Zur Beurteilung der Situation
11. Mai 1954
Informationsdienst Nr. 2204 zur Beurteilung der Situation
Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft
Industrie und Verkehr
Im Mittelpunkt der politischen Diskussionen steht die Genfer Konferenz.1 Die uns bekannt gewordenen Stimmen sind meist positiv. Darin wird zum Ausdruck gebracht, dass durch die Abreise Dulles’2 die Spaltung des imperialistischen Lagers vertieft wurde.3 Weiter hofft man auf Entspannung der internationalen Lage und auf die Festigung und Erhaltung des Friedens. Ein Zimmermann vom [Wismut-]Schacht 13 aus Aue,4 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Im westlichen Lager macht es sich immer mehr bemerkbar, dass die Gegensätze immer größer werden. Es ist höchste Zeit, dass die Besatzungstruppen aus Deutschland abziehen, denn wir sind stark genug, um uns selbst zu regieren.«
Ein Arbeiter (parteilos) aus dem VEB Kalk- und Phosphorwerk Steudnitz, [Bezirk] Gera: »Der amerikanische Imperialismus hat durch das sichere Auftreten der Vertreter der SU, Chinas und Koreas einen Schlag erhalten und kann künftig seine aggressive Kriegspolitik nicht mehr wie bisher durchführen.« Ein Heizer aus Marienberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Durch die Abreise Dulles’ von Genf wird es eher möglich sein, dass sich die Großmächte einigen und damit ein neuer Krieg verhindert wird.«
Ein geringer Teil der Werktätigen erwartet von der Genfer Konferenz keinen Erfolg. Ein Arbeiter aus dem Kunstfaserwerk »Wilhelm Pieck« in Rudolstadt, [Bezirk] Gera: »Ich verspreche mir von der Genfer Konferenz nicht viel, denn die westlichen Kapitalisten werden stets die ehrlichen Absichten des Friedenslagers durchkreuzen. Wenn Dulles auch abgereist ist, dann sitzen bestimmt noch andere dort, die die Interessen der Kapitalisten vertreten.« Ein Arbeiter (parteilos) aus Mulda, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Bei dieser Konferenz hat ›Russland‹ nicht so einen großen Erfolg errungen, wie allgemein angenommen wird, da doch immer noch ein Vertreter der USA auf der Konferenz anwesend ist. Dieser diskutiert sicher in der gleichen Richtung, wie es der Außenminister der USA – Dulles – tat.«
Missstimmung wurde aus einzelnen Betrieben bekannt. Im VEB Berliner Bremsenwerk wurde die Kompressoren-Abteilung, die für den Export gearbeitet hat, aufgelöst. Ein Teil der Kollegen wurde in andere Abteilungen des Werkes versetzt. Unter diesen Kollegen herrscht Unzufriedenheit, da sie jetzt ca. 2,50 DM Stundenlohn erhalten, während sie in der alten Abteilung 4,00 DM und mehr verdienten.
Unter den Schiffsbauern und Nietern der Halle A der Mathias-Thesen-Werft in Wismar, [Bezirk] Rostock, besteht starke Missstimmung, da sie nicht genügend Arbeit haben und nur 90 Prozent des Durchschnittslohnes bekommen. In einer Diskussion brachten einige Kollegen zum Ausdruck, dass sie sich wieder einen neuen 17. Juni [1953] wünschten, damit es anders wird.
Aus einigen Berliner Betrieben werden Beispiele über mangelhafte Arbeit der BGL bekannt. Hierin bemängeln die Kollegen besonders die schlechte Verbindung der BGL zu den Arbeitern. Im VEB Siemens-Plania Berlin5 sagten einige Kollegen in einer Diskussion: »Die BGL gehört mehr in den Betrieb, damit sie sich um die Belange der Kollegen kümmern kann. Bei uns lassen sie sich kaum blicken.« Im VEB »7. Oktober«6 ist von einer politischen Arbeit der BGL wenig zu merken. Es gibt Fälle, wo BGL-Mitglieder vollkommen negative Kollegen zur Auszeichnung als Aktivist vorgeschlagen haben, die jedoch von den Arbeitern abgelehnt wurden.
