Zur Beurteilung der Situation
28. Mai 1954
Informationsdienst Nr. 2219 zur Beurteilung der Situation
Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft
Industrie und Verkehr
Das Interesse an der Genfer Konferenz ist weiterhin gering.1 Es sind nur vereinzelt Stimmen bekannt geworden, die sich in dem an den Vortagen aufgeführten Rahmen bewegen.
Am 25.5.1954 fand im VEB Berliner Aufzugbau eine Versammlung über die Arbeit des Weltfriedensrates statt,2 wo eine Ägyptische Delegation sprechen sollte. Die ägyptische Delegation war jedoch verhindert, sodass eine englische Vertreterin sprach.3 Unter den Anwesenden zeigte sich ein reges Interesse für die Arbeit des Weltfriedensrates. Ein Mangel war, dass die englische Friedenskämpferin nur wenig deutsch sprach und kein Dolmetscher zur Verfügung stand.
Vereinzelt wurden Stimmen bekannt, die sich mit dem 17. Juni befassen. Eine Arbeiterin im VEB Sinora Hohenstein-Ernstthal,4 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Beim früheren Privatbesitzer wurden wir nicht so angetrieben und hatten auch gute Auskommen. Die sollen nur aufpassen, sonst kommt wieder ein Aufruhr, wie am 17. Juni [1953]. Diesmal geht es aber dann anders ab.«
Ein Arbeiter der Reichsbahn Hauptbahnhof Leipzig fragte einen Arbeitskollegen: »Kennst Du die Parole vom 17.6.[1953]?« Als dieser verneinte, antwortete er: »Kein Lokal, Kein Kino und Kein Theater betreten.«
Ein Angestellter vom Reichsbahnamt Erfurt erklärte: »Ich fahre jeden Tag im Arbeiterzug nach Erfurt und höre jetzt oft die Kumpels diskutieren, dass ein neuer 17.6.[1953] bald wiederkehrt.«
Über die mangelhafte HO-Fleischversorgung wird des Öfteren negativ diskutiert. Ein Hauptargument dabei ist, dass das Fleisch für das II. Deutschlandtreffen gebraucht und deshalb der Bevölkerung entzogen wird.5 Im VEB Kleiderwerk Dresden wurde von einigen Kollegen in einer Versammlung gesagt: In den Regierungsstellen sitzen nicht die richtigen Leute, sonst dürfte nach dem neuen Kurs so ein Fehlschlag in der Fleischbelieferung nicht eintreten.6
Ein Kreisteiler7 aus dem VEB Zeiss Jena: »Wir werden für das Deutschlandtreffen nichts herausarbeiten, denn das Fleisch und die Wurst wird alles für das Deutschlandtreffen abgestellt, sodass die Kollegen trocken Brot essen müssen und in Berlin essen die anderen das Fleisch und die Wurst.«
Im VEB SM-Kyrow-Werk Leipzig8 warfen drei Arbeiter ihre Butterstullen in den HO-Verkaufsstand, da sie keine Wurst erhielten, mit der Bemerkung: »Wenn es keene Wurscht gibt, arbeiten wir eben nicht mehr.«
Über betriebliche Fragen sind Diskussionen besonders wegen Lohn, ferner wegen Normen, Prämien und anderen Fragen aufgetreten. Im Elektrowerk Sörnewitz,9 [Bezirk] Dresden, Abteilung Schmirgelei wurde die letzte Normabstoppung durchgeführt, als einwandfreies Material vorhanden war. Da jetzt das zu verarbeitende10 Material schlecht ist, kann die Norm nicht erreicht werden. Die Kollegen sind unzufrieden darüber. Drei Arbeiter haben bereits gekündigt, weitere Kollegen haben die Absicht, zu kündigen.11
In der Kammgarnspinnerei in Niederschmalkalden, [Bezirk] Suhl, wurde auf Anweisung der Hauptverwaltung Energie die Stromentnahme am Tage um 30 Prozent gekürzt, wodurch der Produktionsausstoß um 20 bis 25 Prozent verringert wird. Die Kollegen sind darüber sehr verärgert, weil aufgrund der Ausfallzeit ein erheblicher finanzieller Nachteil entsteht.
Eine schlechte Stimmung herrscht unter den Kollegen des VEB Glaswerk Ernstthal, [Bezirk] Suhl, weil sie nach der Ortsklasse C bezahlt werden, während die Arbeiter im VEB Röhrenwerk Anna Seghers in Neuhaus nach der Ortsklasse B Lohn erhalten.12 Deshalb beabsichtigen die Arbeiter des Glaswerkes, in Betriebe, die in Neuhaus liegen, abzuwandern.
