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Zweiwochenbericht

21. September 1956
Informationsdienst Nr. 18 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Politische Diskussionen

Die Beschäftigten in den Industriebetrieben sowie in der Landwirtschaft und die übrige Bevölkerung befassten sich in den Diskussionen während der Berichtszeit mit der Verstaatlichung des Sues-Kanals1 und dem 28. Plenum.2 Die Diskussionen zum 28. Plenum verlaufen noch immer in der Form, wie es bereits berichtet wurde. Es werden vorwiegend wirtschaftliche Probleme, wie Abschaffung der Lebensmittelkarten3 und Rentenerhöhung4 diskutiert. Zu den Fragen der 15. Tagung der Volkskammer5 und der Abschaffung der Ortsklassen C und D6 liegen noch keine Diskussionen vor. Die Diskussionen über das Verbot der KPD sind stark zurückgegangen.7

Zur Verstaatlichung des Sues-Kanals wird in der Form diskutiert, dass der überwiegende Teil die Verstaatlichung des Sues-Kanals begrüßt und als rechtmäßig anerkennt. Auf der anderen Seite befürchtet man, dass die Lösung dieses Problems zu einem Kriege führen könnte. Ein Teil der Diskussionen zeigt eine politische Unklarheit und drückt sich in negativen Stellungnahmen aus wie: »England und Frankreich haben das Kapital zum Bau gegeben«, »Nasser8 handelt wie Hitler«, »Die Ägypter kriegen die Jacke voll« usw. Folgende Beispiele zur Frage der Verstaatlichung des Sues-Kanals:

  • Im VEB Kaliwerk »Karl Liebknecht« Bleicherode, Kreis Nordhausen, [Bezirk] Erfurt, wird von den Beschäftigten diskutiert: »Wenn England und Frankreich durch einen Krieg die Sues-Frage lösen wollten, dann sei dies für sie gefährlich, denn sie könnten dabei die Ölquellen verlieren. Es käme dann in Afrika zum Aufstand. Ganz besonders würden die arabischen Staaten Ägypten unterstützen.«

  • Ein Meister aus dem VEB Wurzener Teppichfabrik, [Bezirk] Leipzig, äußerte: »Man sieht doch klar, dass sich Ägypten von den Engländern nicht einschüchtern lässt, das beweist schon allein die Verhaftung englischer Spione. Ich bin mit der Haltung Ägyptens einverstanden.«

  • In den Optischen Werken Rathenow, [Bezirk] Potsdam, diskutierten mehrere Arbeiter, »dass die Verstaatlichung des Sues-Kanals berechtigt ist, dass sie aber nicht verstehen können, dass sich die KPF in dieser Frage so passiv verhalte und so wenig auf die französische Regierung einwirke«.9

  • Ein parteiloser Schmied aus dem VEB Elektrostahlgusswerk Leipzig sagt: »Man wird überhaupt nicht mehr schlau, aber eins stehe fest, dass der Russe die Triebfeder ist. Er ist eine starke Macht und nimmt die kleinen Staaten genauso unter die Diktatur wie Hitler. Er drängt sich nach der Herrschaft in ganz Europa und bestimmt, wie sich die kleinen Staaten zu verhalten haben.«

  • Im Gespräch über die Verstaatlichung des Sues-Kanals sagte eine Verkäuferin in Potsdam: »Wenn es einen Krieg geben sollte, kann ich nur sagen: die Hauptsache, dass der Krieg nicht bei uns ist, die da unten sollen sich selbst einig werden.«

  • Der Bürgermeister einer Gemeinde im Kreis Jüterbog, [Bezirk] Potsdam, sagte zur Verstaatlichung des Sues-Kanals: »Man sollte den Engländern den Sues-Kanal ruhig wiedergeben.«

  • Ein Heizer von der Werkzeugmaschinenfabrik Zerbst, [Bezirk] Magdeburg, Mitglied der SED, ist der Ansicht, »dass die Westmächte einen Anspruch auf den Sues-Kanal haben, da er durch diese gebaut wurde.«

Ökonomische Probleme

Die schon in den letzten Berichten mehrfach gemeldeten Materialschwierigkeiten sind auch in dieser Berichtsperiode in starkem Maße zu verzeichnen. Besonders in Erscheinung traten diese Schwierigkeiten wiederum in der Metall verarbeitenden Industrie, der Textil- und Bauindustrie.

Neben Materialschwierigkeiten gibt es eine Reihe von Betrieben, in denen Auftragsmangel und Absatzschwierigkeiten bestehen. Dadurch tritt Unzufriedenheit unter den Beschäftigten ein, da die Betriebe gezwungen sind, Umbesetzungen von Arbeitskräften vorzunehmen und zum Teil auch Entlassungen aussprechen müssen. Dazu folgende Beispiele:

  • Dem VEB Gerätebau Oranienburg, [Bezirk] Potsdam, sind die eingeplanten Aufträge an Aluminiumartikeln nicht erteilt worden, sodass die Kollegen nicht ausgelastet werden können. Die Arbeiter werden mit Umbauarbeiten beschäftigt und einige Facharbeiter mussten sogar entlassen werden.

