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Kritische Stimmen zu Walter Ulbricht (2)

19. April 1956
Hetze gegen den Genossen Walter Ulbricht (2. Bericht) [Information Nr. M88/56]

Nach der Veröffentlichung des Berichtes des Genossen Walter Ulbricht über den XX. Parteitag,1 seiner Antworten auf Fragen der Berliner Bezirkskonferenz2 sowie während und nach der III. Parteikonferenz3 wurden in stärkerem Maße Diskussionen bekannt, die eine offene Hetze gegen den Genossen Walter Ulbricht beinhalten. Derartige Diskussionen wurden bekannt unter Angestellten, Angehörigen der Intelligenz, Studenten, Arbeitern, werktätigen Genossenschaftsbauern sowie selbstständigen Geschäftsleuten. Dabei ist zu verzeichnen, dass ein großer Teil dieser Personen Mitglieder der SED sind. Schwerpunkte in stärkerem Maße bekannt gewordener Hetze gegen den Genossen Walter Ulbricht sind die Bezirke Berlin – besonders die zentralen Institutionen und die Universität –, Magdeburg – besonders die Betriebe –, Schwerin – besonders Bauern. Außerdem wurden derartige Diskussionen noch bekannt in den Bezirken Suhl, Frankfurt/O., Leipzig, Halle, Karl-Marx-Stadt, Neubrandenburg und Dresden, in Potsdam und Gera – besonders an den Hochschulen. In den genannten Bezirken wurden von den einzelnen Personenkreisen folgende hetzerische Diskussionen gegen den Genossen Walter Ulbricht geführt.

In Berlin

  • Mitglieder der SED in Berlin-Pankow äußerten während eines Zirkels der KPdSU/I,4 »Der Genosse Walter Ulbricht hat auf der Bezirksdelegiertenkonferenz die Diskussionsredner durch Zwischenrufe unterbrochen, wenn ihm etwas nicht passte. Die Genossen sind der Meinung, auch Walter Ulbricht kann warten bis ein Redner zu Ende gesprochen hat und sich dann dazu äußern.« Weiter wurde von einer Genossin erklärt: »dass Genosse Walter Ulbricht an sich bei vielen Genossen nicht sehr beliebt ist.«

  • Im Museum für Deutsche Geschichte erklärte ein Mitglied der SED: »Warum spricht Willi Bredel5 in seinem Diskussionsbeitrag besser als Walter Ulbricht, vor allen Dingen offener und selbstkritischer?6 Kann oder will Walter Ulbricht nicht?«

  • In einer Mitgliederversammlung der BEWAG erklärte ein Mitglied der SED, »ich habe jetzt schon eine ganze Menge Stellungnahmen zur Stalin-Frage gelesen, am ungeschicktesten dabei hat sich Walter Ulbricht ausgedrückt.« Diese Ausführungen riefen regen Beifall der Versammlungsteilnehmer hervor.

  • Mitglieder der SED sowie parteilose Angestellte der Abteilung Buchhaltung des VEB Gaselan diskutierten, »es verging früher keine Versammlung, in der nicht Hoch-Rufe auf den Genossen Stalin ausgebracht wurden. Diese Linie wurde von unserem ZK festgelegt. Wenn sich Personen gegen diese Art des Personenkultes wandten, dann wurde die Kritik nicht anerkannt. Jetzt aber wirft Genosse Walter Ulbricht den Genossen vor, dass sie sich zu Buchstabengelehrten entwickelt haben. Es wäre notwendig, dass die Genossen des ZK zu der eigenen falschen Arbeit in Bezug auf den Personenkult mit dem Genossen Stalin Stellung nehmen.«

  • In der Staatlichen Plankommission erklärte ein Mitglied der SED, »wenn Ulbricht jetzt bezüglich Stalin so etwas feststellt, sollte er vor allem selbstkritisch zu seinem eigenen Personenkult Stellung nehmen. Seine Einstellung zu Stalin war vor einem Jahr eine andere. Hatte er denn zu dieser Zeit die Fehler noch nicht gesehen? Wir haben seinerzeit in der ČSR schon gesagt, dass etwas nicht stimmt zu Beginn des Überfalls auf die SU, denn sonst hätten die deutschen Truppen nicht so weit ins Land gekonnt.«7

  • Im Ministerium für Lebensmittelindustrie, Presseabteilung, erklärte ein Mitglied der SED: »Ulbricht kann gut reden, aber ich weiß noch ganz gut, dass er auf dem XIX. Parteitag8 nicht dicht genug an Stalin herankommen konnte, um ja mit aufs Bild zu kommen.«

  • Die Kaderleiterin des Instituts für Medizin und Biologie in Berlin-Buch, Mitglied der SED, sagte vor der III. Parteikonferenz, »dass man von der III. Parteikonferenz allgemein eine kritische Stellungnahme zur innerpolitischen Lage in der DDR erwartet und jetzt schon der Meinung ist, dass der Genosse Walter Ulbricht nicht wieder als Erster Sekretär des ZK unserer Partei gewählt werden dürfte«.

