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Lage in Berlin und in den Bezirken

[Ohne Datum]
Situationsbericht für die Zeit vom 19.6., 0.00 Uhr bis 12.00 Uhr [Meldung Nr. 11/53]

I. Groß-Berlin

Aus bisher vorliegenden Meldungen ist zu entnehmen, dass die Zahl der Arbeiter, die in ihre Betriebe zurückgekehrt sind und die Arbeit wieder aufnehmen, ständig im Steigen begriffen ist. Im Allgemeinen dürften in den Betrieben 80 % der Arbeiter wieder arbeiten. Das trifft nicht zu für die Bauarbeiter. Hier ist der Prozentsatz wesentlich niedriger.

Aus einzelnen Meldungen geht hervor, dass in der Chemischen Fabrik Grünau die Arbeit wieder 100%ig aufgenommen wurde. Die Stimmung in der Belegschaft ist allerdings gespannt. Als bekannt wurde, dass sämtliche Versammlungen der BGL und der Partei verboten sind, brachten die Arbeiter ihre Unzufriedenheit darüber zum Ausdruck.

Das Werk A1 der Yachtwerft in Köpenick arbeitet zu 100 %, das Werk B zu 80 %. Im Kabelwerk Köpenick nähert sich die Zahl der die Arbeit wieder aufgenommenen Arbeiter [sic!] 100 %. Allerdings wird in der Belegschaft lebhaft über die Verhaftung der Streikführer diskutiert.

Bei Kodak haben etwa 90 % der Belegschaftsmitglieder die Arbeit wieder aufgenommen. Bestrebungen, erneut in den Streik zu treten, treten nur gering in Erscheinung.

Bei der DHZ Nahrung in Lichtenberg, Herzbergstraße, wurde festgestellt, dass unter den Angestellten Streiktendenzen im Gange sind. Einige Angestellte treten aggressiv in Erscheinung. Eine Einsatzgruppe der Kreisdienststelle Lichtenberg des MfS befindet sich im Betrieb.

Aus Weißensee wird gemeldet, dass die Arbeit im VEB Wohnungsbau, Baustelle Große-Leege-Straße, noch nicht wieder aufgenommen wurde.

Die feindliche Tätigkeit erstreckte sich in der Nacht zum 19.6.1953 und in den Morgenstunden vorwiegend auf eine stärkere Verbreitung von Hetzschriften und Flugblättern, deren Inhalt sich gegen die Sowjetunion richtet. Gegen 1.20 Uhr wurde gemeldet, dass Flugzeuge Flugblätter abwarfen, die z. T. vor der sowjetischen Botschaft Unter den Linden niedergingen.

Der VP-Posten am Alexanderplatz meldete, dass aus dem oberen Stockwerk des HO-Kaufhauses Flugblätter geworfen wurden. Eine Durchsuchung des Hauses wurde durch Angehörige der Sowjetarmee eingeleitet und die Abteilung K2 zur Verstärkung herangezogen.

Zwei Angehörige des Betriebsschutzes vom VEB Berliner Aufzugbau wurden aus dem Nebenhaus, Chausseestraße 34, durch zwei Schüsse beschossen. Die Durchsuchung der Freunde gemeinsam mit dem MfS blieb erfolglos.

Die Tätigkeit des Feindes zeigte sich im Einzelnen weiter dadurch, dass Provokateure auftraten, hauptsächlich in den Betrieben, dass in einem Falle ein Westberliner in der Wildenbruchstraße an der Sektorengrenze gewaltsam in den demokratischen Sektor einzudringen versuchte. Er wurde gestellt.

In Weißensee wurde eine Person festgenommen, die versuchte einer weiblichen VP-Angehörigen die Waffe zu entwenden. In einigen Fällen gingen Personen tätlich gegen die VP vor. Die staatlichen Sicherheitsorgane ergriffen in allen Fällen Maßnahmen, um die Absichten des Feindes von vornherein zu unterbinden. Zahlreiche Verhaftungen wurden durchgeführt.

II. In den Bezirken

Die überwiegende Mehrheit der Berichte ergibt, dass in den Bezirken bereits am 18.6.1953 gegen Abend eine Beruhigung der Lage eingesetzt hat. In sehr vereinzelten Fällen ist noch ein Aufflackern der Streikbewegung zu verzeichnen.

