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Zweiwochenbericht

21. Dezember 1956
Informationsdienst Nr. 22 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Die Lage in Industrie und Verkehr

Politische Probleme

In der Berichtszeit wurden von den Beschäftigten in den Industrie- und Verkehrsbetrieben, der Landwirtschaft sowie großen Teilen der übrigen Bevölkerung hauptsächlich zu den Ereignissen in Ungarn1 und Ägypten,2 zur Rentenerhöhung,3 zur Bildung von Arbeiterkomitees4 und zur Einführung der 45-Stunden-Woche5 Stellung genommen. Die Diskussionen zur Einführung der 45-Stunden-Woche, zur Bildung von Arbeiterkomitees und zur Rentenerhöhung wurden bzw. werden gesondert berichtet.6

Zu den Ereignissen in Ungarn nahmen die Diskussionen aufgrund der Erklärungen über das Standrecht und die Auflösung des zentralen Arbeiterrates wieder zu. Ein großer Teil der Äußerungen ist positiv. Die Werktätigen begrüßen die Einführung des Standrechts und erklären [sic!], warum man nicht schon früher schärfere Maßnahmen eingeleitet hätte. So erklärte ein parteiloser Schlosser von der Elbewerft Boizenburg, [Bezirk] Schwerin: »Es wäre richtiger gewesen, gleich mit dem Standrecht zu beginnen. Die Welt hat sowieso gegen das Eingreifen der sowjetischen Truppen protestiert. Auf mehr oder weniger Proteste wäre es auch jetzt nicht mehr angekommen.« Ein Buchhalter aus den Ölwerken Wittenberge erklärt: »Es wäre richtiger gewesen, hätte man gleich beim Regierungsantritt Kádárs7 mit harten Maßnahmen durchgegriffen. Dann wäre jetzt das Geschwätz in der UNO hinfällig.«

Die negativen Stimmen gleichen vorwiegend der Argumentation des Westfunks. Hierbei konnte festgestellt werden, dass vorwiegend junge Leute diese Argumente verbreiten. Diese Stimmen besagen:

  • »Es wird erst Ruhe, wenn die SU-Truppen aus Ungarn verschwinden.«

  • »Unsere Presse und unser Funk sagen nicht die 100%ige Wahrheit.«

  • »Auch bei uns wird es bald soweit sein.«

  • »Spenden werden abgelehnt mit der Begründung, dass das ungarische Volk alles so wolle wie es jetzt ist, sonst würden sie Ruhe geben und an den Aufbau gehen, – es zeigt sich, dass das Volk darauf aus ist, die Regierung Kádár zu stürzen – sie wollen überhaupt keine Volksregierung.«8

  • »Die Regierung Kádár ist noch immer nicht Herr der Lage und besitzt kein Vertrauen.«

Zu den Ereignissen in Ägypten haben die Diskussionen stark nachgelassen. Die Meinungen sind überwiegend positiv. Es wird von allen begrüßt, dass die Engländer und Franzosen Ägypten verlassen müssen.9 Neue Argumente traten nicht in Erscheinung.

Ökonomische Probleme

Gasversorgung

Während sich die Gasversorgung in den Gaswerken Dresden und Leipzig durch Kohlelieferungen wesentlich verbessert hat, besteht weiterhin noch in einigen Bezirken ein akuter Gasmangel, wodurch in verschiedenen Betrieben die Produktion vermindert werden muss.

  • So bestehen z. B. im VEB »Ferdinand Kunert« Schmiedeberg, [Kreis] Dippoldiswalde, [Bezirk] Dresden, Schwierigkeiten beim Heizen der Gastrockenöfen in der Kernmacherei. Der Betrieb erhielt bisher täglich 600 cbm und erhält jetzt nur noch 250 cbm. Dadurch wird besonders in der Tempergießerei die Produktion vermindert und kann nicht in voller Höhe produziert werden.

  • Die Brotfabrik in Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg, kann aufgrund der schlechten Gaslieferung nicht mehr bzw. nur noch mit größter Schwierigkeit produzieren.

  • Um die Gasversorgung im Gaswerk Güstrow, [Bezirk] Schwerin, aufrechtzuerhalten, mussten Kohlenvorräte aus Wittenberge und Schwaan abgezogen und diesem Werk zur Verfügung gestellt werden.

  • Auch unter den Arbeitern des VEB Thermos Großbreitenbach,10 [Kreis] Ilmenau, [Bezirk] Suhl, herrscht durch die Gassperren Unzufriedenheit, weil dadurch Arbeitsausfall entsteht und sie Lohneinbuße haben. Sie sind der Meinung, man sollte doch den Haushalten am Tage die Gaszufuhr kürzen, damit wenigstens die Betriebe ihre Pläne erfüllen können.

Stromversorgung

In der Stromversorgung treten weit größere Schwierigkeiten auf als in der Gasversorgung. Hier tritt besonders in den Betrieben, wo Sperrstunden eintreten, unter den Arbeitern große Unzufriedenheit auf, da sie dadurch eine finanzielle Lohneinbuße haben. Von der Stromkürzung sind besonders betroffen die Bezirke Leipzig, Dresden, Karl-Marx-Stadt, Magdeburg, Gera, Halle und Potsdam. Ebenfalls treten dadurch größere Produktionsverluste durch Wartestunden und verkürzte Arbeitszeit ein. Dazu folgende Beispiele:

  • Im VEB Schraubenfabrik Zerbst, [Bezirk] Magdeburg, werden täglich sechs Stunden Stromabschaltungen vorgenommen, wodurch der Jahresplan nicht erfüllt werden kann. Der Betrieb arbeitet nur noch in zwei Schichten mit je 45 Stunden in der Woche.

