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Tagesbericht

23. Dezember 1953
Informationsdienst Nr. 2054 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Über die bevorstehende Viermächtekonferenz1 und die Forderung auf Teilnahme deutscher Vertreter2 wird weiterhin in geringerem Maße unter den Arbeitern diskutiert. Die meisten Stimmen sind positiv und drücken die Hoffnung auf die Lösung der deutschen Frage aus. Ein Teil zweifelt an einem Erfolg der Konferenz, da sie durch die Westmächte sabotiert werden kann. Negative Stimmen sind nicht bekannt geworden.

Ein Arbeiter aus dem VEB Herko Sonneberg/Suhl: »Die Viermächtekonferenz wird eine Lösung des deutschen Problems bringen. Auch wir Deutschen müssen auf der Konferenz gehört werden und Vorschläge machen können zur schnellsten Herstellung der Einheit Deutschlands.«

Ein Angestellter aus dem Sprengstoffwerk Gnaschwitz/Dresden: »Wenn die Konferenz schon zustande kommt, so wird sie doch in den ersten Tagen auffliegen, weil die Westmächte Forderungen stellen werden, die unannehmbar sind.«

Desgleichen sind Diskussionen über die Regierungsverordnung3 geringer geworden. Die meisten Stimmen sind positiv und bringen die Freude über die materiellen Vergünstigungen zum Ausdruck. Vereinzelt werden negative Stimmen bekannt, wonach die Verordnung nur eine scheinbare Verbesserung bringt.

Ein Schlosser aus dem GUS Ueckermünde4/Neubrandenburg: »Ich freue mich besonders, dass jetzt ausreichend Fahrradersatzteile hergestellt werden. Nun muss dafür gesorgt werden, dass die Verordnung in die Praxis umgesetzt wird.«

Ein Heizer aus dem Kraftwerk Finow/Frankfurt/Oder: »Das sind die letzten Zuckungen. Damit ist doch eines Tages Schluss, denn der Westen lässt sich das nicht mehr lange gefallen.«

Zu den Veröffentlichungen über Berija5 und den Prozess gegen die Spionageorganisation Gehlen6 wird allgemein wenig diskutiert. Die meisten Stimmen sind positiv, der Inhalt hat sich nicht wesentlich verändert. Negative Stimmen sind nicht bekannt geworden.

Ein Lokführer aus dem VEB Zuckerfabrik Genthin/Magdeburg: »Man sollte es nicht für möglich halten, dass es in der SU noch solche Menschen gibt. Das Urteil muss entsprechend der schweren Schädlingstätigkeit sehr hart sein.«

Ein Hauer aus Annaberg/Karl-Marx-Stadt: »Man kann zu den Organen des SfS wirklich Vertrauen haben, sie haben der Gehlen-Organisation einen wirklich schweren Schlag versetzt. Die Verbrecher müssen eine hohe Strafe erhalten.«

Vorfristige Erfüllung des Jahresplanes wird aus einigen Betrieben bekannt. So hat z. B. der VEB Berger Pößneck/Gera am 18.12.1953, der SAG Transmasch Rudisleben/Erfurt am 21.12.1953 und verschiedene Abteilungen der Horch-Werke Zwickau/Karl-Marx-Stadt am 22.12.1953 den Plan vorfristig erfüllt. Im VEB Zeiss Jena/Gera wurden 158 Wettbewerbsverträge abgeschlossen, an denen 3 456 Kollegen beteiligt sind.

Voraussichtliche Produktionsschwierigkeiten werden vom VEB Schäfer Schuhfabrik Erfurt für das Planjahr 1954 gemeldet, da verschiedene Lederlieferanten aufgrund von Mangel an Rohhäuten die Verträge im 1. Quartal 1954 nicht einhalten werden können.

Waggonmangel besteht beim VEB Braunkohlenwerk Königaue, Kreis Aschersleben/Halle, wodurch seit einigen Tagen der Abtransport von Kohle stockt, beim VEB Baumaschinen in Gatersleben/Halle, wodurch Geräte für den Export nicht abtransportiert werden können, beim Kalkwerk Ermsleben/Halle, wodurch Kalk für die Zuckerfabrik Anklam nicht geliefert werden kann.

