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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

21. Dezember 1954
Informationsdienst Nr. 2397 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Die Gespräche über den Kampf gegen die Ratifizierung der Pariser Verträge stehen weiterhin im Mittelpunkt der Diskussionen über politische Tagesfragen.1

In der Fabrik 95, Zeche 1 in Freital, Wismutgebiet,2 bestehen seit längerer Zeit Differenzen über die Normen an den Pressen und deren Kapazität. Es wird darüber diskutiert, dass nur halbvolle Pressen verarbeitet werden, und da die Bezahlung nach der Anzahl der Pressen erfolgt, werden die Normen bis zu 200 Prozent erfüllt, was bei Weitem nicht der Arbeitsleistung entspricht. In einer Produktionsbesprechung wurde festgelegt, dass ab Januar 1955 die Verrechnung nach gepressten cbm erfolgen soll. Dies würde eine ganz andere Norm zutage fördern und die Leistungen müssten dementsprechend erhöht werden, um den gleichen Lohn zu erhalten. Die Arbeiter diskutierten in der Form, dass diese Änderung der Bezahlung eine indirekte Normerhöhung sei und für sie einen Verdienstausfall bedeutet. Zwei Kollegen äußerten dazu: »Das man immer nur vom Arbeiter Opfer verlangt, aber niemals von den Angestellten. In diesem Fall von den Meistern und Normierern, denn dort sollte man einmal anfangen, die Gehälter zu revidieren. Auch bekommen diese ihre Zuschläge in Höhe von 40 Prozent, obwohl sie täglich kaum eine Stunde in den Zechen weilen.«

Im Bezirk Leipzig ist mit einer verstärkten Abwanderung von Angestellten der Reichsbahn zu Beginn des neuen Jahres zu rechnen. Als Grund wird angegeben, dass die Verdienstmöglichkeiten bei der Reichsbahn zu schlecht sind. Ein großer Teil der Eisenbahner wartet noch auf die versprochene Jahresprämie, um dann den Betrieb zu verlassen. Ein Kollege vom Bahnhof Machern, [Kreis] Wurzen, [Bezirk] Leipzig, erklärte, dass die Entlohnung bei der Reichsbahn zu niedrig ist. Von anderen Arbeitern wurde davon gesprochen, dass im Frühjahr 1955 mit der Abwanderung von Rangierern in Immelsdorf,3 Wahren und Schkeuditz zu rechnen ist, wodurch der gesamte Güterverkehr gefährdet wird.

Die Kollegen des Öl- und Fettwerkes Magdeburg sind nicht damit einverstanden, dass Margarine importiert wird und dadurch die eigene Produktion eingeschränkt werden muss. In der Margarinefabrik »Milka« in Pratau, [Bezirk] Halle, bestehen zzt. Absatzschwierigkeiten. Die Großhandelskontore ziehen ihre Anforderungen zurück, da dieselben Importlieferungen zugewiesen erhalten. So musste der Betrieb für drei Tage die gesamte Produktion einstellen.

Unter den Kolleginnen des »Karl-Liebknecht«-Werkes Magdeburg wird vielfach Klage geführt, dass es für die Berufstätigen nach Feierabend sehr schwer ist, Einkäufe zu tätigen, da das Warenangebot bereits am Tage ausgesucht [sic!] ist.

Im VEB Flachsröste Vetschau, [Kreis] Calau, [Bezirk] Cottbus, fehlen ca. 100 Arbeitskräfte. Aufgrund dessen können die Maschinen nicht voll ausgelastet werden.

In der Schuhfabrik »Lipsia« Weißenfels, [Bezirk] Halle, wurde die Planauflage von Schuhen um 38 000 Paar im ersten Quartal 1955 gekürzt. Diese zieht eine Entlassung von 130 Personen nach sich.

Im VEB Volltuchfabrik Kamenz, [Bezirk] Dresden, wurden 25 Arbeiter und Arbeiterinnen entlassen. Ursache hierfür ist, dass die Planauflage für 1955 um 80 000 qm niedriger ist als 1954. Insgesamt sollen noch 50 bis 60 Arbeiter entlassen werden. Im Werk herrscht die Meinung, das 2er-Webstuhlsystem abzuschaffen, dann brauchte von den Webern niemand entlassen werden.