  • Im VEB Walzwerk Burg, [Bezirk] Magdeburg, gibt es infolge der Stromabschaltungen große Schwierigkeiten bei der Abwalzung der Elektrobleche und Handelsbleche in 0,5 mm, 0,63 mm und 0,75 mm. Der Produktionsausfall sowie die Verschlechterung der Qualität sind dabei erheblich.

  • Im VEB Bodenbearbeitungsgeräte Leipzig gibt es gegenwärtig unter den Arbeitern unzufriedene Äußerungen, die durch die zu geringe Stromzuteilung hervorgerufen werden. Dadurch macht sich eine Veränderung der Arbeitszeit notwendig sowie die Einführung von sechs Nachtschichten in der Woche, statt wie bisher fünf.

Diese unzufriedenen Diskussionen unter den Arbeitern über Lohnausfall bzw. Arbeitszeitveränderung wurden noch aus folgenden Betrieben bekannt:

  • VEB Sturmlaternenwerk Beierfeld, [Kreis] Schwarzenberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt,

  • VEB Textima Oelsnitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt,

  • VEB Wema Zeulenroda, [Bezirk] Gera,

  • VEB Stahl- und Walzwerk Brandenburg, [Bezirk] Potsdam,

  • VEB Lokomotivbau »Karl Marx« Potsdam-Babelsberg,

  • VEB Volltuch Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam,

  • VEB EKM Cunewalde, [Kreis] Löbau, [Bezirk] Dresden,

  • VEB Werkzeug- und Maschinenbau Naumburg, [Bezirk] Halle,

  • VEB Eisenhüttenwerk Thale, [Kreis] Quedlinburg, [Bezirk] Halle,

  • VEB EKM Elbewerk Roßlau, [Bezirk] Halle,

  • VEB Wittol Wittenberg, [Bezirk] Halle und

  • RAW Brandenburg, [Bezirk] Potsdam.

Produktionsstörungen in der Zeit vom 7.12. bis 20.12.1956

  • Durch Störungen an Abraumgeräten, Baggern, durch Zugzusammenstöße und Entgleisungen kam es in den Braunkohlenrevieren der Kreise Altenburg und Borna in der Zeit vom 7. bis 15.12.1956 zu folgenden Ausfällen: Abraum 35 670 cbm, Rohkohle 13 371 t. Der finanzielle Gesamtschaden beträgt 85 085 DM.

  • Im Braunkohlenwerk »Vorwärts« Deuben,11 [Kreis] Hohenmölsen, entstand durch den Ausfall einer Turbine ein Produktionsausfall von 185 t Brikett und 15 t Teer, gleich 4 760 DM.

  • Am 17.12.1956 entstand durch Ausfall eines Dieselaggregates im VEB Strumpfwerk Neukirchen/Stollberg/Karl-Marx-Stadt,12 eine Betriebsstörung, indem durch Aussetzen des Reglers die Schwungscheibe auf Übertouren kam und zersprang. Schaden ca. 15 000 DM, Produktionsschaden ca. 7 000 DM.

  • Am 7.12.1956 entstand im VEB Elbtalwerk Heidenau, [Bezirk] Dresden, durch Fehler im Zuleitungskabel ein Stromausfall. Der Arbeitsausfall beträgt insgesamt ca. 136 Arbeitsstunden.

  • Am 8.12.1956 fiel im VEB Reifenwerk Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/O., vier Stunden der Strom aus, da bei Inbetriebnahme einer Walze, die zur Reparatur war, die Erdung nicht entfernt wurde. Produktionsausfall ca. 500 Reifen und 800 Schläuche.

  • Am 9.12.1956 ging das Becherwerk der Kohlenmahlanlage im Kalk- und Zementwerk in Rüdersdorf, [Bezirk] Frankfurt/O., aus der Führung, da es sich infolge der ständigen Belastung zu lang ausdehnte. Durch den Ausfall des Becherwerkes fielen die Öfen 1, 3 und 4 aus. Am gleichen Tage brach der Schneckenflügelhalter der Beförderungsschnecke in der Kohlenanlage, da zu viel Material auf der Beförderungsschnecke lag. Der Produktionsausfall beträgt ca. 100 t Klinker = ca. 10 000 DM.

  • Am 9.12.1956 kam es im VEB Landmaschinenbau Brielow, [Bezirk] Potsdam, zu einer Produktionsstörung, da die drei Zuleitungskabel zum Transformator, 15 000 kV Spannung, an den Kabelenden verbrannten. Des Weiteren wurden die Isolatoren beschädigt. Die Höhe des Schadens ist noch nicht bekannt.

  • Am 6.12.1956 fielen in der Zeche C des Wismut-Objektes 101 – Zwickau – die Kugelmühlen 1 und 2 für sechs Stunden aus, da die Druckleitung nach der Zeche 6 versandet war. Durch einen Bandriss stand die Zeche A des gleichen Objektes am 6.12.1956 für neun Stunden still.

