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Tagesbericht

21. Dezember 1953
Informationsdienst Nr. 2052 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Über die Regierungsverordnung1 wird weiterhin diskutiert. Dabei werden besonders die materiellen Vergünstigungen von den Arbeitern begrüßt. Nur teilweise wird die große politische Bedeutung der Verordnung erkannt.

Ein Bohrmeister aus Aue/Karl-Marx-Stadt: »Die Fahrpreisermäßigung für FDGB-Mitglieder ist sehr gut. Da kann ich auch eine Urlaubsreise machen, wenn ich keinen Ferienscheck von der BGL bekomme.«2

Ein Hauer aus Oberschlema/Karl-Marx-Stadt: »Der Ministerratsbeschluss ist gut und bringt allen vieles. Gleichzeitig ist er wieder ein gutes Beispiel für den Westen, denn da sehen sie, wie sich unsere Regierung in der DDR für die Interessen der Arbeiter einsetzt.«

Über die bevorstehende Viermächtekonferenz3 wird weiterhin diskutiert, jedoch sind die Stimmen etwas geringer geworden. Dabei sind die Argumente und das Stimmenverhältnis nicht wesentlich verändert. Über die Forderung auf Teilnahme deutscher Regierungsvertreter an dieser Konferenz sind mehrfach positive Stimmen bekannt geworden.

Ein Schlosser von der Warnow-Werft Warnemünde/Rostock: »Die Viererkonferenz wird von uns allen mit Spannung erwartet und wir hoffen, dass dadurch endlich die Einheit Deutschlands zustande kommt.«

Ein Arbeitsvorbereiter von der Zentralwerkstatt Welzow/Cottbus: »Die Viermächtekonferenz in Berlin entscheidet die Frage Krieg oder Frieden. Wir müssen darauf bestehen, dass Deutsche aus Ost und West an dieser Konferenz teilnehmen, da es ja eine rein deutsche Frage ist.«

Angestellter von der Warnow-Werft Warnemünde/Rostock: »Das ist eine prima Forderung, die Walter Ulbricht gestellt hat,4 hoffentlich wird die Delegation der DDR auf der Viererkonferenz gehört, damit die Einheit unseres Vaterlandes bald verwirklicht wird.«

Zum Fall Berija5 wird erst vereinzelt diskutiert, wobei die überwiegenden Stimmen positiv ausfallen. Des Öfteren wird die Frage gestellt, wieso Berija solange seinen Verrat in der SU durchführen konnte.

Ein Arbeiter im VEB »Heinrich Rau« Wildau/Potsdam: »Es ist mir unverständlich, wie solche Menschen in so hohen Funktionen sitzen und sich solange halten können.«

Über den Prozess über die Gehlen-Organisation6 sind erst vereinzelt Stimmen bekannt, von denen die Mehrzahl positiv ist. Darin kommt die Freude über den Erfolg unserer Staatsorgane zum Ausdruck und die Forderung nach einer hohen Strafe für die Verbrecher.

BGL-Vorsitzende vom VEG Wölkau/Leipzig: »Es ist erstaunlich, mit welcher Ruhe und Unverfrorenheit der Verbrecher Haase7 seine Ausführungen machte. Die Sicherheitsorgane sind hier in ein richtiges Nest gestoßen, das ist ein großer Erfolg für uns und zeigt, dass besser aufgepasst wird als bisher.«

Ein Arbeiter aus dem Chemiewerk Lauta/Cottbus: »Diese Banditen sollte man alle aufhängen. Wenn man sie einsperrt, so ist das viel zu schade für sie und wir müssen sie auch noch ernähren.«

Ein Bauer aus dem Kreis Delitzsch/Leipzig: »Ich würde anstelle des Haase nicht so viel sagen. Die Rübe kostet es so oder so auch.«

Die ungenügende Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen wird vom Schacht Zobes bei Auerbach/Karl-Marx-Stadt gemeldet. Z. B. hängt seit ca. 14 Tagen eine Ablösung von drei mal vier Metern über einer Strecke. Des Weiteren bestehen hier Schwierigkeiten in der Beschaffung von Lampenersatzteilen, sodass ca. 550 Lampen nicht repariert werden können.

Schwierigkeiten in der Beschaffung von Hochspannungskabeln bestehen im Kraftwerk Zschornewitz/Halle, wodurch oftmals Störungen und dadurch Ausfälle in der Produktion entstehen.

Eine breite Missstimmung ist in einem Schacht der Wismut in Freital/Dresden vorhanden, die durch die Bekanntgabe einer Umorganisation hervorgerufen wurde.