In der »Karl-Liebknecht«-Hütte Eisleben,13 [Bezirk] Halle, tritt in den unteren Lohngruppen, besonders bei den Schichtlöhnern und langjährigen Produktionsarbeitern Unzufriedenheit auf, da sie nicht mehr am Leistungslohn teilnehmen können und deshalb verhältnismäßig geringen Lohn erhalten.
Unstimmigkeiten und Verärgerungen entstehen im Buna-Werk,14 [Bezirk] Halle, über die Lohnregulierung und Prämienzahlung. Die Kollegen sind der Meinung, dass die Produktion um 50 Prozent gestiegen ist, jedoch die Prämien um 40 bis 50 Prozent gesunken sind.15 Ein Arbeiter sagte dazu: »Man muss immer mehr arbeiten, das Produktionssoll wird immer höher, aber die Prämien immer niedriger. Auch die versprochenen Preissenkungen kommen nicht.«16
Im Kraftwerk Plessa,17 [Bezirk] Cottbus, besteht unter den Kollegen eine negative Stimmung über das Prämiensystem. So sagt z. B. ein Heizer: »Ich bin wohl für Verbesserungsvorschläge, und hierfür soll man auch Prämien zahlen, aber sonst bin ich gegen jede Prämie, dafür soll man lieber den Stundenlohn erhöhen.«
Im VEB Heinrich Rau,18 [Bezirk] Potsdam, wurde eine Sammlung für westdeutsche Friedenskämpfer durchgeführt,19 wozu sich der größte Teil der Kollegen in die Listen eintrug. Bei der Lohnzahlung am 24.5.1954 wurde die Spende vom Lohn abgezogen, jedoch dabei nicht beachtet, dass sich mehrere Kollegen nicht eingetragen hatten. Darüber ist unter den Angestellten heftig diskutiert worden. Einige Angestellte sagten: »Das sind Nazimethoden der NSV.«20 Am 7.6.[1954] soll der Abzug der Spenden bei den Produktionsarbeitern vorgenommen werden.
Eine größere Anzahl von Werktätigen der Reichsbahndienststellen des Bezirkes Erfurt beklagt sich darüber, dass in den volkseigenen Betrieben eine höhere Bezahlung als bei der Reichsbahn erfolgt. Ein Zugschaffner aus Bad Salzungen erklärte dazu: »Wir setzen uns alle für den neuen Kurs ein. Aber die Regierung muss doch einsehen, dass der Unterschied in der Bezahlung der Industrie und der Reichsbahn sehr groß ist. Hier müsste man endlich eine Verbesserung schaffen.«21
Produktionsschwierigkeiten wurden meist wegen Materialmangel bekannt. Im VEB Sanarwerk Königsbrück, [Bezirk] Dresden, fehlen für die Kohlekachelöfen Formsteine. Aus diesem Grunde musste ab 24.5.[1954] eine Schicht für vier Tage ausfallen und die Kollegen mit Hilfsarbeiten beschäftigt werden.22
Im VEB Dachpappenwerk Niederau, [Bezirk] Dresden, mangelt es an Rohpappe, da die Zulieferbetriebe die Termine nicht einhalten. Das Werk ist mit 60 000 qm Pappe im Rückstand.23
Im VEB Tiefbau Berlin, Littenstraße fehlen wichtige Materialien für Lohrenreparaturen,24 die bei der DHZ nicht erhältlich sind, jedoch in Privatgeschäften am Alexanderplatz verkauft werden.25
Vom Bauhof Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, können Bauten für LPG wegen Materialmangel nicht fertiggestellt werden. Es fehlen 5 m³ Holz, Leichtbauplatten, Kacheln und Mauersteine.26
Im Schiffsneubau der Math[ias]-Thesen-Werft in Wismar müssen wegen Materialmangel täglich 80 Kollegen Wartestunden schreiben.27
Produktionsstörungen: Am 26.5.1954 fand in der Grube Freiheit I Bitterfeld, [Bezirk] Halle, ein Zugzusammenstoß statt. Schaden ca. 90 000 DM. Ursache: falsche Weichenstellung und Signalgebung infolge grober Fahrlässigkeit oder Sabotage.