Kohlenmangel

Im VEB Buntweberei Werk I Neugersdorf, Kreis Löbau, fehlen für dieses Jahr noch 120 Tonnen Braunkohlenbriketts. Das bedeutet, dass ab 20.12.[1954] der Betrieb keinen Strom mehr an die VEB Textil- und Gummiwerke abgeben kann.

Aus dem VEB TRO »Karl Liebknecht«4 und dem RFT Anlagenbau Warschauer Platz, Berlin wird bekannt, dass die Kollegen nicht damit einverstanden sind und es als Ungerechtigkeit bezeichnen, dass durch eine Anordnung die Arbeitszeit in den staatlichen Verwaltungen am 24. und 31.12.1954 gekürzt wird, während in den Betrieben die Nachmittagsstunden vor- bzw. nachgearbeitet werden müssen.5

Produktionsstörungen

Am 18.12.1954 ist die Hauptturbine des Kalikombinates »Ernst Thälmann« Merkers, [Bezirk] Suhl, infolge Durchbrennens der Hauptdichtung ausgefallen.

In der Papierfabrik Großenhain, [Bezirk] Dresden, ist die Hebebühne zum Auskippen der Kohlenwaggons ausgefallen. Die Ausladung der Kohlen muss zzt. mit der Hand erfolgen.

45 leere Waggons, die für das [Braunkohlen-]Werk Neumark, Kreis Merseburg, [Bezirk] Halle, von der Reichsbahn zur Verfügung gestellt wurden, setzten sich durch grobe Fahrlässigkeit in Bewegung und fuhren auf einen Prellbock auf, wodurch ein Schaden von DM 120 000 entstand.

Handel und Versorgung

In verschiedenen Kreisen macht sich immer noch ein beträchtlicher Mangel an Waren für den Weihnachtsbedarf bemerkbar. Zum Beispiel im Kreis Bitterfeld fehlen Zutaten für die Weihnachtsbäckerei und Süßwaren. Im Bezirk Rostock kann der Bedarf an Südfrüchten nicht gedeckt werden.

Im VEB Vieh- und Schlachthof Dresden sind am 18. und 19.12.1954 drei Waggons (ca. 18 t) ungarisches Rindfleisch eingetroffen. Nach Untersuchung wurde es der Freibank zur Verfügung gestellt, da es Oberflächenfäulnis aufwies.6

Landwirtschaft

Der Kampf gegen die Pariser Verträge steht weiterhin im Mittelpunkt der Diskussionen über politische Tagesfragen.

Zu den Ausführungen auf der III. LPG-Konferenz wird nur wenig unter der Landbevölkerung gesprochen. Die meisten Gespräche befassen sich mit der Aufnahme von Großbauern in die LPG.7 Dazu äußerten sich heute mehrere Großbauern ausschließlich positiv. So erklärte z. B. ein Großbauer aus Düben, [Kreis] Roßlau, [Bezirk] Halle, der schon einige Male einen Antrag um Aufnahme in die LPG gestellt hat und sich loyal zur DDR verhält: »Ich begrüße es, dass nun für mich endlich die Möglichkeit besteht, Mitglied der LPG zu werden.« Ähnlich äußerte sich ein Großbauer aus Werder, [Bezirk] Potsdam, und fügte hinzu, dass noch viele Bauern aus dieser Gemeinde der gleichen Meinung sind.

Gegenteiliger Meinung sind die Landarbeiter des ÖLB in Schönfeld,8 [Kreis] Artern, [Bezirk] Halle, die erklärten: »Wenn nach den Vorschlägen der Regierung die Großbauern die Möglichkeit haben, Mitglied einer LPG zu werden, dann verliert diese den genossenschaftlichen und sozialistischen Charakter.«

Gegen die Forderung der Konferenz, wirtschaftlicher als bisher zu arbeiten, trat der Dispatcher der MTS Langenapel, Kreis Salzwedel, [Bezirk] Magdeburg, bei der letzten Gehaltszahlung auf. Er sagte zu den Kollegen: »Diesmal bekommt ihr noch so viel Geld, im nächsten Jahr wird es bedeutend weniger.« Darüber sind die Kollegen sehr beunruhigt und äußerten: »Wenn Geld eingespart werden muss, dann soll man das Gehalt der leitenden Kollegen kürzen.«

