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Lage in den Bezirken

[Ohne Datum]
Bericht über die Lage in den Bezirken in der Zeit vom 18.6.1953, 19.00 Uhr, bis 19.6.1953, 2.00 Uhr [Meldung Nr. 10/53]

Die Lage in den einzelnen Bezirken ist unterschiedlich. Während aus einigen Bezirken in der Berichtszeit keinerlei Meldungen vorliegen, zeigen sich in anderen Bezirken noch immer Unruhen. Jedoch in der Mehrheit der Bezirke nehmen die Streikbewegungen ab.

Da die feindlichen Elemente gemerkt haben, dass ihre Rechnungen nicht aufgehen, wenden sie neue Mittel zur Entfaltung der Streikbewegung an. So werden Drohbriefe an Volkspolizeiangehörige und Funktionäre der Partei gesandt. Ebenso Briefe, die desorganisierenden Charakter tragen, so z. B. wurde im Bezirk Cottbus im VPKA Finsterwalde am 18.6.1953 in der Morgenpost eine anonyme Karte vorgefunden, in der Drohungen gegen die VP-Angehörigen zum Ausdruck gebracht wurden. Die VP-Angehörigen wurden aufgefordert, diejenigen Personen, die festgenommen werden sollen, schriftlich zu warnen. Als Absender sollen die VP-Angehörigen eine Decknummer angeben. Ferner erhielt die Betriebsparteiorganisation VEB Feintuch Finsterwalde am 18.6. einen Brief, in dessen Umschlag sich zwei gefälschte Briefe befanden. Angeblich war diese Post vom ZK abgesandt. Die Grundorganisationen wurden aufgefordert, das Bild des Genossen Malenkow in allen Räumen sowie an gut sichtbaren Stellen im Vordergrund anzubringen. Aus dem Bezirk Karl-Marx-Stadt wird berichtet, dass Briefe gleichen Inhalts auch hier an mehrere Betriebsparteiorganisationen gesandt wurden, z. B. VEB Sächsische Aluminium-Metallwarenwerke Glauchau und VEB Wirkerei Mittweida. Die Briefe trugen folgenden Absender; im Briefkopf: SED-Bezirk Berlin N 74, Wilhelm-Pieck-Str. 1, Zentralhaus der Einheit 4, Ruf: 420056.

Ferner versuchen randalierende Elemente, Kinder als Feuerschutz zu benutzen. Dies wurde festgestellt in Weida, Bezirk Gera, wo solche Elemente von volkseigenen Betrieben und der Wismut für die Demonstration Kinder zu gewinnen suchten. In Gera wandten sich Gruppen von ca. 30 Personen an Schulen, um Kinder für ihre Zwecke zu missbrauchen. 30 dieser Personen wurden festgenommen.

Bezirk Rostock

Trotz der geringen Meldungen ist anzunehmen, dass die Lage noch weiter ernst ist und noch keineswegs eine entscheidende Verbesserung eingetreten ist. Nach der Meldung ist seit dem Nachmittag des 18.6.1953 in zwei Werften eine Abschwächung der Streikbewegung eingetreten. In Wismar wird in der Werft bereits wieder gearbeitet. Es streiken noch die Arbeiter der Abteilung, die für Reparaturen arbeitet. Auch in der Neptun-Werft arbeitet der größte Teil der Arbeiter wieder. Ein Teil streikt noch.

Feindliche Elemente haben Boote aus Saßnitz in die westliche Ostsee entführt. Von 191 Booten sind über 80 Boote ausgefahren. Die Einheiten der Seepolizei und der Unterabteilung See der Grenzpolizei haben die Durchsuchung der westlichen Ostsee begonnen.

