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Tagesbericht

17. Dezember 1953
Informationsdienst Nr. 2049 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Die Regierungsverordnung1 steht nach wie vor im Mittelpunkt des Interesses. Veränderungen im Verhältnis der positiven, negativen und skeptischen Stimmen sind nicht zu verzeichnen. Lediglich sind einige Unklarheiten in einzelnen Punkten aufgetaucht, besonders, was die Entlohnung bei verkürzter Arbeitszeit betrifft.

Ein Bauarbeiter aus Drewitz, Kreis Guben/Cottbus: »Ich freue mich, dass unsere Wünsche jetzt so schnell nach oben gehen und dass unsere Regierung mit allen Mitteln bestrebt ist, uns Arbeitern ein besseres Leben zu schaffen. Ich will mir auch ein Häuschen bauen. Das scheiterte aber bisher immer, weil die Instanzen bürokratisch arbeiteten.2 Nach all den Beschlüssen der Regierung in der letzten Zeit habe ich wieder Vertrauen zu ihr.«

Im Ziegelkombinat Brandenburg ist nach der Verordnung der Regierung die Gewerkschaftsarbeit besser geworden. Allein in einer Abteilung hat sich die Mitgliederzahl des FDGB um 60 % erhöht. Einige Ankerwicklerinnen von der Warnow-Werft Warnemünde erhöhten zwei Normen um 15 %.

In Johanngeorgenstadt fragten Wismut-Kumpel, wie die Bezahlung bei verkürzter Arbeitszeit geregelt werde. Sie wünschen darüber nähere Auskunft. Diese Frage ist auch in anderen Bezirken aufgetaucht.3

Im Bezirk Halle stellen Arbeiter die Frage, ob bei 20-jähriger Zugehörigkeit zum Betrieb (betrifft Auszahlung der Zusatzrente) die Kriegsjahre, in denen die Arbeiter doch nur vorübergehend ihren Betrieb verlassen hätten, mit eingerechnet würden.

Ein Arbeiter im Waggonbau Görlitz/Dresden sagte, eine Lohnerhöhung sei nicht erforderlich gewesen, man hätte lieber eine Preissenkung durchführen sollen. Die Rentner hätten zu wenig Rente zum Leben, eine Preissenkung hätte allen Menschen gedient.

Über die Viererkonferenz4 wird in den Betrieben weiterhin diskutiert, wenn auch nicht in so starkem Ausmaße wie über die Regierungsverordnung. Nach wie vor hoffen die Arbeiter auf eine Lösung der deutschen Frage auf dieser Konferenz, viele machen jedoch die Einschränkung, dass sie wahrscheinlich doch keinen greifbaren Erfolg haben werde wie alle bisherigen derartigen Konferenzen.

Ein Arbeiter aus dem VEB Adler-Reparaturwerk Leipzig: »Bisher war ich der Meinung, dass dieser Notenwechsel zwecklos sei und doch zu keinem Erfolg führen werde, ich sehe jetzt aber, dass es aufgrund der Vorschläge der SU und unserer Regierung möglich ist zu verhandeln. Deshalb begrüße ich die bevorstehende Viererkonferenz«.

Ein Kraftfahrer von der Bau-Union Aue/Karl-Marx-Stadt: »Ich bin der Meinung, dass Adenauer und Eisenhower und wie sie alle heißen mit unmöglichen Forderungen auftreten werden, die von der SU nicht angenommen werden können, so dass auch diese Konferenz wie schon viele andere scheitern wird.«

Vorfristige Planerfüllung wird täglich aus mehreren Betrieben gemeldet. Auch Verpflichtungen zur vorfristigen Planerfüllung werden fortwährend bekannt. Weiter wird aus Betrieben berichtet, die noch große Anstrengungen unternehmen, um ihren Plan zu erfüllen, wenn irgendwelche Rückstände vorhanden sind. Im EHW Thale und im Braunkohlenwerk Plessa/Cottbus wurde gestern der Plan erfüllt. Die Belegschaft des VEB Elfe-Süßwaren in Parchim/Schwerin verpflichtet sich ihren Plan bis zum 19.12.1953 zu erfüllen.

Im Fortschritt-Schacht des Mansfeld-Kombinates hat die Werksleitung die Kumpel zur erhöhten Produktionsleistung aufgerufen, um den Plan wenigstens bei Kupfer erfüllen zu können. Die derzeitige Planerfüllung liegt bei 97,9 % in Kupfer und bei 82,5 % in Schiefer. Einige Brigaden verpflichteten sich, jeden Tag zwei Wagen Schiefer mehr zu fördern.

