Zur Beurteilung der Situation
12. Januar 1954
Informationsdienst Nr. 2066 zur Beurteilung der Situation
Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft
Industrie und Verkehr
Die Viermächtekonferenz1 steht weiterhin im Mittelpunkt der Diskussionen (siehe Anhang).
Zum Jahr der großen Initiative wurden von Betrieben Verpflichtungen übernommen, um einen würdigen Auftakt dieses Jahres zu geben.2 So z. B. will der VEB Westglas Großbreitenbach, [Bezirk] Suhl, seinen Monatsplan für Januar 1954 mit 160 Prozent erfüllen. Im Kaltwalzwerk Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, verpflichtete sich ein parteiloser Ingenieur, bis Juni 1954 die Walzgerüste auf Vor- und Rücklauf umzubauen. Dadurch wird eine 22-prozentige Steigerung der Arbeitsproduktivität erreicht werden. Der Kreisbaubetrieb Osterburg, [Bezirk] Magdeburg, führt anlässlich des Jahres der großen Initiative einen Wettbewerb von Mann zu Mann durch.
Schwierigkeiten in der Produktion werden aus einigen Betrieben gemeldet, welche sich teilweise auf die Erfüllung der Pläne auswirken. Die Ursachen, die zu diesen Schwierigkeiten führen, sind unterschiedlich (Einstellung der Produktion, Fehlen von Kohle, Fehlen von Material, Waggonmangel, Reparaturen usw.). So fehlt z. B. im Bahnbetriebswerk Karl-Marx-Stadt-Hilbersdorf Kohle. Der Vorrat ist nur noch für vier Tage berechnet. Es besteht die Gefahr, dass im Güterverkehr Stockungen eintreten. Im Karl-Marx-Werk Zwickau3 traten am 11.1.1954 Produktionsausfälle durch schlechte Kohle ein.
Eine Anweisung über Einstellung der Produktion erhielt der VEB Carmol in Neuruppin,4 [Bezirk] Potsdam, für Traubenzuckertabletten. Dadurch mussten von 62 Beschäftigten 25 entlassen werden. Auch die Konservenfabrik Neuhof, [Bezirk] Potsdam, musste ihre Produktion einstellen, da alle Vorräte an Obst und Gemüse aufgebraucht sind. Von 179 Arbeitern wurden 150 entlassen.
Durch Fehlen von HD-Kesselrohren war der VEB Braunkohlenwerk Nachterstedt, [Bezirk] Halle, nicht in der Lage, das Reparaturprogramm auszuführen und den Energieplan 1953 voll zu erfüllen (Plan wurde nur mit 97 Prozent erfüllt).
Die Brikettfabrik Völpke, [Bezirk] Magdeburg, musste am 9.1.1954 die Produktion einstellen, da durch die Reichsbahn keine Waggons zum Abtransport bereitgestellt wurden.
In einem großen Teil der Objekte der Wismut,5 besonders in Auerbach, Oberschlema und Aue, fehlt es an Hunte,6 was sich nachteilig auf die Produktion auswirkt.
In Hafen des Fischkombinates Rostock und auf der Werft liegen insgesamt 14 Logger7 (teilweise schon 14 Tage) zwecks Reparatur. Dies wirkt sich beträchtlich auf den Fangplan des Fischkombinats aus.
Im Kraftwerk Großkayna, [Bezirk] Halle, standen von sechs Turbinen vier längere Zeit still. Grund: Fluktuation von Fachkräften und Reparaturen an den Turbinen. Dadurch entstand teilweise großer Stromausfall und erheblicher Sach- und Reparaturschaden.
Durch schlechte Planung im VEB EKM Rohrleitungsbau Aschersleben, [Bezirk] Halle, drängt sich Ende des Quartals die Produktion so zusammen, dass die Arbeiter Überstunden leisten müssen. Dadurch entsteht eine schlechte Stimmung unter den Beschäftigten dieses Betriebes.
Ausbleibende Bestätigung des Produktionsplanes 1954 vom Ministerium8 führt im Kranbau Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, dazu, dass der Betriebskollektivvertrag nicht abgeschlossen werden kann, da der Produktionsplan noch nicht auf die Abteilungen aufgeteilt wurde.
Eine Aufbausparbewegung9 wurde vom VEB Kjellberg, Finsterwalde,10 [Bezirk] Cottbus, am 18.12.1953 ins Leben gerufen. Zur Unterstützung wurde an alle zuständigen Stellen ein Schreiben gesandt. Außer dem Ministerium für Finanzen – Abteilung Sparkassen – hat keine Stelle auf das Schreiben reagiert. Dadurch entsteht eine Unzufriedenheit unter den Arbeitern.
Handel und Versorgung
Über die Ausgabe von Karten für Rohbraunkohle11 werden negative Diskussionen aus mehreren Kreisen des Bezirkes Halle berichtet. Es wird zum Ausdruck gebracht, dass dies unverständlich sei, da diese bisher frei war.
Völlig unzureichend ist die Versorgung mit Kartoffeln der Werkküchen Hauptbahnhof Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, und Bahnhof Brandenburg-Altstadt.
Landwirtschaft
Zum Jahr der großen Initiative wollen die Mitglieder der LPG Zarnekow, [Bezirk] Neubrandenburg, durch intensive Bodenbearbeitung und Anwendung von Neuerermethoden12 in verschiedenen Kulturen Ertragssteigerungen erreichen. Die Mitglieder der LPG Bergholz, [Bezirk] Neubrandenburg, verpflichteten sich, bis zum 1. Mai 1954 ihr Ablieferungssoll in tierischen Produkten zu erfüllen.
