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Tätliche Übergriffe in Berlin und in den Bezirken

[Ohne Datum]
Meldung von tätlichen Übergriffen und deren Folgen in Groß-Berlin und in den Bezirken der Republik [Meldung Nr. 7/53]

Zu tätlichen Übergriffen kam es in Groß-Berlin und in der Republik vor allem am 17.6.1953. Deshalb liegen diesem Bericht vor allem die Vorkommnisse vom 17.6.1953 zugrunde.

I. Groß-Berlin

Vor dem Haus der Ministerien waren die größten Versammlungen von Demonstranten in den Vormittagsstunden des 17.6.1953 zu verzeichnen. 8.20 Uhr wurde erstmalig von ca. 8 000 Demonstranten die Sperrkette der Volkspolizei durchbrochen. Wenige Minuten später konnten jedoch die angesammelten Menschenmassen wieder zurückgedrängt werden. Bis gegen 8.40 Uhr waren die Demonstranten auf ca. 25 000 angewachsen. Volkspolizisten wurden mit Steinen beworfen. Gegen 8.40 Uhr lösten sich einige Tausend von der demonstrierenden Menge und zogen in verschiedene Richtungen des amerikanischen Sektors.

Durch das Wachregiment war 9.45 Uhr eine Verstärkung eingetroffen, die jedoch den gewaltigen Menschenmassen nicht standhalten konnte. Von allen Seiten rückten die Demonstranten gegen das Haus der Ministerien, wobei 13 VP-Angehörige durch Schlagwaffen verletzt wurden. Von den Angehörigen des Wachregiments wurden 30 verletzt.

Gegen 11.25 Uhr erfolgte der Einsatz der Feuerwehr.1 Die Demonstranten erwiderten darauf mit Steinwürfen und Durchbrechen der Kette der Volkspolizei bis zur Haupttür des Hauses der Ministerien. Türen und Fenster wurden zertrümmert und ca. 20 Rowdys drangen bis zum zweiten Stock vor. Sie streuten Phosphor und Benzin aus und steckten dieses in Brand. Gegen 12.10 Uhr wurde das Haus der Ministerien von sämtlichen Eindringlingen gesäubert und die Lage vor dem Gebäude klärte sich auf.

11.15 Uhr wurde die Volkspolizeiwache im Columbia-Haus2 am Potsdamer Platz von Zivilisten entwaffnet und nach dem Westsektor verschleppt. In der weiteren Folge wurde im Columbia-Haus Feuer angesteckt. Gegen 8.20 Uhr gelang es feindlichen Elementen, in den Verlag »Tägliche Rundschau« einzudringen und dort Feuer anzulegen. Der Brand wurde jedoch nach kurzer Zeit gelöscht. 11.20 Uhr versuchten Demonstranten, das Haus der Nationalen Front zu stürmen. Sie wurden durch die Volkspolizei zurückgedrängt. Gegen 11.30 Uhr waren ca. 50 Personen in das Ministerium für Eisenbahnwesen eingedrungen.

In der Nähe des Zentralrates der FDJ wurde gegen 12.00 Uhr ein Bücherstand angezündet. Kurze Zeit später wurde auf dem Potsdamer Platz ebenfalls ein großer Zeitungskiosk angezündet. Durch sowjetische Panzer wurde ein Demonstrationszug nach dem Westsektor zurückgedrängt.

Gegen 14.10 Uhr drangen Demonstranten in die Aufklärungslokale der Nationalen Front in der Nähe des Walter-Ulbricht-Stadions ein und demolierten die Inneneinrichtungen und legten Feuer an. Zur gleichen Zeit wurde in der Brunnenstraße, Ecke Bernauer Straße, das Volkspolizeirevier gestürmt und die Inneneinrichtungen zerschlagen und auf die Straße geworfen. In der Brunnenstraße, Ecke Bernauer Straße, wurde ein HO-Geschäft gestürmt und in Brand gesteckt. Gegen 16.20 Uhr rissen zahlreiche Demonstranten das Straßenpflaster auf und bauten Barrikaden.