Von einigen LPG im Bezirk Potsdam wird über mangelhafte Unterstützung der LPG durch die Räte der Kreise geklagt. So soll z. B. die LPG Kraatz, [Kreis] Gransee, [Bezirk] Potsdam, zwei herrenlose Großbetriebe übernehmen, obwohl die Mitgliederzahl der LPG sehr gering ist. Der Leiter der Abteilung LPG beim Rat des Kreises besteht trotzdem darauf. Der LPG-Vorsitzende äußerte hierzu: »Die verantwortlichen Funktionäre treffen Anordnungen, machen sich überhaupt keine Gedanken darüber, ob ihre Anordnungen tragbar sind.«

Gegen die VP-Werbung auf der MTS Schackensleben, [Bezirk] Magdeburg, trat der Werkstattleiter (SED) auf und beeinflusste die Jugendlichen, nicht zur VP zu gehen.9 Dazu erklärte er vor den Jugendlichen, dass er nie wieder ein Gewehr in die Hand nehmen werde. Die VP-Werbung war dadurch ergebnislos.

Gegen die Sollablieferung tritt im Kreis Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, ein Teil Bauern, besonders Großbauern, auf, obwohl sie das Soll erfüllen könnten. So erklärte z. B. ein Großbauer aus Sarnow: »Ich habe vor dem neuen Kurs mein Soll nicht erfüllt und bin durchgekommen,10 ich erfülle mein Soll jetzt ebenfalls nicht.« Diese Meinung vertraten noch andere Großbauern der Gemeinde.

Ein Großbauer aus Kuhsdorf ließ eine große Miete Kartoffeln erfrieren, obwohl er noch 70 dz abzuliefern hat.

Ein werktätiger Bauer aus Schönhagen (Vorsitzender der DBD-Ortsgruppe) äußerte: »Ich habe Angst, mein Soll 100-prozentig zu erfüllen, denn dann würden mich die anderen Bauern, die mutwillige Sollrückstände haben, schlagen.«

Im Kreis Neuhaus, [Bezirk] Suhl, dagegen kann ein Teil Bauern ihr Soll nicht erfüllen, aufgrund ihrer geringen Anbauflächen und der ungünstigen Lage der Felder (z. B. an Hängen). Dies betrifft besonders Bauern mit knapp über 1 ha Land. Sie müssen ihre Felder mit Hacken bearbeiten, die Ernte und anderes mehr mit Tragkörben transportieren. Unter diesen Bauern wird darüber diskutiert, dass für sie eine andere Veranlagung geschaffen werden müsse oder sie ganz ablieferungsfrei werden.

Übrige Bevölkerung

Die politischen Gespräche beschäftigen sich vorwiegend mit der gegenwärtigen nationalen und internationalen Lage, wobei die Maßnahmen zum Schutz unserer DDR weiterhin im Vordergrund stehen. Zur Bonner Bundestagsdebatte11 wird verhältnismäßig wenig, aber ausschließlich positiv, diskutiert und man verurteilt auf das Schärfste die verräterische Haltung Adenauers12 und anderer westdeutscher Politiker.

Neben politischen Diskussionen halten die Gespräche über wirtschaftliche Fragen in großer Anzahl weiter an. Einmal wird heftig über schlechte Warenstreuung und schlechte Belieferung mit Artikeln für das Weihnachtsfest diskutiert und andererseits besteht große Unzufriedenheit über zeitweilige Preiserhöhungen. Zum Beispiel ist die Bevölkerung im Bezirk Potsdam mit dem Angebot an Weihnachtsbäumen nicht zufrieden. Man erklärt, dass es solche schlechten Bäume noch nie gegeben hätte und diskutierte besonders schlecht an den Ständen, wo erzählt wurde, dass diese Bäume aus Rumänien seien. Zum Beispiel sagten mehrere Arbeiter: »Was für Austauschware gibt die DDR wohl für diese Bäume an Rumänien? Etwa auch wertvolle Maschinen und optische Geräte? Und dann noch die Preise! Wer soll denn für die Dinger 5,00 bis 7,00 DM ausgeben. Da fahren wir lieber nach Berlin und holen uns von dort einen Weihnachtsbaum.«