Die vorliegenden Meldungen beziehen sich nur auf die Zeit des späten Nachmittags und des Abends des 18.6.1953 bis 24.00 Uhr. Vom 19.6.1953 liegen aus der DDR nur drei Berichte vor. Eine wesentliche Entspannung der Lage ist eingetreten. Einige Beispiele:

Aus dem Bezirk Karl-Marx-Stadt wird um 23.55 Uhr des 18.6.1953 gemeldet, dass es im Laufe des Abends und der Nachtstunden keine Zwischenfälle mehr gegeben hat. Halberstadt, Marienborn, Salzwedel, Löcknitz, Plauen, Görlitz, Niesky, Pirna, Dresden, Frankfurt/O., Fürstenberg melden, dass es keine besonderen Vorkommnisse mehr gibt.

Hier noch einige Ausnahmen:

Bezirk Dresden

Gegen Abend des 18.6.1953 brach ein Streik in einem Werk in Heidenau aus. Am 19.6.1953 nahmen die Arbeiter des Betriebes die Arbeit wieder auf.

Bezirk Halle

In der Meldung vom 19.6.1953, 4.15 Uhr, aus Halle wurden am Vortage um 11.30 Uhr im Stahlwerk ABUS Halle in einer Streikversammlung 13 Mitglieder der neu gewählten Streikleitung verhaftet. Im Kulturraum der ABUS-Werke befanden sich zu dieser Zeit ca. 150 Personen. Unsere Dienststelle leitete Maßnahmen ein.3

Bezirk Erfurt

Nach einer Meldung vom 19.6.1953, 6.05 Uhr, begann eine Gruppe von 100 Straßenbahnern zu streiken. Ersatzfahrer versehen den Dienst.

Bezirk Potsdam

Auf dem Bahnhof Lehnin kam es zu folgenden Zwischenfällen: Die Inneneinrichtung des Bahnhofes Lehnin wurde von Reisenden demoliert. Nach einer Meldung vom 19.6.1953, 6.35 Uhr, wurde der Lokführer [Name] bei Einfahrt des ersten Zuges in Lehnin mit einer klaffenden Stirnwunde bewusstlos aufgefunden. Der Überfall hat zur Sperrzeit stattgefunden. Die Täter konnten bisher nicht festgestellt werden.

Einer nachträglichen Meldung vom 18.6.1953 zufolge, sammelte sich in Düppel an der Sektorengrenze4 eine Anzahl Personen, die mit Losungen gegen die Regierung auftraten. Die Ansammlung wurde von der Grenzpolizei beseitigt. Man meldet, dass die Stummpolizei im Gebiet des Westsektors ebenfalls die Krakeeler forttreibt. Anscheinend will man sich von Westberlin dadurch tarnen und von den Provokationen abgrenzen.

Am 18.6.1953 kehrten eine Reihe Arbeiter aus den Hennigsdorfer Betrieben, die sich an der Demonstration beteiligt hatten, aus den Westsektoren zurück. Nach Kontrolle der Ausweise und Aktentaschen wurden die Arbeiter in die Stadt gelassen, da sich die Lage dort wieder etwas beruhigt hatte.

Außerdem liegen vier Berichte vom 18.6.1953, 22.00 Uhr vor, die die Lage an der Westgrenze der DDR behandeln. Daraus geht hervor:

In Schöneberg kam ein Republikflüchtiger aus Westdeutschland zurück und berichtete, dass an der Westgrenze eine große Anzahl von Personen sind, die zurückkehren wollen, aber von den Zöllnern und Bundesschutzbeamten5 zurückgehalten werden.

Im Grenzgebiet von Probstzella gab es auf westlicher Seite eine Ansammlung von 30 Personen, die provozierten. Unter dieser Gruppe waren einige in amerikanischer Uniform. Zu irgendwelchen Zwischenfällen ist es jedoch nicht gekommen.

Die Grenzpolizeibereitschaft in Halberstadt meldet, dass im Laufe des Tages eine starke Ansammlung von Zöllnern und Bundesschutz6 an der Grenze festgestellt wurde. (Genaue Stellen wurden nicht angegeben.)

In Barneberg, im Kreis Oschersleben, wurde diskutiert, dass man am Morgen (19.6.1953) die 10-Meter-Kontrollstreifen7 beseitigen will.

Die Grenzpolizeibereitschaft Dermbach meldet, dass sechs Personen festgenommen wurden, die sich in der Zone des 10-Meter-Kontrollstreifens aufhielten.

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    19. Juni 1953
    Information Nr. 1 [Meldung Nr. 12/53]
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    [Ohne Datum]
    Bericht über die Lage in den Bezirken in der Zeit vom 18.6.1953, 19.00 Uhr, bis 19.6.1953, 2.00 Uhr [Meldung Nr. 10/53]