  • Ein Wissenschaftler und Mitglied der SED in der Forschungsanstalt für Schifffahrt9 erklärte: »Genosse Walter Ulbricht geht mit seinen Formulierungen über Stalin zu weit. Er wäre verpflichtet, erst einmal selbstkritisch zu seinem Verhalten Stellung zu nehmen, da er doch den Personenkult mitgefördert hat.«

  • Unter Angestellten in der Kammer für Außenhandel werden die Ausführungen des Genossen Walter Ulbricht auf der III. Parteikonferenz, dass die breite Diskussion über Stalin die Diskussion des Klassengegners sei, so aufgefasst, dass die Diskussion damit unterbunden werden soll, denn wer jetzt noch darüber diskutiert, kann ja als Klassengegner bezeichnet werden. Man ist weiterhin der Meinung, »dass der Genosse Walter Ulbricht die jungen Menschen vor den Kopf gestoßen hat, als er vor den Genossen der Berliner Delegiertenkonferenz erklärte, die jungen Genossen hätten die Stalinbiographie besser studiert als das ZK. Letzten Endes hätte ja das ZK die jungen Menschen dazu angehalten, diese Biographie zu studieren. Die jungen Genossen würden dadurch lächerlich gemacht werden.«

  • Im Institut für Wasserwirtschaft führen einige Angestellte lebhafte Diskussionen über die Ausführungen Walter Ulbrichts auf der Berliner Delegiertenkonferenz. Sie hatten zu diesem Zwecke ein ND aus dem Jahre 1953 mit der Rede Walter Ulbrichts zum Todestage von Stalin herausgesucht10 und stellten beim Vergleich beider Artikel fest, »dass Walter Ulbricht entweder lügt oder ein Lobhudler ist. Sie aber hätten schon lange gewusst, dass Stalin nur ein Bankräuber und Blutsauger gewesen ist. Sie sind der Meinung, dass das ganze Kollektiv der KPdSU unfähig ist und alle die Schuld tragen, wenn Stalin vorher derart gelobt worden ist.«

  • Im Entwurfsbüro für Industriebau Berlin erklären Angestellte, »dass bei uns auf der III. Parteikonferenz der Personenkult nicht angesprochen wurde«. Damit meinen sie den Genossen Walter Ulbricht.

  • Mehrere Ingenieure im VEB Funkwerk Köpenick diskutierten folgendermaßen: »Der Sozialismus wurde mit Kommissstiefeln nach Deutschland getragen und die jetzige Regierung wurde von der Sowjetarmee eingesetzt, ohne dabei das Volk zu befragen. Diese Leute haben sich in die Regierung gesetzt, obwohl sie den Faschismus nicht am eigenen Leibe gespürt, sondern sich in der Sowjetunion versteckt gehalten haben. Andere Genossen, wie Thälmann,11 sind verblutet. Anstelle Thälmanns hat man Wilhelm Pieck als Präsidenten eingesetzt, der jedoch nicht in der Lage ist, die Geschäfte zu führen. Die Politik machen deshalb andere.«

  • Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften Berlin erklärte: »Alle Grundlagen, die uns die Partei bisher gegeben hat, sind im A…12 Die III. Parteikonferenz brachte ja auch nichts Neues. Was interessant war, war hinter verschlossenen Türen. Die Bevölkerung verlangt Aufklärung. Nichts steht in der Presse. Die Unruhe muss man überwinden. Man hätte Ulbricht opfern sollen – so als Opferstier. Damit die Bevölkerung eine Pille hat. Die Intelligenz wartet auf Aufklärung gerne, aber die Arbeiter brauchen so etwas. Man sollte in der Partei eine Abteilung für Psychologie einrichten.«