  • Am 6.12.1956 stürzte im Kombinat 277 – Auerbach – ein Hunt13 von der 1. auf die 4. Sohle. Produktionsausfall: 5½ Stunden.

  • Am 12.12.1956 platzte im VEB Bunt- und Samtweberei Seifhennersdorf, [Kreis] Zittau, [Bezirk] Dresden, der Zylinder der Trommeltrockenmaschine. Durch den Ausfall der Maschine entstand ein vorläufiger Schaden von ca. 3 000 DM. Außerdem wird die Maschine voraussichtlich einige Monate ausfallen und den gesamten Ausstoß des Betriebes verringern, da es sich um eine Engpassmaschine handelt.

  • Am 16.12.1956 fiel im Kraftwerk des Eisen- und Stahlwerkes West in Calbe, [Kreis] Schönebeck, [Bezirk] Magdeburg, im Kessel 3 die Sauganlage für die Kühlwasserspeisung aus. Ein Haltestift am Kupplungslager hatte sich gelöst und dadurch das Lager beschädigt. Vermutliche Reparaturzeit: 36 Stunden. Produktionsausfall 108 000 kW.

Brände entstanden

  • Am 5.12.1956 in einer Umkleidebaracke im Braunkohlenwerk Großkayna, [Kreis] Merseburg, [Bezirk] Halle, durch ein defektes Ofenrohr. Schaden ca. 7 000 DM.

  • Am 5.12.1956 im VEB EKM Rohrleitungsbau Werk 3 in Muldenstein, [Kreis] Bitterfeld, [Bezirk] Halle. Die Ursache dazu war, dass ein 6 m langes Rohr in angewärmten Zustand in eine Tauchwanne gesteckt wurde, welche mit ca. 1 000 Liter Preolit gefüllt war. Der Sachschaden beträgt ca. 20 000 DM.

  • Am 7.12.1956 in dem VEB Gemüse- und Obstverwertung in Lommatzsch, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, durch Schweißarbeiten. Gebäudeschaden ca. 5 000 DM.

  • Am 10.12.1956 in Leutersdorf, [Kreis] Zittau, [Bezirk] Dresden, in der Umspannstelle 1. Dabei sind die Schaltgeräte und der Umspanner verbrannt. Brandursache nicht bekannt.

  • Am 8.12.1956 im Transformatorenhaus in Eppendorf, [Kreis] Flöha, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wodurch zwei Transformatoren unbrauchbar wurden und das Holzdach des Hauses durchbrannte. Der Gesamtschaden beträgt ca. 8 000 DM. Die Ursache ist vermutlich auf Überalterung der Anlage zurückzuführen.

  • Am 12.12.1956 brach im VEB Fahlberg-List in Magdeburg durch Verpuffung zweier Schottenhängergefäße mit 80 Liter Benzol und 2 kg Natriumgranulit ein Brand aus. Gesamtschaden ca. 2 000 DM.

  • Am 16.12.1956 brannte auf der Straße Poserna – Pörsten, [Kreis] Hohenmölsen,14 [Bezirk] Halle, der Omnibus des Werkes »Vorwärts« Deuben15 aus noch unbekannter Ursache vollständig aus. Schaden ca. 25 000 DM.

  • Am 15.12.1956 brach in einem Wismut-Wohnhaus, wo 70 Kumpel wohnen, ein Brand aus. Vermutliche Ursache: Glut aus dem Ofen gefallen, welcher in einem Trockenraum steht. Gebäudeschaden ca. 63 000 DM.

  • Am 18.12.1956 brach im VEB Damenbekleidungswerk Glauchau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, Werk I, ein Großbrand aus, vernichtet wurde das ca. 40 m lange 3-stöckige Gebäude sowie z. T. der Seitenflügel. Die Brandursache ist auf vermutliche Brandstiftung des Betriebsleiters zurückzuführen. Der Gebäudeschaden beläuft sich auf ca. 500 000 DM. Die Höhe des Produktionsausfalls ist noch nicht bekannt.

Versorgung der Bevölkerung

Die Versorgungslage hat sich gegenüber der am 10.12.1956 geschilderten Lage nicht wesentlich verändert.16 Von den Bezirken wird auch in dieser Berichtsperiode die Versorgung als allgemein zufriedenstellend eingeschätzt. Schwierigkeiten gibt es weiterhin in der Versorgung mit Geflügel, Südfrüchten, Fisch- und Fischwaren, Zigarren (billige Sorten), Pfeffer, Eiern, Fett- und Magerkäse. Aus dem Bezirk Leipzig wird zur Versorgung mit Fett und Magerkäse berichtet, dass durch Aufstockung die gröbsten Schwierigkeiten beseitigt werden konnten. Auch das Angebot an Konfektion, besonders Kinderkonfektion, ist nicht ausreichend.

In den Bezirken Schwerin und Leipzig besteht ein Überhang an Margarine. Im Bezirk Leipzig können im IV. Quartal 1956 ca. 180 t Margarine nicht abgesetzt werden. Die Margarinefabriken liefern trotzdem noch täglich und wollen keine Stornierung anerkennen.