Missverhältnisse in Lohnfragen. Aus dem Bezirk Dresden wird berichtet, dass in letzter Zeit wiederholt in einigen Betrieben qualifizierte Arbeiter eine Beförderung zum Meister abgelehnt hätten, weil dadurch eine finanzielle Verschlechterung eingetreten wäre. Der verdiente Aktivist und Leiter einer Komplexbrigade Waschke5 im Stahlwerk Riesa sollte als Meister eingesetzt werden. Er lehnte es ab und stellte die Löhne gegenüber: Als Meister würde er 720 DM verdienen und jetzt verdient er 1 000 DM. Im gleichen Werk brachten fünf Meister beim Personalleiter ihr Missfallen darüber zum Ausdruck, dass sie weniger verdienen als gute Schlosser.

Handel und Versorgung

Mangel in der Versorgung mit Kartoffeln bestehen noch insbesondere im Bezirk Frankfurt/Oder sowie im Kreis Gransee/Potsdam, wo noch ca. 2 000 Personen Kartoffeln zu erhalten haben.

Mangel an Lebensmitteln besteht in einigen Kreisen des Bezirkes Suhl an Butter und Margarine, im Bezirk Frankfurt/Oder in HO-Gaststätten an Fleisch, in einigen Kreisen des Bezirkes Halle an Zucker, obwohl im Kreis Quedlinburg/Halle 100 t Zucker lagern.

Verderb von Fischkonserven wird aus dem Kreis Liebenwalde/Cottbus bekannt. Es handelt sich um 25 000 Dosen Konserven aus der SU.

Mangel an Textilien und Haushaltswaren wird aus dem Bezirk Frankfurt/Oder bei Arbeitskleidung, Nachthemden, Eimern und Fensterglas gemeldet.

Landwirtschaft

Über die bevorstehende Viermächtekonferenz wird unter der Landbevölkerung in geringem Maße, in der Mehrzahl jedoch positiv, diskutiert.

Werktätiger Bauer aus Eichhof/Neubrandenburg: »Ob der Vorschlag der SU zur Viermächtekonferenz den Westmächten gelegen kommt, ist wohl sehr fraglich. Sie werden zwar zu den Verhandlungen erscheinen, es ist jedoch abzuwarten, was aus den Verhandlungen herauskommt.«

Bauer aus Loissin6/Rostock: »Ich hoffe, dass man sich auf der Konferenz einigen wird. Dann können wir endlich auch wieder hinfahren wo wir hin wollen und die Grenzen werden fallen.«

Gute Arbeit in der Erfassung wurde vom Kreis Pasewalk/Neubrandenburg geleistet. Der Kreis setzte sich zum Ziel, die Erfassungspläne bis zum 20.12.1953 zu erfüllen. Es werden Brigaden gebildet, um mit den rückständigen Ablieferern zu diskutieren. Viele Gemeinden haben bereits ihr Soll erfüllt. Die Gemeinde Plöwen verpflichtete sich, innerhalb zehn Tage das gesamte Milchsoll der Gemeinde in gegenseitiger Hilfe aufzubringen.

Schwierigkeiten in der Ablieferung bestehen dagegen noch in den Bezirken Erfurt, Halle, Leipzig und Potsdam, indem sich Bauern weigern ihr Soll abzuliefern. So hat z. B. der größte Teil der Bauern in der Gemeinde Hinsdorf/Halle bei Getreide nur 50 % abgeliefert. Eine Aussprache mit den Bauern ergab, dass sie drohten ihre Höfe abzugeben, wenn sie ihr Soll aufbringen müssten.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Die Stimmung der Bevölkerung im Allgemeinen hat sich verbessert. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Versorgung der Bevölkerung, besonders mit Weihnachtszutaten, besser geworden ist. Besonders negativ wird dort diskutiert, wo die Versorgung noch ungenügend ist.

Über die Viererkonferenz, die in Berlin stattfinden soll, halten die Diskussionen unter der Bevölkerung weiterhin an. Unter der übrigen Bevölkerung wird etwas stärker wie in der Landwirtschaft diskutiert. Die Argumente sind die gleichen wie bisher. Diejenigen, die einen Erfolg erhoffen, sind in geringerer Anzahl vorhanden als die, welche sich keinen Erfolg versprechen.

Arbeiter im Konsum Grevesmühlen/Rostock: »Endlich ist die Zeit gekommen, dass der Westen Farbe bekennen muss. Hoffentlich findet die Konferenz im demokratischen Sektor von Berlin statt, damit sie sehen können, wie bei uns gebaut wird.«

Förster aus Rohrbach7/Karl-Marx-Stadt, SED-Mitglied: »Ich bin kein Prophet, aber aufgrund der Ereignisse aller bisherigen Konferenzen denke ich, dass man auch diesmal zu keinem günstigen Ergebnis gelangen wird.«

