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Tagesbericht

30. Dezember 1953
Informationsdienst Nr. 2058 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Die Außenministerkonferenz1 steht im Mittelpunkt der Diskussionen in den Betrieben (Ausarbeitung s. Anhang).

Über die Übereignung der SAG-Betriebe2 wird in Betrieben des Bezirkes Halle positiv diskutiert. In der Filmfabrik Wolfen z. B. traten mehrere Arbeiter der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft bei.

Transportraummangel wird wieder aus mehreren Betrieben gemeldet. Das Sägewerk Slate/Parchim/Schwerin kann seinen Plan für das 4. Quartal nicht erfüllen, weil das fertige Nutzholz wegen Waggonmangel nicht abtransportiert werden kann. Die Arbeiter sind über diesen Zustand empört.

Im Kreis Bitterfeld/Halle sind die Arbeiter sehr ungehalten, weil die Arbeiterzüge ständig überfüllt sind. Die Reichsbahn stellt nicht genügend Personenwagen zur Verfügung.

Arbeitskräftemangel herrscht im VEB Fernheizwerk Berlin wegen Differenzen in der Lohntarifanwendung. Die Arbeiter wurden früher nach dem Kraftwerkstarif bezahlt, nach Abschluss des Betriebskollektivvertrages nach dem niedrigeren allgemeinen Energietarif.

Materialschwierigkeiten im VEB ABUS Maschinenbau Nordhausen/Erfurt haben ein Sinken der Arbeitsmoral und eine schlechte Stimmung der Arbeiter zur Folge. Die gelieferten Gussteile vom VEB Elektrostahlguss Leipzig haben eine sehr schlechte Qualität. Durch mehrmaliges Nachverarbeiten entstehen dem Betrieb mehr Kosten, und die Arbeiter, die nach persönlichen Konten arbeiten, kommen mit den TAN-Bearbeitern in Konflikt, weil diese auf den normalen Normen beharren.

Handel und Versorgung

Versorgung im Allgemeinen hat sich bis auf örtliche Schwierigkeiten und Mängel gebessert.

Schwierigkeiten in der Kartoffelversorgung bestehen in den Kreisen Eberswalde, Fürstenwalde und Bernau/Frankfurt/Oder. So muss die Bau-Union Potsdam, Betrieb Eberswalde, in Kürze das Werksessen wegen Mangel an Kartoffeln einstellen. Das Gleiche ist auch bei anderen Betrieben der Fall. Die Schulen und Kindergärten in Eberswalde haben schon seit einiger Zeit keine Kartoffeln. Es müssen Gerichte, wie Milchsuppen, Fleisch mit Sauce und Nudeln, Mohrrüben und Grütze u. Ä. gekocht werden.

Überangebot an Fleisch sowie Geflügel besteht in einigen Kreisen des Bezirkes Halle. Bei Geflügel sind die Kühlhäuser überfüllt und es besteht die Gefahr des Verderbens.

Verderb von Fischkonserven wurde aus dem zentralen Fischauslieferungslager Cottbus bekannt. Von 38 249 Dosen polnischer Fischpaste wurden bisher ca. 1 000 Dosen von den einzelnen Handelsträgern beanstandet. Die Untersuchungen dieser Ware ergaben, dass sie für den menschlichen Genuss untauglich ist. Ursache vermutlich Überlagerung.

Verderb von Schokoladenwaren aus der ČSR wurde aus dem Lager der DHZ Eisenach gemeldet. Es handelt sich um 7 382 kg verschiedener Pralinensorten, die jetzt laut Urteil des Bezirkshygieneinstituts Gotha für den Weiterverkauf an die Bevölkerung nicht mehr geeignet sind, da teilweise diese Pralinen mit Schimmelpilzen überzogen sind. Diese Waren lagern bereits seit dem 4.9.1953 in Eisenach und wurden zum größten Teil im 1. Quartal 1953 hergestellt. Von der Gefahr des Verderbens dieser Waren wurden bereits die zuständigen Stellen vor Monaten unterrichtet, ohne dass jedoch eine Abänderung getroffen wurde. Auch in unseren Informationsberichten wurde vor längerer Zeit mehrmals auf diesen Missstand hingewiesen.3