Am 25.5.1954 war in der Grube Holzweißig Bitterfeld ein Fahrdrahtkabelbruch. Dadurch entstand ein Ausfall der Turbine im Kraftwerk »Karl Liebknecht«. Einige Stunden später fiel die Turbine 4 des Kraftwerkes durch Störung im Kabelnetz aus. Dadurch kam auch die Turbine 3 zum Stillstand. Beide Turbinen sind wieder in Betrieb. Diese Störung im Kabelnetz ist innerhalb von acht Tagen das 2. Mal passiert.
Negative Äußerungen von Arbeitern gegenüber einer Westdeutschen Delegation. Vor einigen Tagen besuchte eine westdeutsche Delegation den VEB Zeiss Jena. Bei der Unterhaltung mit mehreren Arbeitern über die Verdienstmöglichkeiten wurden ihnen bewusst niedrige Gehälter und Löhne angegeben. Außerdem hatte man die Verteilung von Ferienplätzen so hingestellt, dass nur Funktionäre Urlaubsreisen unternehmen können. Als sich die Delegation überzeugt hatte, dass dies Lügen waren, sprach der Delegationsleiter über den Betriebsfunk und entlarvte diese Machenschaften.
Handel und Versorgung
Eine unzureichende Versorgung der Bevölkerung mit HO-Fleischwaren ist weiterhin zu verzeichnen. Größtenteils beinhalten die darüber geführten Diskussionen, dass der Grund dafür das Deutschlandtreffen ist. Zum Beispiel sagte eine Hausfrau aus Schmalkalden, [Bezirk] Suhl: »Es gab diese und vergangene Woche weder Wurst noch Fleisch in der HO. Diese Waren kommen alle nach Berlin zum Deutschlandtreffen, damit den Westdeutschen Sand in die Augen gestreut wird.«
Verschiedentlich wird über eine ungenügende Warenbereitstellung geklagt. Zum Beispiel wird die HO in Heiligenstadt, [Bezirk] Erfurt, ganz schlecht mit Textilien beliefert, u. a. erhielt sie in diesem Jahr ein Oberhemd in der Größe 38 und drei Frottierhandtücher.
Im Kreis Stadtroda, [Bezirk] Gera, mangelt es an Zucker und Süßwaren. Im Kreis Jena, [Bezirk] Gera, fehlt es an Verkaufspersonal, sodass bereits eine Fleischverkaufsstelle (im Warenhaus des Friedens in Jena) geschlossen werden musste und in Kahla steht die Schließung einer Konsumverkaufsstelle unmittelbar bevor.
Landwirtschaft
Weiterhin ist das Interesse an politischen Tagesfragen gering. Größtenteils wird dazu nur in den Kreisen des sozialistischen Sektors Stellung genommen. Für einen großen Teil der Einzelbauern ist folgende Äußerung typisch: Ein Mittelbauer aus Ottendorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Wir haben jetzt, wo es so viel Arbeit gibt, keine Zeit, uns über Politik zu unterhalten und brauchen niemand, der uns darüber aufklärt. Diese Leute halten uns nur von der Arbeit ab, uns wäre es lieber, wenn sie gleich selbst mit zugreifen würden.«
Im Mittelpunkt des Interesses stehen wirtschaftliche und persönliche Belange. Dem VEG Pommritz, [Bezirk] Dresden, wurde Roggen als Futtermittel für Schweine zugeteilt. Dazu äußerte ein Schweinemäster: »Jetzt hat das Schweinesterben aufgehört, da wird vonseiten der VVG) wieder Futtermittel zugeteilt, was für die Schweine Gift ist. Wenn der Roggen blank verfüttert wird, geht das Schweinesterben wieder los.«
In der Gemeinde Elsnigk, [Bezirk] Halle, sollen Bauern für abgeliefertes Fleisch von der BHG Kleie erhalten, es ist jedoch nicht genügend vorhanden, es fehlen 23 Tonnen. (Darüber sind die Bauern missgestimmt.)
Im Kreis Stadtroda, [Bezirk] Gera, besonders in den Gemeinden Möckern und Renthendorf,28 ist eine starke Wildschweinplage zu verzeichnen (Rudel bis zu 100 Stück). Sie richten großen Schaden an, indem sie ganze Wiesen und frischgelegte Kartoffelfelder umwühlen. (Das Jagdkommando der VP reicht nicht aus, um diesen Zustand zu beseitigen.)29
Von der MTS
Die MTS Roggendorf, [Bezirk] Schwerin, benötigt dringend Ersatzteile für Stalinez 4.30 (Die zwei vorhandenen Maschinen sind dadurch nicht einsatzfähig.)