Im VEB »J. W. Stalin«7 äußerte in einer Versammlung ein BGL-Mitglied, dass erst der Frieden gesichert sein müsse, dann könne man über eventuell falsche Maßnahmen der Regierung diskutieren. Diese Ansicht löste bei allen Kollegen Empörung aus.
Aus dem VEB Lemke in Hohenschönhausen8 beklagte sich ein Mitglied der BGL über die schlechte Stimmung der Belegschaft im Betrieb. Er sagte, alle schimpfen, dass bei uns alles so teuer wäre. Ebenfalls habe man die Lebensmittelkarten nicht abgeschafft, obwohl es versprochen war.9 Als er nach seiner Meinung gefragt wurde, antwortete er: »Ich denke genau dasselbe wie meine Kollegen. Bei uns ist alles so teuer. Im Westen ist alles viel besser und billiger.«
Handel und Versorgung
Der DHZ Textil Berlin wurden von den Textilwerken »Einheit« Glauchau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, 8 785 qm Perlongewebe (Mischerzeugnisse) im Werte von 54 208 DM übersandt. Dieser Stoff hat sich bereits im Lager der DHZ durch Luft- und Feuchtigkeitseinflüsse gekräuselt (wurde wieder zurückgesandt).
Aufgrund der mangelhaften Bereitstellung von Herrenqualitätsschuhen in der HO Bezirk Köpenick, Berlin, kommt es in den Geschäften verschiedentlich zu Äußerungen, wie z. B.: »Wenn es hier keine Qualitätsschuhe gibt, müssen wir sie eben im Westsektor kaufen.«
In den Lagern der HO und der Konsumgenossenschaften Boizenburg, [Bezirk] Schwerin, lagern seit Weihnachten größere Mengen schokoladenhaltige Erzeugnisse, die nicht abgesetzt werden können.
Landwirtschaft
Nach wie vor besteht ein geringes Interesse für politische Probleme, meist wird nur in den Kreisen des sozialistischen Sektors dazu Stellung genommen. Folgende Äußerung ist größtenteils für die Einstellung der Einzelbauern typisch: »Das Politikmachen hat überhaupt keinen Zweck. Man muss wirtschaftlich denken und arbeiten und nicht politisch. Ich will jedenfalls nichts mit der Politik zu tun haben« (äußerte ein Bauer aus Leulitz, [Bezirk] Leipzig).
Die gering bekannt gewordenen Stimmen zur Genfer Konferenz sind positiv. Ein Landarbeiter aus Grevesmühlen, [Bezirk] Rostock: »In Genf zeigt es sich, dass die Friedenskräfte stärker geworden sind, sonst wäre Dulles nicht so plötzlich abgereist. Es zeigt sich weiter, dass unter den kapitalistischen Staaten keine Einigung mehr herrscht.« Ein Landarbeiter aus Löschen, [Bezirk] Cottbus: »Dulles wird den Erfolg der Konferenz nicht schmälern durch seine Abreise. Wäre er schon früher abgereist, wären wir schon ein Stück weiter.«
Im Mittelpunkt des Interesses stehen wirtschaftliche Belange, deshalb wird mehr über diese Fragen gesprochen. In der Gemeinde Sagast, [Bezirk] Potsdam, sind Bauern unzufrieden, da ihnen noch kein Soja-Schrot geliefert wurde, der ihnen für abgelieferte Milch und Schlachtrinder zusteht. Mitunter sind die Bauern gezwungen, durch die ungenügende Futtergrundlage ihr Vieh trotz der kalten Witterung jetzt schon auf die Weide zu treiben, was sich ungünstig auf den Milchertrag auswirkt. Dazu äußerte ein Bauer aus Sagast, [Bezirk Potsdam]: »Der Staatsapparat verlangt Sollerfüllung, da müssten die zuständigen Stellen auch dafür Sorge tragen, dass dem Bauern seine gesetzlich zustehenden Futtermittel rechtzeitig geliefert werden.«
In einer Sitzung der Viehwirtschaftskommission erklärte ein Bauer aus Dautzschen, [Bezirk] Leipzig: »Die LPG bekommen mehr Futter vom Staat als sie überhaupt Getreide auf das Soll liefern. Das kann ich schwarz auf weiß bringen, denn meiner Meinung nach ist das nicht richtig. Wir bringen doch das meiste Soll auf.«
Über die mangelhafte Saatgutzuteilung äußerte ein Bauer aus Reinsdorf, [Bezirk] Halle: »Was nützen alle Vorträge über Zwischenfruchtanbau oder Bodenuntersuchungen, wenn wir keinen Samen haben, den Zwischenfruchtanbau durchzuführen bzw. aufgrund der Bodenuntersuchungen dem Boden das zu geben, was er braucht, wenn wir es nicht haben. Man sollte Bauern selbst wirtschaften lassen, denn wir haben Erfahrung. Man erzählt uns viel, aber es ist meistens nur Theorie, die Praxis sieht anders aus.«
In der Gemeinde Dürrhennersdorf, [Bezirk] Dresden, wird bemängelt, dass die Zuteilung an Stickstoff nur mit 79 Prozent und die an Phosphorsäure nur mit 57 Prozent erfolgte. Vor allem fehlt es auch an Kalk. (Es fehlen noch vier Waggons Ätzkalk und zwei Waggons Leunakalk – Boden kalkarm.)
