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Tagesbericht

18. Dezember 1953
Informationsdienst Nr. 2050 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Die Regierungsverordnung1 steht noch immer im Mittelpunkt der Diskussionen. Nach wie vor werden die Maßnahmen von den meisten Arbeitern freudig begrüßt. Negative Stimmen bringen zuweilen zum Ausdruck, man sei mit dem Ergebnis der Ministerratssitzung nicht zufrieden, denn man habe eine Preissenkung erwartet.

Ein Arbeiter aus dem Kombinat »Otto Grotewohl« Böhlen: »Ich war bisher der Meinung, dass der neue Kurs durch den Druck der Massen herbeigeführt worden ist. Nach der Verordnung bin ich aber zu der Überzeugung gekommen, dass es nicht so ist, sondern dass die Regierung wirklich das Wohl der Arbeiter im Auge hat.«

Ein Arbeiter aus einem Privatbetrieb in Oschatz/Leipzig: »Nunmehr wird auch für die Arbeiter der Privatbetriebe besser gesorgt als bisher. Die neue Verordnung des Ministerrates schafft die Möglichkeit, dass für uns jetzt ebenfalls bessere Lohnbedingungen geschaffen werden.«2

Ein Angestellter aus dem VEB Galvano-Technik Leipzig: »Man sollte nicht nur den Arbeitern Zugeständnisse machen, sondern vor allen Dingen die Gehälter der Angestellten erhöhen. Es ist kein gesunder Zustand, wenn die Arbeiter das Mehrfache von dem der Angestellten verdienen.«

Die meisten Kollegen im VEB Möbelfabrik Wittstock sagten: »Wir dachten es käme eine Preisherabsetzung zur Verbesserung der Lebenslage.«

Ein Maschinenschlosser von der Neptunwerft Rostock: »Nach meiner Meinung sollen die Löhne nicht mehr erhöht werden, wir verdienen genug. Lieber sollen die Preise in den HO-Geschäften gesenkt werden.«

In diesem Zusammenhang wird berichtet, dass in Rathenow und im Kreis Pritzwalk Gerüchte kursieren, wonach Anfang nächsten Jahres mit einer Preissenkung zu rechnen sei. Die Inhaberin einer Gastwirtschaft in Pritzwalk sagte z. B., dass man in ihrem Lokal von einer 50%igen Preissenkung mit ziemlicher Bestimmtheit spreche.

Über die bevorstehende Viererkonferenz3 wird noch in allgemeiner Form diskutiert. Dabei sind die Argumente und auch das Stimmenverhältnis unverändert. Über die Regierungserklärung und die Forderung auf Teilnahme deutscher Regierungsvertreter an der Konferenz4 sind erst vereinzelt Stimmen bekannt geworden, sie sind positiv.

Ein Arbeiter aus dem VEB »Heinrich Rau« Wildau: »Wenn die Konferenz in Berlin stattfindet, dann soll man die Deutschlandfrage endgültig klären. Das Ziel muss die Wiedervereinigung Deutschlands sein. Nur so wird die wirtschaftliche Lage in Deutschland verbessert werden.«

Ein Schlosser aus dem VEB KEMA Dresden: »Das ist der wichtigste Vorschlag der Regierung, dass deutsche Vertreter an der Konferenz teilnehmen sollen. Man kann ja schließlich nicht über eine Nation verhandeln, wenn man sie nicht anhört. Diejenigen, die ein Interesse an der Einheit haben, werden es bestimmt erzwingen, dass endlich diese Fragen im Interesse Deutschlands gelöst werden. Denn so wie jetzt kann es nicht weitergehen.«

Der Kampf gegen feindliche Agentengruppen war Thema in Versammlungen auf zwei Wismut-Schächten.5 Es sprachen Offiziere der Staatssicherheit. Die Versammlungen verliefen sehr positiv. Negative Stimmungen kamen nicht auf.

Mangel an Waggons. Im Kunstseidenwerk Premnitz/Potsdam lagern 120 t Rohseide, die wegen Waggonmangel nicht abtransportiert werden können. Das bedeutet erhöhte Feuergefahr für das Werk.

