalls streiken.

So legten die Arbeiter des Karl-Marx-Werkes in Babelsberg in den Morgenstunden des 18.6.1953 erneut die Arbeit nieder. Sie bildeten eine Streikleitung, forderten den Sturz der Regierung. Maßnahmen zur Festnahme der Rädelsführer wurden eingeleitet.

Im Industriewerk Ludwigsfelde und bei der dortigen Bau-Union wurde die Arbeit von den 1 500 Arbeitern nicht aufgenommen. In den Rathenower Optischen Werken haben ca. 2 000 Arbeiter die Arbeit niedergelegt. Im Kunstseidenwerk Premnitz streiken ebenfalls 6 000 Mann. Auch die Belegschaft des RAW Kirchmöser mit 2 500 Arbeitern setzt den Streik fort. Von Demonstrationen ist in den Berichten nicht mehr die Rede.

Bei Jüterbog wurde auf einen Soldaten der Sowjetarmee aus einem Auto, indem zwei weibliche Personen saßen, geschossen. Der Soldat wurde verwundet. Zu anderen Zwischenfällen ist es laut Bericht nicht mehr gekommen. In den übrigen Orten war es in der Nacht vom 17. zum 18. Juni ruhig und ohne Störung.

Aus den Berichten ist zu ersehen, dass unsere Mitarbeiter noch wenig Erfolge hatten. Es wurden nur zwei Festnahmen aus Königs Wusterhausen gemeldet. Vorbildlich verhielt sich das Personal der Reichsbahn, das am 17. und 18.6. vollzählig zum Dienst erschienen war.

Die Lage im Bezirk Potsdam muss insgesamt noch als ernst bezeichnet werden.

Bezirk Erfurt

Im Bezirk Erfurt, wo es auch am gestrigen Tage zu keinerlei größeren Ausschreitungen gekommen war, hat sich nach einer Meldung vom 18.6.1953, 8.30 Uhr, die Lage vollkommen entspannt. Die Arbeit wurde im Bezirk fast 100%ig wieder aufgenommen. Selbst in den Rheinmetallwerken Sömmerda, wo am gestrigen Tage gestreikt wurde, erschienen 50 % zur Arbeit. Auch im RAW Jena wurde um 8.30 Uhr die Arbeit von allen Betriebsangehörigen wieder aufgenommen. Es wurden 51 Festnahmen vorgenommen, wobei die Volkspolizei nur fünf bis sechs tätigte. In zehn Fällen handelt es sich um schwere Fälle. Daraus ist ersichtlich, dass im Bezirk Erfurt die Ruhe und Ordnung bald vollständig hergestellt sein dürfte und nicht zuletzt dies auf die Aktivität unserer Mitarbeiter zurückfällt.

Bezirk Karl-Marx-Stadt

Hier wurde am 17.6.1953 der Ausnahmezustand um 19.00 Uhr erklärt. Aus drei vorliegenden Meldungen ist ersichtlich, dass die Klassenfeinde ihre Tätigkeit lediglich auf Kleben von Hetzzetteln und Anschmieren von Hetzlosungen bzw. Absenden von Drohbriefen beschränken. Das ist in Freiberg, in Wernesgrün, Kreis Auerbach, in Zwickau und Olbernhau, Kreis Marienberg, zu verzeichnen.

Es handelt sich um Einzelerscheinungen. Die Losungen sind die bereits bekannten. Dagegen kam es in der Nacht vom 17. zum 18.6.1953 im Wälzlagerwerk Fraureuth anlässlich einer Versammlung um die Bekanntgabe der Regierungserklärung zu Randalierungen. Es wurde Rücktritt der Regierung gefordert und die Aufhebung des Ausnahmezustandes. Von 1 600 Belegschaftsmitgliedern nahmen aber nur 120 Personen an dieser Versammlung teil.

Bis heute 6.45 Uhr wurde die Arbeit trotz aktiver Maßnahmen des Parteisekretärs von 900 Belegschaftsmitgliedern noch nicht wieder aufgenommen. Man fordert eine Erklärung des Stadtkommandanten über den Ausnahmezustand. Die Rädelsführer wurden bisher noch nicht festgestellt.

In Crimmitschau versuchten Wismut-Arbeiter vor dem Rathaus und dem Parteigebäude eine Provokation hervorzurufen. Die VP unterband diesen Versuch. Die Arbeiter zeigten Vernunft, gingen zu ihren Quartieren zurück. Es gab keine Zwischenfälle.

Bezirk Gera

Von unserer Bezirksverwaltung liegt über die Lage im Bezirk Gera nur ein Bericht über die am 17.6.1953 durchgeführten Inhaftierungen vor. Daraus ist ersichtlich, dass sich zzt. keine weiteren ernsten Anzeichen von gegnerischer Tätigkeit ergeben haben. Laut Bericht wurden am 17.6.1953 in Gera sechs, in Stadtroda vier und in Zeulenroda zwei Personen verhaftet. Letztere wurden entlassen, weil sich der vorhandene Verdacht nicht bestätigte.