Die Lage in der Landwirtschaft

Gegenwärtig werden in der Landwirtschaft MTS-Konferenzen und Wahlen für die VdgB/BHG durchgeführt. Auf diesen Versammlungen werden von den Bauern verschiedene wirtschaftliche Probleme diskutiert. In verschiedenen Fällen werden aber auch provokatorische Forderungen wie Herabsetzung des Solls gestellt. Über diese Fragen wird gesondert berichtet.17

Diskussionen über Landflucht

In den Bezirken Erfurt, Suhl, Leipzig und Neubrandenburg werden Diskussionen über die Landflucht geführt, in denen im Wesentlichen zum Ausdruck gebracht wird, dass irgendetwas unternommen werden müsste, die Landflucht – besonders von Jugendlichen – zu verhindern. Es wird dabei in Betracht gezogen, ob es nicht besser wäre, ein Landjahr18 einzuführen oder einen Lohnausgleich zu schaffen. So wird z. B. aus dem Bezirk Erfurt berichtet, dass in verschiedenen LPG die Arbeiten wegen Mangel an Arbeitskräften nicht mehr bewältigt werden können. Besonders stark sei die Landflucht unter den Jugendlichen, die in die Betriebe gehen, weil sie sich dort finanziell besser stünden. [sic!] Dazu äußerte sich der Vorsitzende der LPG Creuzburg, [Kreis] Eisenach, wie folgt: »Wir haben so wenig Jugendliche in der LPG, aber warum macht man von höherer Ebene keinen Stopp zur Industrie. Solange noch so große Unterschiede im Verdienst bestehen, gehen sie alle zur Industrie. In ein bis zwei Jahren hängen wir ganz fest. Die Alten können nicht mehr so und die Jugend fehlt. Es muss bald etwas geändert werden. Wir haben in diesem Jahr nicht einmal einen Lehrling, wo soll das hinführen.« In der LPG Allmenhausen, [Kreis] Sondershausen, wurde von einigen SED-Mitgliedern zum Ausdruck gebracht, dass es besser wäre, die LPG den VEG anzugliedern. Unter den Mitgliedern der LPG gab es die gleiche Meinung.

In einigen Grenzgemeinden der Hohen Rhön, [Kreis] Meiningen, wird dahingehend diskutiert, »dass in ein paar Jahren – wenn solange eine DDR bestehen sollte – nur noch die Hälfte Bauern da wären. Einmal wegen der altersmäßigen Zusammensetzung der Betriebe und zum andern weil die Jugendlichen nicht mehr in der Landwirtschaft bleiben wollen. Jedes Jahr gäbe es mehr herrenlose Flächen.« Ähnliches wurde auch in der Gemeinde Lichte, [Kreis] Neuhaus, [Bezirk] Suhl, gesagt. In der Gemeinde Görsdorf,19 [Kreis] Sonneberg, [Bezirk] Suhl, wurde Ähnliches diskutiert. Auf einer Vorstandssitzung der VdgB vertraten die Anwesenden die Meinung, dass dieses Problem nur durch die Regierung gelöst werden könnte und zwar so, dass eine Art des »faschistischen Landjahres« eingeführt würde.

Ein Großbauer aus Hain, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, sagte im Zusammenhang mit der Verkürzung der Arbeitszeit in der Industrie, dass die Vergünstigungen für die Bauern nur darin bestünden, soviel wie möglich zu produzieren, aber an die Landflucht würde nicht gedacht. Es wäre deshalb richtig, wieder das »Landjahr« einzuführen.

Auf einer MTS-Konferenz im Kulturhaus der MTS Ducherow, [Kreis] Anklam, [Bezirk] Neubrandenburg, sagte ein Industriearbeiter, dass er gegenüber dem Landarbeiter in jeder Beziehung – ob finanziell oder kulturell gesehen – im Vorteil sei. Solange dieser Unterschied nicht behoben sei, wird die Landflucht nicht verhindert werden können. Ein Industriearbeiter des VEB »Roter Oktober«20 aus Rosenow,21 [Kreis] Anklam, machte der Versammlung den Vorschlag, dass man einen Weg finden müsste, wo den Jugendlichen auf dem Lande eine ähnliche Unterstützung wie Lohnausgleich usw. gewährt würde.

Zur Arbeit der MTS

In der letzten Zeit wurden des Öfteren Beispiele bekannt, wo es über die Arbeit der MTS bzw. unter den Arbeitern in den MTS zu Verärgerungen kam. Von den Einzelbauern und den LPG wird in verschiedenen Fällen die Arbeit der MTS kritisiert, weil diese die Verträge nicht immer eingehalten haben.

So berichtet z. B. der Bezirk Neubrandenburg, dass mehrere Hinweise über die mangelhafte Arbeit der MTS des Bezirkes vorliegen. Das trifft auch für den MTS-Bereich Thürkow, [Kreis] Teterow zu, obwohl diese MTS am Jahrestag der Republik mit dem Nationalpreis ausgezeichnet wurde.22 Die Unzufriedenheit über die Arbeit dieser MTS kam besonders in den Vorstandssitzungen der VdgB in Thürkow und Teltow zum Ausdruck. Aufgrund der schlechten Arbeit hat sich bereits ein Teil werktätiger Bauern ein weiteres Pferd angeschafft, weil sie sich auf die Arbeit der MTS nicht verlassen könnten. Ein werktätiger Bauer aus Teltow drückte z. B. sein Unverständnis darüber aus, dass ein Brigadier der MTS mit dem Nationalpreis ausgezeichnet worden war, obwohl dieser nicht wesentlich mit zur Einhaltung der Verträge beigetragen hätte.