Handel und Versorgung

Mangel an Lebensmitteln bestehen bei Margarine in den Bezirken Erfurt und Magdeburg, bei Eiern im Bezirk Erfurt. Stau von Fleisch und Fett wurde aus dem Kreis Wittstock/Potsdam gemeldet. Alle Lagermöglichkeiten sind erschöpft.

Landwirtschaft

Über die bevorstehende Viermächtekonferenz wird unter der Landbevölkerung nur gering diskutiert. Die Argumente sind die gleichen wie bisher. Während ein Teil von dieser Konferenz positiv spricht, hat ein anderer Teil keine Hoffnung auf eine Änderung der Lage.

Bauer aus Ehmkenhagen/Rostock: »Wenn auf der Konferenz in Berlin im Januar ein positives Ergebnis erzielt wird, habe ich die feste Hoffnung, dass noch im Jahre 1954 die Einheit Deutschlands zustande kommt.«

Werktätiger Bauer aus Zettemin/Neubrandenburg: »Bei den Viermächteverhandlungen kommt doch nichts heraus. Mit dem was der Russe will sind die Westmächte doch nicht einverstanden.«

VdgB-Wahlen wurden dort zu einem Erfolg, wo sich Parteiorganisation und Verwaltungsstellen aktiv dafür einsetzten. So wurden bei den Neuwahlen im Kreis Greiz/Gera 91 Verpflichtungen abgegeben, welche zum Inhalt haben: Gesellschaftliche Mitarbeit (19), Verbesserung der Arbeit und Organisation (26), Steigerung der Produktion (8), Ablieferung für freien Aufkauf (38).

In Deutscheinsiedel/Karl-Marx-Stadt wurden bei einer VdgB-Wahlversammlung 20 Selbstverpflichtungen über zusätzliche Ablieferungen übernommen.

Schwierigkeiten in der Ablieferung und Erfassung wurden aus dem Bezirk Schwerin, Potsdam und Frankfurt/Oder gemeldet. Ein Teil Bauern weigert sich, noch fehlende Sollmengen abzuliefern. Sie begründen es mit einer sonst ungenügenden Futtergrundlage und drohen bei Zwangsmaßnahmen mit Flucht nach Westdeutschland.

Großbauer aus Kossin6/Potsdam: »Ich kann mein Soll nicht erfüllen und werde diesbezüglich bei der Regierung der DDR vorsprechen, und wenn ich da nichts erreiche, muss ich nach Westdeutschland flüchten.«

Bauer aus Bützow/Schwerin versteckte 25 Ztr. Getreide auf einem fremden Grundstück, um dies der Ablieferung zu entziehen.

Es kommt jedoch auch vor, dass Produkte nicht abgeliefert werden können, da keine Transportmittel zur Verfügung stehen. In einer LPG im Kreis Gadebusch/Schwerin lagern 5 000 Ztr. Zuckerrüben, welche infolge Waggonmangels nicht verladen werden können. Auf einigen Bahnhöfen des Kreises Sternberg mussten Kartoffeln und Kohl eingemietet werden, da man überhaupt keine Waggons zur Verfügung stellte.

Mangel an Ersatzteilen besteht bei einigen MTS im Bezirk Rostock. Es mangelt besonders an Pflugroder, Stahlbuchsen, Ausgleichvorrichtungen und Getriebeersatzteile für IFA-Pionier, so z. B. in der MTS Ravensberg und Radegast.

Die Fleischbeschauer im Kreis Plauen/Karl-Marx-Stadt richteten an das ZK der SED ein Schreiben, in dem sie eine Erhöhung der Gebührensätze für Fleischbeschauer fordern. Falls man bis 31.12.1953 kein positives Ergebnis hat, will man im Januar 1954 die Arbeit nicht mehr aufnehmen.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Über die bevorstehende Viermächtekonferenz wird wie bisher mit den gleichen Argumenten diskutiert. Verschiedene Hausgemeinschaften in Gräfenthal/Suhl verpflichteten sich anlässlich der bevorstehenden Viererkonferenz Geldbeträge zwischen 20,00 bis 40,00 DM jeden Monat für unseren nationalen Befreiungskampf zu spenden.