Bei den Streikbewegungen kam es zu tätlichen Übergriffen durch die demonstrierenden Arbeiter. Das Wachregiment Berlin hatte bei der Verteidigung des Hauses der Ministerien 30 Verletzte und fünf Schwerverletzte. Das Ministerium in Berlin hat insgesamt fünf Verletzte, davon vier Schwerverletzte und ein Leichtverletzter. Es handelt sich dabei um zwei Abteilungsleiter, zwei Referatsleiter und einen Sachbearbeiter.3 Diese Verletzungen wurden den Mitarbeitern des Ministeriums beigebracht, als sie in Einzelgruppen gegen die randalierenden Elemente vorgingen.

II. Bezirke der Republik

Bezirk Potsdam

Um 10.30 Uhr wurde das Gerichtsgebäude in Brandenburg von 2 000 Demonstranten besetzt. Akten und Einrichtungsgegenstände wurden zerstört und einige Häftlinge befreit. Den Staatsanwalt Bechtel4 hat man verschleppt. Staatsanwalt Schreiber wurde in Belzig vor einer Demonstration hergetrieben. In der Ortschaft Friesack besetzten Demonstranten das Rathaus. Die Ruhe wurde durch die VP wiederhergestellt.

In Rathenow wurden vier Angehörigen einer motorisierten VP-Streife die Motorräder und Waffen geraubt. Die Motorräder und Waffen kamen jedoch wieder in ihren Besitz. Die Magazine der Waffen hatte man ihnen entwendet. Gegen 21.20 Uhr besetzten ca. 400 Demonstranten Traktoren und Anhänger der MTS Ludwigsfelde. Um 20.00 Uhr wurden in Nauen drei Funktionäre der Partei tätlich angegriffen und geschlagen.

Der ehemalige Angehörige der Kriminalpolizei Wilhelm Hagedorn, der jetzt beim Betriebsschutz der HO Rathenow beschäftigt war, wurde von Demonstranten bestialisch niedergeschlagen. Man warf ihn in eine Schleuse. An den Folgen der Verletzungen verstarb er um 16.15 Uhr. Er konnte die Haupttäter noch angeben.5

Bezirk Karl-Marx-Stadt »W«6

In Weida versuchten Demonstranten das VP-Revier zu besetzen. Die VP machte daraufhin von der Schusswaffe Gebrauch. Dabei wurden drei Demonstranten verletzt.

Bezirk Leipzig

Streikende Bauarbeiter waren in das HO-Kaufhaus I eingedrungen und forderten die Schließung, welche jedoch nicht erfolgte. Um 12.30 Uhr drangen Demonstranten in das Haus des Staatlichen Rundfunkkomitees ein. Es gelang ihnen, für längere Zeit den Rundfunkbetrieb zu stören. Die randalierenden Gruppen demolierten Inneneinrichtungen und Büroräume im Studio Leipzig des Staatlichen Rundfunkkomitees. Sie zerschlugen im Rundfunkhaus die Büsten von Lenin und Stalin, zerschlugen Telefone, Fenster und Türen.

Einige Gruppen drangen in die Dienstgebäude der Staatsanwaltschaft ein, warfen Aktenbündel auf die Straße und verbrannten sie zum Teil. Vereinzelt waren sie in die Haftanstalt der VP und bis zur Tür der Haftanstalt des MfS vorgedrungen. Durch Anwendung von Waffengewalt wurden sie zurückgedrückt. Das Ergebnis war ein Toter vonseiten der Demonstranten.7 Dann drangen die Demonstranten in das Gewerkschaftshaus ein und zerstörten auch hier Inneneinrichtungen.