Eine Geldsammlung wurde im Stahl- und Walzwerk Gröditz/Dresden zugunsten der Frauen, deren Männer wegen Absturz des Elektroofens im Stahlwerk in Untersuchungshaft sind, durchgeführt. Die Arbeiter sind der Meinung, dass die Festgenommenen unschuldig sind.

Betriebsstörung: Am 22.12.1953, gegen 4.55 Uhr, brach im VEB Braunkohlenbau in Egeln, Kreis Staßfurt/Magdeburg, ein Wassereinbruch aus, wodurch die Produktion eingestellt wurde. Ursache zzt. ungeklärt.

Handel und Versorgung

Das reichhaltige Warenangebot vor den Weihnachtsfeiertagen wird von der Bevölkerung allgemein begrüßt. Lediglich treten Diskussionen in Erscheinung, dass verschiedene Waren im Preis noch zu hoch liegen.

Einige aus Marokko eingeführte Fischkonserven wurden von der Bevölkerung in Gera als ungenießbar zurückgegeben. Die durchgeführte Untersuchung ergab, dass diese Konserven nicht verkaufsfähig sind. Insgesamt wurden für den Bezirk 87 000 Dosen geliefert, wovon 70 000 bereits verkauft sind. Maßnahmen zur Einziehung dieser Fischkonserven sind getroffen, der Rest wurde gesperrt.

15 000 t Rohbraunkohle, die keinen Absatz finden, lagern bei der DHZ Kohle in Plauen/Karl-Marx-Stadt. Davon sind 500 t durch Selbstentzündung gefährdet.

Zum Ankauf von Arbeitsschutzkleidung wurden der VEAB Frankfurt/Oder zusätzlich 24 000 DM zur Verfügung gestellt. Trotz aller Bemühungen war es bisher nicht möglich, solche zu beschaffen.

Landwirtschaft

Über die Vorschläge der SU zur Viermächtekonferenz und die Regierungserklärung des amtierenden Ministerpräsidenten Walter Ulbricht wird unter der Landbevölkerung verhältnismäßig gering diskutiert. Die bekannt gewordenen Meinungsäußerungen sind zum überwiegenden Teil positiv.

Ein werktätiger Bauer aus Jarmen/Neubrandenburg: »Ich habe noch nie so viel Vertrauen zur Regierung der SU und der DDR gehabt wie jetzt. Man sieht doch immer wieder, dass die sowjetische und unsere Regierung sich für den Frieden einsetzen, indem sie schon etliche Vorschläge den Westmächten unterbreitet haben.«

Ein Neubauer aus Dippoldiswalde/Dresden: »In Berlin soll man die Oder-Neiße-Grenze abändern, denn Schlesien ist deutsches Land.«

Über die Prozesse der Spionageorganisation Gehlen wurden gleichfalls nur vereinzelt Stimmen bekannt. Diese haben fast ausschließlich positiven Inhalt.

Ein Traktorist der MTS Schrenz-Siegelsdorf7/Halle: »Aus dem Prozess Gehlen ist ersichtlich, wie heimtückisch die Arbeit der USA-Imperialisten ist, die mit westdeutschen Handlangern einen neuen Krieg anstiften wollen. Für diese Verbrecher kann die Strafe nicht hoch genug sein.«

Ersatzteilschwierigkeiten in den MTS, die sich negativ auf die Arbeit auswirken, werden aus den Bezirken Schwerin und Halle berichtet.