Negative bzw. feindliche Stimmen wurden nur ganz vereinzelt bekannt. Eine Angestellte beim Rat der Gemeinde Sallgast, [Bezirk] Cottbus, äußerte: »Der Tag der Befreiung heißt deswegen so, weil wir von allem befreit sind.«10 Ein Schlosser der MTS Eichwege, [Bezirk] Cottbus: »Man hätte an den deutschen Heldengräbern auch ruhig Kränze niederlegen sollen.«
Übrige Bevölkerung
In der übrigen Bevölkerung wird nach wie vor nur wenig über politische Fragen diskutiert. Im Mittelpunkt dieser Diskussionen steht die Genfer Konferenz, zu der meist positiv Stellung genommen wird. Hierbei kommt immer wieder die Hoffnung auf einen guten Ausgang der Konferenz zum Ausdruck, die sich in der Überzeugung an die zunehmende Schwäche der USA und die zunehmende Stärke des Weltfriedenslagers unter Führung der SU äußert. Ein Berufsschullehrer aus Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt, äußerte sich: »Anfangs habe ich ja angenommen, dass die Genfer Konferenz genauso wie die Berliner Konferenz ausgehen werde.11 Jetzt jedoch, nachdem Dulles mit seiner Politik der Stärke in Genf Schiffbruch erlitt, bin ich davon überzeugt, dass sie mit Erfolg beendet wird.«
Eine Krankenschwester (parteilos) aus dem Kreiskrankenhaus Stadtroda, [Bezirk] Gera: »Die Genfer Konferenz wird Erfolge haben. Die SU geht dabei denselben geraden Weg wie in der Frage der Einheit Deutschlands. Es wäre zu wünschen, dass der Frieden in Korea und in Vietnam hergestellt wird. Ich selbst werde meine Kräfte in der Friedensbewegung einsetzen, damit es nicht wieder zu einem neuen Krieg kommt.«
Vereinzelt wurden negative bzw. feindliche Stimmen bekannt. Ein Disponent der DHZ Lebensmittel Apolda, [Bezirk] Erfurt: »›Russland‹ beginnt in Genf, die gleichen Methoden wie bei der Behandlung der Deutschlandfrage in Berlin anzuwenden. Molotow12 schlägt freie Wahlen für Korea vor und meint damit, Wahlen unter kommunistischer Flagge. Eine Einigung kann in Genf nicht erreicht werden. Die Abreise Dulles’ aus Genf beweist, dass Amerika sich auf nutzlose Verhandlungen nicht mehr länger einlassen will. Amerika wird nun alle Kraft für die Aufrüstung anwenden. Es ist klar, dass die Entscheidung durch den Krieg gefällt wird. Die Stärke der Luftwaffe wird dabei auch zu erkennen sein.«
Besondere Vorkommnisse
Am 9.5.1954, gegen 12.00 Uhr bemerkte die deutsche Grenzpolizei am 10-Meterstreifen13 westlicherseits der Straße Neuendorf – Etzenborn, [Bezirk] Erfurt, eine männliche Person (mit Schäferhund) die Gegend beobachten. Um 16.00 Uhr erschienen auf der westlichen Seite drei Zivilisten (versuchten den Stacheldraht am 10-Meterstreifen zu zerstören). Daraufhin rief ein Genosse der Grenzstreife des Kommandos Berlingerode: »Wenn ihr nicht abhaut, bekommt ihr ein paar blaue Bohnen in den Hintern.« Daraufhin ließen sie von ihrem Vorhaben ab und zogen sich zurück.