Teilweise schlechte Stimmungen traten unter den Loggerbesatzungen in Rostock auf, da sie mit den an Bord befindlichen Geräten die Sender der DDR nicht hören und deshalb Westsender hören müssen. Ein Loggerführer aus Rostock: »Es ist ja kein Wunder, wenn sämtliche Schiffer westlich angehaucht sind. Ebenfalls sind bei den Hilfsschiffen an Bord schlechte Peilgeräte, sodass bei Vorkommnissen auf See zuerst die westdeutschen Hilfsschiffe anpeilen können.«

Ein Gerücht wird im SAG-Betrieb Leipziger Kugellagerfabrik verbreitet, wonach die sowjetische Direktion einen Wochenlohn als Weihnachtsgratifikation ausgeben wollte, was jedoch unsere Regierung abgelehnt hätte. Durch dieses Gerücht soll eine Ablehnung der deutschen Direktion bei der Übergabe des Werkes herbeigeführt werden.8

Absatzschwierigkeiten bestehen beim VEB Elfe Süßwaren und VEB Aiga Nährmittelwerk Auerbach/Karl-Marx-Stadt durch schlechte Arbeit der DHZ.

Schlechte Gewerkschaftsarbeit wird von der Reichsbahn Erfurt gemeldet. So sind z. B. ca. 1 000 Kollegen von der Reichsbahn im gesamten Bezirk nicht im FDGB organisiert. Im Betriebswagenwerk Frankfurt/Oder wurde ein Kollege zum BGL-Vorsitzenden wiedergewählt, der schon einmal vom Gebietsvorstand wegen Zersetzungsarbeit entlarvt wurde. Bei Kollegen, besonders des Bahnhofes Beeskow, ist eine starke Hetze gegen die Oder-Neiße-Friedensgrenze zu verzeichnen.

Betriebsstörungen. Am 18.12.1953 brach in der Brikettfabrik Knappenrode/Cottbus ein Tellerofenbrand durch Anfahren mit zu hoher Dampftemperatur aus. Der Produktionsausfall beträgt ca. 400 t Briketts.

Handel und Versorgung

Wie aus Halle berichtet, werden von der Konsumgenossenschaft Bernburg für 10 Lkw dringend Ersatzteile benötigt. Der Ausfall dieser Fahrzeuge wirkt sich negativ auf die Belieferung der Verkaufsstellen aus. Alle bisherigen Bemühungen waren erfolglos.

Im Kreis Brandenburg/Potsdam fehlt es besonders an Kinderkleidung.

Über das große Warenangebot auf dem Weihnachtsmarkt wird unter der Bevölkerung in Neuhaus/Suhl eine freudige Stimmung ausgelöst. In Diskussionen wird zum Ausdruck gebracht, dass durch den neuen Kurs der Regierung das Warenangebot in Zukunft wohl noch besser sein wird.

Landwirtschaft

In der Schweinemästerei VEG Seegrehna/Halle stehen 500 gemästete Schweine, die laut Anweisung vom Rat des Kreises Wittenberg nicht abgenommen werden, da zzt. genügend Fleisch vorhanden ist. Für den Ankauf von Läuferschweinen, die zur reibungslosen Mast benötigt werden, wird jedoch von der Bank Wittenberg der Kredit verweigert.

Durch falsche Bodendifferenzierung und das Versprechen des Vorsitzenden des Rates des Kreises Loburg/Magdeburg dies abzuändern (was bisher nicht geschehen ist), ist eine gewisse Missstimmung unter den Bauern zu verzeichnen. Die Bauern fordern mit allem Nachdruck die Klärung dieser Angelegenheit, da sie sonst in den nächsten Tagen persönlich zu Genossen Walter Ulbricht fahren wollen.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Über die bevorstehende Viermächtekonferenz in Berlin und die Regierungserklärung der DDR wird unter der Bevölkerung weiterhin diskutiert. Dem Inhalt nach sind die bekannt gewordenen Meinungsäußerungen zum überwiegenden Teil positiv. Verschiedentlich wird zum Ausdruck gebracht, dass durch die Vorschläge der SU den Westmächten alle Argumente, die sich gegen die Teilnahme an der Viermächtekonferenz in Berlin richten, genommen wurden. Besonders wird der Vorschlag des amtierenden Ministerpräsidenten Walter Ulbricht, Vertreter aus Ost und West zur Viermächtekonferenz einzuladen, begrüßt. Die Hoffnung auf Abschluss eines Friedensvertrages und Herstellung der Einheit Deutschlands kommt in vielen Meinungsäußerungen zum Ausdruck. Zweifelnde oder direkt negative Stimmen sind geringer geworden.

