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Tagesbericht

29. Juli 1953
Information Nr. 1027

Stimmung der Bevölkerung

Wie bekannt wird, treten in letzter Zeit wiederholt in verschiedenen Bezirken Diskussionen auf, die zum Inhalt haben, dass Anfang August eine große Aktion erwartet wird.1 So wird in Spremberg und im Kreisgebiet Spremberg, Bezirk Cottbus, unter der Bevölkerung davon gesprochen, dass am 8.8.1953 sich ein 17.6.1953 in der DDR wiederholen wird.

Der Malerbrigadier, der mit Malerarbeiten im Werk »Jonny Scheer« Bezirk Cottbus beschäftigt ist, äußerte in einer Frühstückspause: »Warum soll man sich jetzt große Mühe geben, wenn doch am 3.8. eine Wendung in Deutschland kommt, wo das ganze jetzige Wirtschaftssystem in der Ostzone ungültig wird.« Mit dem Vorwand der Krankheit wäre Wilhelm Pieck schon ausgerückt und Ulbricht und Grotewohl würden auch bald folgen, denn am 3.8.1952 würde die jetzige Regierung zusammenbrechen.

Auf der Eisenbahn am 18.7.1953 von Leipzig nach Rochsburg/Mulde2 konnte man gleichfalls das Gespräch hören, dass Anfang August von einer Aktion gesprochen wird.

Am 19.7.1953 wurde in Rochsburg/Mulde, Bezirk Karl-Marx-Stadt, davon gesprochen, dass bald die Einheit Deutschlands erreicht sei, aber nicht so, wie man es hier hofft, man brauche nicht erst die Wahlen im September in Westdeutschland abzuwarten. Bis dahin ist hier im August schon etwas geschehen, wobei die »Anhänger der Russen sich umgucken werden«.

In einer Gaststube in Dörgenhausen, Bezirk Cottbus, wurde von einem unbekannten Mann geäußert: »Und die [Name 1] (Wirtin) kommt gleich in den ersten fünf Minuten an den Baum, pass mal auf, in vier Wochen werden wir die Betten schütteln, denn ihr seid alle fotografiert.«

Der Sekretär der Grundorganisation Sorge-Nord3 (Wismut AG), Genosse Spranger, stellte fest, dass sich in der Karjere4 Sorge-Nord Dinge vorbereiten wie am 17.6.1953. Es sind große Materialschwierigkeiten vorhanden sowie erhebliche Schwächen in der Arbeitsorganisation. Dadurch ist die Stimmung so, dass alle Anzeichen darauf hindeuten, dass dieser Betriebspunkt zum Ausgangspunkt von Unruhen wird. Zum Teil liegt es darin begründet, dass trotz der zahlreichen Kritiken aus der Belegschaft bisher nur wenig sich veränderte. Auch macht sich eine typische Antisowjethetze bemerkbar, indem man die Arbeit der sowjetischen Freunde nicht anerkennt. So äußerte sich unter anderem der Kollege [Name 2], Bohrer, welcher innerhalb seiner Brigade erzählte, dass am 6.8.1953 die Provokation vom 17.6.1953 wiederholt wird. Der Kollege [Name 3], Schichtführer BPS,5 als Bohrer beschäftigt, brachte zum Ausdruck: »Wenn wir uns alle einig wären, würden alle BPS-Bohrer die Arbeit niederlegen.«

Weiterhin wurde bekannt, dass ein Dispatcher oder Kolonnenführer in der vergangenen Woche in der Garage in Katzendorf eine Versammlung organisiert hat. Diese Person hat jedem ankommenden Fahrer der Linienwagen gesagt: »Stell Deinen Bock dort oben ab auf dem Parkplatz und komme dann in diesen Bus, hier ist eine Versammlung.«

Demgegenüber ist von besonderer Wichtigkeit folgende Meldung, welche besagt, dass am 25.7.1953 eine illegale Streikleitung von Buna und Leuna tagte, welche für den 8.8.1953 einen Generalstreik geplant hat. Dabei sollen die Wachen am Tor überwältigt und die Karbidöfen ausgeblasen werden.

Aus dem Hydrierwerk Rodleben, Bezirk Halle, kommt gleichfalls die Nachricht, dass für ganz Deutschland am 8.8.1953 ein Generalstreik geplant ist.