  • Arbeiter der BVG äußerten, »es wäre besser gewesen, diese Ausführungen über den 2. Fünfjahrplan wären von Otto Grotewohl gemacht worden, denn Walter Ulbricht würde viel reden, aber wenig danach handeln«.13

  • Im Privatbetrieb Lehmann und Feierabend, Berlin-Lichtenberg, nahmen Arbeiter folgendermaßen Stellung, als über die Vorschläge zur Aktionseinheit gesprochen wurde: »Die SED hat es noch nie ehrlich gemeint und meint es auch in diesem Fall nicht ehrlich. Es ist alles Lug und Trug.«

  • Studenten der Slawistik, 1. Studienjahr an der Humboldt-Universität Berlin, äußerten: »Wahre Demokratie würde bei uns bedeuten, dass Walter Ulbricht abtreten muss.« Nach einer bisher unüberprüften Meldung soll an der Universität ein Stalinbund gebildet worden sein,14 der sich angeblich an das ZK der KPdSU wenden will, um eine Rehabilitierung Stalins zu fordern.

Bezirk Magdeburg

  • Ein Arbeiter im Karl-Liebknecht-Werk Magdeburg äußerte: »Der Hamburger Sender15 sagte, dass Ulbricht, Grotewohl und Stoph16 während der III. Parteikonferenz herausgerufen worden sind. Da ist sicher ein Telegramm aus Moskau gekommen, damit sie nicht so viel Mist erzählen. Wir könnten sonst denken, wir sind schon im Himmel.« Ein anderer Arbeiter des gleichen Werkes sagte: »Ulbricht soll nicht so viel erzählen, sonst müsse er auch noch nach Moskau zur Kur und könnte versterben.«17

  • Im VEB Sprengstoffwerk Schönebeck, [Bezirk] Magdeburg, erklärte ein Arbeiter, Mitglied der SED: »Ulbricht soll den Mund nicht so voll nehmen, sondern erst die Versprechungen vom 1. Fünfjahrplan erfüllen.«18

  • Im Sägewerk VEB »Einheit« in Klötze, [Bezirk] Magdeburg, verstehen die Arbeiter noch nicht, »dass wir den Sozialismus aufbauen und andererseits der Privatindustrie eine Perspektive geben. So äußerte ein Arbeiter im Werk: ›Walter Ulbricht ist ein falscher Fuchs. Im richtigen Moment baut er alle Privatbetriebe ab, aber erst macht er sich noch alles zunutze.‹«

  • Ein Arbeiter aus der Brikettfabrik Völpke, [Kreis] Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, äußerte: »Ulbricht hat wie Stalin Mitglieder aus dem ZK ausgebootet.«

  • Drei Arbeiter aus dem Karl-Liebknecht-Werk Magdeburg erklärten: »Der schärfste Verfechter des Stalinismus in der DDR muss fallen.« Damit war der Genosse Walter Ulbricht gemeint.

  • Ein Angestellter, Abteilungsleiter für Inneres beim Rat der Stadt Salzwedel äußerte: »Walter Ulbricht hat sich nach dem XX. Parteitag widersprochen, denn vorher hat er Stalin verherrlicht. Er ist in seiner Meinung nicht konsequent.«

  • Eine Postzustellerin vom Postamt Salzwedel, erklärte: »Nicht nur Hitler war Diktator, nicht nur Stalin, bei uns ist es jetzt Ulbricht.«

  • Landarbeiter im VEG Dreileben, [Kreis] Wanzleben, diskutierten: »Der Genosse Walter Ulbricht konnte nicht zur Beisetzung des Genossen Bierut fahren, da er an Herzschwäche leidet. Ulbricht hat in Moskau das gleiche Pulver bekommen wie Bierut, jedoch hat es bei ihm nicht tödlich gewirkt.«

  • Der Vorsitzende der LPG in Hamersleben,19 [Kreis] Oschersleben, Mitglied der SED, erklärte: »Auf der III. Parteikonferenz fehlte die selbstkritische Stellungnahme von Walter Ulbricht wegen des Personenkults.«

Bezirk Schwerin

Im Bezirk Schwerin wird hauptsächlich unter Einzelbauern gegen den Genossen Walter Ulbricht gehetzt. So erklärten Mittelbauern in Schwerin: »Walter Ulbricht spielt die gleiche Rolle bei uns wie Stalin in der Sowjetunion.« Ein werktätiger Bauer aus State/Schwerin,20 äußerte: »Die Parteikonferenz zeigt, dass es mit uns zu Ende geht. Ulbricht macht nur noch den letzten Atemzug.«