Ein Hausbesitzer aus Jatznick9/Neubrandenburg: »Durch das ständige Bemühen der SU hat das deutsche Volk Hoffnung auf baldigen Abschluss eines Friedensvertrages. Ich sehe jetzt ein, dass die Westmächte nachgeben müssen und gegen den Friedenswillen der SU und der Völker vergeblich ankämpfen.«

Ein Angestellter aus Spremberg/Cottbus (LDP): »Die von Walter Ulbricht abgegebene Erklärung, zu der in Berlin stattfindenden Viermächtekonferenz Vertreter aus Ost und West einzuladen, entspricht dem Wunsch aller friedliebenden Deutschen. Stehen doch die Probleme um einen Friedensvertrag und der [sic!] Einheit Deutschlands zur Klärung im Mittelpunkt.«

Ein Kraftfahrer aus Schwerin: »Hoffen wir, dass die Punkte des Potsdamer Abkommens im nächsten Jahr erfüllt werden und wir nicht mehr durch Zonengrenzen von unseren Brüdern und Schwestern getrennt sind.«

Ein Chemigraph aus Rostock: »Das ist wieder eine Konferenz unter vielen und sie dient vielleicht nur dazu, die Schwächen und Fehler der Politik der SU und DDR zu verdecken. Ich bin gespannt, sehe aber jetzt schon wieder das Ergebnis, nämlich keins.«

Die Veröffentlichung über die Verrätergruppe Berija hat bisher unter der Bevölkerung nur vereinzelt Diskussionen ausgelöst. In den bekannt gewordenen Meinungsäußerungen wird zum überwiegenden Teil eine strenge Bestrafung gefordert.

Eine Hausfrau aus Zeitz/Halle: »Wir Deutschen müssen für die Verschwörergruppe Berija die strengste Bestrafung fordern. Gerade wir haben der SU sehr viel zu verdanken und diese Verbrecher wollen uns das nehmen, was wir durch schwere Arbeit aufgebaut haben.«

Ein Traktorist aus Zettemin/Neubrandenburg: »Ich hatte geglaubt, dass die ganze Sache mit Berija im Sande verläuft und dass kein Mensch was hören würde, wenn die Untersuchung abgeschlossen ist. Ich bin der Meinung, dass Berija und alle die mit ihm zusammengearbeitet haben eine harte Strafe verdienen.«

Wie aus Leipzig berichtet, ist im gesamten Bezirk die Ausgabe von Personalbescheinigungen für Reisen nach Westdeutschland am 18.12.1953 schlagartig gestiegen (im Verhältnis zum 12. und 14.12. um 300 %). Als Grund dafür ist der erhöhte Feiertagsverkehr, aber auch die Ausgabe der 20,00 Westmark anzusehen.10 Im Kreis Bad Salzungen/Suhl wurden am 18.12.1953 ca. 300 Personalbescheinigungen ausgegeben, ein ähnliches Beispiel wird aus dem Kreis Wittenberg/Halle berichtet.

Organisierte Feindtätigkeit

Flugblätter stärker in Gera, geringer in Potsdam, Dresden, Cottbus, Halle und Karl-Marx-Stadt. In Merseburg/Halle wurden Hetzparolen mit Ruß an die Häuserwände geschrieben. Vom 22. bis 24.12.1953 plant der Gegner Flugblattaktionen in Berlin mit Ballons und auf andere Weise.

In einer Sendung am 18.12.1953 über die Beitragszahlung in der SED brachte der RIAS unter anderem Folgendes: Die Partei kann mit dem Geld, das sie kassiert, mehr Schaden anrichten als die Summe ihrer Genossen mit den Markscheinen, die sie sparen. Deshalb wäre es doch recht gut, wenn möglichst viele SED-Mitglieder weniger Beitrag zahlen.

Vermutlich organisierte Feindtätigkeit

Im VEB Waggonbau Görlitz/Dresden wurde am 12.12.1953 bei einer Überprüfung eines Doppelstockwagens festgestellt, dass die Bremsvorrichtung versagte, weil zwischen den Anschlussstützen ein Draht geklemmt war.

Am 18.12.1953 brannte im Sowjetischen Sanatorium in Bad Brambach/Karl-Marx-Stadt der gesamte Dachstuhl nieder. Im Gebäude arbeiteten Handwerker. Vermutlich ist der Brand durch Schweißarbeiten entstanden.

Am 19.12.1953 brannte, vermutlich durch Brandstiftung, in der LPG Sülldorf11, Kreis Wanzleben/Magdeburg, ein Kornspeicher mit 1 400 dz Getreide und zwei Schrotmühlen nieder.

Durch unbekannte Personen zwischen 19 und 25 Jahren wird die Bevölkerung von Bad Wilsnack, Kreis Perleberg/Schwerin, und Umgebung beunruhigt, durch Belästigungen in der Nachtzeit.

Einschätzung der Situation

Die Lage hat sich gegenüber dem Vortage nicht verändert.

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