Im Bezirk Magdeburg entstand in verschiedenen Landgemeinden eine Missstimmung, weil die Warenbelieferung des Konsums in den letzten Tagen sehr schlecht war. Zum Beispiel gab es in der Gemeinde Sandbeiendorf, [Kreis] Tangerhütte, tagelang kein Mehl und keine Margarine. Auch sei das Angebot an Südfrüchten im vorigen Jahr besser gewesen. – In Stendal gab es vier Tage kein Salz, keine Streichhölzer und einige andere Artikel. – In der Gemeinde Groß Schwarzlosen, [Kreis] Tangerhütte, sank der Umsatz des Konsums beim Brotverkauf von 6 000 DM auf 2 000 DM, weil das Brot in der letzten Zeit qualitätsmäßig schlechter geworden ist.

Im Kreisgebiet Pößneck, [Bezirk] Gera, diskutieren die Hausfrauen über die ungleichmäßigen Preise bei Weihnachtsgänsen. In der HO müssten sie 4,50 DM bezahlen, während der Konsum das Pfund für 4,00 DM verkaufe.

Eine Lehrerin aus Pölsfeld, [Kreis] Sangerhausen, [Bezirk] Halle, brachte zum Ausdruck, dass die Politik der Preissenkung eine Volksverdummung wäre.13 Damenstrümpfe, welche im Vorjahr 11,00 DM kosteten, würden jetzt für 17,00 DM verkauft. Winterjoppen,14 welche voriges Jahr 80,00 DM kosteten, würden jetzt bei gleicher Qualität für 130 DM verkauft.

Rentner aus Frankfurt kritisieren, dass seit einigen Jahren genau vor Weihnachten die Schmalzpreise von 5,20 DM auf 5,60 DM steigen würden. Man sagt: Warum erst Preissenkungen, wenn man nachher die Preisschraube wieder anziehe. Unsere Zeitungen schreiben immer, dass in Westdeutschland alles teurer würde, aber bei uns sei es genauso.

Die Bevölkerung von Berlin-Buch kritisiert das Fehlen einer Konsum-Verkaufsstelle für Fleischwaren. Von der Nationalen Front15 und der Parteiorganisation in Buch wurde bereits der Konsumverwaltung der Vorschlag für die Eröffnung einer solchen Verkaufsstelle unterbreitet, welcher aber unbeantwortet blieb.

Die Verkäuferinnen der Konsumverkaufsstelle 137 in Berlin-Treptow sind darüber unzufrieden, dass sie infolge Heraufsetzung der Verkaufs[norm]16 nicht mehr 50,00 bis 60,00 DM Leistungslohn, sondern nur noch 35,00 bis 40,00 DM erhalten. Ein gleiches Verhältnis ist in der HO-Fleischerei Baumschulenweg. Von beiden Verkaufsstellungen wird statt der Wertung der Einzelleistungen die Wertung der Kollektivleistung vorgeschlagen, da nach Meinung der Verkäuferinnen dadurch ein »gegenseitiges Ausspielen« vermieden würde, jeder in den Genuss des Leistungslohnes käme und die weniger guten Arbeitskräfte im Kollektiv erzogen würden.

Im Kurbad Neugersdorf, [Kreis] Löbau, [Bezirk] Dresden, ist der Betrieb infolge Kohlenmangels nicht mehr voll gewährleistet. Das Bad musste deshalb in letzter Zeit mehrmals geschlossen werden.

Unter den Kameraleuten und Regisseuren der DEFA-Wochenschau besteht zzt. eine Missstimmung infolge der vom Genossen Ackermann17 von der Hauptverwaltung Film eingeführten neuen Arbeitsmethoden. Während früher das Drehbuch für Filme bis zu 300 m von dem Direktor der Wochenschau, Günter Klein,18 selbst genehmigt werden konnte, müssen diese jetzt auch dem Stellvertreter des Genossen Ackermann und dem Genossen Ackermann selbst vorgelegt werden, der dann die Drehgenehmigung erteilt. Dadurch würde die Verantwortlichkeit des Direktors eingeschränkt, die Einholung der Drehgenehmigung würde wochenlang dauern und die Kameraleute und Regisseure säßen dadurch wochenlang ohne Arbeit herum.

