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Tagesbericht

31. Dezember 1953
Informationsdienst Nr. 2059 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Stimmung über Außenministerkonferenz: siehe Anhang.

Über feindliche Agententätigkeit sprach ein Offizier der Staatssicherheit im VEB Blechwalzwerk Olbernhau/Karl-Marx-Stadt. Seine Ausführungen fanden unter der Belegschaft positiven Widerhall.

Eine parteilose Arbeiterin sagte: »Ich begrüße die Ausführungen des Vertreters der Staatssicherheit. Sie waren lehrreich und Aufschluss gebend, denn es wurde gründlich über die Wühlarbeit der Untergrundbewegungen berichtet. Ich habe daraus erkannt, dass man auf diesem Gebiet nicht wachsam genug sein kann, um derartige Elemente, die unserem Staat Schaden zufügen wollen, unschädlich zu machen.«

Über die Unterstützung des II. Deutschlandtreffens der Jugend1 werden vereinzelt Beispiele bekannt. So verpflichtete sich eine Brigade aus dem Edelstahlwerk Döhlen/Dresden, bis zum II. Deutschlandtreffen jeden Monat eine Hochleistungsschicht zu fahren.

Über schlechte Arbeitsorganisation in den Werften des Bezirks Rostock beschweren sich oft Arbeiter, Angestellte und Techniker. Bezeichnend dafür sind folgende Aussagen:

Ein Meister aus der Mathias-Thesen-Werft Wismar: »Wir könnten unsere Normen um 50 % erhöhen, ohne dass einer von den Kollegen übermäßig arbeiten muss oder weniger Geld verdient. Die Kollegen haben gar kein Interesse für eine Einsparung an Arbeitszeit; denn dann müssen sie Wartestunden schreiben und verdienen dadurch weniger. Sie sind langsam verbittert über die schlechte Arbeitsorganisation.«

Ein Betriebstechniker von der gleichen Werft: »Der Frachter Typ I hätte schon monatelang von der Helling2 herunter sein können, wenn die Materialien und Nieten herangekommen wären. Es hätte schon ein weiteres Flussfahrgastschiff auf die Helling gelegt werden können und die Schlosser hätten Arbeit. Leider hat die Betriebsleitung den Sektionsbau im letzten Quartal gestoppt und die Reparaturschiffe fertiggestellt. Dadurch entsteht spätestens im Januar 1954 ein Arbeitsmangel auf den Hellingen und die Kollegen müssen Wartezeiten schreiben. Dadurch sind sie unzufrieden.«

Handel und Versorgung

Die Versorgung im Allgemeinen hat sich bis auf örtliche Mängel gebessert. Durch das reichhaltige Warenangebot wird die Stimmung der Bevölkerung positiv beeinflusst. Verschiedentlich wird noch über die zu hohen Preise bei Schokoladenwaren diskutiert.

Sachgemäße Lagerung von Fleisch ist nicht gewährleistet, wenn die Schlachthöfe Sondershausen, Mühlhausen und Gotha/Erfurt die weiter angekündigten Fleischlieferungen erhalten, da die Kühlräume bereits jetzt voll ausgelastet sind.

Verdorbenes und wertgemindertes Geflügel ist im Kreis Ilmenau/Suhl vorhanden. Dieses Geflügel konnte zu Weihnachten in HO und Konsum nicht verkauft werden. Das wertgeminderte Geflügel wurde an Betriebsküchen der VEB abgegeben, das verdorbene Geflügel wurde an eine Fuchsfarm zur Verfütterung geliefert. Es entstand bei der DHZ ein Schaden von 5 825 DM.

Über Wiederbewirtschaftung der Rohbraunkohle im Bezirk Dresden ab 1.1.1954 wurde von der Bevölkerung Unzufriedenheit geäußert. Hausfrau aus Meißen: »Da spricht man von Aufhebung des Kartensystems und bewirtschaftet auf der anderen Seite Waren wie Rohbraunkohle aufs Neue. Ich sehe dies als einen Rückschritt an und verstehe nicht, warum darüber nichts in der Presse steht.«

Landwirtschaft

Erfolge in der Arbeit bei LPG wurden durch gute Arbeitsorganisation erreicht. So wurde die LPG »Neuland« in Bergholz/Neubrandenburg als Bezirkssieger im Massenwettbewerb mit der Wanderfahne und einer Prämie von 5 000 DM ausgezeichnet. Sie erreichte eine 100%ige Ertragssteigerung im Jahre 1953, welche sie 1954 um weitere 25 % steigern wollen. Die LPG »Karl Marx« in Kröchlendorff3/Neubrandenburg erhielt ebenfalls für gute Leistungen eine Prämie von 1 000 DM.