Dass die Verträge nicht immer eingehalten würden, berichten auch die Bezirke Suhl, Karl-Marx-Stadt, Erfurt, Halle und Schwerin. Obwohl es bei der Nichteinhaltung der Verträge verschiedene Gründe gibt – wie Schluderei in der Arbeit, schlechte Arbeitsorganisation oder dass Traktoristen es vorziehen, bei den Bauern zu arbeiten, wo sie Trinkgeld usw. erhalten –, können jedoch folgende Schwierigkeiten als die wichtigsten angesehen werden: Das sind einmal Ersatzteilschwierigkeiten – in einigen MTS wurden deshalb die Pläne für Reparaturkosten überzogen –, schlechte Qualität der Maschinen, Maschinenmangel oder alter Maschinenpark. Diese Mängel wurden in dieser Berichtsperiode besonders aus den Bezirken Halle, Frankfurt/O., Schwerin, Potsdam, Suhl, Karl-Marx-Stadt, Dresden, Neubrandenburg, Magdeburg und Erfurt bekannt.

In dieser Berichtsperiode sind in folgenden Bezirken Kartoffeln oder Rüben erfroren bzw. angefroren:

  • Halle: BHG Gröbers, Saalkreis (ca. 240 dz Saatkartoffeln);

  • Dresden: LPG Colmnitz, [Kreis] Freital, (ca. 800 Ztr. Futterrüben, sodass die Futtergrundlage nicht mehr gesichert ist). In Pretzschendorf, [Kreis] Dippoldiswalde, (ca. 16 t Saatkartoffeln angefroren), Erfassungsstelle Zabeltitz, [Kreis] Großenhain, (ca. 2 000 Ztr. Speisekartoffeln angefroren), VEAB Pirna (ca. 100 t angefroren);

  • Magdeburg: LPG Peseckendorf-Neubau,23 [Kreis] Wanzleben, (ca. 800 Ztr. Kartoffeln angefroren), LPG »Einheit«, Kreis Stendal, (ca. 1 200 dz Futterrüben, die bisher noch nicht gerodet wurden. In der Miete sind außerdem noch 400 dz angefroren.);

  • Leipzig: In der ehemaligen Turnhalle in Wurzen, Dresdener Straße, (ca. 5 000 Ztr. Kartoffeln, liegen 1½ m hoch, sind teilweise angefroren, Maßnahmen wurden eingeleitet). LPG »Thomas Müntzer« Lausa,24 [Bezirk] Leipzig, (Durch unsachgemäße Lagerung sind ca. 500 dz Getreide verdorben.)

Brände in der Zeit vom 7.12. bis 20.12.1956

In der Berichtszeit wurden insgesamt 34 Brände bekannt. Davon: vier Brandstiftung, fünf vermutliche Brandstiftung, zwölf unbekannt, sechs Fahrlässigkeit, drei Kinderhand, zwei [durch] elektrischen Defekt, zwei durch Geistesgestörte.

Rostock:

  • Eine Scheune, LPG, vermutlich Kurzschluss.

Neubrandenburg

  • ein Getreidespeicher, LPG, unbekannt;

  • eine Windmühle und Scheune, werktätiger Bauer, vermutlich Brandstiftung;

  • eine Scheune und andere Gebäude, LPG, durch Geistesgestörten.

Schwerin

  • Ein Dachstuhlbrand, Privatbesitzer, unbekannt.

Frankfurt/O.

  • eine Scheune, werktätiger Bauer, Fahrlässigkeit;

  • eine Scheune, LPG, unbekannt.

Potsdam

  • ein Stallgebäude, LPG-Mitglied, unbekannt;

  • eine Scheune (Schwelbrand), LPG, Brandstiftung;

  • eine Scheune, werktätiger Bauer, Kinderhand;

  • ein Wohnungsbrand, Kleinbauer, unbekannt.

Magdeburg

  • eine Strohdieme, werktätiger Bauer, unbekannt;

  • eine Scheune, werktätiger Bauer, unbekannt;

  • eine Scheune, LPG, unbekannt.

Halle

  • Eine Scheune, Mittelbauer, Fahrlässigkeit.

Leipzig

  • eine Scheune, Mittelbauer, vermutlich Brandstiftung;

  • ein Schuppen, Fahrlässigkeit;

  • eine Strohfeime, Baumschulenbes[itzer], durch Geistesgestörten;

  • eine Scheune und Stall, werktätiger Bauer, Fahrlässigkeit;

  • eine Scheune, LPG, vermutlich Brandstiftung;

  • ein Stallboden, LPG-Brigadier, Kinderhand.

Dresden

  • eine Scheune, Großbauer, vermutlich elektrischer Defekt;

  • eine Feldscheune, LPG, vermutlich Brandstiftung;

  • ein Wohnungsbrand, Schweizer, Fahrlässigkeit;

  • eine Scheune und Teile der Stallung, Einzelbauer, Brandstifung.

Karl-Marx-Stadt

  • eine Feldscheune, Einzelbauer, unbekannt;

  • eine Feldscheune, LPG, Brandstiftung;

  • eine Scheune, Kinderhand.

Erfurt

  • vier Scheunen, Genossenschaftsbauer, unbekannt; Einzelbauer, unbekannt; Leina-Mühle, Gotha, Fahrlässigkeit; Mittelbauer, vermutlich Brandstiftung;

  • eine Scheune und Stall, Einzelbauer, Brandstiftung;

  • eine Scheune, Stall und Nachbargebäude, LPG, unbekannt.

