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Lage in der DDR (34) 15.11.

15. November 1956
Information Nr. 338/56 – Betrifft: Die Lage in der Deutschen Demokratischen Republik, am 15.11.1956 von 8.00 bis 20.00 Uhr eingegangenes Material.

I. Industrie

Dresden: Der technische Leiter (SED) des VEB Sachsenwerk Radeberg, [Kreis] Dresden[-Land], (will)1 beabsichtigt seine Funktion niederzulegen, da er sich dieser Funktion nicht gewachsen fühlt. Ebenfalls beabsichtigt der Werkleiter seine Funktion niederzulegen, da er laufend Differenzen mit der HV Finanzen hat.

Rostock: In der Neptun-Werft Rostock musste wegen der Stromversorgung die 2. Schicht von 14.30 Uhr auf 20.30 Uhr verlegt werden. Die gesamte 2. Schicht erschien nicht um 20.30 Uhr, sondern um 14.30 Uhr. Diese Tatsache lässt auf eine organisierte Aktion schließen. Nach Aussprachen mit den Arbeitern wird die 2. Schicht um 20.30 Uhr durchgeführt. Im Werk Schiff- und Maschinenbau wird die Einführung der Nachtschicht konsequent abgelehnt. Diskussionen über die veränderten Schichtzeiten gibt es ebenfalls in der Schiffsbau- und Reparaturwerft Stralsund sowie in der Volkswerft Stralsund.

II. Landwirtschaft

Magdeburg: In fünf Wahlversammlungen der VdgB im Kreis konnte festgestellt werden, dass werktätige Bauern eine Kandidatur ablehnen. Die Großbauern nutzten die Gelegenheit aus, um selbst gewählt zu werden. Sie äußern, dass die Wahlordnung keine Ablehnung der Großbauern als Kandidaten enthält.

Halle: Am 14.11.1956 brannte bei dem Großbauern [Name], Hohenmölsen, eine Scheune vollkommen ab. Sachschaden = 40 000 DM, Ursache: durch Kinderhand.

Frankfurt/O.: In Stolpe, [Kreis] Angermünde, fordern die Bauern eine 30%ige Sollherabsetzung in Getreide (Hauptinitiatoren dieser Forderung 3 Altbauern). Ebenso wollen dort die Bauern einen Misstrauensantrag stellen, um den Rat der Gemeinde aufzulösen.

III. Studenten und Schulen

Magdeburg: In der Lindenhofschule Magdeburg, Klasse 7 b, wurde ein Zettel herumgereicht mit folgendem Inhalt: »Hier spricht der Freiheitssender Klasse 7 b. Ab sofort werden keine Antworten mehr in Russisch gegeben und keine Hausaufgaben gemacht!« An der Hochschule für Schwermaschinenbau wird weiterhin über den Russisch-Unterricht und das gesellschaftswissenschaftliche Grundstudium diskutiert.2 Dabei stehen besonders die Methoden und die Prüfungen in diesen Fächern im Mittelpunkt.

Leipzig: Von fünf Studenten (3 Studenten von der ABF Jena) wurde an der veterinärmedizinischen Fakultät, 1. Studienjahr, eine Resolution ausgearbeitet und zur Unterschrift unter den Studenten herumgereicht. Sie enthielt Forderungen gegen den Russisch-Unterricht und eine Stellungnahme gegen die Ausführungen des Genossen Schirdewan.3 Am 8.11.1956 reichte ein Student der landwirtschaftlich-gärtnerischen Fakultät, 1. Studienjahr, einen Zettel herum. Inhalt: »Wer ist gegen den Russisch-Unterricht, wir fordern – kein Russisch.«

Halle: In der 6. Klasse der Thälmannschule Sangerhausen protestieren die Kinder gegen Russisch. Sie schrieben an die Wandtafel: »Russisch ist schwer, drum lernen wir nicht mehr.« Zwei Schüler verteilten handgeschriebene Zettel »Nieder mit Pieck«.

Westberlin: In einer Versammlung der »Freien Universität« wurde eine Resolution, in der zum Ausdruck kam, dass sich die Studenten von den Vorfällen am Brandenburger Tor distanzieren, mit der Begründung abgelehnt, dass Studenten freie Menschen sind, die nach der Schule machen können was ihnen passt. Eine zweite Resolution mit einem Tadelsantrag gegen Franz Neumann4 wegen seiner Ausführungen am Schöneberger Rathaus wurde angenommen.5

IV. Besondere Vorkommnisse

  • Frankfurt/O.: In Rehfelde, [Kreis] Strausberg, soll sich eine Kampfgruppe gegen den Kommunismus gebildet haben. (Überprüfungen erfolgen.)