Ersatzteilschwierigkeiten, die sich negativ auf die Erfüllung des Winterreparaturplanes auswirken, werden aus fast allen MTS des Kreises Güstrow, [Bezirk] Schwerin, berichtet. Die MTS Vietgest stellte sich z. B. den Kampfplan, bis zum 31.1.1954 den Winterreparaturplan vorfristig zu erfüllen. Wettbewerbe von Mann zu Mann wurden abgeschlossen. Der Kampfplan kann jedoch nicht erfüllt werden, da es an Ersatzteilen fehlt.
Preiserhöhung für Filzstiefel: In der BHG Mürow,13 [Bezirk] Halle, wurde der Preis für Filzstiefel von 41,00 auf 92,00 DM erhöht. Laut Mitteilung des staatlichen Kreiskontors Wittenberg wurde diese Preiserhöhung vom zuständigen Ministerium in Berlin angewiesen. Ähnliche Anweisungen erhielt die BHG Schmiedeberg,14 [Bezirk] Halle, die diesbezüglich ein Schreiben an den Bundesvorstand richtete.15
Stimmung der übrigen Bevölkerung
Außer Stimmen zur bevorstehenden Viermächtekonferenz in Berlin (siehe Anhang) sind keine Berichte eingegangen.
Organisierte Feindtätigkeit
Flugblätter wurden verstärkt im Bezirk [sic!] Karl-Marx-Stadt, Dresden und Potsdam gefunden, schwächer im Bezirk Cottbus.
Postwurfsendungen wurden verstärkt in Groß-Berlin und schwächer in den Bezirken Rostock, Potsdam und Dresden bekannt.
Überfälle: Am 10.1.1954 wurden von einer männlichen Person, die sich als Mitarbeiter des SfS ausgab, ein Mann und eine Frau niedergeschlagen, als sie bei einer angeblichen Kontrolle von diesem einen Dienstausweis verlangten. Der Täter wurde festgenommen.
Am 11.1.1954 wurde ein Volkspolizist in der Straßenbahn in Rostock ohne Grund tätlich angegriffen. Der Täter wurde festgenommen.
Versuchte Diversion: Am 10.1.1954 musste die Feuerwehr vom Fischkombinat Rostock einen Logger leer pumpen. Der Maschinenraum war [zu] zwei Dritteln mit Wasser gefüllt. Nach Abschluss der Pumparbeiten wurde festgestellt, dass zwei Bodenventile und vier Austrittsventile geöffnet waren.
Vermutlich organisierte Feindtätigkeit
Am 10.1.1954 brach im Triebwagen Berlin-Rostock ein Brand aus. Mit diesem Wagen fuhren sowjetische Funktionäre nach Rostock. Ursache: unbekannt.
Einschätzung der Situation
Die Lage hat sich gegenüber den Vortagen nicht verändert.
Anlage vom 12.1.1954 zum Informationsdienst Nr. 2066
Anhang zur Stimmung über die bevorstehende Viererkonferenz
Die bevorstehende Viermächtekonferenz in Berlin steht weiterhin im Mittelpunkt des Interesses der Bevölkerung. Die Mehrzahl der bekannt gewordenen Meinungsäußerungen sind auch heute positiv und unterscheiden sich in der Argumentation gegenüber den Vortagen nicht. Neben einer gewissen Passivität sind solche Stimmen, die an einem positiven Ergebnis der Außenministerkonferenz zweifeln, in einer nicht geringen Anzahl festzustellen. Direkt negative bzw. feindliche Äußerungen wurden nur in geringem Maße bekannt. Ein Traktorist vom VEG Schwenzin, [Bezirk] Neubrandenburg: »Wenn die Westmächte mit demselben festen Willen zur Außenministerkonferenz fahren wie die SU, würden die Einheit Deutschlands und der Friedensvertrag ein bedeutendes Stück näher rücken. Nach acht Jahren noch keinen Friedensvertrag ist einmalig in der Geschichte.«
Eine Hausfrau aus Leubsdorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich habe die Hoffnung, dass deutsche Vertreter aus Ost und West zu dieser Konferenz gehört werden.16 Uns geht es am meisten an. Also muss es auch möglich sein, dass wir ein Wort mitsprechen können, wenn es um unsere Zukunft geht.«
Ein Arbeiter aus dem VEB Drema-Zeulenroda,17 [Bezirk] Gera: »Korea hat uns gezeigt, dass Verhandlungen zum Erfolg führen.18 Schon das Zustandekommen der Berliner Konferenz ist als Erfolg zu werten.«
Ein Mitglied der LPG in Rochau,19 [Bezirk] Magdeburg: »Ich selbst verspreche mir von der Durchführung dieser Außenministerkonferenz gar nichts. Das sehen wir an den anderen schon durchgeführten Konferenzen, dass doch dabei nichts herauskommt.«20
Rentner aus Neuhaus,21 [Bezirk] Suhl: »Ich begrüße die Konferenz und hoffe, dass anschließend gesamtdeutsche Wahlen durchgeführt werden.«
Einwohner aus Ilmenau, [Bezirk] Suhl: »Es kommt überhaupt nicht infrage, dass ich unterschreibe.22 Ich bin im Westen gewesen und habe gesehen, wie gut es den Menschen dort geht. Deshalb sehe ich die Notwendigkeit einer Außenministerkonferenz nicht ein.«
Inhaber eines Juwelengeschäftes in Dippoldiswalde, [Bezirk] Dresden: »Ich beteilige mich nicht an Politik. Ich bin mir als Deutscher meiner Verantwortung bewusst, aber unterschreiben tue ich nicht.«
Neubauer aus Schwanefeld, [Bezirk] Magdeburg: »Wenn ihr mir einen Schein bringt, worauf geschrieben steht, dass ich wieder in meine Heimat nach Ostpreußen komme, dann unterschreibe ich, sonst nicht.«