Übrige Bevölkerung

Studenten

In der FDJ-Delegiertenkonferenz am Physikalischen Institut der Karl-Marx-Universität Leipzig zeigten einige Studenten (Namen bekannt) eine provokatorische Haltung. Inhalt der Diskussion:

  • »SED-Genossen ziehen aus ihrer Mitgliedschaft Vorteile«.

  • Die Durchführung einer Versammlung gegen ein Mitglied der SED (Funktionär FDJ) wurde durchgesetzt.

  • »Die FDJ-Hochschulgruppenleitung sowie die SED-Parteiorganisation haben kein Recht, irgendwelche Versammlungen abzusetzen«.

  • Es wurde ein Beschluss gefasst, Ende Februar 1957 eine Mitgliederversammlung durchzuführen, in der »brennende Fragen« behandelt werden.

An der Bergbau-Ingenieur-Schule in Eisleben, [Bezirk] Halle, ist eine verstärkte Fluktuation der Dozenten festzustellen. So kündigten drei Dozenten, von denen zwei nach dem neu eingerichteten Institut für Gangerzbergbau Breitenfeld,25 Erzgebirge, gehen wollen, da sie dort sofort eine Wohnung erhalten und 40 % Gehaltszuschlag. Weitere Dozenten haben ihr Weggehen bereits angekündigt. Ebenso wird von den Arbeitern und Angestellten verstärkt höhere Bezahlung gefordert.

Die Studenten des 4. Studienjahres Medizin der Universität Jena, [Bezirk] Gera, sammeln Unterschriften für eine Erklärung, in der sie zum Ausdruck bringen, dass der Physikerball keine Provokation gegen die DDR war.26 Die gleiche Meinung vertreten die Professoren Heber,27 Schuster28 und Eckhardt29 von der Fakultät Physik.

An der pädagogischen Hochschule Potsdam treten die meisten gegnerischen Argumente an der ABF auf. So erklärten Studenten, dass sie abwarten wer siegt – die SU oder USA – um sich auf die Seite des Siegers zu stellen.

Kirche

Zurzeit holen sich sehr viele Geistliche des demokratischen Sektors von Berlin für ihre gegenwärtige Tätigkeit Rat beim kirchlich bischöflichen Ordinariat der Katholischen St. Ludwigskirchgemeinde Westberlin, Pacelliallee.30 Von verschiedenen Berliner Kirchverbänden wurden dort »seelsorgende« Angelegenheiten besprochen z. B.:

  • besonders auf die Jugend einzuwirken,

  • »in der DDR dürfen Katholiken an keinen Übergriffen teilnehmen«,

  • »in Beichten und Gruppenabenden schärfsten Protest gegen Jugendweihe«,31

  • »Jugendliche von der Nationalen Volksarmee zurückhalten, da sie dort zu Atheisten erzogen werden«,

  • »die DDR-Presse verbreite über die Ereignisse in Ungarn Lügen«,

  • »Oberschüler und Studenten, die ihre Examen nicht bestehen, sollen in Westberlin weiterstudieren«,

  • im Dezember ein neuer Hirtenbrief.

Die Pröpste, Superindenten und Pfarrämter erhielten von der evangelischen Kirchenleitung der Kirchenprovinz Sachsen, Sitz Magdeburg, die Rundverfügung 194 [vom] 8.11.1956, in der sie aufgrund des Beschlusses des Justizministeriums vom 10.2.195632 aufgefordert werden, alle nicht unbedingt notwendigen finanziellen Ausgaben zurückzustellen und äußerste Sparmaßnahmen einzuleiten.33

Der Landesbischof Mitzenheim34 erklärte in einer Aussprache mit dem Bürgermeister und Funktionären in Oldisleben, [Kreis] Artern, [Bezirk] Halle, dass er dazu übergehen würde, noch offener als bisher Auseinandersetzungen zu führen und die Menschen aufzufordern, gegen Maßnahmen der Regierung zu protestieren, wenn er bei einer Aussprache beim Ministerpräsidenten keine Einigung erzielt.

Von der evangelischen Kirchgemeinde Magdeburg-Neustadt werden Invaliden und Rentnern Pakete – die ca. fünf bis sieben Kilo schwer sind und Lebens-, Genussmittel oder Kleidung enthalten – übermittelt. Absender sind Privatanschriften aus Westdeutschland. In Lückendorf, [Kreis] Zittau, [Bezirk] Dresden, verteilt die Kirche an Kinder Weihnachtspäckchen. Zwei Personen aus Olbersdorf, [Kreis] Zittau, [Bezirk] Dresden, werben im Kreisgebiet für die »Zeugen Jehovas«.35

Gesundheitswesen

Missstimmung über die Entlohnung herrscht unter dem Küchen- und Hauspersonal in dem Kreiskrankenhaus Heidenau, [Kreis] Pirna, [Bezirk] Dresden, dem Hilfskrankenhaus Heidenau-Großsedlitz, [Kreis] Pirna, [Bezirk] Dresden, dem Genesungsheim »Albin Höntzsch« Heidenau-Großsedlitz, [Kreis] Pirna, [Bezirk] Dresden. Im Hilfskrankenhaus haben bereits drei Frauen gekündigt.