Bezirk Suhl

Im Bezirk Suhl wurden bisher nur vereinzelte hetzerische Diskussionen gegen den Genossen Walter Ulbricht bekannt. Der Arbeiter, Genosse [Vorname Name 1] aus Brotterode, [Bezirk] Suhl, äußerte: »Ich bin gespannt, welche Diskussionen auf der III. Parteikonferenz über die Kritik an Stalin zustande kommen und neugierig bin ich, ob Walter Ulbricht wieder als Erster Sekretär gewählt wird.« Ein Jugendlicher aus Geraberg, [Kreis] Ilmenau, [Bezirk] Suhl, erklärte: »Es ist nicht schön, wenn man einem Menschen, der nicht mehr lebt, etwas Schlechtes nachsagt. Für mich stand schon früher fest, dass Stalin ein großer Massenmörder gewesen ist, aber Ulbricht ist auch nicht viel anders, denn dieser lässt ja auch alle einsperren.«

Bezirk Frankfurt/O.

Auch im Bezirk Frankfurt/O. wurden bisher nur vereinzelte gegen den Genossen Walter Ulbricht gerichtete Diskussionen bekannt. So äußerte ein Arbeiter, Mitglied der SED, im Reifenwerk Fürstenwalde, »genau wie Genosse Stalin seine persönliche Willkür anderen aufgezwungen hat, genau so zeigen sich beim Genossen Ulbricht gleiche Tendenzen«. Der Sekretär der Nationalen Front21 in Beeskow, [Bezirk] Frankfurt/O., erklärte im Sekretariat des DSF: »Das Referat von Walter Ulbricht sei der reinste Blödsinn. Ulbricht habe keine Ahnung von der Wirklichkeit an der Basis. Auch der Rummel gegen Stalin geht weiter, wenn nun noch Stalinstadt umgetauft wird, dann haben wir bald wieder einen 17. Juni.« Ein Friseurmeister aus dem Kreis Fürstenberg/Oder sagte: »Ulbricht hat nun wieder den Mund zu voll genommen, dass es ihm wieder so geht wie am 17. Juni 1953. Was kann denn die DDR alleine schon aushecken – gar nichts.«

Bezirk Leipzig

Im Bezirk Leipzig wurden hetzerische Diskussionen vor allem unter Angestellten bekannt. In einer Unterhaltung der Angestellten [Name 2], [Name 3], [Name 4] und [Name 5] der Bank für Handel und Gewerbe in Altenburg wurde Folgendes gesagt: »Hoffentlich sagt Ulbricht, warum nach dem guten Abschneiden des ersten Fünfjahrplanes seit 1953 keine Preissenkung mehr erfolgte.« [Name 5] antwortete darauf: »Das wird er nicht tun, denn er muss ja neue Hirngespinste entwickeln, wie man am besten den Mittelstand eine überhauen kann, um den Nutzen für den sozialistischen Staat zu bekommen.«

Im D-Zug Erfurt – Leipzig brachte eine männliche Person zum Ausdruck: »So wie Stalin nach seinem Tode gestolpert ist, wird auch Walter Ulbricht in Kürze stolpern, denn er ist doch der glühendste Verehrer und Verfechter der Lehren Stalins und ist genauso diktatorisch wie dieser.« Ähnliche Äußerungen tat ein Ingenieur aus dem Zentralinstitut für Gießereitechnik in Leipzig.

Bezirk Halle

Im Bezirk Halle wurden hetzerische Stellungnahmen gegen den Genossen Walter Ulbricht unter Mitgliedern der LPG bekannt. Drei Genossenschaftsbauern der LPG Kayna, [Kreis] Zeitz, [Bezirk] Halle, äußerten: »Es sei unbestreitbar, dass Stalin die SU wirtschaftlich wie politisch hochgebracht habe. Es sei aber nicht richtig, dass er erst in den Himmel gehoben und jetzt praktisch als Verräter in den Dreck getreten wird. Es sei notwendig, dass auch die Leute zur Rechenschaft gezogen werden, die ihn uns praktisch aufgezwungen haben.« Man nannte dabei indirekt Walter Ulbricht. Man solle solche Namen, wie Leuna-Werke »Walter Ulbricht« usw. abschaffen, weil das auch eine ungerechtfertigte Darstellung dieser Leute sei. Das gesamte Problem sei mit einmal zu viel [sic!], dieser Punkt sei ein Eingeständnis der Schwäche.