  • Der VEB Mühlenwerke Potsdam muss wahrscheinlich Ende September 1956 stillgelegt werden, da der Plan bereits erfüllt ist und keine weiteren Aufträge erteilt werden. Die Potsdamer Mühle ist eine der rentabelsten und modernsten Mühlen und hat viele Abnehmer, wie z. B. HO und Konsum. Außerdem müssten bei einer Stilllegung der Mühle täglich ca. 1 000 DM Lohnkosten an die Arbeiter ausgegeben werden. Trotzdem das zuständige Ministerium über diese Dinge unterrichtet wurde, sind bis jetzt noch keine diesbezüglichen Maßnahmen eingeleitet worden.

  • Im VEB Schiffswerft Dresden-Übigau liegen für das Jahr 1957 noch keinerlei neue Aufträge von Schiffbauten vor. Es besteht im Werk noch keine Übersicht, was nach Auslieferung der noch zu fertigenden Motorgüterschiffe und des Oder-Eisbrechers produziert werden soll. Die gegenwärtig geführten Verhandlungen in Moskau zwecks Abschluss neuer Lieferverträge verliefen bisher ergebnislos. In den Kreisen der Intelligenz dieses Betriebes herrscht eine gewisse Unzufriedenheit, weil von keiner verantwortlichen Stelle gesagt werden kann, dass die Produktion auch für das Jahr 1957/58 ausgelastet wird.

  • Ähnliche Beispiele von Auftragsmangel wurden noch aus dem VEB Druckerei Sebnitz, [Bezirk] Dresden, dem Elektromotorenwerk Plauen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, VEB Sägewerk und Kistenfabrik Goldisthal,10 [Kreis] Neuhaus, [Bezirk] Suhl, VEB Welta-Werk Freital, [Bezirk] Dresden, und VEB Elmed Hohen Neuendorf, [Kreis] Oranienburg, [Bezirk] Potsdam, bekannt.

  • Absatzschwierigkeiten bestehen in der Aluminiumchlorid-Fabrik der Bunawerke Merseburg, [Bezirk] Halle. Dort lagern zzt. 52 Tonnen in Reserve, sodass die Lager überfüllt sind. Die 73 Belegschaftsmitglieder werden mit Putz- und Reinigungsarbeiten im Betrieb beschäftigt. Der Absatz der vorhandenen Reserven ist aufgrund der geringen Einsatzmöglichkeit des Produktes sowie der starken Konkurrenz auf dem Weltmarkt nur schwer möglich.

  • Der in der Auflösung begriffene VEB Kinderfahrzeuge Großschönau, [Kreis] Zittau, [Bezirk] Dresden, hat noch im Werte von 20 000 DM Elastic-Reifen verschiedener Größen für Kinderfahrzeuge aller Art liegen. Diese Reifen sind in der gesamten Republik allen zuständigen Stellen angeboten worden, werden aber von keiner Stelle abgenommen. Der Kollege, welcher mit den Abwicklungsarbeiten zur Auflösung des Betriebes beauftragt ist, hat den Auftrag erhalten, alle Reifen zu vernichten. Des Weiteren liegen im Betrieb für die gleiche Menge Reifen die dazugehörenden Kunststoffräder, welche ebenfalls mit vernichtet werden sollen.

  • Weiterhin wurden noch Absatzschwierigkeiten aus dem VEB Volltuch Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam, und dem VEB Ölwerken Wittenberge, [Kreis] Perleberg, [Bezirk] Schwerin, bekannt.

Große Schwierigkeiten bestehen in einer Anzahl von VEB durch Arbeitskräftemangel. Gleichzeitig wirken sich z. T. die starken Fluktuationen von Arbeitskräften negativ auf die Erfüllung der Pläne aus. Die Hauptursachen der Fluktuationen sind hauptsächlich die Unzufriedenheiten über die Entlohnung. Dafür folgende Beispiele:

  • In den Betrieben der Leichtindustrie des Kreises Großenhain, [Bezirk] Dresden, nimmt die Fluktuation der Arbeitskräfte erheblich zu. So ist der Zustand zu verzeichnen, dass monatlich ca. 30 Arbeitskräfte das Dampfhammerwerk Großenhain verlassen, um sich eine neue Beschäftigung beim Objekt »Schwarze Pumpe« oder in Dresden-Klotzsche zu beschaffen.

  • In der Papierfabrik Großenhain fehlen ca. 40 Arbeitskräfte. Aufgrund der Fluktuation war man in diesem Betrieb gezwungen, bereits Rentner und Invaliden einzustellen.