In der MTS Langendorf, [Bezirk] Rostock, spricht man sich negativ über die sowjetische Kohlpflanzmaschine aus, und zwar sagte der technische Leiter der MTS (SED): »Die Personen, die zur Bedienung der Maschine verantwortlich sind und gebraucht werden, pflanzen mit der Hand schneller. Wir wollen sie auf der Station mal lieber in die hinterste Ecke stellen, dahin wo sie niemand sieht.«
Übrige Bevölkerung
Die übrige Bevölkerung ist nach wie vor nur wenig an den politischen Tagesfragen interessiert. Über die Genfer Konferenz wird nur noch vereinzelt diskutiert und damit in Verbindung der Wunsch geäußert, die Konferenz möge das Verbot der Anwendung von Atom- und Wasserstoffbomben erwirken. Hierzu ein Beispiel: Der Leiter der Katholischen Kirche in Rostock sagte: »Die Menschen sollen endlich einsehen, welche verheerende Wirkung die Anwendung der Atom- und Wasserstoffbomben hat. Besonders die Katholiken müssen verstärkt dafür beten, dass die führenden Staatsmächte veranlasst werden, alles zu tun für das Verbot der Wasserstoffbombe.«
Vereinzelt wird daran gezweifelt, dass die Genfer Konferenz einen guten Ausgang nehmen wird.
Der Mangel an HO-Fleischwaren und teilweise auch an HO-Butter nimmt weiterhin einen breiten Raum der Diskussionen ein und bringt die Unzufriedenheit darüber teilweise wie folgt zum Ausdruck. Eine Hausfrau aus Leipzig sagte: »Es gibt wieder mal keine Butter in der HO und nirgends Fleisch. Angeblich haben wieder Provokateure 2 000 kg Fleisch nach Westberlin verschoben. In Wirklichkeit ist die Lage so, dass Pfingsten das Jugendtreffen stattfindet. Dabei muss die Etikette der DDR gewahrt bleiben. Deshalb müssen jetzt die gutgläubigen Bürger der DDR den Brotkorb wieder etwas höher hängen.«
Über den Mangel an HO-Fleisch und teilweise auch an Butter wurde heute aus Berlin, Leipzig, Dresden, Gera, Halle, Erfurt und Suhl berichtet. In den Randgebieten von Berlin, wie z. B. Mahlow, zeigt sich verschiedentlich folgende Stimmung: Die Leute betreten die HO mit der Bemerkung: »Ach, da braucht man ja gar nicht erst hineinzugehen, die haben ja doch wieder nichts, die sollen nur so weitermachen, da gibt es wieder einen 17. Juni [1953].«
Zur Volksbefragung sind nur ganz vereinzelte Gespräche vorwiegend positiver Art geführt worden,31 wie das nachstehende Beispiel zeigt. Ein Inhaber eines Ofengeschäfts sagt: »Ich begrüße die Abstimmung über EVG32 oder Friedensvertrag, nur muss diese Abstimmung auch in Westdeutschland durchgeführt werden, um wirklich die Meinung der westdeutschen Bevölkerung kennenzulernen.«
Organisierte Feindtätigkeit
Hetzschriftenverbreitung
In tschechischer Sprache: Karl-Marx-Stadt 846, Dresden 755, Halle 40.
SPD-Ostbüro:33 Karl-Marx-Stadt 20, Dresden Schwerin und Cottbus einige, Potsdam 20 000.
Verschiedene: Karl-Marx-Stadt, Gera, Dresden, Schwerin und Cottbus einige.
NTS:34 Rostock 239, Dresden 40, Halle 16, Erfurt 136.
»Freie Junge Welt«:35 Dresden 8, Potsdam 200.
FDP-Ostbüro: Erfurt 875.
Inhalt: gegen die Regierung der DDR und gegen das II. Deutschlandtreffen.
Am 24. Mai 1954 wurden zwei Angehörige des Betriebsschutzes der Bau-Union-Süd, Abschnitt Preschen, [Kreis] Forst, [Bezirk] Cottbus, von vier Jugendlichen niedergeschlagen, sodass sie ins Krankenhaus gebracht werden mussten, Täter wurden von der VP festgenommen.
Der Bürgermeister in Friedewald, Kreis Dresden, erhielt eine falsche telefonische Anweisung, nach welcher ab 2.00 Uhr erhöhte Alarmbereitschaft sei. Er habe sich deshalb ständig mit dem Landkreisamt bzw. der VP in Verbindung zu setzen.