Kurze Zeit darauf erschienen zwei Überfallwagen des Bundesgrenzschutzes mit 28 Söldnern, die mit MP und Karabinern bewaffnet waren. Diese bildeten eine Schützenkette. Die Streife der Grenzpolizei gab zwei Signalschüsse ab, diese wurden von anderen Streifen aufgenommen und weitergegeben, jedoch erreichten sie nicht das Kommando. Daraufhin riefen die Söldner: »Seht ihr, ihr habt wieder angefangen zu schießen und nachher legt ihr es wieder so aus, dass wir euch provozieren wollten.«
Zu einer weiteren Provokation (in ähnlicher Form) kam es am gleichen Tag um 18.00 Uhr auf der Straße Teistungenburg, Gerblingerrode.
Organisierte Feindtätigkeit
Hetzschriften der NTS:14 Frankfurt 12 000, Potsdam 17 450, Gera 6 000, Suhl 4 000, Karl-Marx-Stadt 150, Dresden einige Exemplare.
Hetzschriften des Ostbüros der SPD:15 Karl-Marx-Stadt 220, Dresden einige Exemplare.
Hetzschriften des Ostbüro der CDU: Potsdam 200.
Hetzschrift »Tribüne«16: Erfurt 1 000.
Hetzschriften unbekannter Herkunft: Cottbus 6 500, Rostock 125.
Antidemokratische Handlungen: Wittenberg, [Bezirk] Halle, eine rote Fahne gestohlen. Bischofswerda: Von der Volkshochschule wurde eine Scheibe im Schaukasten eingeschlagen. Damgarten, [Bezirk] Rostock: Vom Gebäude der VEAB wurde eine schwarz-rot-goldene Fahne heruntergerissen.
Vermutliche Brandstiftung: Döberitz, [Bezirk] Potsdam. Bei einem Waldbrand am 9.5.1954 wurden 13 ha Waldbestand vernichtet.
Terror: Am 8.5.1954 wurde der Bürgermeister von Rastorf, [Bezirk] Rostock, überfallen und niedergeschlagen.
Anlage 1 (o. D.) zum Informationsdienst Nr. 2204
Landwirtschaft
Von einer Tagung werktätiger Bäuerinnen
In der Gemeinde Lentzke, Kreis Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, fand eine Tagung mit werktätigen Bäuerinnen (233 Anwesende) statt. Es wurde sehr aufgeschlossen über wirtschaftliche Probleme diskutiert. Unter anderem wurde von Bäuerinnen zum Ausdruck gebracht, »dass sie nicht verstehen können, dass die LPG bevorzugt werden, so doch die Felder der Einzelbauern gepflegter und besser in Ordnung sind«. Des Weiteren wurde diskutiert: »Dass es nicht richtig ist, dass die Eier nach Gewicht bezahlt werden. Das müsste wieder geändert werden.« Ferner sprachen sie sich gegen den Viehhalteplan aus, der nach ihrer Ansicht zu hoch sei und mit die Ursache für auftretende Seuchen ist. Und zwar wegen der fehlenden Futtermittel und der unzureichenden Stallungen.
Außerdem stellten Bäuerinnen Fragen wie z. B.: »Warum werden Kuranträge an werktätige Bauern zu- und wieder abgesagt?« »Und warum werden die werktätigen Bäuerinnen nicht in die Rentenversicherung aufgenommen?«
In vielen Diskussionsbeiträgen kam Folgendes zum Ausdruck: »Dass es eigentlich gar keinen Zweck hat, an Versammlungen teilzunehmen und über solche Fragen zu diskutieren, denn es würde doch nicht geändert. Es ist zwar immer jemand da, der sich diese Dinge aufschreibt, aber sie haben das Gefühl, dass die zuständigen Stellen darüber nicht informiert werden.«
Unzureichende Sicherung von Stallungen der VEG
Auf dem VEG Hellersdorf (Vorwerk Mahlsdorf), Berlin, befinden sich sieben neuerbaute Schweineställe mit einem Bestand von 568 Stück, ca. 100 m hinter dem Gutshof auf freiem Gelände (ca. 250 m entfernt führt die Hauptstraße Berlin – Frankfurt und 50 m entfernt eine andere Straße). Da das ganze Objekt nur von einem Wächter bewacht wird, ist eine Sicherung nicht gewährleistet, deshalb lehnt der Leiter des VEG die Verantwortung ab.