Landwirtschaft

Unzufriedenheit über schlechte Prämienverteilung wird von Genossenschafts- und werktätigen Bauern des Kreises Bad Salzungen/Suhl geäußert. Der Kreis erhielt wegen vorfristiger Ablieferung die Wanderfahne und 10 000 DM Prämie. Die Prämie wurde folgendermaßen aufgeteilt: Zehn LPG-Bauern erhielten je 100 DM, 14 Einzelbauern ebenfalls je 100 DM. Das übrige Geld dieser Prämie wurde unter den Angestellten der Abteilung Landwirtschaft des Rates des Kreises, der Erfassungsstelle und der VdgB verteilt. Der Vorsitzende des Rates des Kreises erhielt davon 350 DM.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Verstärkte Aktivität der Kirche wird aus verschiedenen Kreisen der Bezirke Erfurt und Gera gemeldet, wo Pfarrer an verschiedene Personen Pakete aus Westdeutschland verteilen. So z. B. verteilten ein evangelischer und ein katholischer Pfarrer aus Lehesten/Gera Geschenke, unter anderem auch an LPG-Mitglieder und Verwandte von VP-Angehörigen.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Am 27.12.1953 traf in Frankfurt/Oder ein Transport mit 1 460 vorzeitig entlassenen verurteilten deutschen Kriegsgefangenen ein. Davon wurden 220 nach Westdeutschland weitergeleitet.4

Organisierte Feindtätigkeit

Flugblätter und Postwurfsendungen geringer in den Bezirken Dresden, Karl-Marx-Stadt, Rostock, Halle, stärker in den Bezirken Gera und Cottbus.

Einschätzung der Situation

Die Lage hat sich gegenüber dem Vortage nicht verändert.

Anlage vom 30.12.1953 zum Informationsdienst 2058

Stimmen über die bevorstehende Außenministerkonferenz5

Die meisten der bekannt gewordenen Meinungen sind positiv, sie unterstreichen die Bemühungen der SU zur Lösung der deutschen Frage und zur Erhaltung des Friedens. In diesen Stimmen kommt [sic!] die Sehnsucht der deutschen Menschen nach der Einheit unseres Vaterlandes zum Ausdruck und die Hoffnung, dass die Konferenz endlich diese Frage klären möge. In diesen Stimmen wird auch die Forderung nach Teilnahme deutscher Vertreter an der Konferenz erhoben. Aus einzelnen Kreisen liegen Meldungen über erfolgreich angelaufene Unterschriftensammlungen vor. Vereinzelt übernehmen fortschrittliche Arbeiter Produktionsverpflichtungen.

Oft werden Zweifel gehegt, ob die Konferenz erfolgreich verlaufen werde, weil bisher ähnliche Konferenzen erfolglos geendet hätten. Teilweise wird das mit den betrügerischen Absichten der Westmächte begründet, teilweise aber auch mit der westlichen Hetzparole, die SU sei stur und lehne alle westlichen Vorschläge ab. Der Terminvorschlag der SU (25.1.1954)6 wird vereinzelt so aufgenommen, als wolle die SU die Konferenz hinauszögern.

Ingenieur vom ingenieurtechnischen Personal der Zentralgarage der Wismut AG Karl-Marx-Stadt: »Die neue Note der SU an die Westmächte über die Viererkonferenz beweist den ersten und aufrichtigen Willen der SU, Deutschland einen Friedensvertrag zu geben und damit dem Weltfrieden eine feste Grundlage zu sichern. Ich hoffe und wünsche, dass außerdem noch Vertreter des ganzen deutschen Volkes an dieser Konferenz teilnehmen können.«

Werktätiger Bauer aus Appelhagen/Neubrandenburg: »Man sieht, dass die SU alles tut, um den Frieden zu erhalten und die Einheit Deutschlands herzustellen. Die Westmächte dagegen versuchen mit allen Mitteln die Konferenz zu stören. Ich werde meine ganze Kraft zum Gelingen dieser Konferenz einsetzen.«