Bezirk Magdeburg

Vom Bezirk Magdeburg liegen ebenfalls nur kurze Berichte vor. Anscheinend gibt es in Magdeburg selbst keine besonderen Ereignisse. Die einzigen Berichte betreffen den Ort Halberstadt. Um 16.00 Uhr wird gemeldet, dass die Arbeiter des RAW und Betriebswerkes in Halberstadt um 13.15 Uhr des 18.6.1953 die Arbeit erneut niedergelegt haben. Danach wird gemeldet, dass fast sämtliche Betriebe in Halberstadt streiken, ebenfalls die Güterabfertigung des Bahnhofes.

In Ilsenburg wurde im Ilsewerk von zwei Personen eine Resolution verfasst mit den üblichen Losungen, die von der Belegschaft angenommen wurde. Die Verfasser der Resolution wurden festgenommen. Über einen Streikbeginn im Ilsewerk ist nichts bekannt. Zu irgendwelchen Demonstrationen ist es nach den Berichten vonseiten der streikenden Betriebe nicht gekommen. In Pabsdorf wurden drei Personen festgenommen.

[In Magdeburg-Gommern sind 200 Häftlinge der VP ausgebrochen, 34 konnten wieder festgenommen werden.]1

Bezirk Dresden

Die Meldungen bringen zum Ausdruck, dass es nur noch an wenigen Punkten zu weiteren Streiks und Zusammenrottungen gekommen ist. Aus Löbau wird gemeldet, dass die Arbeiter von drei Privatbetrieben in den Streik getreten sind. Losungen wie üblich.

In Dresden kam es auf dem Postplatz zu Zusammenrottungen von Jugendlichen in geringer Anzahl. Die Jugendlichen wollten die HO auf dem Postplatz stürmen. Die Zusammenrottungen wurden durch den Eingriff sowjetischer Soldaten gesprengt.

Im RAW Dresden wurde eine 40 Mann starke Delegation gebildet, die mit Zustimmung der Werksangehörigen der Betriebsleitung eine Resolution vorlegte. Die Arbeit wurde nicht niedergelegt.

Eine positive Meldung kommt aus Freital. Ca. 30 Maurer und Zimmerleute, die im Steinkohlenwerk Freital beschäftigt sind, haben in Diskussionen mit dem Betriebsschutz zum Ausdruck gebracht, dass sie die faschistischen Provokationen ablehnen und ihre Kräfte in der Arbeit verdoppeln werden. Zum Zeichen ihres Protestes gegen die faschistischen Provokationen hissten sie die rote Fahne auf ihrem Baugerüst.

Weitere Meldungen liegen nicht vor.

Bezirk Leipzig

Nach einer Meldung vom 18.6.1953 sind um 19.30 Uhr noch folgende Betriebe im Streik: VEB PWS Schmölln, VEB Schuhfabrik Saale und Schuhindustrie Groitzsch bei Pegau, Kreis Borna. Im letzteren Betrieb wurde erst um 16.00 Uhr die Arbeit niedergelegt. Alle anderen Betriebe in Leipzig arbeiten weiter.

Es zeigt sich also auch in Leipzig, dass mehr und mehr Ruhe eintritt.

Bezirk Karl-Marx-Stadt »W«2

Nach wie vor herrscht im Gebiet der »W«, mit Ausnahme der Objekte um Gera, vollständige Ruhe und Ordnung. Im Gebiet sind immer noch Wismut-Kumpel (ca. 500) am Randalieren.

Aus Freital wird berichtet, dass unter den Wismut-Kumpel große Empörung über die Provokationen in einer Reihe von volkseigenen Betrieben besteht. Das kommt darin zum Ausdruck, dass die Kumpels als Ausdruck der Verbundenheit zur Partei und den westlichen Agenten zum Trotz sich verpflichteten, Stoßschichten zu fahren. Sie erklärten sich auch bereit, nach Dresden zu fahren, um bei der Zerschlagung der Provokation behilflich zu sein.

Bezirk Karl-Marx-Stadt

Im Wälzlager Fraureuth und in der WEMA3 Rochlitz wurde im Laufe des Tages die Arbeit wieder aufgenommen.