Auf dem VEG Biesdorf, Berlin, werden zzt. Bauarbeiten verrichtet und den Arbeitern ist es jederzeit möglich, in die Stallungen zu gelangen, da durch einen 70-jährigen Wächter die Sicherheit nicht gewährleistet ist (Viehbestand: 200 Stück Groß- und Jungvieh sowie 20 Zuchtsäue).
Anlage 2 vom 11. Mai 1954 zum Informationsdienst Nr. 2204
Zu den Vorbereitungen zum II. Deutschlandtreffen der FDJ
Über die Vorbereitungen zum II. Deutschlandtreffen wurde aus verschiedenen Kreisen Folgendes bekannt:
Im VEB Feinmeßgerätewerk, [Bezirk] Suhl, verpflichteten sich 25 Jugendliche, das Abzeichen »Für gutes Wissen« bis zum Deutschlandtreffen abzulegen. Weiterhin übernahm eine Gruppe Jugendlicher und älterer Kollegen die Verpflichtung, zwei Sonderschichten zu fahren und den Erlös für das Deutschlandtreffen bereitzustellen.
Die gesamte Belegschaft des VEB Walzkörper in Bad-Liebenstein, [Bezirk] Suhl, verpflichtete sich, einen Stundenlohn für das Deutschlandtreffen zu spenden. Die Jugendlichen des Ortes Wenigenauma, [Bezirk] Gera, werden während des Deutschlandtreffens von Arbeitskräften aus dem Patenbetrieb des Ortes vertreten werden.17
Im Kreis Spremberg, [Bezirk] Cottbus, haben sich bisher 1 500 Jugendliche zur Teilnahme gemeldet. Das Soll beträgt 1 000 Jugendliche, im Kreis Cottbus sollen 2 000 Jugendliche mitfahren, bis jetzt haben sich 1 200 gemeldet. Im Kreis Liebenwerda, [Bezirk] Cottbus, beträgt das Werbesoll 1 250 Jugendliche. Bis jetzt haben sich erst 800 Jugendliche eingezeichnet.
Bei der Werbung in der Mathias-Thesen-Werft Wismar bestehen seit einigen Tagen größere Schwierigkeiten. Die Jugendlichen stellen die Frage in den Vordergrund, wann bekommen wir volle Arbeitsmöglichkeiten.
Die FDJ-Kreisleitung Kamenz, [Bezirk] Dresden, hat keine Übersicht, wer von den Jugendlichen des Kreises nach Berlin fährt. Bereits im März wurden provisorische Teilnehmerlisten an die Grundeinheiten herausgegeben. Ende April erhielten die Grundeinheiten nochmals Teilnehmerlisten. Ferner wurden die Teilnehmerzahlen auf die einzelnen Grundeinheiten schematisch nach der Stärke der Grundeinheiten aufgeschlüsselt. So können z. B. aus der Grundeinheit Lausnitz, die eine schlechte Arbeit leistet, 15 Freunde mitfahren, aus der Grundeinheit Gräfenhain, die sehr gut arbeitete, jedoch nur vier Freunde.
Ein Mittelbauer aus Gerswalde, [Bezirk] Neubrandenburg: »Dafür habe ich nichts übrig. Wer nach Berlin fahren will, soll sehen, woher er das Geld bekommt.« Ein anderer Mittelbauer aus demselben Ort: »Lieber versaufe ich DM 50,00 als dass ich 1,00 DM zum Jugendtreffen spenden würde.«
In der Gemeinde Mittenwalde, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, stehen die Jugendfreunde dem Deutschlandtreffen skeptisch gegenüber. Im vorigen Jahr war die Fahrt frei und das Essen gut. Die Jugendlichen zweifeln, ob es diesmal wieder so sein wird, weil in der letzten Zeit Schwierigkeiten in der Versorgung auftraten. Einige Jugendfreunde äußerten in einer Diskussion: »Zu Pfingsten werden wir einmal die Gelegenheit erhalten, uns Westberlin anzusehen.«
Ein FDJler aus Alt Käbelich, [Bezirk] Neubrandenburg: »Das Deutschlandtreffen ist eine feine Sache, man kommt wenigstens wieder einmal nach dem Westen.«
Im VEB Plasta in Auma, [Bezirk] Gera, verbreitet man die Parole unter den Jugendlichen, dass alle, die im Besitz eines Personalausweises sind und am Deutschlandtreffen teilnehmen, diesen abgeben müssen.