Arbeiter einer privaten Strumpffabrik aus Drebach/Karl-Marx-Stadt: »Der Vorschlag der SU ist von großer Bedeutung. Wir können daraus erkennen, dass die SU für uns immer eintritt.«

Rentner haben bei einer Weihnachtsfeier in Wandlitz/Frankfurt/Oder mit Freuden eine Resolution unterschrieben, in der gefordert wurde, dass deutsche Vertreter an der Viermächtekonferenz teilnehmen müssen.7

Arbeiter der MTS Schkölen/Gera stimmten mit vollem Herzen der Einberufung der Außenministerkonferenz zu und erwarten von ihr die Lösung der deutschen Frage. Die Zustimmungserklärung wurde von 47 Kollegen unterschrieben.

Schlosser vom VEB Kalikombinat »Ernst Thälmann« in Merkers/Suhl: »Die Zusammenkunft der vier Großmächte ist von großer internationaler Bedeutung und muss deshalb gut vorbereitet werden, denn nur so und nicht anders kann eine Einigung über einen Friedensvertrag und die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands erzielt werden.«

In Unterschriftensammlungen für die Teilnahme einer gesamtdeutschen Delegation an der Konferenz wurden u. a. in Rehefeld und Fürstenwalde/Dresden die Einzeichnungen mit 90–95 % abgeschlossen.

Kollegen der Hanfröste Friedland/Neubrandenburg verpflichteten sich aufgrund der Außenministerkonferenz, ihren Produktionsplan für das 1. Quartal 1954 um fünf Tage früher zu erfüllen.

Im VEB Fortschritt Werk I Berlin wurden aufgrund der Außenministerkonferenz 258 Verpflichtungen durchgeführt. Die Zuschneiderei (49 Kollegen) verpflichtet sich, nur noch 1. Qualität zu fertigen. Eine Brigade der MTS Schönow/Frankfurt/Oder verpflichtete sich, 1954 100%ig im Zwei-Schichten-System zu fahren und in der Frühjahrskampagne die Selbstkosten zu senken.

Geschäftsmann aus Güstrow/Schwerin: »Ich stehe der Zusammenkunft der vier Großmächte skeptisch gegenüber, denn bisher ist noch nie etwas Vernünftiges bei Konferenzen herausgekommen. Unsere heutige Gesellschaftsordnung ist sowie[so] nur eine vorübergehende, die Regierung der UdSSR soll nicht so um den heißen Brei herumgehen. Sie spricht so viel und es kommt dann genau wie in Korea zu einem Bruderkrieg.«

Friseurmeister aus Anklam/Neubrandenburg: »Es ist ja gut und schön, dass die Viermächtekonferenz stattfindet, aber was wird schon viel dabei herauskommen. Die Westmächte werden sich Forderungen vorbehalten, die von der SU nicht angenommen werden und die Sache verläuft wieder im Sande.«

Arbeiter der August-Bebel-Hütte des Mansfeld-Kombinates Eisleben/Halle: »Die Konferenz ist ja schon wieder verschoben, daran erkennt man, dass hier nicht viel herauskommen wird.«

Im Kreis Lübz/Schwerin verweigerten mehrere Einwohner ihre Unterschrift unter die Unterschriftensammlung der Nationalen Front. Sie äußerten dabei, dass sie mit der heutigen Politik nichts zu tun haben wollen.

Hilfsschlosser im Hydrierwerk Zeitz/Halle: »Die SU selber hat kein Interesse an einem einheitlichen Deutschland, sonst würde sie nicht immer den Rückzieher machen und die Konferenz verschieben.«

Schiffsbauarbeiter der Volkswerft Stralsund: »Die SU hat die Viererkonferenz wieder verschoben. Sie versucht damit die Konferenz zu stören.«

Klempnermeister aus Altenburg/Leipzig: »Ich verstehe nicht, warum die (SU) nicht auf den Termin der Westmächte für den 4.1. eingehen. Dadurch werden doch nur die Verhandlungen erschwert.«

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