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Tagesbericht

22. Dezember 1953
Informationsdienst Nr. 2053 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Über die bevorstehende Viermächtekonferenz1 und die Regierungserklärung über die Teilnahme von deutschen Vertretern an der Konferenz2 wird weiterhin unter den Arbeitern meist positiv diskutiert, jedoch sind die Stimmen allgemein weniger geworden. Die positiven Diskussionen über die Konferenz beinhalten meist die Hoffnung auf die Lösung der deutschen Frage. Des Öfteren werden Stimmen laut, die einen Erfolg der Konferenz bezweifeln. In negativen Diskussionen wird oftmals gesagt, dass eine Konferenz doch nicht zustande kommt, weil schon viele Vorschläge gemacht wurden, wobei nichts herauskam.

Ein Schlosser vom RAW Cottbus: »Es ist unbedingt erforderlich, dass Vertreter der DDR und Westdeutschlands an der Berliner Konferenz teilnehmen. Wir wollen keinen Krieg und auch keine Kolonie der USA werden.«

Ein Hauer im Kaliwerk »Glückauf« in Worbis/Erfurt: »Ich glaube nicht eher an eine Konferenz, als bis sie angefangen hat.«

Ein Arbeiter vom VEB Mühlenwerk Riesa/Dresden: »Die ganzen Konferenzen haben ja doch keinen Zweck, denn es kommt sowieso nichts dabei heraus.«

Über die Regierungsverordnung3 wird in geringerem Umfange, unter den Arbeitern zum größten Teil positiv, diskutiert, wobei die materiellen Vergünstigungen hervorgehoben werden. Nur vereinzelt sind negative Äußerungen bekannt, wonach die Verordnung nur eine scheinbare Verbesserung bringt.

Arbeiter im VEB Wirkmaschinen Hohenstein-Ernstthal/Karl-Marx-Stadt: »Ich kann diese Verordnung nur begrüßen, zeigt sie doch, dass die Regierung Schritt für Schritt das Leben verbessert.«

Ein Brigadier aus der Druckerei »Aktivist« in Fürstenwalde/Frankfurt/Oder: »Das dicke Ende kommt noch mit der Normenerhöhung, denn dann werden wir in der Lohnklasse zurückgestuft. Zum Schein wird etwas vorgemacht und tatsächlich leben wir immer schlechter.«

Über die Entlarvung Berijas4 und die Veröffentlichung des Prozesses gegen die Spionagegruppe Gehlen5 sind weiterhin nur vereinzelt Diskussionen bekannt, die positiv ausfallen. Darin kommt zum Ausdruck, dass die Gefährlichkeit dieser Verbrecher jetzt erst richtig erkannt wurde und sie strengstens bestraft werden müssen.

Eine Kollegin aus dem Kunstseidenwerk Premnitz/Potsdam: »Berija, der seine Machenschaften gegen das Volk richtete, muss die höchste Strafe erhalten.«

Ein Schlosser von der Mathias-Thesen-Werft Wismar/Rostock: »Ich dachte, dass mehr von den Gehlen-Verbrechern gemacht wurde als dran war. Jetzt sind mir die Augen aufgegangen. Mit solchen Verbrechern soll man kurzen Prozess machen.«

Über vorfristige Erfüllung bzw. Verpflichtungen zur Erfüllung des Jahresplanes wird aus verschiedenen Betrieben berichtet. So hat z. B. der VEB Maschinenbau Görlitz/Dresden den Jahresplan am 20.12.1953 mit 102 % erfüllt, wodurch 400 000 DM eingespart wurden. Am 21.12.1953 erfüllte das gesamte Steinkohlenwerk Martin Hoop seinen Jahresplan.

Waggonmangel besteht bei der Zuckerfabrik Salzwedel/Magdeburg, wodurch z. B. die Produktion um zwei Drittel eingeschränkt werden muss. Des Weiteren im VEB Sägewerk Neustrelitz/Neubrandenburg und beim Rat des Kreises Gadebusch/Schwerin (Verladung von Zuckerrüben und Vieh verzögert).

Wegen schlechter Anlieferung von Kabelinduktoren und Läutewerken vom Fernmeldeamt Nordhausen kann der VEB Messgerätewerk Zwönitz/Karl-Marx-Stadt den Regierungsauftrag über 13 000 Feldfernsprecher nicht planmäßig erfüllen.