Die Vorsitzende der DSF im Eisenhüttenwerk Thale, [Kreis] Quedlinburg, sagte: »Ulbricht hätte seine Ausführungen über Stalin nicht veröffentlichen sollen,22 denn dadurch ist nur Unruhe unter die Bevölkerung gebracht worden. Bei uns in der DDR ist es doch ähnlich, denn Walter Ulbricht bestimmt, ob es richtig oder falsch ist, es wird durchgeführt.«

Bezirk Rostock

Bisher wurde aus dem Bezirk Rostock nur die Stellungnahme des Angestellten [Name 6] vom Press- und Schmiedewerk »Heinz Fink« in Wismar bekannt, der erklärte: »Ich spreche Walter Ulbricht überhaupt die Fähigkeit ab, über Stalin als Klassiker zu urteilen. Er hat sich in der Vergangenheit immer auf Stalin berufen und es ist nicht richtig, wenn man sich in gewissen Zeitabständen immer revidiert.«

Bezirk Potsdam

Im Bezirk Potsdam ist nach vorliegendem Material besonders die Pädagogische Hochschule Potsdam als Schwerpunkt anzusehen. Ein Student erklärte dort vor anderen: »Nichts gegen Walter Ulbricht. Aber ich sage, es wäre auch nicht schlecht, wenn wir bald einen anderen Theoretiker finden würden.« Ein anderer Student äußerte: »Gerade er muss das sagen. Ich glaube, dass man einiges, was man Stalin gesagt hat, auch ihm sagen müsste.« Eine andere Diskussion wurde im Stahlwerk Brandenburg von einer Arbeiterin mit der provokatorischen Frage verbunden, »ob denn Walter Ulbricht für uns noch tragbar sei«.

Bezirk Gera

Aus dem Bezirk Gera wurde bekannt, dass besonders die Universität Jena als Schwerpunkt in der Hetze gegen den Genossen Walter Ulbricht zu betrachten ist. Bei den Historikern stellt man die Frage: »Was treibt man mit dem Genossen Stalin? Wie kann Genosse Walter Ulbricht zu einer solchen Meinung kommen?« Die Genossen Slawisten haben im Parteilehrjahr festgelegt, dass sie sich von den Ausführungen des Genossen Walter Ulbricht über den Genossen Stalin distanzieren, weil sie sich nicht damit einverstanden erklären können. Die Genossen Biologen fassen ihre Meinung gegen den Artikel des Genossen Walter Ulbricht wie folgt zusammen: »Genosse Walter Ulbricht soll nicht mit Steinen werfen, wenn er selbst im Glashaus sitzt.«

Bezirk Karl-Marx-Stadt

Aus dem Bezirk Karl-Marx-Stadt wurde bisher nur die Meinung eines parteilosen Arbeiters bekannt, der im VEB Motorradwerk Zschopau erklärte: »Stalin wurde aus der Politik ausgeschaltet, Pieck muss aber auch weg – wir brauchen eine neue Regierung. Es wird ja hier immer schlimmer. Während der Nazizeit sind Illegale abgehauen. Wenn Thälmann noch wäre, würde es bei uns anders aussehen.«

Bezirk Neubrandenburg

Im Bezirk Neubrandenburg äußerten sich in hetzerischer Weise bisher nur Angestellte. So erklärten der Parteisekretär des Gästehauses der Regierung sowie Angestellte, Mitglieder der SED, früher SPD, des Wohnamtes Malchow, [Kreis] Waren: »Ulbricht spielt die gleiche Rolle bei uns wie Stalin in der Sowjetunion.« Der Vorsitzende des Kreisfriedensrates in Neustrelitz erklärte: »Auch ein Walter Ulbricht kann sich irren. Wenn sich innerhalb der Partei eine Gruppe zur Verteidigung Stalins bilden würde, wäre ich der erste, der mitmacht.«

Bezirk Dresden

Im VEB Schlachthof Dresden erklärten zwei Ingenieure, dass »Walter Ulbricht mit seinem ZK keine eigene Meinung habe, er müsste sich erst Direktiven in Moskau holen. Nicht anders wäre es mit Adenauer,23 der sie sich in Washington holt.«

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    Informationsdienst Nr. 8 zur Beurteilung der Situation in der DDR
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