Der in Gera festgenommene [Name 1, Vorname], war ehemaliger Wachmann im MfS in Gera. Er hatte den Aufrührern den Weg zur Haftanstalt des MfS gewiesen und damit den Überfall auf unsere Haftanstalt ermöglicht.12

Außer dem in Stadtroda festgenommenen [Name 2], der die Häftlinge aus der Haftanstalt in Jena half zu befreien, handelt es sich bei allen übrigen Festgenommenen um Schreiben und Hetzlosungen u. Ä. [sic!]13

Bezirk Cottbus

Gegenüber dem Vortag ist im Bezirk Cottbus eine wesentliche Beruhigung eingetreten. Es wird nur gemeldet, dass die Arbeiter des RAW Cottbus und die Güterabfertigung und das Bahnbetriebswerk die Arbeit noch nicht aufgenommen haben und eine Reihe von Forderungen stellten, die sich auf die Senkung der HO-Preise, den Rücktritt der Regierung usw. erstrecken. Die Rädelsführer und sechs weitere Provokateure konnten verhaftet werden. Weitere Maßnahmen wurden eingeleitet.

Aus dem Bericht ist ersichtlich, dass es keine weiteren Demonstrationen, Streiks und Provokationen gegeben hat.

Bezirk Halle

Von Halle liegt nur ein Bericht vor, der besagt, dass die Arbeit im RAW Halle bis jetzt noch nicht aufgenommen wurde und Belegschaftsversammlungen stattfanden. Da keine anderen Berichte vorliegen, wird angenommen, dass es zu keinen besonderen Vorkommnissen gekommen ist und die Lage sich beruhigt hat.

Bezirk Frankfurt/Oder

Die gesamte Belegschaft des Eisenhüttenkombinats »J. W. Stalin« arbeitet. Es streiken lediglich die Bauarbeiter, die den Ofen 5 errichten. Demnach kann man auch in Frankfurt davon sprechen, dass eine Beruhigung der Lage eingetreten ist.

Bezirk Suhl

Vom Bezirk Suhl liegen keinerlei Meldungen über Demonstrationen oder Streiks vor.

Abschließende Bemerkungen

Die Lage in Berlin erfuhr im Laufe des Vormittags eine weitere Entspannung, da der weitaus größte Teil der Betriebe die Arbeit wieder aufgenommen hat. Demonstrationen traten kaum noch in Erscheinung. In den Bezirken ist die Lage nach wie vor unterschiedlich, doch kann im Allgemeinen auch hier von einer fühlbaren Entspannung gesprochen werden.

Im Bezirk Rostock allerdings – wo bisher Ruhe war – sind die Arbeiter der Werften in den Streik getreten. Es hat den Anschein, als würden im Bezirk Rostock die für die Aufrechterhaltung und Wiederherstellung der Ordnung verantwortlichen Organe nicht energisch genug gegen die Rädelsführer vorgehen. Aus der anliegenden Statistik über die Festnahmen gewinnt man diesen Eindruck. Im Bezirk Potsdam ist die Zahl der streikenden Arbeiter noch sehr hoch. In Magdeburg setzt sich der Gesundungsprozess langsam durch.

Zur Lage bei der Eisenbahn wäre noch zu bemerken, dass das Fahrpersonal nach wie vor, abgesehen von wenigen Ausnahmen, dem Streik fernbleibt und pflichtgetreu den Dienst verrichtet. In den Reichsbahnausbesserungswerken der Eisenbahn dagegen ist die Lage wesentlich ernster.

Am 18.6.1953 wurde von den Streikenden insbesondere die Forderung nach Beseitigung des Ausnahmezustandes, Senkung der HO-Preise und Sturz der Regierung erhoben, doch muss auch festgestellt werden, dass es bereits zahlreiche Belegschaften gibt, die sich gegen die Streikenden in Beschlüssen wenden. Es ist anzunehmen, dass im Verlaufe des heutigen Tages die Streiks noch mehr abklingen und es zu einer weiteren Entspannung kommt.

Die Anzahl der Festnahmen hat sich, wie aus nachfolgender Aufstellung hervorgeht, in den Bezirken ohne Groß-Berlin auf 802 erhöht.14

Bezirksverwaltung

insgesamt Festnahmen

davon MfS

davon VP

davon schwere Fälle

Suhl

Karl-Marx-Stadt

10

3

7

1

Leipzig

60

35

25

18

Dresden

200

75

125

2

Neustrelitz

27

Erfurt

56

51

5

10

Magdeburg

120

20

100

20

Halle

161

149

22

ca. 100

Cottbus

12

8

Potsdam

58

55

3

5

Gera

26

8

Frankfurt/O.

70

18

Karl-Marx-Stadt »W«

1

1

1

Rostock

1

1

Schwerin

Insgesamt

802

390

287

19215

  1. Zum nächsten Dokument Lage in Berlin und in den Bezirken
    [Ohne Datum]
    Zusammenfassender Bericht über die Ereignisse am 18.6.1953 in der Zeit von 12.00 Uhr bis 19.30 Uhr in Groß-Berlin und in der Republik [Meldung Nr. 6/53]
  2. Zum vorherigen Dokument Stimmungsberichte zum »Neuen Kurs«
    [Ohne Datum]
    Stimmungsberichte zum Kommuniqué des ZK der SED [Meldung Nr. 4/53]