Missstimmung besteht in der Grube Finkenherd/Frankfurt/Oder, da das Revier Vogelsang nicht erschlossen werden soll, wodurch Entlassungen eintreten werden.

Betriebsstörungen. Am 21.12.1953 stießen auf der Strecke Rostock–Schwaan/Schwerin zwei Güterzüge zusammen, wodurch ein Sachschaden von ca. 10 500 DM entstand. Schuldfrage noch nicht geklärt. Laut Meldung der Trapo entgleisten auf dem Bahnhof Wuhlheide am 20.12.1953 bei Rangierarbeiten neun beladene Güterwagen, die völlig zertrümmert wurden. Sachschaden: ca. 10 000 DM. Ursache: Der Rangieraufseher vergaß die Lok mit dem Zug zu kuppeln.

Handel und Versorgung

Wie aus Frankfurt/Oder berichtet, wird von der VEAB mitgeteilt, dass der Bezirk nur für vier Tage mit Fleisch bevorratet ist. Bemerkenswert ist, dass 1 050 t zusätzlich ausgeführt wurden, weil eine Abnahme durch die Handelsträger und Produktionsbetriebe im Bezirk nicht erfolgte. Voraussichtlich ist in den letzten Tagen vor Weihnachten mit einem verstärkten Einkauf von Fleischwaren zu rechnen. Den Bedarf der Bevölkerung zu decken, ist deshalb infrage gestellt.

Durch den starken Viehauftrieb war der Schlachthof Cottbus durch Arbeitskräftemangel nicht in der Lage die Arbeit zu bewältigen. Mitglieder der Fleischereigenossenschaft Cottbus und Forst die angesprochen wurden, setzten sich bereitwillig ein, wodurch in den jeweiligen Schichten 200 Schweine und 40 Rinder geschlachtet wurden.

Über schlechte Belieferung mit Weihnachtsbäumen wird teilweise Missstimmung unter der Bevölkerung aus dem Bezirk Dresden berichtet. An Backhefe fehlt es im Kreis Auerbach/Karl-Marx-Stadt, da die Lieferbetriebe nicht termingerecht liefern.

Landwirtschaft

Über die bevorstehende Viermächtekonferenz und die Regierungserklärung der DDR wird unter der Landbevölkerung nur in geringem Maße diskutiert (Inhalt wie unter übrige Bevölkerung). Positiv wirken sich die teilweise über dieses Thema durchgeführten Versammlungen aus. In einer Versammlung der Gemeinde Storbeck/Magdeburg wurde z. B. eine Resolution, wonach Vertreter aus Ost und West an der Viermächtekonferenz teilnehmen sollen, einstimmig angenommen.

Auf dem Kreisbauerntag des VdgB (BHG) in Herzberg/Cottbus wurde zum Ausdruck gebracht, dass noch 22,5 % der Deckstationen des Kreises in den Händen der Großbauern sind. Weiterhin wurde die schlechte Kohlenversorgung der LPG und Kleinbauern kritisiert. Unter anderem wurden verschiedene Selbstverpflichtungen abgegeben. Eine Kleinbäuerin verpflichtete sich z. B., ihr Jahressoll an tierischen Produkten im 1. Halbjahr 1954 zu erfüllen und dann für den freien Aufkauf zu liefern.

In der Ablieferung rückständige Bauern, besonders Großbauern, wurden in Klingenhain/Leipzig zu einer Versammlung geladen, an der auch Arbeiter aus den Betrieben teilnahmen, die eine Terminstellung zur Ablieferung verlangten. Eine jetzt durchgeführte Kontrolle ergab, dass die Bauern in kurzer Zeit ihr Soll bis zu 95 % erfüllt haben.

Ein unverantwortlich schlecht gerodeter Kartoffelacker der LPG Tietzow/Potsdam (beim Pflügen durch die MTS wurden größere Mengen Kartoffeln geborgen) wurde von reaktionären Elementen (Groß- und Mittelbauern) in einer Versammlung zum Anlass genommen, die »Unfähigkeit der Verwaltungskräfte und die Existenzunfähigkeit« der LPG hervorzuheben.