Über Weihnachtszuwendungen8 wird von den Personen, die diese Zuwendungen nicht erhalten, noch immer negativ diskutiert. Angestellter der Kreisverwaltung Zeitz/Halle: »Wir werden nur als Menschen zweiter Klasse angesehen, wir können arbeiten von früh bis spät, unsere Arbeit wird nicht anerkannt, das haben wir jetzt beim Weihnachtsgeld wieder gesehen. Es ist besser man geht in die Produktion arbeiten.«

Die Kirche versucht unter Ausnutzung des bevorstehenden Weihnachtsfestes verstärkt, ihre Ideologie zu verbreiten. So forderte eine Lehrerin von Borna bei Leipzig Schüler auf, am 13.12.1953 mit 50 Pfennig in die Kirche zu kommen, denn da gebe es schöne Geschenke und Schokolade. Wer aber nicht kommt, würde einen Eintrag in das Zeugnis erhalten.

Organisierte Feindtätigkeit

Flugblätter geringer in den Bezirken Frankfurt/Oder, Rostock, Leipzig, Gera und Berlin, stärker in Karl-Marx-Stadt und Potsdam. Im Kreis Heiligenstadt erhielten mehrere Bauern Lebensmittelpakete vom westdeutschen Caritasverband.

In Lauta, [Kreis] Hoyerswerda, [Bezirk] Cottbus, wurden am 15.12.1953 zwei VP-Angehörige von sechs unbekannten Personen angegriffen. Es gelang ihnen jedoch, sich einer Schlägerei zu entziehen.

In Aue/Karl-Marx-Stadt wurden am 16.12.1953 mehrere Personen wegen illegalem Waffenbesitz festgenommen. Bei ihnen wurden eine MPi, mehrere Jagdgewehre und mehrere Pistolen und Munition gefunden. Die Waffen waren in gebrauchsfertigem Zustand.

Im Stadtgebiet von Dresden wurden in einigen öffentlichen Fernsprechzellen die Apparate beschädigt und feindliche Losungen angebracht.

In der LPG Dörschnitz, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, wurden im Viehfutter Glasscherben gefunden. Das soll schon öfter vorgekommen sein, ohne dass es der zuständige Agronom gemeldet hat.

In Bad Klosterlausnitz/Gera wurde das Gerücht verbreitet, durch den Genuss von sowjetischen Fischkonserven seien Vergiftungserscheinungen aufgetreten. Überprüfungen ergaben, dass niemand erkrankt ist und es sich um Hetze handeln kann.

Im Kreis Schönebeck/Magdeburg wird das Gerücht verbreitet, dass schwarz maskierte Männer Funktionäre überfielen und bei Frauen, deren Männer in Nachtschicht arbeiten, einsteigen.

Eine »Lebensmittelspende« im Werte von 20,00 DM in Naturalien oder in Form eines Gutscheines erhält seit heute jeder Interzonenreisende aus der DDR in Westdeutschland. Das meldet heute der »Telegraf«.9

Vermutlich organisierte Feindtätigkeit

In zwei konkreten Fällen wurde bekannt, dass westdeutsche Bürger, denen ihre Angehörigen in der DDR eine Aufenthaltsgenehmigung geschickt hatten, zurückschrieben und um eine neue baten. In Westdeutschland sei bekannt gegeben worden, diese Ausführung der Aufenthaltsgenehmigung sei ungültig und die Volkspolizei schicke alle westdeutschen Reisenden mit diesen Papieren zurück.

Am 6. und 7.12.1953 wurde in der Brikettfabrik des Braunkohlenwerkes »Friedenswacht« Lauchhammer eine neukonstruierte Presse ausprobiert. Dabei wurde festgestellt, dass die Presse den Ansprüchen nicht genügte, weil sie für Feinstkornbriketts für die Großkokerei Lauchhammer vorgesehen war und deshalb einen Stempeldruck von 200 t haben müsste. Die Konstrukteure waren über den Verwendungszweck der zu konstruierenden Presse nicht orientiert worden und konstruierten sie mit einem Stempeldruck von 170 t. Den Auftrag hatte Dr. Gold von der Hauptverwaltung Kohle,10 Berlin, gegeben.

Einschätzung der Situation

Nach der Bekanntgabe der neuen Regierungsverordnung findet die Politik unserer Regierung noch größere Unterstützung in den Betrieben. Alle Anstrengungen werden gemacht, um die Pläne vorfristig zu erfüllen oder Planrückstände aufzuholen. Die Diskussionen über die Viermächtekonferenz sind weiterhin zum Teil hoffnungsvoll und zum Teil skeptisch. Wobei unter den Menschen, welche an einem Erfolg zweifeln, viele sind, die überhaupt nichts von Verhandlungen halten. Ein Teil befürchtet, dass die Konferenz am Verhalten der Westmächte scheitern wird, und ein kleinerer Teil vertritt die Meinung, dass die SU die Verhandlungen zum Scheitern bringt.

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