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Tagesbericht

16. Dezember 1953
Informationsdienst Nr. 2048 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Die Regierungsverordnung1 ist nach wie vor Hauptdiskussionspunkt. Die überwiegende Mehrheit der Arbeiter begrüßt die Verordnung und spricht der Regierung Vertrauen aus. Die Verpflichtungsbewegung zur Unterstützung des neuen Kurses nimmt weiter zu. Gering sind die zweifelnden Stimmen, noch geringer die ausgesprochen negativen. Allerdings treten in Angestelltenkreisen die negativen Stimmen etwas stärker auf.

In der Farbenfabrik Bitterfeld erhöhten die Glasbläser ihre Normen um 6–11 %. Im VEB Zeiss Ikon Dresden verpflichtete sich ein wissenschaftlicher Mitarbeiter, die Verbesserung der Contax-Kamera bis Jahresende fertigzustellen. Ein Technologe will dafür die neuen Werkzeuge entwickeln. Vom Bauobjekt Tutow/Neubrandenburg beantragten fünf Arbeiter ihre Aufnahme in die Partei.

Ein Transportarbeiter der Wismut AG in Schwarzenberg meint: »Die Bestimmungen sind sehr gut. Aber werden diese Bestimmungen auch tatsächlich eingehalten oder werden nicht wieder Bürokraten, die irgendwo sitzen, diese Bestimmungen zunichtemachen.«

Ein kfm. Angestellter vom Ernst-Thälmann-Werk Magdeburg: »Es ist ganz schön, dass die Lohngruppen V–VIII erhöht werden,2 aber wäre es nicht auch an der Zeit, nun endlich mal an die Angestellten zu denken, die kleine Gehälter haben? Immer kommen nur die Arbeiter dran. Wir müssen wahrhaftig nur schuften und wo bleibt die Anerkennung? Ist unsere Arbeit nicht genauso wichtig?«

Entlarvung von Agenten und Saboteuren: Wir berichteten bereits über die positive Stimmung der Kalikumpel über die Verurteilung ehemaliger leitender Wirtschaftsfunktionäre des Kalikombinates Volkenroda, Erfurt. Am 14.12.1953 fand eine Versammlung mit den leitenden Kadern des Kombinats statt. Die meisten Ingenieure waren der Meinung, die ausgesprochenen Strafen seien zu hoch.3

942 Kumpel des Wismut-Schachtes »1. Mai« in Johanngeorgenstadt unterschrieben eine Resolution, in der es u. a. heißt: »Wir Wismut-Kumpel fordern die Aburteilung des Ami-Agenten [Name], der durch unsere Wachsamkeit der Staatssicherheit übergeben wurde und der die Absicht hatte, unsere stolzen Betriebe in Brand zu setzen und Tausende Kumpel in Lebensgefahr zu bringen, in Johanngeorgenstadt im Klubhaus ›Franz Mehring‹ durchzuführen.«

Mangel an Material, Waggons und Kohlen wird ständig aus mehreren Betrieben gemeldet. Mangels Aluminium können die Rathenower Optische Werke den Termin für einen Exportauftrag der Volksrepublik China nicht einhalten.

Im Kraftwerk Breitungen/Suhl müssen täglich die Ersatzkesseldichtungen gewechselt werden. Dadurch entsteht großer Arbeitsausfall. Wenn das Werk Messingdichtungen erhalten würde (pro Jahr 5 Ztr. Messing), könnten in einem Jahr 4 Mio. kW Strom mehr erzeugt werden.

Im Eisenwerk Erla,4 Schwarzenberg/Karl-Marx-Stadt, reicht der Kernsand für einen Sonderauftrag der Regierung für Schlepper nur noch drei Tage. Der VEB Glas- und Sandwerke Wittenberg kann aber seinen Liefertermin nicht einhalten, obwohl der Sand vorhanden ist, aber die nötigen Waggons fehlen.

In der Stadt Görlitz fehlen in volkseigenen und privaten Betrieben einige Hundert Tonnen Kohle, dadurch können die Betriebe ihren Strom nicht selbst erzeugen und müssen vom öffentlichen Netz gespeist werden, das ohnehin schon überlastet ist.

Abwanderungen guter Facharbeiter zu privaten Betrieben sind im Kreisbauhof Waren/Neubrandenburg zu verzeichnen. Private Baugeschäfte zahlen zum Teil 120 DM Wochenlohn.