Zum anderen können es die Kollegen nicht verstehen, warum sich Genosse Ackermann seit Beginn seiner Tätigkeit in der HV Film noch nicht in der Wochenschau habe sehen lassen. Es wird so diskutiert, dass sich der Genosse Ackermann nur an den Genossen Rosenberg19 halte, um wieder vorwärts zu kommen, denn Genosse Rosenberg wäre Mitglied des ZK. Auch mit den vorgeschlagenen Einsparungen aufgrund des 21. Plenum des ZK20 sind die Regisseure nicht einverstanden, da sie jetzt für ein Drehbuch kein Extra-Honorar mehr erhielten, sondern diese Drehbücher mit während ihrer Arbeitszeit schreiben sollen. Dies habe nach Meinung einzelner Kollegen zur Folge, dass es in Zukunft nicht mehr genug Drehbücher gibt, da die Regisseure sich mit Zeitmangel entschuldigen würden und keine Drehbücher mehr schreiben. In der Sowjetunion gäbe es für das Schreiben von Drehbüchern ein Prämiensystem, was man vielleicht für uns übernehmen könnte.

Kritisiert wird ferner die Tatsache, dass thematisch gleiche Filme einmal von der DEFA-Wochenschau und einmal vom Populärwissenschaftlichen Studio im Jahre 1955 gedreht werden sollen. Nach bisherigen Feststellungen hätten ca. zehn Filme den gleichen Inhalt. Das würde zur Folge haben, dass zweimal die gleichen Aufbauten in kurzer Zeit hintereinander vorgenommen werden müssten, und dass das Publikum zweimal ein- und denselben Film sieht, der nur wenig anders gestaltet ist.

Organisierte Feindtätigkeit

Hetzschriftenverbreitung

SPD-Ostbüro:21 Magdeburg 6 500, Erfurt, Kreis Eisenach, 6 000, Halle, Kreis Merseburg, 1 000, Cottbus 600, Leipzig 600, Dresden 60, Potsdam 40, Karl-Marx-Stadt 30.

NTS:22 Potsdam, Kreis Königs Wusterhausen, 15 [000] bis 20 000, Leipzig, Kreis Torgau, ein Ballon mit mehreren Tausend, Neubrandenburg, Kreis Strasburg, 2 000, Erfurt, Kreis Eisenach, 2 000, Kreis Gotha 500, Dresden und Halle einige.

FDP: Cottbus 600 (gegen Oder-Neiße-Friedensgrenze).

»Montagsecho«:23 Frankfurt/Oder, bei Müllrose 3 000.

In tschechischer Sprache: Dresden 26.

Terror

Am 18.12.[1954], gegen 21.00 Uhr wurde ein Angehöriger des SfS in Luckenwalde ca. 200 m vor der Dienststelle von zwei unbekannten Personen angefallen und niedergeschlagen.

Am 16.12.[1954], gegen 20.15 Uhr wurde der Parteisekretär des VEB Cottbuser Wolle auf dem Heimweg von einer FDGB-Aktivtagung im Stadtgebiet von Cottbus von vier unbekannten Tätern überfallen. Dabei wurde ihm das Parteidokument, Mitgliedsbuch der DSF, der Personalausweis sowie Geld entwendet. Ein Täter äußerte: »Wieder so ein Kommunistenschwein.«

Diversion

Am 14.12.1954 wurde auf dem Stützpunkt der MTS in Rumpshagen, Kreis Waren, [Bezirk] Neub[randenbur]g, von unbekannten Tätern der Hahn eines Petroleumfasses aufgedreht, sodass ein Teil des Inhalts herauslief. Am 12.12.1954 wurde auf dem MTS-Stützpunkt Leesken,24 Kreis Waren, bei einem 200-Literfass Petroleum der Hahn aufgedreht. Am 14.12.1954 wurde auf dem gleichen Stützpunkt ein Kanister mit 50 Liter Motorenöl entwendet.

Gefälschte Einladungen wurden an verschiedene Betriebe der DDR versandt, worin der Werkleiter, Sekretär der BPO und der BGL-Vorsitzende aufgefordert werden, am 21.12.1954 im Haus der Ministerien in Berlin zu erscheinen, wo eine Auszeichnung der Betriebe erfolgen soll, die ihren Plan erfüllt haben.

Betriebe im Bezirk Dresden sowie das Stickstoffwerk Piesteritz, [Bezirk] Halle, erhielten gefälschte Einladungen zu einer »Materialverkaufsaktion« beim Rat des Bezirks.