  • In den VEB Verkehrsbetrieben Dresden fehlen ca. 210 Vollkräfte sowie 30 Spitzenkräfte. Um den Verkehr jedoch so gut wie möglich durchzuführen, wurden 23 Wagen aus dem Betrieb gezogen bzw. wurden 3er- und 2er-Züge und die Doppelzüge nur auf Triebwagen reduziert. Das Überbrücken der fehlenden Kräfte erfolgt durch das sogenannte »Fahren auf Dienstfrei«, welches jedoch solche Ausmaße angenommen hat, dass es nicht mehr zu vertreten ist. Im Durchschnitt fahren täglich 125 Kollegen auf frei, das sind ca. 50 % der Kollegen, die frei haben.

  • Im Bezirk des Reichsbahnamtes 7 der Reichsbahndirektion Berlin fehlen ca. 800 Arbeitskräfte. Hauptsächlich Rangierer, Stellwerks- und Zugbegleitpersonal. Die Bemühungen seitens des Reichsbahnamtes zur Kräftewerbung zeigen bisher nur ungenügenden Erfolg.

  • Im Industriewerk Ludwigsfelde, [Bezirk] Potsdam, welches zum Werkzeugmaschinenbau umgestellt wird, haben sich bereits elf gute Fachkräfte um Arbeit in anderen Werken beworben und werden voraussichtlich vom Industriewerk weggehen.

  • Weitere größere Fluktuationen und Arbeitskräftemangel wurden noch aus folgenden VE-Betrieben bekannt:

    • Starkstromanlagenbau Dresden,

    • Baustelle Altmark,11 [Bezirk] Dresden,

    • Karbid-Fabrik Bunawerke Merseburg, [Bezirk] Halle,

    • Plattenwerke Meißen, [Bezirk] Dresden,

    • Kraftverkehr Calbe, [Kreis] Schönebeck, [Bezirk] Magdeburg,

    • IKA Schaltgerätewerk Dresden,

    • Schiffswerft Roßlau, [Bezirk] Halle,

    • Sauerstoffwerk Bützow, [Bezirk] Schwerin,

    • Leuna- und Bunawerke, [Bezirk] Halle,

    • Maxhütte Unterwellenborn, [Bezirk] Gera,

    • Eilenburger Celluloid-Werk, [Bezirk] Leipzig.

Produktionsstörungen in der Zeit vom 7.9. bis 20.9.1956

  • Durch den Ausfall von Baggern, Störungen an den Absetzern und Zugzusammenstöße entstanden in den Braunkohlenrevieren Altenburg und Borna, [Bezirk] Leipzig, sowie im VEB Braunkohlenwerk Großkayna, [Kreis] Merseburg, [Bezirk] Halle, folgende Ausfälle: 143 010 cbm Abraum, 15 582 t Rohkohle, 918 t Brikett. Der finanzielle Schaden an Maschinen und Geräten beträgt 283 359 DM. Die größten Störungen, Schäden und Ausfälle wurden aus dem BKW Deutzen, [Kreis] Borna, Rositz, [Kreis] Altenburg, Regis, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, Großkayna, [Kreis] Merseburg, [Bezirk] Halle, bekannt.

  • Im VEB Tischfabrik [Groß]röhrsdorf, [Kreis] Bischofswerda, [Bezirk] Dresden, mussten am 8.9.1956 die Arbeitskräfte nach Hause geschickt werden, da keine Kohlen vorhanden waren. Der Betrieb bezieht die Rohkohle aus der Grube »Heide« (Wiednitz). In dieser Kohle ist ein großer Teil Sand enthalten, dadurch wurde der neugebaute Kessel vollkommen verschlackt, sodass er am 8.9.1956 zwecks Reinigung außer Betrieb genommen werden musste.

  • Am 18.9.1956, gegen 11.55 Uhr, musste im VEB Zellstoff- und Papierfabrik [Rosenthal] in Blankenstein, [Bezirk] Gera, eine Turbine abgeschaltet werden. Dadurch war der ganze Betrieb stillgelegt. Ursache war ein Stromüberschlag im Schalter der 500-V-Leitung, der durch nicht einwandfreie Isolierung verursacht wurde. Es entstand ein Schaden von insgesamt 18 000 DM.

  • Am 6.9.1956 kam es im Kaliwerk »Einheit« Dorndorf, [Kreis] Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, durch Seilbahnriss zwischen Dorndorf12 und Springen zu einer Produktionsstörung. Schaden: 10 Stunden, 2 000 t Rohsalz.

  • Am 6.9.1956 blieb auf dem Schacht 207 – Aue – der Förderkorb auf der Sohle minus 60 hängen. Die Untersuchungen ergaben, dass sich die Schwenkbühne unter dem Boden der oberen Schale festgeklemmt hatte und somit den Korb nicht freigab. Produktionsausfall: zehn Stunden.

  • Am 2.9.1956 blieb im Schacht 66 – Aue – der Förderkorb hängen. Dadurch entstand ein Förderausfall von zwölf Stunden.

