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Lage in Berlin

[Ohne Datum]
Situationsbericht vom 18.6. für die Zeit von 18.30 bis 24.00 Uhr [Meldung Nr. 9/53]

Die Lage im Demokratischen Sektor von Groß-Berlin hat sich in der Zeit von 18.30 Uhr bis 24.00 Uhr nicht wesentlich verändert. Eine Reihe von Ereignissen zeigt, dass der Gegner nach wie vor bemüht ist, den Kampf fortzusetzen.

Für die Betriebe ist es weiterhin im Allgemeinen kennzeichnend, dass die Arbeiter an ihre Plätze in der Produktion zurückgekehrt sind und ihre Arbeit verrichten. So hat z. B. die zweite Schicht im Fortschritt-Werk I ihre Arbeit mit 400 Kollegen aufgenommen. Zwischenfälle hat es keine gegeben. Ferner hat eine Überprüfung der Betriebe in Köpenick ergeben, dass sämtliche Werke zu 70 bis 80 % die Arbeit aufgenommen haben. Beim Magistrat von Groß-Berlin wurde die Arbeit genauso durchgeführt wie immer. Es war keine Streikstimmung vorhanden bis auf eine Ausnahme. Am 18.6. fehlten einige Kollegen. Es sind noch Untersuchungen im Gange, aus welchen Gründen sie der Arbeit fernblieben.

Neben den Betrieben, in denen ein verhältnismäßig normaler Arbeitsablauf vorhanden ist, gibt es einige Beispiele, in denen die Arbeit nicht aufgenommen wurde. Zum Beispiel im Werk VHZ Schrott.1 Hier wurde einer der Aufwiegler festgenommen und der VP übergeben. Eine Einsatzgruppe befindet sich noch im Betrieb.

Lediglich unter den Bauarbeitern herrschen noch keine geordneten Verhältnisse. So arbeiten z. B. am Block 402 von 28 Brigaden nur 18. In einem Hause am Block 40 herrschte gegen 19.00 Uhr noch ein reger Verkehr. Die Personen dort sind im Besitze von Fahrrädern. Ermittlungen werden durchgeführt.

Demonstrationen wurden keine mehr durchgeführt. Es zeigt sich vielmehr, dass der Gegner im Augenblick mit Flugblättern arbeitet. So wurden heute Nachmittag gegen 16.45 Uhr Flugblätter geworfen. Es ist ein kombiniertes Flugblatt in deutscher und russischer Sprache mit der Überschrift »Deutsche Freunde!« Der Inhalt dieses Flugblattes: Streikwelle in den Volksdemokratien und bei uns in der DDR. Format des Flugblattes DIN A5. Die Anzahl der geworfenen Flugblätter und der Personen konnte noch nicht ermittelt werden.

In den Bereichen der Kommandos Hohen Neuendorf und Glienicke, Kommandantur Summt, wurde eine starke Anzahl von Flugblättern gefunden mit denen eine wüstige [sic!] Hetze gegen die Regierung der DDR betrieben werden soll. Diese Flugblätter wurden mithilfe von Luftballons einschleust. Des Weiteren wurden ca. 80 Flugzettel gefunden, welche wahrscheinlich durch Flugzeuge abgeworfen worden sind.

Die Operativgruppe Blumberg3 meldet am 18.6., gegen 18.00 Uhr, dass nach einem Bericht die Eisenbahner von Basdorf, Kommandantur Summt,4 keine Züge mit Friedenslosungen durchfahren lassen.

Nach einer Meldung von 0.30 Uhr wurde an der Sektorengrenze Treptow–Neukölln an der Kellerbrücke eine starke Konzentration von Stummpolizisten5 beobachtet, die mit Karabinern bewaffnet sind. An der gleichen Stelle befindet sich amerikanische Militärpolizei, welche mit Maschinengewehren ausgerüstet ist. Eine telefonische Mitteilung von 21.20 Uhr besagt, dass sich amerikanische Panzer von der Potsdamer Straße aus in Richtung Potsdamer Platz bewegen. Diese Meldung kam von dem Kommando HdM.6

Das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten meldet, dass laut einer Mitteilung der bulgarischen Mission verdächtige Personen mit Fahrrad in Pankow, Mühlenstraße 2a, ein und aus gehen. Es wird angenommen, dass dort bestimmte Dinge vorbereitet werden. Ergebnisse von Ermittlungen liegen noch nicht vor.

Gegen 1.30 Uhr wird gemeldet, dass im Objekt Magerviehhof7 sämtliche elektrische Leitungen gestört sind. Nach bisherigen Überprüfungen befindet sich die defekte Stelle außerhalb des Objektes. Von der Ostseite des Objektes wird mit Steinen geworfen. Das Objekt wird zurzeit von einigen Fahrzeugen beleuchtet.

Am Block A-Nord Stalinallee werden die Bauarbeiter von jugendlichen Rowdys mit Steinen beworfen. VP und Funkwagen wurden eingesetzt.

Vom PdVP wurden bei der KVP sämtliche Pistolen angefordert und geliefert. [sic!] Bei Gebrauch der Waffe stellte sich heraus, dass alle unbrauchbar waren, weil einzelne Teile an den Waffen fehlten. Von der Volkspolizeiinspektion Mitte wird gemeldet, dass drei illegale Durchgänger zum Westsektor festgestellt werden konnten. An der Brommybrücke8 versuchten Jugendliche durch Schwimmen den Westsektor zu erreichen. Die WAPO9 ist verständigt.

Eine Anzahl Personen wurde festgenommen wegen provokatorischer Reden. Ein solches Element rief in angetrunkenem Zustand aus: »Heil Hitler!« Wegen Überschreitung der Ausgehzeit wurden ebenfalls einige Personen festgenommen.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass sich die Lage in den Betrieben nicht verändert hat. (Von den Verkehrsbetrieben sind keine wesentlichen Meldungen eingegangen.) Die Stimmung in den Betrieben ist außerordentlich unterschiedlich. Ein nicht unbedeutender Teil der Arbeiter sympathisiert zweifellos mit den Streikenden, verwirft aber gleichzeitig das verbrecherische Vorgehen. Der Einsatz von Instrukteuren des Zentralkomitees und sonstigen Einsatzgruppen der Partei, FDJ usw. wirkt sich positiv aus. Den letzten Meldungen zufolge haben die Störungsversuche des Gegners etwas zugenommen.

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    [Ohne Datum]
    Bericht über die Lage in den Bezirken in der Zeit vom 18.6.1953, 19.00 Uhr, bis 19.6.1953, 2.00 Uhr [Meldung Nr. 10/53]
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    [Ohne Datum]
    Bericht über die Lage auf dem Lande [Meldung Nr. 8/53]