Am 17.12.1954 wurde an der Umzäunung des VEB Bodenbearbeitungsgerätewerk Leipzig die Hetzlosung angebracht: »Wo bleiben unsere Kriegsgefangenen?«

Im RAW Meiningen wurden am 20.12.1954 mehrere Hakenkreuze im Abort am Eingang des Werkes von unbekannten Tätern angeschmiert.

Abwerbung von Facharbeitern

Der VEB Glaswerk Oelze und der VEB »FEHKO« in Gräfenthal, Kreis Neuhaus, [Bezirk] Suhl, erhielten Briefe aus Westdeutschland, in denen Stellenangebote westdeutscher Firmen waren.

Am 14.12.1954 wurde in der Tankstelle I in Aue festgestellt, dass ca. 15 000 Liter Benzin unbrauchbar sind. Näheres noch nicht bekannt.

Im Kreis Schleiz wurde von einer bekannten Person das Gerücht verbreitet, dass die Altersrentner keine Rente mehr erhalten sollen. Dadurch waren z. B. Rentner aus Unterkoskau, [Bezirk] Gera, beunruhigt. Außerdem wurde in diesem Kreis verbreitet, dass eine Geldentwertung erfolgen soll.

In Dingelstädt, [Kreis] Worbis, [Bezirk] Erfurt, kursiert das Gerücht, dass Interzonenpässe künftig nur gegen eine Kaution von 1 000 DM ausgegeben werden, da die Staatsorgane Angst hätten, dass sich alle nach dem Westen absetzen würden.

Anlage 1 vom 21. Dezember 1954 zum Informationsdienst Nr. 2397

Auswertung der Westsendungen

RIAS berichtet von der 9. Tagung des Zentralrates der FDJ,25 dass sie sich ausschließlich mit dem »weiteren Ausbau der sowjetzonalen KVP-Armee und ihrer Eingliederung in das Militärsystem des Ostblocks« beschäftigt habe. Nach hetzerischen Ausführungen über den Charakter der Tagung wurden Einzelheiten aus den vorgeschlagenen Entschließungen gebracht. In diesem Zusammenhang fordert der RIAS auf, aus der FDJ auszutreten, um sich dem »Verbandsauftrag, in die KVP zu gehen«, zu entziehen. Es wird weiter gehetzt, dass durch eine »Zwangsmitgliedschaft der Jugendlichen von 14 bis 25 Jahren in der FDJ« erreicht werden soll, »auch ohne Wehrgesetz Rekruten zu bekommen«.

In Fortsetzung der westlichen Kommentare zu den Ausführungen des Genossen Walter Ulbricht26 auf der 3. Tagung der LPG-Vorsitzenden wird weiterhin gegen die LPG gehetzt und die LPG-Bauern als »bevorzugte Klasse« bezeichnet, die diese »Vorzüge« jedoch nicht mehr lange genießen würde. Dazu heißt es am Schluss einer Sendung: »… Auch in der Sowjetzone ist der Tag nicht mehr fern, wo die Nachteile der Mitgliedschaft in einer LPG die Summe der Bevorzugungen durch Partei und Staat überwiegen.«

In einer anderen Sendung zu dem gleichen Thema wird gehetzt, dass die Rechte der MTS auf Kosten der LPG erweitert würden und es wird dazu folgende Forderung gestellt: »… Wenn also die Kommunisten selbst glaubten, dass die LPG die vorteilhafteste Form der Landwirtschaft sind, dass eine kollektive Landwirtschaft die größten Möglichkeiten einer Produktionssteigerung vermittels allseitiger Anwendung der Technik bietet, dann müssten sie das tun, was sie in Wahrheit ängstlich vermeiden, nämlich alles, was zur landwirtschaftlichen Produktion notwendig ist, in die Hände der Produktionsgenossenschaften legen. Das heißt Auflösung der MTS

Nach Ausführungen über den Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft nimmt der RIAS zur Frage der Übernahme von Örtlichen Landwirtschaftsbetrieben in die LPG Stellung und hetzt, dass die Landarbeiter der ÖLB bei einer solchen Übernahme nicht mit in die LPG gehen sollen. Es heißt dazu: »… Wenn es aber der SED gelingt, den ÖLB in eine Kolchose zu überführen, so wird das in den meisten Fällen eine Abwanderung insbesondere der jüngeren Arbeitskräfte zur Folge haben und zwar eine Abwanderung in die Industrie, denn wer von den jüngeren Leuten auf dem Lande arbeitet, geht nicht in die Kolchose.«