Rentner aus Frankfurt/Oder: »Mit den dauernden Noten und Erklärungen will man die Menschen nur in Bewegung halten. Nun wird ja die SED bald am Ende sein.«

Über die Aufklärungseinsätze im Kreis Oschatz tauchte das Gerücht auf, dass diese Einsätze nur durchgeführt werden, weil bei den kommenden Viererbesprechungen freie Wahlen in Deutschland beschlossen werden, damit die Regierung der DDR nicht den Kürzeren zieht.

Über die Regierungserklärung7 werden die Diskussionen in der gleichen Art wie bisher geführt. Agronom der MTS Krieschow/Cottbus: »Jetzt wird es endlich Zeit, dass ich meinen FDGB-Beitrag nun schnellstens nachzahle, damit mir die Vergünstigungen, wie z. B. Fahrpreisermäßigungen, nicht entgehen.«

Verstärkte Ausgabe von Personalbescheinigungen zum Zwecke von Interzonenreisen wurde bei der BDVP in Frankfurt/Oder festgestellt. Gegenüber den sonst durchschnittlich umgetauschten DPA erhöhten sich die Umtausche am 16.12.1953 auf das Drei- bzw. Vierfache. Es wird vermutetet, dass dieses plötzliche Ansteigen mit den in Westdeutschland zur Ausgabe gelangenden Geld- und Lebensmittelspenden für Bewohner der DDR zusammenhängt.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Typhus ist in den Bezirken Magdeburg und Rostock ausgebrochen. In der Stadt Magdeburg sind 19 Erkrankungen und im Kreisgebiet Wolmirstedt 36 festgestellt worden. Im Bezirk Rostock an folgenden Orten: in Graal-Müritz in einer Gemeinschaftswohnung von Werftarbeitern, in der landwirtschaftlichen Schule des VEG Güttin/Rügen unter den Lehrlingen.

In der Mädchenschule Belzig/Potsdam sind 34 Mädchen im Alter von 10 bis 12 Jahren, einige sogar im Alter von 6 bis 7 Jahren, an Gonorrhöe erkrankt.

Organisierte Feindtätigkeit

Flugblätter geringer in den Bezirken Frankfurt/Oder, Cottbus und Neubrandenburg, stärker in den Bezirken Potsdam, Halle, Gera, Suhl, Karl-Marx-Stadt und Dresden.

Am 13.12.1953 wurden in einem Hotel in Boltenhagen/Wismar/Rostock zwei Soldaten der Grenzpolizei von einigen Arbeitern tätlich angegriffen. Der Rädelsführer, der aus Westdeutschland stammt, wurde festgenommen.

In Eberswalde kursiert das Gerücht, wonach diejenigen, die noch keine Kartoffeln erhalten haben, Kartoffelflocken erhalten sollen.

Vermutlich organisierte Feindtätigkeit

Am 17.12.1953 brach in den Nachmittagsstunden im Gebäude des Kreisrates von Saalfeld/Gera ein Dachstuhlbrand aus. Es wird Brandstiftung vermutet. Zwei verdächtige Personen wurden vorläufig festgenommen.

Am 15.12.1953 brach in den frühen Morgenstunden in der Scheune eines Bauern in Mihla/Eisenach/Erfurt ein Brand aus. Die Scheune und eine darin stehende Dreschmaschine der MTS Madelungen brannten völlig nieder. Schaden: 18 000 DM. An der Brandstelle wurde eine verkohlte Leiche gefunden. Vermutlich handelt es sich um den Täter.

Nachsatz zu organisierte Feindtätigkeit: Eisenbahner von Interzonenzügen haben verschiedentlich festgestellt, dass in Westdeutschland Rückfahrkarten für Besucher aus der DDR kostenlos ausgegeben werden. Angeblich sollen die Beträge gestundet werden.

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