  • Am 3.9.1956 fiel durch die Fahrlässigkeit eines Arbeiters im ECW Eilenburg der Kalander13 1 im Decelith14-Betrieb aus. Der Arbeiter hat durch Unachtsamkeit ein Messer, was für das Abschneiden der Folien benötigt wird, in die Walze des Kalanders fallen lassen. Der Abdruck des Messers blieb auf der Walze zurück. Es musste eine neue Walze eingebaut werden. Es entstand ein Produktionsausfall von 10 t Folien sowie ein Stillstand des Kalanders von ca. 36 Stunden. Der Schaden beträgt 38 000 DM.

  • Am 18.9.1956 in der Zeit von 10.30 Uhr bis 16.30 Uhr mussten die Rohöfen 3 und 4 sowie die Blasendestillation im VEB »Vorwärts« Webau,15 [Kreis] Höhenmölsen, [Bezirk] Halle, wegen Reißens der Gasleitung vorübergehend außer Betrieb genommen werden. Bei Abbrucharbeiten in der alten Schwelerei war durch eine einstürzende Mauer die Gasleitung zerstört worden. Es entstand ein Sachschaden von 125 000 DM. Der Produktionsausfall beträgt 20 000 DM.

Brände entstanden

  • Am 6.9.1956 brach in die Autogaragen eines Fuhrunternehmers in Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ein Brand aus. Die Brandursache konnte noch nicht festgestellt werden. Es wurde vernichtet: eine Wellblechgarage für sechs Fahrzeuge, eine massive Werkstatt, ein 3-t-Lkw, ein Leichtmotorrad und die Werkstattausrüstung. Der Schaden beträgt ca. 25 000 DM.

  • Am 1.9.1956 kam es in der Werkzeugmaschinenfabrik Zerbst, [Bezirk] Magdeburg, durch unvorschriftsmäßiges Verschließen der Feuerungsklappe zu einem Brand. Durch übermäßiges Heizen setzten sich die Holzbalken des Kohlebunkers in Brand. Brandschaden ca. 500 DM.

  • Am 10.9.1956 entstand im VEB Dachziegelwerk Jatznick,16 [Kreis] Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg, ein Brand. Die Ermittlungen ergaben eine Selbstentzündung von Kohlenstaub. Schaden ca. 1 000 DM.

  • Am 15.9.1956 brannte auf dem Gelände des Krankenhauses Brandenburg-Görden, [Bezirk] Potsdam, ein Materialschuppen der Bau-Union Potsdam. Ursache: Selbstentzündung der neben dem Schuppen lagernden 20-t-Rohbraunkohle. Schaden: 400 DM.

  • Am 6.9.1956 brach im VEB Textilveredelungswerk, Werk 1, Gera, im Trockenraum ein Brand aus. Ursache: Lösen einer Trommelseite. Schaden: 500 DM.

  • Am 3.9.1956 entstand im Großkraftwerk Hirschfelde, [Kreis] Zittau, [Bezirk] Dresden, ein Brand am Motor der Warmwasserpumpenstation. Ursache: vermutlich Kurzschluss. Sachschaden 5 000 bis 6 000 DM. Produktionsausfall entstand nicht.

  • Am 7.9.1956 um 6.15 Uhr explodierte im Umspannwerk Remptendorf, [Kreis] Lobenstein, [Bezirk] Gera, ein Spannungsumwandler von 220 000 Volt und brannte durch. Ursache: Kurz- bzw. Erdschluss. Totalschaden 11 500 DM, Stromausfall von 6.15 Uhr bis 9.50 Uhr.

Versorgung der Bevölkerung

In dieser Berichtsperiode gibt es weiterhin Schwierigkeiten in der Versorgung vor allem mit HO-Butter, HO-Margarine, Obst und Gemüse, Kartoffeln und HO-Zucker.

Die Versorgung mit HO-Butter ist in den Bezirken nach wie vor unzureichend, sodass es vor den Geschäften auch weiterhin zu Schlangenbildungen kommt. So stellt sich die Bevölkerung in Altenburg, [Bezirk] Leipzig, montags schon um 8.00 Uhr an den Geschäften an, weil bekannt geworden ist, dass jeweils montags gegen 10.00 Uhr die HO-Geschäfte mit Butter beliefert werden. Im Monat August konnte in Wurzen, [Bezirk] Leipzig, der Bedarf an HO-Butter nur zu ca. 40 % gedeckt werden. Auch in Schellerhau, [Kreis] Dippoldiswalde, [Bezirk] Dresden, gibt es teilweise für die Urlauber selbst auf Marken keine Butter. Die HO und der Konsum bekommen für den Ort 10 kg ausgeliefert. Im Bezirk Cottbus gibt es besonders in den Schwerpunktkreisen wie Hoyerswerda Schwierigkeiten.