Im Privatbetrieb Patzer in Hermsdorf,18 [Bezirk] Gera, diskutieren Jugendliche: »Wir fahren nicht zum Deutschlandtreffen. Man drückt uns DM 20,00 in die Hand und damit müssen wir uns in Westberlin zusammenschlagen lassen.«19
Anlage 3 (o. D.) zum Informationsdienst Nr. 2204
Anhang über die VII. Internationale Radrennfahrt für den Frieden20
Über die internationale Friedensfahrt wird unter den Arbeitern und der übrigen Bevölkerung diskutiert. Im Vordergrund hierbei steht eine gewisse Enttäuschung über unsere Fahrer und über die aufgetretenen Materialschwierigkeiten. Hierdurch werden verschiedene negative Diskussionen ausgelöst.21 Ein Hauer vom [Wismut-]Schacht 6 in Oberschlema, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich bin dieses Jahr über unsere Mannschaft enttäuscht, da sie überhaupt nicht richtig auf Touren kommen. Ich kann mir nicht vorstellen, wieso sie immer so viele Pannen haben und die anderen nicht bzw. hört man weniger.«
Ein Genosse der SED-Kreisleitung Dippoldiswalde, [Bezirk] Dresden: »Dass unsere Fahrer jetzt immer Pannen haben, geht nicht mit richtigen Dingen zu. Wenn auch heute das ›Neue Deutschland‹ von Sabotage schreibt,22 so bin ich der Meinung, dass diese in der Volksrepublik Polen durchgeführt wurde. Ich möchte bloß wissen wie Agenten dort rüberkommen.«
Ein Angestellter aus dem Stahlwerk Riesa, [Bezirk] Dresden: »Im ganzen Werk Riesa wird darüber gesprochen, dass bewusst schlechtes Material für unsere Mannschaft gekauft worden ist. Dieses will man vielleicht im Westen gegen unsere demokratische Sportbewegung ausnutzen.«
Ein Friseur aus Rottwerndorf, [Kreis] Pirna, [Bezirk] Dresden: »Dies spiegelt die Qualität unseres Materials wider. Diese schlechte Arbeit kommt nur durch Normen. Man kann Normen wohl bei Ausschachtungen anwenden, aber nicht bei solchen Arbeiten, wo es wirklich darauf ankommt. Solche Arbeiten soll man lieber in Stundenlohn machen lassen.«
Ein Konsumangestellter aus Frankfurt/Oder: »Ich habe gehört, dass die DDR-Fahrer ausländische, d. h. ČSR-Fahrräder, haben. Hier liegt doch unzweifelhaft Sabotage vor, denn die Fahrer der ČSR hatten doch bisher noch keine Panne. Mich wundert, dass darüber noch nichts in der Zeitung stand, oder will man die ČSR nicht bloßstellen.«
Ein Friseur aus Zwickau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Hier sieht man wieder einmal, dass das Material in der DDR nichts taugt. Mal haben die Jungen Reifenschaden und mal Gabelbruch. Da können sie sich noch so anstrengen und erreichen doch nichts. Das ist sehr bedauerlich.«
Ein Friseurmeister aus Großbothen, [Bezirk] Leipzig: »Es ist ja kein Wunder, wenn die Friedensfahrer der DDR immer Brüche an ihren Rädern haben. Das kommt bestimmt davon, weil alle Blechbüchsen gesammelt und in den Martinöfen geschmolzen werden.23 Was soll schon dabei Gutes herauskommen. Auch bin ich der Meinung, dass das Schichtenarbeiten in den Werken Einfluss auf die Qualität des Stahles hat, denn die Menschen sind ja abgespannt. So etwas hat es früher auch nicht gegeben.«