Am 28.7.1953 wurde in Reichenbach bei NEMA Netzschkau6 von 9.00 bis 11.00 [Uhr] gestreikt. Der Grund dafür war, dass durch Überlastung des Energienetzes die Belegschaft auch nachts arbeiten musste, damit waren die Arbeiter nicht einverstanden, weil viele auswärts wohnen. Sie stellten an den Betriebsleiter die Forderung, die Nachtschicht abzuschaffen, welcher ihnen auch Zugeständnisse in dieser Hinsicht machte. Als er äußerte, dass er rechnen muss, deswegen bestraft zu werden, kam von7 den 300 Anwesenden die Antwort: »Wenn er der Forderung nachkommt, wird die gesamte Belegschaft hinter ihm stehen, denn sie hätten schon einmal bewiesen, dass sie sich in dieser Beziehung durchsetzen.«

Im BKW »Jonny Scheer«, Bezirk Cottbus, führten die Arbeiter Beschwerde, dass man den Ministerratsbeschluss nicht einhält, indem die Seife nicht, wie es im Beschluss heißt, um 40 %, sondern nur um 20 % billiger wurde.8

Am 26.7.1953, gegen 13.30 Uhr, wurde auf dem Bahnhof Cottbus am HO-Stand folgendes Gespräch vernommen: Es unterhielten sich vor Abfahrt des Zuges drei Personen über die Erschießung in Drewitz.9 Vom Bürgermeister bis zum Lehrer wären sich alle einig, die Arbeit niederzulegen, bis die beiden Angehörigen der VP vom Flugplatz Drewitz vor den Augen der Arbeiter erschossen werden. Die gleichen Tendenzen sollen auch in Tauer, Bezirk Cottbus, aufgetreten sein.

In einer Versammlung der Nationalen Front in Schönbeck, Bezirk Rostock, brachte der Werkstattbesitzer [Vorname Name 4] aus Grevesmühlen zum Ausdruck, dass die von der Regierung eingestandenen Fehler hätten vermieden werden können, wenn Oppositionsparteien bestanden hätten. Die Blockpolitik unterbindet die Entfaltung einer starken und helfenden Kritik, da die bürgerlichen Parteien doch nur Anhängsel der SED sind und keine eigene Meinung äußern können.

In einer Belegschaftsversammlung am 23.7.1953 im VEB Infesto-Werk Dresden, brachte der parteilose Brigadier [Name 5] zum Ausdruck: »Die Regierung hat bei dem Ministerratsbeschluss zur Erhöhung der Gehälter für Intelligenz und Facharbeiter vom 29.6.1952 versprochen, eine Erhöhung der Lohngruppen V–VIII aufgrund der volkswirtschaftlichen Bedeutung vorzunehmen.10 Darüber herrscht seitdem eisiges Schweigen. Ein erneuter Regierungsbeschluss sieht die Erhöhung der Lohngruppen I–IV vor.11 Diese Maßnahme wird insofern nicht verstanden, da ein großer Teil dieser Personen im Leistungslohn steht und dadurch einen Mehrverdienst gegenüber den Facharbeitern erreicht.« In dieser Versammlung wurde vorgeschlagen, umgehend die versprochene Erhöhung der Lohngruppen V–VIII der Regierung zu unterbreiten und eine Stellungnahme zu fordern.

Über die Abberufung von Minister Fechner12 und Zaisser13 ist in einigen Teilen der Bevölkerung noch Unklarheit vorhanden und Gegenstand der Diskussionen. Mit der Absetzung Fechners ist man nicht einverstanden, da man ihn als einen humanen Menschen schildert, während die Genossin Benjamin zu hart urteilt.14 Dies kommt selbst in Kreisen der Justiz zum Ausdruck.

Zur Absetzung des Ministers Zaisser ist man sich noch nicht richtig im Klaren, was der wahre Grund dafür ist. Teilweise bringt man es mit dem 17.6.1953 in Verbindung. Im Allgemeinen ist man nicht mit den Zeitungsnotizen über die Amtsenthebung der Minister einverstanden, da diese nicht klar aufzeigen, was die Ursache und welcher Art die Fehler waren, die zu ihrer Amtsenthebung führten. So diskutierten die Jugendfreunde von der Baustelle Kleiner Diebsteig, vom Kreisbauhof Stralsund, Bezirk Rostock, dass sie mit der Zeitungsnotiz über die Amtsenthebung des Justizministers Fechner15 nicht einverstanden sind und verlangen, dass von maßgebenden Dienststellen einige markante Beispiele, die zu seiner Entlarvung der republikfeindlichen Tätigkeit [sic!] geführt haben, veröffentlicht werden.