Die Kartoffelversorgung, besonders in den Bezirken Neubrandenburg, Frankfurt/O., Dresden, Gera, Halle, Magdeburg, Karl-Marx-Stadt, Potsdam und Suhl ist noch immer nicht restlos sichergestellt. So berichtet der Bezirk Neubrandenburg, dass im Kreis Demmin der Handel nicht in der Lage ist, den Bedarf der Bevölkerung an Speisekartoffeln zu befriedigen. Die VEAB hat seit ca. zehn Tagen (Meldung vom 17.9.1956) keine Kartoffeln mehr ausgeliefert, weil diese alle Speisekartoffeln verladen muss, da noch ein erheblicher Rückstand in der Ausfuhr besteht. In den nächsten 14 Tagen ist nicht damit zu rechnen, dass dieser Rückstand aufgeholt wird. In Rudolstadt, [Bezirk] Gera, bilden sich ebenfalls Schlangen vor den Kartoffelgeschäften. Im Bezirk Halle gibt es besonders in den Kreisen Köthen, Naumburg, Gräfenhainichen, Bernburg, Dessau, Artern, Zeitz sowie Wittenberg Schwierigkeiten. In Dessau gibt es besonders in den Betriebsküchen Schwierigkeiten.

Im Bezirk Potsdam gibt es in der Kartoffelversorgung besonders in den Kreisen Jüterbog, Belzig, Neuruppin, Kyritz, Pritzwalk und Wittstock Schwierigkeiten. Diese Kreise sind Ausfuhrkreise für andere Bezirke und da die Ausfuhrverpflichtungen nicht erfüllt wurden, wurde auf Anweisung des Vorsitzenden des Rates des Bezirkes die Eigenversorgung gesperrt. In einigen Orten, wie z. B. Borkheide und Borkwalde, Kreis Belzig, gibt es schon seit ca. zehn Tagen keine Kartoffeln mehr. In fast allen Städten und Gemeinden des Bezirkes Potsdam kommt es bei Anlieferung von Kartoffeln zu Schlangenbildungen. Die Bevölkerung ist sehr unzufrieden. In den Rathenower Optischen Werken erschienen mehrere Kolleginnen bei der BGL und forderten, dass diese sich dafür einsetzt, dass sie Kartoffeln bekommen, da es nach Feierabend keine mehr gibt und wenn [doch], sie es sich nicht erlauben können, noch stundenlang anzustehen. Die Abteilung Handel und Versorgung teilte der BGL in diesem Zusammenhang lediglich mit, dass sie die Kollegen aufklären müssen, dass die Getreideernte jetzt im Vordergrund steht.

Die Belieferung mit Obst und Gemüse ist bei Weitem nicht ausreichend. Sehr stark ist die Nachfrage nach Tomaten, Gurken, Obst und Südfrüchten. Deshalb bilden sich bei der Anlieferung dieser Waren vor den Verkaufsständen lange Schlangen. Aus dem Bezirk Halle wird berichtet, dass in fast allen Kreisen Obst und Gemüse fehlt. Durch die schlechte Ernte bei Gurken bietet der Privathandel den Bauern Überpreise (fast das Vierfache) an. Weiter wurde aus Heldrungen, [Kreis] Artern, bekannt, dass dort während der Obst- und Gemüseernte der »Schwarzhandel« blüht. Die Aufkauforgane und der Großhandel bekommen deshalb in nur ganz geringem Umfange Obst und Gemüse, insbesondere grüne Gurken, geliefert. Dagegen bekommen private Aufkäufer, vorwiegend aus dem Thüringer Wald, Karl-Marx-Stadt, Zwickau und Halle, zu erhöhten Preisen Gemüse. In Heldrungen konnte z. B. ein Bürger in der dortigen Gastwirtschaft nach einigen Schnaps- und Bierlagen 50 Ztr. Gurken und 50 Schock17 Zwiebeln aufkaufen, obwohl für Heldrungen Zwiebelrodeverbot bestand. Abschließend kann bemerkt werden, dass unter der Bevölkerung allgemein darüber gesprochen wird, dass in den privaten Geschäften das Angebot an Obst und Gemüse weit besser als in den HO bzw. KG ist. Weiterhin ist jedoch festzustellen, dass es aber wegen der hohen Preise für Obst und Gemüse unter der Bevölkerung Verärgerung gibt.

Aus den Bezirken Halle, Suhl, Cottbus, Potsdam und Frankfurt/O. wird berichtet, dass wieder Schwierigkeiten in der Versorgung mit HO-Margarine bestehen. Im Bezirk Suhl gibt es besonders Schwierigkeiten in den Kreisen Ilmenau, Neuhaus und Bad Salzungen. Das löst vor allem unter den Arbeitern in der Kaliindustrie negative Diskussionen aus. Im Bezirk Cottbus ist die Belieferung mit Margarine auf HO- und Markenbasis schlecht. Im Bezirk Halle fehlt Margarine, besonders in den Kreisen Hettstedt, Eisleben, Zeitz, Nebra und Aschersleben. In Gransee, [Bezirk] Potsdam, gibt es nur an zwei Tagen in der Woche Margarine. Ähnlich ist es auch in anderen ländlichen Gemeinden des Kreises Oranienburg.