Über schlechte Arbeitsorganisation auf Schiffswerften im Bezirk Rostock wurde in der letzten Zeit öfters Klage geführt. Charakteristisch ist die Meinung eines Arbeiters von der Mathias-Thesen-Werft Wismar: »Auf der Werft sind schlechte Arbeitsbedingungen. Beim Bau von Fahrgastschiffen rechnet man so, ein Mann arbeitet am Tag acht Stunden, dann müssen acht Mann die Arbeit in einer Stunde schaffen. Es werden soviel Leute in die Werft hineingepumpt, dass einer dem anderen im Wege steht. Das ist großer Mist und die Arbeit dauert dadurch länger.«

Handel und Versorgung

Mangel an Lebensmitteln treten im Bezirk Potsdam bei Margarine Sorte I und II und Apfelsinen, im Bezirk Halle bei Fischwaren und Pfefferkuchen in Erscheinung. Mangel an Textilien und Industriewaren wurde berichtet aus dem Bezirk Potsdam an Winterkleidung, Wolle und Trikotagen, aus Bezirk Neubrandenburg ebenfalls noch an Winterkleidung, aus dem Bezirk Halle an transportablen Öfen, Ofenrohren, Wassereimern und Wasserleitungsrohren.

Gefahr des Verderbens von Fleisch (9 t) besteht im Schlachthof Pritzwalk/Potsdam. Dieses Fleisch ist von pestkranken Tieren und muss schnellstens ausgeliefert werden.

Stau von Arbeitsschuhen aus Schweinsleder mit Gummisohle besteht bei der HO Berlin-Treptow. Hier lagern 300 000 Paar Schuhe.

Landwirtschaft

Der Hockauf-Bewegung5 schlossen sich einige Bauern im Bezirk Cottbus an. Sie verpflichteten sich ihre Erträge zu steigern. Werktätige Bauern der Gemeinde Fleißdorf/Cottbus stellten sich das Kampfziel, die im Jahre 1953 erzielte Durchschnittsernte von 200 dz Kartoffeln im Jahre 1954 auf 258 dz zu steigern.

Schwierigkeiten in der Ablieferung zeigen sich im Bezirk Halle und Rostock, wo Großbauern bewusst die Ablieferung hintertreiben. In der Gemeinde Milzau/Halle erfüllten zwölf Großbauern ihre Verpflichtungen gegenüber dem Staat nicht. Ein Großbauer u. a. hat bei Kartoffeln erst 40 % abgeliefert. Diese zwölf Bauern sind Mitglieder der LDP und haben sich am 17.6. an der Erstürmung des Kinderheimes maßgeblich beteiligt.6

Die Tätigkeit großbäuerlicher Elemente bei den VdgB-Wahlen zeigt sich darin, dass sie versuchen, Einfluss in den Vorständen zu gewinnen bzw. dass sie werktätige Bauern beeinflussen, die sich dann zum Teil auch für die Großbauern als Fürsprecher einsetzen, damit diese in die Vorstände gelangen.

Kleinbauer aus Uhyst/Dresden,7 Mitglied des Ortsvorstandes der VdgB, schlug einen Großbauern für den Ortsvorstand vor und begründete diesen Vorschlag: »Wenn auch in anderen Orten Großbauern nicht mit in den Vorstand gewählt werden, wir machen es wie wir wollen. Es entscheidet nicht die Hektarzahl, sondern wie der Mensch seinen Sollverpflichtungen nachkommt.«

Mangel an Ersatzteilen besteht bei einigen MTS im Bezirk Schwerin. So fehlen bei den MTS im Kreis Parchim Batterien, Zwischenstücke für Scheibeneggen, Buchsen und Streichbleche für Pflüge.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Über die bevorstehende Viererkonferenz8 halten die Diskussionen weiterhin an. Die Argumente sind die gleichen, die Mehrzahl diskutiert positiv.

Geschäftsmann aus Leipzig: »Die Viererkonferenz gibt uns neue Hoffnungen auf ein einheitliches Deutschland. Wir hoffen, dass die vier die Einheit bald zustande bringen und wir einen dauerhaften Frieden erhalten.«

Über die Regierungserklärung9 werden ebenfalls die Diskussionen im gleichen Umfange und mit den gleichen Argumenten weitergeführt. Werktätiger Bauer der LPG Zurow/Rostock: »Der Beschluss des Ministerrates und die Rede des Genossen Walter Ulbricht10 sind richtig. Jedoch unten werden die Anordnungen der Regierung nicht so durchgeführt, wie es die Regierung wünscht.«

Über die Weihnachtszuwendungen11 wird noch in einigen Fällen von denjenigen Personen, die keine erhalten, negativ dazu Stellung genommen. Die Angestellten aus den Krankenhäusern von Löbau, Zittau und Ebersbach wollen wegen Nichtzahlung der Weihnachtszuwendungen eine Delegation zum amtierenden Ministerpräsidenten Walter Ulbricht schicken.