In Freiberg traten 1 300 Bauarbeiter in den Streik. Am späten Nachmittag nahmen sie die Arbeit wieder auf.

Auch im Bezirk Karl-Marx-Stadt kann man davon sprechen, dass Streikaktionen nur noch vereinzelt zum Ausbruch kommen.

Bezirk Cottbus

Aus den Meldungen geht hervor, dass im RAW Cottbus die Normal- und Frühschicht seit 11.30 Uhr wieder arbeitet. Es fehlen lediglich noch vier Betriebsangehörige ohne Begründung. Ebenso meldet man, dass in der Großkokerei Lauchhammer die Arbeit von 200 Bauarbeitern nicht wieder aufgenommen wurde. Dieselben fordern Freilassung der in Haft Genommenen.

Provokationen wurden durch den Kraftfahrer [Name 1] und die Verlobte eines gewissen [Name 2], wohnhaft in Kiekebusch, durchgeführt. [Name 1] rief in der Bau-Union Parzellenstraße die Arbeiter auf, die Arbeit nicht aufzunehmen, bevor die Besatzungsmacht ihre Maßnahmen rückgängig macht. Die Angehörigen der Telefonzentrale forderte er auf, keine Verbindung mit der Polizei, der Staatssicherheit und der Besatzungsmacht herzustellen.

Im Wehrgelände Greifenhain ging ein Ballon mit ca. 1 000 Flugblättern nieder. Dort fordert man Sonderbefreiung des Ostens. Die Flugblätter wurden sichergestellt.

Ca. 400 Arbeiter der Bau-Union führten in Lauchhammer eine Versammlung durch. Dort forderte man: Abtritt der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik u. Ä. 30 bis 40 Arbeiter versuchten nach der Versammlung, die Arbeiter der benachbarten Fabrik VII dazu zu bewegen, die Arbeit niederzulegen, was ihnen nicht gelang.

Bezirk Potsdam

Die Betriebe Askania in Teltow, die Bau-Union im VEB »Heinrich Rau«, die Konsumbekleidungsstätte in Wildau haben die Arbeit wieder aufgenommen. Eine Delegation der Arbeiter des Karl-Marx-Werkes versuchte, die Belegschaft der DEFA Babelsberg zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen.

Am 18.6.1953, 10.00 Uhr, erschien in der Kreisleitung der SED Zossen eine Delegation von Arbeitern der Bau-Union Potsdam und erklärte, dass der Streik noch weitergehe. Weiter wird mitgeteilt, dass nur 10 % in Arbeit stehen. Die übrigen Arbeiter haben sich auf die Dörfer begeben. Über die Auswirkungen dieser Aktion ist noch nichts Näheres bekannt. In der Chemischen Fabrik Falkensee, in der 111 Personen beschäftigt sind, wird ab heute gestreikt. Ebenfalls streiken im Betrieb Dralowid 1 800 Arbeiter. Im Gerätewerk IFA Falkensee, wo 220 Personen beschäftigt sind, und in der TEWA Blankschraubenfabrik Luckenwalde wird Streik erwartet.

In Trebbin wurde vonseiten der sowjetischen Armee ein amerikanischer Pkw gestellt und dabei zwei Offiziere und der Fahrer festgenommen. Aus Falkensee wird mitgeteilt, dass die dortigen Eisenbahner und das Personal der S-Bahn-Triebwagen [den] Rücktritt der Regierung der DDR und 40%ige Preissenkung fordern und auf die Unterstützung aus Westberlin hoffen.

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    Situationsbericht für die Zeit vom 19.6., 0.00 Uhr bis 12.00 Uhr [Meldung Nr. 11/53]
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    [Ohne Datum]
    Situationsbericht vom 18.6. für die Zeit von 18.30 bis 24.00 Uhr [Meldung Nr. 9/53]