In den Bezirken Cottbus, Halle, Magdeburg, Potsdam und Leipzig gibt es unter den Arbeitern wieder negative Diskussionen über den Mangel an Fahrradketten.

Diskussionen zur Versorgungslage

Die oben angeführten Mängel in der Versorgung riefen unter der Bevölkerung die bereits des Öfteren berichteten negativen Diskussionen über die Versorgungslage in der DDR hervor. Als Hauptargument wird immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass elf Jahre nach Kriegsende solche Pannen in der Versorgung nicht mehr vorkommen dürften. Sehr oft werden auch Vergleiche mit Westdeutschland angeführt und erklärt, dass dort, sei es Kartoffeln oder Butter, alles reichlich vorhanden sei und man vor den Geschäften keine Schlangen sehen würde.

Bemerkenswert ist, dass sich die Bevölkerung über die Abschaffung der Lebensmittelkarten sehr viel Gedanken macht. Das beweisen die Diskussionen, wo zum Ausdruck gebracht wird, dass es unverständlich sei, bei der derzeitigen schlechten Versorgung noch die Marken abzuschaffen. Wenn das geschehen würde, würde die Bevölkerung überhaupt nichts mehr bekommen. So wird z. B. in den Kreisen Hettstedt, Eisleben, Zeitz, Nebra und Aschersleben, [Bezirk] Halle, die Meinung vertreten, dass man bei der gegenwärtigen Versorgung noch nicht an die Aufhebung der Lebensmittelkarten denken sollte, da die Belieferung mit einzelnen Waren noch völlig unzureichend ist und sich im nächsten Jahr die schlechte Ernte erst recht bemerkbar machen würde. In der Gemeinde Goyatz, [Kreis] Lübben, [Bezirk] Cottbus, bringt die Bevölkerung zum Ausdruck: »Was wird erst werden, wenn wir keine Marken mehr haben, dann müssen wir alle verhungern.« In einer Mitgliederversammlung der NDPD in Glauchau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurde von einigen Mitgliedern die Frage gestellt, ob die Aufhebung der Lebensmittelkarten überhaupt gewährleistet sei, um dann die Bevölkerung ausreichend mit Butter zu beliefern.

Einige Beispiele wurden in diesem Zusammenhang bekannt, wo versucht wurde, Lebensmittel aufzukaufen, um diese für das nächste Jahr aufzuheben. Es wird angenommen, dass es im nächsten Jahr durch die Aufhebung der Lebensmittelkarten noch weniger als bisher zu kaufen gibt bzw. dass die Preise ansteigen würden. So versuchten z. B. in Plauen Hausfrauen, Kernseife und Seifenpulver auf »Vorrat« zu kaufen, weil man annimmt, dass die Preise im nächsten Jahr ansteigen werden. In der Gemeinde Hohenleipisch, [Kreis Bad] Liebenwerda, [Bezirk] Cottbus, wecken Hausfrauen Lebensmittel ein, weil sie Angst haben, dass es im nächsten Jahr ohne Marken nichts mehr geben würde. Im Kreis Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, wird durch ein kursierendes Gerücht verstärkt Mehl aufgekauft. Es wird behauptet, dass die diesjährige Ernte schlecht würde, man müsste sich schon jetzt einen Vorrat schaffen.

Verderb von Waren

Vom Rat des Kreises Pirna, [Bezirk] Dresden – Abteilung Handel und Versorgung –, wird bekannt, dass vom Großhandelskontor verdorbene Bockwürste im Glas lastwagenweise in die Fleischmehlfabriken Pirna gebracht werden. Bereits in den Monaten Juli wurden 160 Glas und im August 43 Glas als verdorben in die Fleischmehlfabrik Pirna gegeben. Die Ursache des Verderbes liegt in der Produktion. Nach Angaben des Großhandelskontors bestehen diese Schwierigkeiten schon längere Zeit, aber eine Veränderung wurde vonseiten des Betriebes noch nicht vorgenommen.

Wie aus dem Kreis Eisleben, [Bezirk] Halle, bekannt wurde, häufen sich in letzter Zeit die Fälle, wo Wurstwaren (Konserven) von den volkseigenen Betrieben Halberstadt, Gera und Greußen vor Ablauf der Garantiezeit verderben und dadurch erhebliche Mengen verworfen werden müssen. Bei Bockwurst z. B. zersetzt sich das Wurstgut im Glas und die darin befindliche Lage wird trübe. So sind z. B. in den vergangenen acht Tagen beim Konsum neun Glas Würstchen, 25 Glas Rotwurst und beim HO sechs Glas Würstchen mit je 25 Stück sowie 17 Glas Rot- und Leberwurst vernichtet worden. Im Kreis Saalfeld, [Bezirk] Gera, wurden in Verkaufsstellen Bockwürste in Gläsern (aus Halberstadt und Eisenberg) zurückgegeben, weil sie schlecht waren. Ebenso Gläser mit Hausmacherrotwurst. Die angegebene Haltbarkeitsgrenze war noch nicht erreicht.