  • In Westberlin wird zur Auswanderung nach Kanada mit dem Hinweis geworben, dass ehemalige Ostzonenbewohner ohne Wartezeit zugelassen werden, sofern sie einen Notaufnahmeschein besitzen.6 Erteilung eines Visums erfolgt nach drei Monaten. Vergünstigungen werden durch die kanadische Regierung gewährt:

    • Ein Überfahrtskredit der zinsfrei und nach zwei Jahren zurückzuzahlen ist.

    • Familienbeihilfe = für jedes Kind monatlich (bis 16 Jahre) fünf Dollar = 21,00 DM, Dauer 12 Monate. Nach einjährigem Aufenthalt in Kanada kann für diese Kinder allgemeine Familienbeihilfe bezogen werden.

  • Rostock: Um 14.05 [Uhr] wurde im Bereich Grevesmühlen [ein] »Hecht 51«7 mit drei Personen in Uniform als Insassen festgestellt. Zur gleichen Zeit flog über dem Wagen »Hecht 51« ein Flugzeug unbekannter Nationalität auf und ab. 25 Minuten später wurde das gleiche Fahrzeug in Wismar mit vier Personen in Uniform gesichtet. Circa zwei Stunden später wurde »Hecht 51« in Rostock gesehen.

  • Sechs Zerstörer unter schwarz-rot-goldener Flagge sind im Hafen von Travemünde eingelaufen. Zwei größere Schiffe liegen noch in der Lübecker Bucht.

V. Feindtätigkeit

Berlin

  • Am 13.11.1956 wurden im Ministerium für Gesundheitswesen (1) und in der Freienwalder Straße (29) Flugblätter gefunden. Inhalt:

    • 1.

      »Genosse kehre um« vom Ausschuss für Freiheit und Recht in der sowjetischen Besatzungszone.

    • 2.

      »BZ am Abend verboten – Veröffentlichung der Rede Gomulkas8 vor dem ZK unerwünscht.«9

    • 3.

      »Der Terror-Apparat der Partei auf der Anklagebank.« (KgU)10

    Ein unter 3. angeführtes Flugblatt wurde am 14.11.1956 am Haus der Einheit, Berlin-Mitte, gefunden.

Erfurt

  • Am Gebäude der Reichsbahnberufsschule in Erfurt wurde am 14.11.1956 eine Hetzlosung gegen die SED, die sowjetischen Truppen, für freie Wahlen und Adenauer11 festgestellt.

Halle

  • Am 14.11.1956 wurde durch eine Reisende der Trapo in Halle eine Hetzschrift übergeben.

Suhl

  • Im VEB Kaliwerk »Einheit« Dorndorf, Bad Salzungen, Schachtanlage Springen, wurden am 14.11.1956 die Hetzlosungen: »Noch eine Spende für die Russen in Ungarn«12 und »Auch die Freiheit lieben wir« an zwei Förderwagen festgestellt.

Dresden

  • Die Kreisleitung der SED Meißen erhielt eine Trauerkarte durch die Post zugestellt, auf der gefragt wird, wann die SED mitsamt den Russen abzieht. Dazu wurde inniges Beileid gewünscht.

  • Ein Privatunternehmer aus Lauenstein, [Kreis] Dippoldiswalde, erhält seit längerer Zeit Telefongespräche und Briefe mit der Aufforderung nach Westberlin zu kommen.

  • Im Tunnel Glashütte – Bärenhecke, [Kreis] Dippoldiswalde, wurde ein Totenkopf sowie »Hier lauert der Tod« und »Rache all denjenigen, die gegen den Ku Klux Klan sind«,13 angeschmiert.

  • Auf der Straße von Mohorn – Grillenburg, [Kreis] Freital, wurde ein Hakenkreuz (Düngekalk) gestreut.

Leipzig

  • Zum zweiten Mal wurden in der Berufsschule Metall in Leipzig neun Hetzschriften mit: »Die bolschewistischen Panzer kennen keine Grenzen des Rechts, seid wachsam« gefunden. Die gleichen wurden bereits viermal im Stadtzentrum von Leipzig abgelegt. Am 14.11.1956 wurde eine gleiche Hetzschrift in Leipzig Gottsched-/Ecke Elsterstraße gefunden.

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    16. November 1956
    Information Nr. 339/56 – Betrifft: Die Lage in der Deutschen Demokratischen Republik, vom 15. November 1956, 8.00 Uhr, bis 16. November 1956, 8.00 Uhr, eingegangenes Material
  2. Zum vorherigen Dokument Planerfüllung auf der Großbaustelle »Schwarze Pumpe«
    15. November 1956
    Information Nr. 337/56 – Betrifft: Die Planerfüllung auf der Großbaustelle Kombinat »Schwarze Pumpe«