An der Medizinischen Akademie in Magdeburg wenden sich Studenten, Ärzte und Dozenten dagegen, die Akademie dem Rat der Stadt Magdeburg zu unterstellen. Ein Teil will dann die Akademie verlassen. Besonders wird gegen die Behauptung des Oberbürgermeisters Daub36 – alle Ärzte wünschten diese Unterstellung – Protest erhoben … »Der Rat der Stadt will nur über das Gustav-Ricker-Krankenhaus, dem die medizinische Akademie angeschlossen ist, allein verfügen.« Unter den Magdeburger Ärzten bestand in der Vergangenheit bereits Unzufriedenheit wegen nicht eingehaltener Versprechungen des Oberbürgermeisters. Sie sehen in diesem Schritt eine ungenügende Unterstützung ihrer Tätigkeit.37

Anlage vom 21. Dezember 1956 zum Informationsdienst Nr. 22

Feindtätigkeit in der Zeit vom 7.12. bis 20.12.1956

Auch in dieser Berichtszeit wurden – wenn auch in geringerem Maße – Hakenkreuze und Hetzlosungen angeschmiert sowie Bilder führender Funktionäre, Transparente u. Ä. beschädigt bzw. abgerissen. Des Weiteren wurden Gerüchte verbreitet. Inhalt der Hetzlosungen: Hetze gegen die Regierung der DDR und führende Funktionäre der SED und gegen die Sowjetunion.

  • Hakenkreuze und Hetzlosungen wurden insgesamt 71 Fälle bekannt, die sich wie folgt auf die Bezirke aufschlüsseln:

    • Halle: 23 Fälle, 8 in VEB und 15 im Stadtgebiet bzw. Kreis;

    • Leipzig: 12 Fälle, 5 in VEB und 7 im Stadtgebiet bzw. Kreis;

    • Karl-Marx-Stadt: 6 Fälle, 2 in VEB und 4 im Stadtgebiet bzw. Kreis;

    • Magdeburg: 6 Fälle, 3 in VEB und 3 im Stadtgebiet bzw. Kreis;

    • Erfurt: 6 Fälle, 3 in VEB und 3 im Stadtgebiet bzw. Kreis;

    • Dresden: 5 Fälle, 3 in VEB und 2 im Stadtgebiet bzw. Kreis;

    • Berlin: 4 Fälle, 2 in VEB und 2 im Stadtgebiet bzw. Kreis;

    • Neubrandenburg: 3 Fälle, in verschiedenen Kreisen;

    • Schwerin: 2 Fälle, im Kreis Güstrow und Ludwigslust;

    • Suhl: 2 Fälle, im Kreis Ilmenau und Bad Salzungen;

    • Frankfurt/O.: ein Fall, im Stadtgebiet Frankfurt/O.;

    • Potsdam: ein Fall, im VEB »Heinrich Rau«.38

  • Bilder führender Funktionäre, Transparente u. Ä. wurden beschädigt bzw. abgerissen:

    • Potsdam: In der Oberschule in Zehdenick, [Kreis] Gransee, wurde aus der Aula ein Bild des Genossen Pieck entfernt und beschädigt. Das Bild wurde vor die Tür des Direktors gestellt. In Potsdam-Babelsberg wurden einem Mitglied der SED vier Fenster zerschlagen. (Der Genannte ist Dozent und Sekretär der GO in der Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft.)

    • Frankfurt/O.: In der Gemeinde Neuzelle, [Kreis] Fürstenberg, verschwand zum zweiten Mal die Büste Ernst Thälmanns.

    • Dresden: Der Schaukasten der SED in Schönau, [Kreis] Görlitz, wurde von unbekannten Tätern zerschlagen. Eingeworfen wurde ein Fenster des VPKA – Meldeamt 5. Revier in Dresden. Am andern Tage erfolgten vier weitere Steinwürfe unmittelbar zum Gebäude.

    • Gera: Im Warteraum des Kleinbahnhofes in Schleiz wurden von unbekannten Tätern die Transparente und Plakate von der SED und von Massenorganisationen sowie Fahrpläne der DR angebrannt.

    • Suhl: Im VEB Porzellanwerk Neuhaus-Schierschnitz, [Kreis] Sonneberg, wurde die Bildeinlage des »ND« zum dritten Mal von der Wandzeitung abgerissen.

  • Gerüchte wurden in folgenden Bezirken verbreitet:

    • Dresden: Unter den Arbeitern des VEB Stahlwerk Gröditz, [Kreis] Riesa: »Der Vertreter der Sparkasse hätte die Kollegen gefragt, ob er ihnen das zustehende Weihnachtsgeld erst im Januar auszahlen könne, da dafür zzt. kein Geld da sei.« Begründung: Rentenerhöhung.

    • Frankfurt/O.: Von den Arbeitern des VEB Gaselan Fürstenwalde im Großapparatebau, dass »Truppen in Richtung Berlin transportiert werden, um Berlin abzusichern, dass dort nicht das Gleiche vorkommen kann wie in Ungarn«. Im EKS Stalinstadt, [Kreis] Fürstenberg, dass »die Arbeiter in der Grundchemie wie Leuna, Buna usw. eine Änderung in der Zahlung von Zuschlägen erreicht haben sollen. Z. B. würden dort die Zuschläge entsprechend dem Arbeitsplatz nicht nach Prozenten, sondern nach Pfennigen gezahlt.«

    • Leipzig: Unter der Bevölkerung in Böhlen, [Kreis] Borna, dass »die Preise bei Schweinefleisch pro Pfund 1,00 DM teurer geworden sind«. Ein LPG-Bauer aus Pohritzsch, [Kreis] Delitzsch, dass »an der Grenze der ČSR und der DDR ein Schutzstreifen von 20 km gebaut wird. In diesem Gebiet würde alles abgebrochen werden und die Menschen umgesiedelt«.