Das VPA-T Leipzig wurde von ca. 1 000 Demonstranten gestürmt und anschließend besetzt. Die Waffen sind im Panzerschrank eingeschlossen. Der Schlüssel befindet sich in den Händen der Genossen der Trapo. Einem anderen Bericht zufolge wurden 40 Schusswaffen entwendet. Diese Angaben sind nicht endgültig, sie werden noch von der HA der Trapo überprüft. Der Rädelsführer dieses Überfalles ist der ehemalige Trapo-Angehörige Kaiser. Er wurde festgenommen.8

Vor dem Hauptbahnhof wurde von den Demonstranten ein mit Waffen beladener Lkw in Besitz genommen. Die im Wagen befindlichen Waffen wurden verteilt. Durch das Eingreifen der Mitarbeiter des MfS gerieten 50 Waffen mit Munition wieder in unseren Besitz. Fünf Demonstranten wurden dabei verhaftet. In einem Demonstrationszug wurde die bei den Unruhen umgekommene Leiche [sic!] mitgeführt.9 Die Dienststelle Eilenburg des MfS wurde von den Demonstranten angegriffen.

Bezirk Dresden

Die Dienststelle Görlitz10 wurde gestürmt. Die Mitarbeiter des MfS der Kreisdienststelle Görlitz sowie der 1. FDGB-Sekretär wurden verschleppt.11 Die Bevölkerung machte den Versuch, die Haftanstalt II zu stürmen. 11.20 Uhr wurde dieselbe gestürmt und Häftlinge befreit. 11.28 Uhr soll die sowjetische Kommandantur gestürmt worden sein.12 Die Dienststelle wurde um 11.30 Uhr gestürmt. In das Rathaus wurde eingedrungen. Der Dienststellenleiter Niesner, Görlitz, wurde verwundet, auch der 1. FDGB-Sekretär13 trug schwere Verletzungen davon.

Auf die Grenzkommandantur Niesky wurde ein Angriff der Demonstranten durchgeführt. Durch Warnschüsse konnten sie vertrieben werden. Auch die Dienststelle Niesky wurde von den Demonstranten gestürmt und besetzt. Der Dienststellenleiter und zwei Mitarbeiter wurden eingesperrt,14 die VP wurde entwaffnet. Von der Dienststelle Niesky wurde ein Genosse schwer verletzt und zwei Genossen befinden sich ebenfalls im Krankenhaus. Ein anderer wurde leicht verletzt. Alle Waffen der Dienststelle wurden entwendet. Bis auf den Panzerschrank des Dienststellenleiters wurden alle Panzerschränke erbrochen und die Akten verstreut und zertrampelt.

Bezirk Rostock

Hier kam es zu keinen Ausschreitungen.

Bezirk Schwerin

Auch hier waren keine Ausschreitungen zu verzeichnen.

Bezirk Suhl

Es kam zu keinen Demonstrationen oder Ausschreitungen.

Bezirk Magdeburg

Ein Demonstrationszug drang gewaltsam in das Karl-Liebknecht-Werk ein. Die Demonstranten erbrachen das Tor und schlugen die Posten nieder. Die Arbeiter des Karl-Liebknecht-Werkes wurden gewaltsam in den Zug eingereiht.15 Die Bezirksleitung der Partei wurde angegriffen und demoliert. Ebenso andere öffentliche Gebäude wie [das] des Bezirksfriedensrates, der Nationalen Front, Häuser für deutsch-sowjetische Freundschaft, FDGB und der »Volksstimme«.16 Demonstrierenden17 gelang es auch, in das VP-Gefängnis einzudringen und einen großen Teil der Inhaftierten freizulassen.18 Die Demonstranten verfügten über 14 Karabiner. Das Tor der Haftanstalt unseres Ministeriums wurde in Brand gesetzt. Die Fernschreibstelle der Behörde der Deutschen Volkspolizei wurde besetzt.19

Um 17.00 Uhr wurde die Unterkunft der VP (T)20 in Calbe zerstört. Es gab in Magdeburg hohe Verlustziffern. Gezählt wurden sieben Tote und 42 Verletzte. Von den sieben Toten sind ein Mitarbeiter des MfS,21 zwei VP-Angehörige22 und vier Zivilisten.23 Inzwischen wurden von Magdeburg noch weitere 17 Verletzte gemeldet.