Laut Angaben eines privaten Fleischermeisters aus Dargun, [Kreis] Malchin, [Bezirk] Neubrandenburg, sollen in den dortigen Fleischproduktionsstätten des Konsums folgende Zustände herrschen: In Abständen wird Wurst hergestellt, zum Beispiel Jagdwurst aus Fleischbeständen, die schon so lange hängen, dass sie grau und normalerweise nicht mehr genießbar sind. Der Speck und Schinken, der auf dem dortigen Räucherboden hängt, ist von Maden zerfressen. Beim Berühren der o. a. Lebensmittel fallen die Maden auf den Fußboden. Beim Kochen von Leberwurst schwammen die Maden auf der Brühe, die Gehilfen ekelten sich die Leberwurst abzuschmecken. Sie zwangen den dort beschäftigten Lehrling hierzu. Wiederholt haben Käufer das Fleisch zurückgebracht, da dasselbe von Maden durchsetzt war.

Die Fleischereigenossenschaft Glauchau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, erhielt am 17.9.1956 zwei Waggons Schweinefleisch aus der Volksrepublik Rumänien. Da in den Waggons keine Ventilatoren eingebaut waren, betrug die Temperatur 5 Grad Plus, sodass das Fleisch schmierig wurde und der Abdeckerei zugeführt werden musste.

Ende August 1956 erhielt der Rat des Kreises Stadtroda, [Bezirk] Gera, von der DHZ (Import) in Erfurt 80 Kisten Butter zu je 25 kg. 35 Kisten waren offen und die Butter verdorben, sodass sie nicht für den menschlichen Genuss freigegeben werden konnte. Es handelt sich um Butter aus der Sowjetunion mit dem Stempel August 1956.

Zur Lage in der Landwirtschaft

Aus einigen Bezirken wird berichtet, dass die Getreideernte bis auf einige Flächen abgeschlossen ist. Schwierigkeiten gibt es z. B. noch in den Gebirgskreisen des Bezirkes Karl-Marx-Stadt. Im Kreis Schwarzenberg sind durch die schlechte Witterung erst 60 % des Getreides gemäht und 31,3 % eingefahren worden. Im MTS-Bereich Schmölln, [Bezirk] Leipzig, sind noch 72 ha Weizen mit dem Mähdrescher abzuernten. Rückstände bei der Einbringung der Ernte gibt es auch noch im Bezirk Magdeburg, vor allem in den von Hochwasser überschwemmten Gebieten der Altmarkkreise. Im Bezirk Leipzig und Dresden sind die Felder noch nicht restlos vom Stroh geräumt worden. Dadurch gibt es Schwierigkeiten bei der Herbstbestellung im Zwischenfruchtanbau. Das ist darauf zurückzuführen, dass noch nicht überall das Fließbandsystem angewendet wird.

Als Hauptproblem kann auch in dieser Berichtsperiode die Ersatzteil- und Materiallage angesehen werden. Hier gibt es die gleichen Mängel wie bereits des Öfteren berichtet. So fehlten z. B. in Bautzen, [Bezirk] Dresden, Ersatzteile für Räum- und Sammelpressen. Weiterhin können vom VEB Fortschritt Sebnitz keine Ersatzteile für Grasmäher geliefert werden wie z. B. 500 Stück Messerklingen, 20 Messerköpfe, 20 Satz Messerkopfstände und 30 Stück hintere Führungsplatten für die Messerkopfführungen. In der MTS Schönfeld, [Kreis] Großenhain, [Bezirk] Dresden, waren von 24 Anbaumähbalken nur zehn zur Grummetmahd18 einsatzbereit, weil keine Ersatzteile wie Messerköpfe, Klingen und Fingern vorhanden waren.

Unter den Bauern herrscht über die Arbeit der VEAB große Verärgerung, weil diese das Getreide, das einen höheren Feuchtigkeitsgehalt hat, nicht abnimmt, sodass die Bauern das Getreide wieder mit nach Hause nehmen müssen. So sind z. B. die Bauern von Herrengosserstedt, [Kreis] Naumburg, [Bezirk] Halle, sehr empört, weil die VEAB Butterstedt19 Getreide mit über 20 % Feuchtigkeit nicht abnimmt. Ähnlich ist es noch in den Bezirken Suhl, Schwerin, Potsdam, Karl-Marx-Stadt. Die VEAB können das Getreide vor allem deshalb nicht abnehmen, weil sie nicht genügend Trocknungsanlagen haben. Außerdem fehlen auch Arbeitskräfte, die das Getreide umschaufeln.