Der Vorarbeiter beim Straßenreinigungsbetrieb Weimar, Bezirk Erfurt, [Vorname Name 6] (Mitglied der SED), äußerte dazu: »Ich kann nicht verstehen, warum unsere Partei immer vermeidet, bei derartigen Fällen von Abberufungen führender Funktionäre der Partei und des Staates diese Maßnahmen in der Öffentlichkeit ausführlich zu begründen. Immer wieder hört man erstauntes Fragen von Mitgliedern der Partei sowie parteilosen Arbeitern, die nach den Gründen der Abberufung des Ministers Zaisser fragen.«16

Genosse Fritz Wenkel, BGL-Vorsitzender im VEB Total Apolda, Bezirk Erfurt, äußerte zu den neuesten Beschlüssen des ZKs sich wie folgt: »Als Arbeiter weiß man bald gar nicht mehr, wem man noch vertrauen soll. Von unten geben wir uns die größte Mühe, dass alles klappt, und in der Regierung sitzen in den höchsten Stellen Genossen, die gegen uns arbeiten. Für mich als Genossen ist es klar, dass die Partei durch Entfernung von unsauberen Elementen stärker wird, aber die Parteilosen urteilen anders. Sie sehen in dieser Säuberung Zersetzungserscheinungen innerhalb der Partei. Wenn bei den Staatsfunktionären auch so genau geprüft würde wie bei den Kleinen, dann könnten solche Sachen nicht vorkommen.«

Aus den Kreisen der Justiz äußerte sich zur Abberufung des Ministers Fechner der Rechtsanwalt Hartmann aus Weimar, Bezirk Erfurt, wie folgt: »Da sieht man wieder einmal, wie sehr sich die führenden Köpfe dieses Staates untereinander selbst uneinig und unklar sind. Um Fechner jedenfalls ist es schade. Er war ein humaner Mensch, der auch als Justizminister der SED-Funktionäre [sic!] immer die Menschlichkeit in den Vordergrund stellte, das kommt auch in seinem Interview nach dem 17.6.17 zum Ausdruck, was ihm wohl seine Stellung und vielleicht auch den Kopf gekostet hat. Die Benjamin als Minister, das ist ein schwarzer Punkt in der deutschen Justiz, die wird auch hier ihre alte blutdürstige Linie fortsetzen, das hat bereits ihre Antrittsrede bewiesen, als sie Bestrafung von Demonstranten auch bei Nichtvorliegen von Tätlichkeiten fordert.18 Da können wir uns noch auf allerhand gefasst machen.«

Immer wieder kommt in den verschiedensten Betrieben unter den Arbeitern eine Unzufriedenheit zum Ausdruck, die sich aufgrund einer Ungerechtigkeit in der Prämienzahlung bemerkbar machte. Dies kommt darin zum Ausdruck, dass die Unterschiede der Prämierungen zwischen Intelligenz und Arbeiter zu hoch sind. So herrscht unter den Arbeitern der MTS Strehla, Kreis Riesa, Bezirk Dresden, Missstimmung darüber, dass der Leiter der MTS 1 300 DM Prämie erhielt, der Oberbuchhalter ebenfalls 1 300 DM, der Politleiter 1 200 DM sowie der Agronom [sic!], der Techniker erhielt 950 DM, der Arbeitsorganisator 750 DM, der Agronom 100 DM und die übrigen Arbeiter je 50,00 DM. Die Stimmung der Traktoristen in der MTS ist wie folgt: »Wofür sollen wir noch größere Leistungen vollbringen, doch nur dafür, dass die Angestellten noch höhere Prämien bekommen können.« Diese Stimmung auf einer MTS-Station, besonders in der Zeit der Einbringung der Ernte, bedeutet für den von ihr bearbeiteten Bereich eine große Gefahr. Während überall Kräfte zur Einbringung der Ernte mobilisiert werden, wird durch eine solche Maßnahme das wichtigste Zentrum des Dorfes, die MTS, gelähmt.