Bezirk Erfurt

Die Grenzbereitschaft Mühlhausen meldete, dass ein Lkw, der sich auf dem Wege nach Halle befand, in Halle aufgehalten wurde und die Grenzpolizisten vom Wagen gezogen wurden. Zehn Grenzpolizisten werden noch gesucht und sieben Grenzpolizisten begaben sich auf das VPKA.

Bezirk Neubrandenburg

Im Kreis Waren wurden gegen Mitternacht die Kabel der Fernsprechleitungen durchgeschnitten.

Bezirk Frankfurt/Oder

150 Bauarbeiter in Fürstenwalde erbrachen das Tor des Reifenwerkes DEKA24 und forderten die Arbeiter auf, in den Streik zu treten. Ein Demonstrationszug wollte die Stadtverwaltung besetzen, jedoch wurde das Vorhaben durch FDJ-ler verhindert. Ein FDJ-ler wurde dabei verletzt.

Bezirk Halle

In Halle und Bitterfeld wurden durch Demonstranten HO- und Konsumläden gestürmt. Der Bahnhof Thale/Harz wurde besetzt und demoliert. Die Dienststelle in Bitterfeld wurde dreimal überfallen und alles zerschlagen. Die Dienststelle Merseburg wurde besetzt von Demonstranten, dabei gelang es ihnen, Häftlinge zu befreien.25 In Halle wurde ein Gefängnistransportwagen unseres Ministeriums umgeworfen. Auch in der Haftanstalt Justiz wurden Gefangene befreit. In Quedlinburg wurde ein Sachbearbeiter zusammengeschlagen. Dieser Sachbearbeiter ist verwundet.26

Bezirk Cottbus

In der Großkokerei Lauchhammer wurde das Verwaltungsgebäude zum Teil demoliert.

Bezirk Gera

In Jena drangen Demonstranten in die Dienststelle unseres MfS ein. Die im Hause befindlichen Mitarbeiter wurden ebenfalls zusammengeschlagen. Die Stahl- und Rollschränke wurden durch die Demonstranten aufgebrochen und die Akten entwendet. Einen Teil erhielten unsere Mitarbeiter wieder zurück.

Die Demonstranten drangen auch in den Hof der Haftanstalt ein, sowohl der Volkspolizei als auch des Ministeriums. Demonstranten in ca. 20 Wismut-Wagen gingen aktiv gegen einen Trupp der KVP vor, der versuchte, die Demonstration aufzulösen. Der Wagen der KVP wurde umgeworfen und die Gewehre der Angehörigen der KVP wurden zerschlagen.27

Um 23.10 Uhr am 17.6.1953 wurde in Weida, Kreis Gera, von Wismut-Kumpeln das VP-Revier gestürmt. Hier kam es zu Schießereien. Zwei Angehörige der KVP wurden durch Demonstranten verschleppt. Die Demonstranten schossen auf die KVP. Daraufhin hat die KVP das Feuer erwidert. Zwei Demonstranten wurden verletzt. Einer davon ist inzwischen verstorben.28

Bezirk Karl-Marx-Stadt

Hier kam es zu keinen ernsten tätlichen Übergriffen.

Insgesamt gab es in Groß-Berlin:

Tote: –29

Verletzte

Ministerium – 5 Personen

VP – 48 Personen

Insgesamt – 53 Personen

Insgesamt gab es in der Republik:

Tote

Ministerium – 1 Person

VP – 2 Personen

Genossen – 1 Person

Demonstranten – 6 Personen

Insgesamt – 10 Personen

Verletzte

Ministerium – 7 Personen

VP – 3 Personen

Genossen – 14 Personen

Demonstranten – 47 Personen

Insgesamt – 71 Personen

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