Die Möglichkeit des Eintrittes von Großbauern in die LPG bezeichnet der Sender »Freies Berlin« als »versöhnliche Geste der SED den Großbauern gegenüber«. Der eigentliche Grund sei aber nach Meinung des Hetzsenders »die Furcht, den mittleren und größeren Bauern auch noch als Arbeitskraft zu verlieren, wenn man ihm den Eintritt in die Kolchose versagt«.

In allen einschlägigen Sendungen über die Landwirtschaft in der DDR zeigt sich die Tendenz, von einer Verschlechterung der Lage in den LPG zu berichten, um die werktätigen Bauern vom Eintritt in die LPG abzuhalten. Dies kommt auch in den folgenden Schlussworten einer Sendung des RIAS zum Ausdruck: »… Alles in allem, verehrte Hörer – und damit wenden wir uns vor allem an die selbstständigen Bauern, die vielleicht in nächster Zeit erneut vor die Entscheidung gestellt werden, einem Kolchos beizutreten – ist die Situation nach der 3. Konferenz in Leipzig für Mitglieder der LPG nicht günstiger geworden. Man hat im Gegenteil den Eindruck, dass die Schlinge wieder etwas fester zugezogen wurde.«

Um Republikflüchtige oder Bürger aus Westdeutschland vom Zuzug in die DDR abzuhalten, veröffentlicht der Sender »Freies Berlin« folgende Meldung in den Nachrichten: »Ehemalige Flüchtlinge, die in die Sowjetzone zurückkehren, werden in den meisten Fällen in die Braunkohlen- und Uranbergwerke sowie in die Landwirtschaft und die volkseigenen Baubetriebe vermittelt. Die gleiche Regelung trifft für Einwohner der Bundesrepublik zu, die in die Sowjetzone übersiedeln. Nur etwa 20 Prozent erhalten Arbeitsstellen in der Industrie.«

Anlage 2 vom 21. Dezember 1954 zum Informationsdienst Nr. 2397

Stimmen zum Kampf gegen die Ratifizierung der Pariser Verträge

Im Mittelpunkt der politischen Gespräche steht zzt. die gegenwärtige politische Situation, die sich aus den Pariser Verträgen ergeben hat. Immer mehr Menschen erkennen die Gefahr, die durch die Ratifizierung der Pariser Verträge heraufbeschworen würde. Man kommt deshalb immer wieder zu der Schlussfolgerung, dass alles getan werden muss, um die Kriegsverträge zunichtezumachen. In den Stellungnahmen zur ersten Lesung der Pariser Verträge im Bonner Bundestag bringt man Empörung über die Vertreter der Adenauer-Clique zum Ausdruck, die unverhüllt über ihre Kriegspläne gesprochen haben. Zu den Ausführungen Ollenhauers27 trifft man die Feststellung, dass alles Reden nichts mehr nützt, sondern dass endlich gehandelt werden muss.28 Zum Beispiel äußerte ein Arbeiter aus dem VEB Drehmaschinenwerk Zeulenroda, [Bezirk] Gera: »Es ist kaum zu glauben, dass man in Westdeutschland im Parlament solche Kriegsverbrecher wie Manteuffel29 sprechen lässt.30 Diese Menschen gehören eingesperrt. So etwas ist in der DDR unmöglich. Was kann man dagegen tun? Diese Menschen stehen unter dem Schutz des Adenauer-Staates und der Besatzungsmacht.«

Ein Arbeiter aus dem VEB Möbelwerk III aus Zeulenroda: »Die Ausführungen Ollenhauers sind wohl sehr beachtlich, aber sie können die Ratifizierung nicht verhindern. Dies kann nur in Form eines Generalstreikes geschehen.«

Ein Modelltischler von der Peene-Werft Wolgast, [Bezirk] Rostock: »Die Ratifizierung der Pariser Verträge kann die SPD nur im Zusammenwirken mit dem DGB verhindern. Ollenhauer sollte nicht so viel reden, sondern lieber handeln und die Arbeiter zum Generalstreik aufrufen.«