Die Forderung nach »freier Wirtschaft« wird von einigen Großbauern im Bezirk Erfurt erhoben. Ein Großbauer aus Kalteneber/Erfurt äußerte in einer Bauernversammlung: »Nach acht Jahren muss man endlich von der Zwangswirtschaft bei uns abgehen und die ›freie Wirtschaft‹ wie im Westen einführen.«

Ein Gerücht über eine Senkung der Preise für freie Spitzen4 ab 1.1.1954 wird im Bezirk Rostock verbreitet. Die Bauern versuchen deshalb, jetzt soviel wie möglich auf freie Spitzen zu verkaufen. So ist z. B. der Schlachthof Greifswald nicht mehr in der Lage, alle auf freie Spitzen abgelieferten Schweine zu schlachten (70 t). Bis 31.12.1953 sind weitere 70 t angemeldet.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

In den letzten beiden Tagen trafen drei weitere Transporte ehemaliger deutscher Kriegsverurteilter aus der SU in Frankfurt/Oder ein, am 29.12.1953 ein Transport mit 1 043 Personen (davon fuhren 803 nach Westdeutschland weiter), am 30.12.1953 morgens 1 007 Personen (860 nach Westdeutschland) und am 30.12.1953 nachmittags 926 Personen.5

Organisierte Feindtätigkeit

Flugblätter und Postwurfsendungen geringer in den Bezirken Dresden, Karl-Marx-Stadt, Gera, Potsdam und in Berlin, stärker im Bezirk Halle.

Überfälle: Am 24.12.1953 wurde der 1. Sekretär der FDJ-Kreisleitung Strausberg auf einem Motorrad fahrend von einem unbekannten Lkw angefahren und verletzt. Erst zwei Tage später wurde seine Aktentasche, die Arbeitsunterlagen enthielt, 4 km von der Unfallstelle entfernt von der VP gefunden. Am Abend des 28.12.1953 wurde bei Samtens, [Kreis] Putbus, Rügen, ein Volkspolizist von mehreren unbekannten Banditen überfallen und verletzt.

In der LPG Broderstorf/Rostock wurde während der Weihnachtsfeiertage ein MTS-Traktor, der zum Dreschen eingesetzt war, beschädigt.

Vermutlich organisierte Feindtätigkeit

Brände: Am 28.12.1953 abends brannte im Jugendwerkhof Glowe/Rügen eine Baracke nieder. Schaden: ca. 76 000 DM. Am 29.12.1953 brannte in Altruppin/Potsdam die Scheune eines LPG-Bauern nieder. Am 27.12.1953 brannte in Reußen/Halle eine Feldscheune der dortigen LPG nieder. Neben Ernteerzeugnissen wurde dabei ein kompletter Dreschsatz mit Motor vernichtet. In allen drei Fällen wird vorsätzliche Brandstiftung vermutet.

Am 29.12.1953 nachts fuhr ein Arbeiter auf der Hauptstraße in der Nähe von Reinsdorf, [Kreis] Artern, [Bezirk] Halle, mit seinem Fahrrad gegen ein 1 m hoch über die Straße gespanntes Drahtseil, stürzte und zog sich schwere Verletzungen zu. Das ist seit kurzer Zeit der zweite Fall in dieser Gegend.

Einschätzung der Situation

Die Lage hat sich gegenüber den Vortagen nicht verändert.

Anlage vom 31.12.1953 zum Informationsdienst Nr. 2059

Stimmung über die bevorstehende Viermächtekonferenz

Die Diskussionen zur Viererkonferenz6 halten im gleichen Umfange wie bisher an. Das Verhältnis der positiven zu den negativen Stimmen hat sich nicht verändert. Neue Argumente sind nicht aufgetreten.

Meister vom VEB ABUS Berlin: »Es muss doch einmal zu einer Einigung kommen. Die russischen Vorschläge sind meiner Meinung die aufrichtigsten und ehrlichsten, für die wir Arbeiter eintreten müssen. Wir wollen keinen Krieg und Faschismus mehr, wir wollen nur Frieden, Arbeit und Brot.«

Arbeiter vom VEB Waggonbau Niesky/Dresden: »Jetzt wird es sich zeigen, wer für die Einheit Deutschlands und einen gerechten Frieden eintritt oder wer gegen die guten Vorschläge der SU ist. Auf alle Fälle ist Adenauer ein Feind des deutschen Volkes.«

LPG-Bauer aus Retzow/Neubrandenburg: »Es ist immer wieder zu erkennen, mit welchem Interesse die SU an der Herbeiführung eines Friedensvertrages mit Deutschland arbeitet. Die Amis wehren sich mit aller Gewalt dagegen. Aufgrund der vielen Vorschläge der SU werden sie bald keinen Ausweg mehr finden.«

Ingenieur vom VEB Stern-Radio Sonneberg/Suhl: »Ich hoffe stark, dass auf der Konferenz ein wesentlicher Schritt zur Einheit Deutschlands erzielt wird, ich begrüße, dass aufgrund des Zustandekommens dieser Tagung eine Klärung der internationalen Lage von allen Mächten angestrebt wird.«