Die Tätigkeit der Kirche und Sekten macht sich in letzter Zeit im Bezirk Erfurt und Gera wieder stärker bemerkbar, indem sie versuchen, ihren Einfluss zu erweitern. So wurde im Kindergarten in Dingelstedt/Erfurt das Beten eingeführt. Bei einer daraufhin durchgeführten Elternversammlung am 14.12.1953, an der auch Vertreter der Bezirksleitung der SED teilnahmen, wurde nach starker Diskussion beschlossen, das Beten im Kindergarten zu erlauben. Im Kreis Lobenstein/Gera verstärkt die Sekte »Hirt und Herde« ihre Werbetätigkeit. Sie versucht den Menschen weiszumachen, dass bis zum Jahre 2000 kein wirklicher Friede auf Erden komme.

Organisierte Feindtätigkeit

Flugblätter geringer in den Bezirken Dresden, Potsdam und Karl-Marx-Stadt, stärker in den Bezirken Neubrandenburg, Gera und Suhl. In den Grenzgebieten des Bezirkes Suhl wurden seit dem 12.12.1953 allein 60 000 Flugblätter eingeschleust. Die Hauptargumente in diesen Flugblättern sind »Moskau verhindert Deutschlandkonferenz«, »Die Kollektivierung geht weiter« u. Ä.

Im Kreis Rathenow/Potsdam haben häufig Personen von unbekannten Absendern aus Westdeutschland Ami-Pakete auf dem Postweg erhalten.

Überfälle: [Am] 14.12.1953 wurden in Wismar vier VP-Angehörige von einer randalierenden zwölfköpfigen Bande überfallen. Die VP-Angehörigen konnten die Angreifer durch Drohung mit der Waffe, jedoch ohne zu schießen, zurückschrecken. Die Banditen wurden festgenommen. Am 13.12.1953 wurde in Wismar vor einer HO-Gaststätte ein VP-Angehöriger von einem Bauarbeiter niedergeschlagen.

Durch das Ingenieurbüro Glöckner in Leipzig wird die Zeitung des Vereins Deutscher Ingenieure12 zum Verkauf angeboten. Die Zeitung ist in der DDR nicht zugelassen. Einem Ingenieur, der im Zusammenhang mit den Juniereignissen einige Tage inhaftiert war, wurde diese Zeitschrift zugesandt. Besonders auffallend ist, dass in dieser Zeitung in großem Umfange Stellungsangebote für Ingenieure veröffentlicht werden. Offensichtlich sollten damit Ingenieure zur Republikflucht veranlasst werden.

Ein werktätiger Bauer aus Diehsa, Kreis Niesky/Dresden, bezog von der VEAB Niesky 2 Ztr. Futtergerste. Beim Schroten dieser Gerste wurden acht Karabinergeschosse gefunden. Nach vorläufigen Ermittlungen sind diese Geschosse erst im VEAB-Lager in die Gerste gelangt.

Im VEB Greika Gera wurde der Elevator des Kohlenbunkers durch Einwerfen von Eisenteilen zum Stillstand gebracht und beschädigt.

Vermutlich organisierte Feindtätigkeit

Im VEB Bleichwerk Staßfurt/Magdeburg fiel am 15.12.1953 der Luftvorwärmer aus. Dadurch liegt die Produktion für längere Zeit still, wenn nicht ein Ersatz geschaffen wird. Der Betrieb produziert die zur Margarineherstellung notwendige Bleicherde und ist der einzige Betrieb in der DDR, der solche Bleicherde herstellt. Es wird ein Diversionsakt vermutet.

Stimmen aus Westberlin

In einer SPD-Versammlung in Neukölln, an der 40 bis 45 Personen teilnahmen, sagte der Referent u. a., die Politik der SPD ändere sich nicht. Eine Opposition der SPD in Berlin sei falsch und würde nur die »östlichen Bestrebungen« unterstützen. Es gelte, den Senat zu unterstützen. Zu den bevorstehenden Viermächteverhandlungen sagte er, man verspreche sich keinen Erfolg, denn die SU nehme nur solche Vorschläge an, die in ihre Politik passen. In den Diskussionen bedauerten einige Genossen, dass die SPD nicht verstehe, ein Gespräch mit dem Osten zustande zu bringen. Die meisten Diskussionsredner vertraten jedoch die Meinung des Referenten. Ferner wurden weitere »Hilfsaktionen für die Ostzonenbevölkerung« angekündigt. Dafür wurden auch gleich einige Helfer in der Versammlung geworben.

Einschätzung der Situation

Die Lage hat sich gegenüber dem Vortage nicht verändert.

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