Durch die Tarife der MTS, die im Verhältnis zur LPG für Großbauern höher liegen,6 wird, wie aus Leipzig berichtet, von diesen die Durchführung des neuen Kurses angezweifelt. Dazu äußert ein Großbauer aus Recknitz: »Walter Ulbricht hat uns in seiner letzten Rede wieder scharf angegriffen, das gibt uns jedes Mal einen Stich ins Herz. Man ist immer gegen uns, der MTS-Tarif ist höher, auch haben die LPG noch andere Vergünstigungen.«

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Über die bevorstehende Viermächtekonferenz in Berlin und die Regierungserklärung des amtierenden Ministerpräsidenten Walter Ulbricht wird weiterhin unter der Bevölkerung diskutiert. Wie an den Vortagen ist die Mehrzahl der bekannt gewordenen Stimmen positiv. Die Hoffnung auf Abschluss eines Friedensvertrages und Herstellung der Einheit Deutschlands sind in der Mehrzahl Inhalt der Diskussionen. Gleichfalls die Bemühungen der SU und die berechtigte Forderung, Deutsche aus Ost und West einzuladen. Zweifelnde bzw. direkt negative Stimmen wurden am Berichtstage nur vereinzelt bekannt.

Die Belegschaft der HO-Verkaufsstelle für Sportartikel in Herzberg/Cottbus begrüßt in einer Versammlung den Vorschlag, Deutsche aus Ost und West zur Viermächtekonferenz in Berlin einzuladen und fordert die Freilassung der eingekerkerten Friedenskämpfer in Westdeutschland.

Ein Angestellter aus Malchin/Neubrandenburg: »Die Vorschläge der SU sind für alle Deutschen von großer Bedeutung. Ich setze auf die Viermächtekonferenz in Berlin große Hoffnung.«

Ein Postangestellter aus Gera: »Einfluss auf die Konferenz haben wir ja doch nicht.«

Über die Agentengruppe Berija und über die Veröffentlichung der Prozesse gegen die Agenten der Spionageorganisation Gehlen wurden bisher unter der Bevölkerung nur vereinzelt Diskussionen bekannt. Dem Inhalt nach sind diese in der Mehrzahl positiv und fordern eine strenge Bestrafung. Teilweise wird die Notwendigkeit, die Wachsamkeit zu erhöhen, erkannt.

Ein Arbeiter aus Grevesmühlen/Rostock: »Die Verbrecher Berija und Komplizen müsste man so verurteilen, dass sie nie wieder in der Lage wären, weiteres Unheil anzurichten.«

Ein Angestellter aus Hildburghausen/Suhl: »Durch die Übertragung der Prozesse im Rundfunk haben wir gehört, wie Agenten und Spione ihre Arbeit verrichten. Es ist notwendig, dass wir alle noch wachsamer werden.«

Durch die Weihnachtsstimmung werden (wie aus vorliegenden Berichten zu ersehen ist) Diskussionen über politische Tagesfragen stark in den Hintergrund gedrängt. Eine gewisse Zufriedenheit und Freude macht sich über das reichhaltige Warenangebot bemerkbar. Verschiedentlich werden noch Äußerungen über die für einige Waren noch zu hohen Preise bekannt.

Ein Arbeiter aus Wolgast/Rostock: »Steuersenkung und Weihnachtsgeld macht ca. 100 DM, wofür ich zu Weihnachten etwas kaufen kann. Dieses Jahr brauchen wir uns nicht beklagen, überall reichhaltige Auswahl. Trotzdem sind noch immer einige Waren viel zu teuer.«

Über die Ausgabe der 20,00 West-Mark und Bettelpakete an Interzonenreisende aus der DDR7 werden verstärkte Diskussionen aus den Grenzkreisen des Bezirkes Erfurt berichtet. Im Kreis Eisenach hat die Zahl der Interzonenreisenden am Sonnabend und Sonntag wesentlich zugenommen. Im Kreis Quedlinburg/Halle sind in einigen Betrieben, unter anderem im Hüttenwerk Thale, solche Diskussionen zu verzeichnen, wonach ein Teil der Arbeiter die Weihnachtsfeiertage benutzen will, um die 20,00 West-Mark zu erhalten.

Der Interzonenverkehr zeigt durch den teilweise in den Interzonenzügen betriebenen illegalen Tausch von West- gegen Ost-Geld ungünstige Auswirkungen.