Die Kollegen der MTS-Spezialwerkstatt Parchim haben sich z. B. der Hockauf-Bewegung8 angeschlossen und führen einen innerbetrieblichen Wettbewerb durch. Hierbei stoßen sie auf große Schwierigkeiten, da es an den notwendigen Ersatzteilen wie Kugellager, Einspritzpumpen für Traktoren und dgl. fehlt. Im Bezirk Schwerin wird von den Arbeitern der MTS zum Ausdruck gebracht, dass die notwendigen Ersatzteile schon jetzt zur Verfügung gestellt werden müssten, nicht erst wieder vor der Ernte.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Diskussionen über die bevorstehende Viermächtekonferenz und die Regierungserklärung des amtierenden Ministerpräsidenten Walter Ulbricht werden durch die stärker in Erscheinung tretende Weihnachtsstimmung in den Hintergrund gedrängt. Die Hoffnung auf Abschluss eines Friedensvertrages und Herstellung der Einheit Deutschlands, die Anerkennung der ständigen Bemühungen der SU und die berechtigte Forderung, Deutsche aus Ost und West zur Viermächtekonferenz einzuladen, sind auch heute Hauptpunkte der bekannt gewordenen Meinungsäußerungen. Zweifelnde und negative Stimmen wurden nur in geringem Maße bekannt. Positiv wirken sich die teilweise durchgeführten Agitationseinsätze fortschrittlicher Kräfte aus.

Aus Karl-Marx-Stadt wird z. B. berichtet, dass durch die Aufklärungsarbeit der Nationalen Front in verschiedenen Hausgemeinschaftsversammlungen Resolutionen verfasst wurden, mit dem Inhalt, Teilnahme deutscher Vertreter aus Ost und West an der Berliner Konferenz.

Eine Hausfrau aus Waren/Neubrandenburg; »Ich hoffe, dass durch die Viermächtekonferenz in Berlin endlich die Zonenschranken fallen. Als Dank an die SU für ihre Bemühungen trete ich der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft bei.«

Über die Verschwörergruppe Berija und die Prozesse gegen die Agenten der Spionageorganisation Gehlen wurden nur wenige Meinungsäußerungen bekannt. Dem Inhalt nach sind diese ausschließlich positiv.

Ein Angestellter aus Jüterbog/Potsdam: »Berija und seine Komplizen müssten aufgrund der begangenen Verbrechen die Todesstrafe erhalten. Ich hoffe, dass mit Zaisser9 und Herrnstadt10 das Verfahren auch bald abgeschlossen wird und ihre Verbrechen in der Presse deutlich aufgezeigt werden.«

Ein Dachdeckermeister aus Tangermünde/Magdeburg: »Die Agenten, die Unzufriedenheit unter der Bevölkerung hervorrufen, um einen neuen Krieg vorzubereiten, können nicht hart genug bestraft werden.«

Wie aus Potsdam berichtet, ist unter den Handwerkern verschiedener Berufe eine gewisse Missstimmung zu verzeichnen, da diese, wie zum Ausdruck gebracht wird, nicht genügend mit Material beliefert werden.

Organisierte Feindtätigkeit

Flugblätter geringer in Potsdam, Neubrandenburg, Leipzig, Karl-Marx-Stadt, Dresden und Cottbus. In Leipzig und einigen Kreisen des Bezirkes Potsdam werden weiterhin in etwas stärkerem Maße vonseiten der KgU11 Hetzschriften durch die Post verschickt.

Gefälschte HO-Kohlenscheine wurden in Harzgerode, Kreis Quedlinburg/Halle, an SED-Mitglieder für angeblich gute Parteiarbeit geschickt.

Die Weihnachtspaketaktion des Caritas-Verbandes12 in Heidelberg nimmt zu. So wurden am 22.12.1953 an ca. 20 Personen in Finsterwalde/Cottbus gleichlautende Schreiben geschickt, worin ihnen ein Weihnachtspaket angekündigt wurde.

Vermutlich organisierte Feindtätigkeit

Im VEB Grobgarnwerk in Kirschau, Kreis Bautzen/Dresden, kam es zu einer Staubexplosion in der Mischkammer, wodurch der gesamte Wollvorrat verbrannte. Ursache: Fahrlässigkeit des Mischmeisters.

Im VEB Örtlicher Industriebau Dresden brannte durch bisher unbekannte Ursache eine Baracke nieder, wodurch ein Sachschaden von 30 000 DM entstand.

Ein Treibriemen wurde von unbekannten Tätern in der Nacht vom 20.12. zum 21.12.1953 auf dem VEG Kaltenhof auf Insel Poel, Kreis Wismar/Rostock, durchgeschnitten.

Einschätzung der Situation

Die Lage hat sich gegenüber dem Vortage nicht verändert.

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