    • Potsdam: In Hennigsdorf, [Kreis] Oranienburg, »mit den Einkäufen bis zum 3.12.1956 zu warten, weil dann eine Preissenkung bekannt gegeben wird«.

    • Rostock: Im Kreis Wolgast unter der Bevölkerung über »ein Abtreten der Gebiete um Wolgast (Insel Usedom) an Polen. Des Weiteren solle das Gebiet um Wollin an die DDR abgetreten werden, wo dann ein Flottenstützpunkt der Nationalen Volksarmee der DDR eingerichtet werden solle.«

    • Suhl: Unter den Hausfrauen von Suhl, dass »im Januar 1957 die Lebensmittelkarten wegfallen sollen.39 Es wird sogar behauptet, dass man die Bevölkerung davon nicht in Kenntnis setzen will, um Hamstereinkäufe zu verhindern.«

    • Magdeburg: In den Gemeinden Hötensleben40 und Völpke, [Kreis] Oschersleben, dass »1957 das Sperrzonengebiet und die dazu erlassenen Verordnungen aufgehoben würden, auch die Aufenthaltsgenehmigungen für Besucher aus Westdeutschland«.41

    • Im VEB Getriebewerk Wernigerode: »Genosse Walter Ulbricht würde durch den Genossen Stoph42 abgelöst, da Genosse Walter Ulbricht nicht mehr tragbar wäre.« Ein Former aus dem »Ernst-Thälmann«-Werk Magdeburg: »Die Sowjetarmee hätte im Betrieb eingegriffen, um alle Diskussionen über die neue Prämienzahlung43 zu unterbinden.« Im Kreis Tangerhütte, dass »die MT-Stationen aufgelöst würden«. Im Richard-Dembny-Werk Magdeburg,44 dass »ab Dezember 1956 der Leistungslohn mit 50 % versteuert würde, damit die Regierung die Rentenerhöhung realisieren könnte«.

Vermutliche Feindtätigkeit

Industrie

  • Am 12.12.1956 entstand im VEB Zinnerz Pechtelsgrün,45 Betriebsabteilung Schneeberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, in der 10-kV-Station ein Kurzschluss. Von unbekannten Tätern wurde eine Kohlenschaufel über die drei Schützen46 gelegt, sodass ein Kurzschluss verursacht wurde.

  • Am 19.12.1956 wurde im VEB »Lied der Zeit« Potsdam-Babelsberg festgestellt, dass sich der Motor der Kreiselpumpe festgelaufen hatte. Die Untersuchungen ergaben, dass sich in den Schmierkästen des Motors Wasser befand und das Öl vorher abgelassen worden war.

  • Am 10.12.1956 wurde im VEB Zellstoffwerk Werk 2 in Pirna, [Bezirk] Dresden, Folgendes festgestellt: 1. Auf das Stoffband wurde ein Kantholz von ca. 1 m × 20 cm gelegt, wodurch sich der Stoff staute. 2. In der Stoffgrube wurden vier Fangsiebe zerschlagen. 3. Im Aufenthaltsraum der Fangstoffgrube wurde ein Feuerlöscher abgerissen und in die Rinne der Fangstoffgrube geworfen.

Landwirtschaft

  • Am 10.12.1956 wurde im Dreschkorb eines Dreschsatzes der MTS Werder eine Bauklammer (33,5 cm lang) gefunden. Der Dreschsatz war in der LPG Werder eingesetzt.

  • Der VEB Fortschritt Neustadt an der Dosse47 lieferte an die MTS Zurow, [Kreis] Wismar, [Bezirk] Rostock, Kleereiber, die nicht einsatzfähig sind. Es wurde festgestellt, dass in dem Gehäuse, wo die Trommel rotiert, die Schlageisen in verkehrter Richtung eingesetzt sind. Die an die MTS Mecklenburg48 und Steinhausen, [Kreis] Wismar, gelieferten Maschinen wiesen ähnliche Fehler auf.

  • Dem Rat des Kreises Zossen wurden durch den Verlag Volk und Wissen 260 Anmeldescheine für die Jugendweihe zugesandt. Diese Anmeldescheine waren außer in normalem Packpapier in zwei Exemplare »Die Kirche« Nr. 14 vom 1.4.1956 eingeschlagen. Im Hauptartikel dieser Zeitung wird gegen die Jugendweihe Stellung genommen.49

  1. Zum nächsten Dokument Lage in der Kohlenindustrie
    22. Dezember 1956
    Information Nr. 392/56 – Betrifft: Bericht über die Lage in der Braunkohlen- und Steinkohlenindustrie der DDR und die Versorgung der Volkseigenen Industrie, örtlichen Wirtschaft und Bevölkerung der DDR mit Kohle
  2. Zum vorherigen Dokument Arbeitsniederlegungen (21)
    20. Dezember 1956
    Information Nr. 391/56 – Betrifft: Arbeitsniederlegung