So tauschte z. B. am 5.12.1953 im Zuge von Essen nach Berlin ein Westdeutscher 50,00 West-Mark gegen 250 Ost-Mark. Dazu erklärte eine Reisende aus der DDR empört: »Ihr Westdeutschen hetzt gegen unsere Republik, das hindert euch aber nicht, auf Kosten der Arbeiter und Bauern euch zu bereichern.«

Organisierte Feindtätigkeit

Flugblätter stärker im Bezirk Gera, geringer in den Bezirken Suhl, Potsdam, Karl-Marx-Stadt und in Berlin. Aus den Bezirken Potsdam, Halle und Gera wird verstärkte Versendung von Hetzschriften der KgU durch die Post gemeldet.

Terror: In der Nacht vom 19. zum 20.12.1953 wurde in Pfaffendorf, Kreis Beeskow/Frankfurt/Oder, der Politleiter der MTS sowie ein Mitglied der SED von ca. 12 bis 15 Personen niedergeschlagen, als sie von einer Weihnachtsfeier nach Hause gingen. In derselben Nacht wurde der Vorsitzende der LPG Sachsendorf, Kreis Seelow/Frankfurt/Oder, vor seiner Wohnung von einigen Personen niedergeschlagen, als er von einer Weihnachtsfeier kam. In der Nacht vom 20. zum 21.12.1953 wurden in Cottbus zwei KVP-Angehörige von zwei Zivilisten tätlich angegriffen.

Laut Trapo-Meldung wurde in derselben Nacht eine SED-Genossin im S-Bahnzug zwischen Friedrichstraße und Ostbahnhof von zwei Zivilisten mit der Bemerkung »Ihr Sachsenschweine habt doch gar nichts zu sagen« tätlich angegriffen. Dabei wollte ihr einer der Zivilisten das Parteiabzeichen abreißen.

Diversion: Im Bahnbetriebswerk Reichenbach/Karl-Marx-Stadt sind am 19.12.1953 drei Loks wegen Heißlaufens ausgefallen. Von einem unbekannten Täter wurden die Schmierdochte mit Lokasche verschmiert, wodurch das Heißlaufen zustande kam.

In der Nacht vom 17. zum 18.12.1953 wurden in der Zuckerfabrik Jarmen, Kreis Demmin/Rostock, an fünf Hängern je ein Reifen zerschnitten. Am 20.12.1953, gegen 19.30 Uhr, brannte bei einem werktätigen Bauern in Berge, Kreis Gardelegen/Magdeburg, eine Scheune nieder durch vorsätzliche Brandstiftung.

Desorganisation: Am 21.12.1953 erhielt der Rat des Kreises Hagenow/Schwerin ein gefälschtes Schreiben vom Ministerium für Gesundheitswesen nebst einem gefälschten Gutachten vom SfS, wonach bis zu 70 % mit Maden befallene Erdnusslieferungen zu Margarine verarbeitet worden seien. Deshalb solle alle seit November bezogene Margarine aus dem Handel gezogen werden.

Am 20.12.1953 wurde im Sekretariat der FDJ-Kreisleitung Ribnitz/Rostock eingebrochen und ein Dienstsiegel, ein vertraulicher Brief und FDJ-Dokumente von VP-Angehörigen von unbekannten Tätern gestohlen.

Vermutlich organisierte Feindtätigkeit

Am 20.12.1953 fielen auf der MTS Weißkeißel, Kreis Weißwasser/Cottbus, ein Traktor und ein Lkw aus, da sich im Öl von der Derunapht8 Cottbus Wollfasern befanden.

Einschätzung der Situation

Über die Viermächtekonferenz wird weiterhin diskutiert, auf dem Land jedoch nur in geringem Umfang. Die Mehrzahl hofft auf ein positives Ergebnis. Die Bemühungen der SU und die Forderung auf Teilnahme deutscher Vertreter aus Ost und West wird [sic!] anerkannt und unterstützt. Eine Minderheit zweifelt am Erfolg der Konferenz, negative Stimmen sind gering. Begünstigt durch die verbesserte Lebenslage gewinnt die Feiertagsstimmung an Umfang. Die Feindtätigkeit auf dem Lande verdient größte Beachtung.

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    [Ohne Datum]
    Analyse vom 1. bis 15. Dezember 1953 [Nr. 7/53]
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    21. Dezember 1953
    Informationsdienst Nr. 2052 zur Beurteilung der Situation