Ein werktätiger Einzelbauer aus Wagnitz,31 [Bezirk] Potsdam: »Jetzt, nachdem ich im Deutschlandsender Ausschnitte aus der Bonner Bundestagsdebatte gehört und mit der Deklaration der Moskauer Konferenz32 vertraut bin, erkenne ich erst richtig den Ernst der Situation. Jetzt, wo wir unsere Wirtschaften wieder aufgebaut haben, droht durch einen Dritten Weltkrieg die Vernichtung. Deshalb muss alles getan werden, um die Ratifizierung der Pariser Verträge zu verhindern.«

Weiterhin werden noch immer ablehnende Diskussionen in der Frage der Aufstellung Nationaler Streitkräfte geführt und zwar in der Form, als ob dies unmittelbar bevorstünde. Besonders Arbeiter und Angestellte, die den Zweiten Weltkrieg mitgemacht haben und Jugendliche, die ihrer Meinung nach als erste von der »Einberufung« betroffen würden, nehmen dazu Stellung. Die Argumente sind immer wieder die gleichen. Zum Beispiel, dass sie nie wieder ein Gewehr in die Hand nehmen wollen oder die Gestellungsbefehle zerreißen würden, nicht auf ihre Brüder in Westdeutschland schießen und nichts von einem neuen Krieg wissen wollen. Zum Beispiel wurde im Bau 22 der Chemischen Werke Buna eine Versammlung durchgeführt. Unter anderem stand auf der Tagesordnung die Behandlung der Frage der Nationalen Streitkräfte. Von den Versammlungsteilnehmern wurde verlangt, dass dieser Punkt von der Tagesordnung abgesetzt wird. Es wurden immer wieder Zwischenrufe laut, bis man dieser Forderung nachkam und diesen vorgesehenen Punkt der Tagesordnung nicht behandelte. Von den Kollegen wurde vorwiegend zum Ausdruck gebracht, dass sie kein Gewehr wieder in die Hand nehmen würden, egal für wen, da es nur den Tod bringen würde.

In den Ortschaften innerhalb der 500-Meter-Sperrzone im Kreis Worbis, [Bezirk] Erfurt,33 besonders aber in der Gemeinde Ecklingerode ist unter den Jugendlichen eine »Ohne-Uns-Bewegung«-Stimmung vorherrschend.

In der MTS Klieken, [Kreis] Roßlau, [Bezirk] Halle, sprechen sich fast alle jungen Landarbeiter und Traktoristen gegen die eventuelle Aufstellung Nationaler Streitkräfte aus.

Zum anderen wird von einem Teil der Bevölkerung die Befürchtung gehegt, dass es aufgrund der ganzen gegenwärtigen politischen Situation bald zu einem neuen Krieg kommen würde und vor allem dann, wenn das Friedenslager Sicherungsmaßnahmen ergreift sowie wenn in der DDR Nationale Streitkräfte aufgestellt werden. Zum Beispiel sagte ein Schuhmachermeister aus Treuenbrietzen, [Bezirk] Potsdam: »Die politische Lage wird immer ernster und gefährlicher. Nun wird es wohl losgehen.«

Ein Neubauer aus der Gemeinde Neu Kosenow, [Bezirk] Neubrandenburg: »Wenn nach Annahme der Pariser Verträge auch bei uns eine Streitmacht aufgestellt wird, muss es zu einem neuen Krieg kommen.«

Ein Einwohner aus St. Egidien,34 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Es wird kein Pfennig mehr gespart, alles wird verbraucht, versoffen und verraucht. Es hat alles keinen Zweck mehr, da bestimmt ein neuer Krieg kommt.«

Ein Arbeiter aus dem VEB Teerverarbeitungswerk Rositz, [Bezirk] Leipzig: »Die vier Großmächte sind schuld, dass Deutschland gespalten ist. Wir brauchen keine Nationalen Streitkräfte, denn wenn alle rüsten, kommt es nur zu einem neuen Krieg.«

In Breitungen, [Bezirk] Suhl, wird im Allgemeinen unter den Hausfrauen über die Mängel in der Versorgung wie folgt diskutiert: »Die fehlenden Waren sind für den kommenden Krieg gedacht, welcher unmittelbar bevorsteht.«

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