Personen im Bezirk Karl-Marx-Stadt erhalten Briefe von der ehemaligen Dienststelle zur Benachrichtigung der Angehörigen von gefallenen ehemaligen Soldaten der deutschen Wehrmacht aus Berlin-Wittenau, Eichborndamm 167–209.36 Es werden Auskünfte verlangt über den Verbleib von ehemaligen Soldaten.
Im Kreis Burg, [Bezirk] Magdeburg, brachen am 26. Mai [1954] vier Waldbrände aus. Davon drei ohne Schaden, eine Schonung wurde vernichtet, ca. 1 III,- [sic!] DM37 Schaden. Am gleichen Tage brachen im Kreis Guben38 und Finsterwalde, [Bezirk] Cottbus, Waldbrände aus.
In den Betrieben des Bezirkes Erfurt, wie LOWA,39 ABUS40 und RAW Gotha wird unter den Werktätigen darüber gesprochen, dass in den Betrieben der »Sternkalender 1954« aus Westdeutschland im Umlauf ist und aus denselben hervorgeht, dass im Juni/Juli 1954 führende Staatsmänner sterben, Unwetterkatastrophen ausgelöst werden.41 Damit würde eine totale Verschlechtungen [sic!] der Lebenslage der Bevölkerung eintreten.
Im Kreis Hildburghausen und Sonneberg wurden heute mittels Ballons Flugblätter abgeworfen. Die Zahl steht noch nicht fest. Herausgeber ist der KgU.42 Inhalt: »Europäische Verteidigungsgemeinschaft« oder »sowjetischer Friedensvertrag«, mit einem roten W43 in der Mitte.
Dicht bei der Oder im Kreis Angermünde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, werden Abziehbilder in Flugblattform mit polnischem Schriftaufdruck aufgefunden.
Im Kaliwerk Heiligenroda, [Bezirk] Suhl, taucht das Gerücht auf, dass der Frankfurter Sender44 durchgegeben hat, dass der Volkskammerpräsident Johannes Dieckmann45 in Westdeutschland um Asyl gebeten hat.
Einschätzung der Situation
In der Lage haben sich keine besonderen Veränderungen ergeben.
Anlage vom 26. Mai 1954 zum Informationsdienst Nr. 2219
Auswertung der RIAS-Sendungen
Hetze gegen das II. Deutschlandtreffen
In seiner Sendung »Jugend spricht zur Jugend« am 24.5.1954 nimmt der RIAS zur Vorbereitung des II. Deutschlandtreffens und insbesondere zu den Ausführungen des Genossen Erich Honecker46 auf der Pressekonferenz Stellung.47 Seine Ausführungen gipfeln dabei in der Beschimpfung der Arbeit der FDJ als »Parallele zu den nationalsozialistischen Vorgängern dieses Regimes«.
Er versucht an mehreren Stellen, die FDJler zu negativen und feindlichen Handlungen zu beeinflussen. Im Zusammenhang mit einer angeblichen nur geringen Teilnehmerzahl sagt er dann: »Gewiss, liebe Freunde, werden es zu Pfingsten mehr sein. Aber der größte Teil von ihnen wird dann das Geld gespart haben, das die FDJ heute noch verlangt«. Hierdurch will er die Jugendlichen veranlassen, mit ihrer Meldung noch zu warten, da die FDJ dadurch gezwungen würde, den Teilnehmerbetrag abzuschaffen oder aus anderen Mitteln aufzubringen.
Nach der Schilderung der zu erwartenden Maßnahmen bei der Demonstration am Pfingstsonntag (»Aufmarschszenen und ihr Gemisch aus gewollter, teilweise freiwilliger und erzwungener Begeisterung«) heißt es weiter: »Ihr, die ihr am Pfingstsonntag an den Tribünen vorüberziehen müsst, weil es von euch verlangt wird, habt dabei im Gegensatz zur Hitlerjugend Wege und Möglichkeiten, die euch für Stunden vom blauen Einerlei und seinem Lärm befreien«. Dies bedeutet die Aufforderung, während der Demonstration in den Westsektor zu kommen.
In seiner Sendung »Informationen« vom 25.5.1954 verbreitet der RIAS die Meldung, dass in der Wuhlheide zzt. mehrere tausend FDJler und FDJlerinnen von KVP-Offizieren48 und »Beamten des SSD« zum besonderen Einsatz vorbereitet werden.