Betriebsabrechnung der Volkswerft Stralsund/Rostock: »Die Konferenz in Berlin wird ein Erfolg, denn die SU wird es auf keinen Fall erlauben, dass alles dies, was wir geschaffen haben, wieder rückgängig gemacht wird. Die Russen sind doch Diplomaten, Eden7 und Bidault8 haben sowieso nichts zu melden, und Dulles9 ist ein redseliger Pastor, aber kein Staatsmann. Molotow und Gromyko10 werden mit den anderen solange verhandeln, bis sie ihr Ziel erreicht haben. Hier in Berlin können die Amis nicht so ihr Spiel treiben, wie in London und Paris.«

Im Schacht Oberschlema wurden von vielen Brigaden anlässlich der Viererkonferenz Selbstverpflichtungen abgegeben. Mit diesen Verpflichtungen wollen sie ihre Verbundenheit mit der Regierung zum Ausdruck bringen und verpflichten sich Stoßschichten zu fahren, die Leistungen zu verbessern und die Wachsamkeit zu erhöhen.

Weiterhin verpflichteten sich im Schacht Oberschlema der Wismut AG vier Brigaden, die letzte Schicht im Jahre 1953 als Stoßschicht zu fahren.

Im Kreis Neuruppin/Potsdam wurden bisher 3 500 Personen zur Unterschriftsleistung für die Teilnahme einer deutschen Delegation an der Viererkonferenz angesprochen, die auch ausnahmslos ihre Unterschrift gaben.

Oberbuchhalter des VEB Holzverarbeitung in Schönberg/Magdeburg: »Ich habe heute eine schöne Aufgabe erhalten, in unserem Betrieb Unterschriften für die Berliner Konferenz zu sammeln. Ich mache dies mit der Hoffnung, dass die Westmächte den Vorschlägen der SU gegenüber sich positiv zeigen. Dies ist auch unsere Pflicht als Christ.«

Arbeiter vom VEB Gaselan Berlin: »Wenn irgendjemand über mein Haus verhandelt, so ist es selbstverständlich, dass ich dabei bin. Das Gleiche trifft auch auf die Außenministerkonferenz zu.«

Arbeiter vom VEB ABUS Berlin: »Ich glaube nicht daran, dass die Viererkonferenz uns etwas Neues bringt, die bisherigen Konferenzen haben uns auch nichts Neues gebracht. Jede Macht hat eine andere Meinung und daher werden sie zu keiner richtigen Endlösung kommen. Der Russe gibt nicht nach und der Ami gibt nicht nach und wir als Besiegte müssen ruhig sein.«

Brigadier der MTS-Spezialwerkstatt Seehausen/Magdeburg: »Bei der Viermächtekonferenz springt sowieso nichts Vernünftiges heraus. Wenn man sich vereinigen will, muss man die Hetze Ost gegen West und West gegen Ost sein lassen.«

Wächter in der MTS Ostrau/Leipzig: »Es ist gut, dass die Viererkonferenz zustande kommt, aber versprechen kann man sich nichts davon, die werden sowieso keine Einigung erzielen.«

Rentner aus Mollwitz11/Cottbus: »Wenn die Konferenz zustandekommt, wird sich auch nicht viel ändern. Wir als Deutsche haben sowieso nichts zu sagen.«

Former der Fa. Guss Ueckermünde/Neubrandenburg: »Wenn es in Berlin zu einer Einigung kommt, woran ich aber sehr zweifle, dann würde das Leben auch besser.«

Arbeiter im Benzinwerk Böhlen/Leipzig: »Bei dieser Konferenz kommt wieder nichts zustande, da die SU stur auf ihrem Standpunkt des Potsdamer Abkommens bestehen bleibt. Bei dieser Konferenz geht es nicht um das Deutschlandproblem, sondern um die Vorherrschaft der Welt.«

Vorsitzender der BHG Lüblow/Schwerin: »Man hört in der DDR und der SU nicht auf die Vorschläge vom Westen, die sehr gut sind.«

Einwohner aus Wöbbelin/Schwerin: »Ich gebe meine Unterschrift nicht, ihr hört ja sowieso nicht auf den Westen.«

Hausfrau aus Cottbus: »Wenn man jetzt schon wieder sieht, dass die Termine der Konferenz laufend verschoben werden, dann hat man sowieso keine Hoffnungen, dass diese Besprechungen mit Erfolg enden.«

  1. Zum nächsten Dokument Lage in der zweiten Dezemberhälfte
    [Ohne Datum]
    Analyse vom 16. bis 31. Dezember 1953 [Nr. 8/53]
  2. Zum vorherigen Dokument Tagesbericht
    30. Dezember 1953
    Informationsdienst Nr. 2058 zur Beurteilung der Situation