Verkaufsaktion in Westberlin

Aus Mitteilungen von den Verteilungsstellen

  • Putbuser Straße,

  • Demminer Straße,

  • Glogauer Straße,

  • Reichenberger Straße,

  • Emser Straße und

  • Rathaus Schöneberg

geht hervor, dass eine große Anzahl von Personen aus der DDR und dem demokratischen Sektor von Berlin sich diese Pakete aus der sogenannten »Hilfsaktion« abholen.19

Es waren u. a. am 28.7.1953 früh am Rathaus Schöneberg 5 000 bis 6 000 Personen, in Neukölln an der Emser Straße warteten 8 000 bis 10 000 Personen und an der Glogauer Straße befanden sich 3 000 bis 5 000 Personen, welche auf die Ausgabe der Pakete warteten. In Westberlin gibt es 14 Bezugsscheinausgabestellen. Jeder der 14 Bezugsscheinausgabestellen ist für einen bestimmten Bezirk des demokratischen Sektors bzw. für ein Landteil der DDR zuständig. Die Ausgabe der Scheine erfolgt nach dem ABC. Am 27.7.1953 für die Buchstaben A und B, am 28.7.1953 für C–F usw. und am 5.8.1953 für T–Z. Vom 6. bis 9.8.1953 werden die Nachzügler mit Bezugsscheinen versehen. Die Bewohner der DDR werden jederzeit ohne Rücksicht auf Tag und Buchstabe abgefertigt.

Zuerst müssen die Personen zur Bezugsscheinausgabe, dort muss nach Vorlage des Deutschen Personalausweises ein Schein mit voller Anschrift und anderen Angaben persönlich ausgefüllt werden. Nach Ausfüllung dieses Scheines erhält der Bewerber einen Bezugsschein und geht damit zu der entsprechenden Paketausgabestelle. Durch die schlechte Organisation dieser Lebensmittelausgabe kam es unter den Wartenden zu Unzufriedenheiten, da man stundenlang sich anstellen musste, um sein Paket zu erhalten.

Die Westberliner Bevölkerung steht dieser Ausgabe der Lebensmittelpakete an Bewohner der DDR und des demokratischen Sektors unterschiedlich gegenüber. Während ein Teil der Bevölkerung Westberlins passiv den Paketabholern gegenübersteht, stellt sich ein anderer Teil als Schutz vor die Paketabholer. Es gibt jedoch auch einen Teil der Bevölkerung von Westberlin, welcher diese Aktion verurteilt. So wurden z. B. am 27.7.1953 im Kino Sternlichtspiele in Neukölln in der neuen deutschen Wochenschau gezeigt die Hilfe der Westregierung an die Bewohner des demokratischen Sektors von Berlin. Hier fielen die Besucher zum größten Teil in ein Gemurmel und es waren sogar leise Äußerungen wie z. B.: »Mehr Geschrei als die Sache wert ist« oder »Die sind ja bekloppt, drüben ist ja alles billiger als hier«. Die Paketabholer sind sich nicht bewusst, was der Amerikaner mit dieser Aktion erreichen will. So äußerte der Schweißer [Name 7, Vorname], beschäftigt beim RAW Berlin, PA20 12/13, dass er sich sein Paket im Westsektor schon abgeholt hat und dies als eine soziale Hilfe der Amerikaner betrachtet, welche eingesehen haben, dass es bei uns schlecht ist und uns helfen wollen.

Diese Verkaufsaktion wirkt sich auch auf unsere Verkehrsmittel (S-Bahn, U-Bahn usw.) aus, sodass sich der Verkehr mitunter auf 70 % erhöht hat. Zum größten Teil sind die Fahrgäste ältere Frauen, Invaliden, Rentner usw. So ist z. B. der Dampfzug aus Richtung Brandenburg kommend, der gegen 6.45 Uhr in Potsdam einläuft, von Arbeitern gefüllt, die nach Potsdam bzw. in den demokratischen Sektor von Berlin wollen. Beim Umsteigen der Menschen aus dem Dampfzug zur S-Bahn ist immer starker Andrang, dies hat derartig zugenommen, dass die Wagen übervoll sind. Der S-Bahnzug 6.58 Uhr ab Potsdam ist ein Durchläufer und hält nicht zwischen Griebnitzsee und Friedrichstraße. Die Westfahrer zu dieser »Hilfsaktion« benutzen in den Stationen des Westsektors, hauptsächlich in Westkreuz und Wannsee, die Notbremse. Darum leeren sich die Wagen soweit, dass fast jeder einen Sitzplatz erhält. Diese Dinge im Berufsverkehr tragen die Gefahr in sich, den Berufsverkehr zu desorganisieren.

Weiterhin wurde festgestellt, dass man in Roßlau, Bezirk Halle, organisiert, mit einem Lkw und 20 Personen am 30.7.1953 nach Berlin zu fahren, um Pakete einzukaufen.

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