Diskussionen über den Anbauplan 1957

Aus den Bezirken Dresden, Leipzig, Magdeburg, Potsdam und Gera wird berichtet, dass es gegenwärtig unter den Bauern Diskussionen über den neuen Anbauplan für 1957 gibt. Die Bauern sind im Allgemeinen nicht damit einverstanden, dass die Anbauflächen für Kartoffeln und Futter im Verhältnis zum vorangegangenen Jahr gekürzt werden sollen. In den Diskussionen wird zum Ausdruck gebracht, dass es nicht richtig sei, die Futterflächen zu kürzen, da der größte Teil der Bauern sehr viel Vieh besitze, für das dann im Winter keine Futtermittel vorhanden wären. Beim Rat des Kreises Döbeln, [Bezirk] Leipzig, gingen deshalb bisher 20 Einsprüche ein, wobei man sich auf das 28. Plenum beruft, wo von der Partei und Regierung die Erhöhung des Lebensstandards proklamiert wurde. In der Gemeinde Prösitz, [Kreis] Grimma, [Bezirk] Leipzig, ist der größte Teil der Bauern ebenfalls nicht damit einverstanden und erklärt, dass die Bauern dadurch nicht in der Lage seien, die Ziele des 28. Plenums zu verwirklichen, da doch die Futterfläche die Grundlage für die Steigerung der tierischen Produktion sei. In einer Bauernversammlung in der Gemeinde Oberarnsdorf, [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, sprachen sich alle zwölf anwesenden Bauern gegen eine Kürzung der Futterflächen aus. Sie erklärten, dass sie dann nicht in der Lage seien, die tierische Produktion zu steigern. Von ca. 20 Gemeinden des Kreises Döbeln, [Bezirk] Leipzig, wurde abgelehnt, die Anbaupläne nach der neuen Linie aufzuschlüsseln.

Vor allem gibt es unter den Groß- und Mittelbauern darüber Diskussionen, die den Zwischenfruchtanbau ablehnen. In Bauernversammlungen der Gemeinden Buch und Weißewarte, [Kreis] Tangerhütte, [Bezirk] Magdeburg, lehnten die Bauern die Planvorschläge für die Anbauflächen ab. Im Kreis Eisenberg, [Bezirk] Gera, diskutieren die Einzelbauern über den Anbauplan größtenteils negativ.

Diskussionen über die Erhöhung der Preise für Getreide im freien Aufkauf20

Diese Maßnahme löste unter den Bauern in den Bezirken Potsdam und Rostock Diskussionen aus. Es wird jetzt die Meinung vertreten, dass man mit den Getreidepreisen besser zurechtkomme, wenn man weniger Schweine hält und dafür lieber mehr Getreide verkauft. Es wird ungefähr wie folgt argumentiert: »Jetzt können wir unser Geld leichter verdienen, nachdem die Preise für den freien Aufkauf von Getreide erhöht wurden. Ich füttere kein Schwein mehr, denn wenn ich für die Tonne Roggen 750 DM bekomme, spare ich viel Arbeit.«

Im ÖLB21 Kublank, [Kreis] Strasburg, [Bezirk] Neubrandenburg, lagert auf verschiedenen Scheunentennen Korn, das infolge zu hoher Feuchtigkeit teilweise schon ausgewachsen ist. Mit dem Umschaufeln des Getreides wurde zu spät begonnen, sodass es nur noch als Futtergetreide verwendbar ist.

Die LPG Klein Kiesow, [Kreis] Greifswald, [Bezirk] Rostock erhielt von der BHG Groß Kiesow, [Kreis] Greifswald, 40 Ztr. Weizenkleie und 16 Ztr. Rindermischfutter, das von Maden durchsetzt war. Bei einem Einzelbauern aus Schlagtow, [Kreis] Greifswald, sind nach der Fütterung mit dieser Kleie die Kühe erkrankt und ein Schaf eingegangen. Vonseiten der BHG sind entsprechende Maßnahmen eingeleitet worden. Die BHG Groß Kiesow, [Kreis] Greifswald, erhielt von dem Mühlenwerk Wurzen, [Bezirk] Leipzig, diese Weizenkleie und das Rindermischfutter.

Aus dem Kreis Döbeln, [Bezirk] Leipzig, wird bekannt, dass in den BHG Gleisberg und Roßwein ca. 15 t Kraftfutter lagern, das mit Milben durchsetzt ist. Die VdgB (BHG) wollte das Kraftfutter frei verkaufen, was aber von der Abteilung Landwirtschaft beim Rat des Kreises Döbeln nicht gestattet wurde. Jetzt, nachdem das Futter verdorben ist, können die BHG das Kraftfutter frei verkaufen. Es wurden deshalb verschiedene LPG von der BHG angesprochen. Die LPG jedoch nehmen dieses Futter nicht ab, da die Gefahr besteht, das Getreide und Vieh der LPG mit Milben zu verseuchen.

Brände in der Zeit vom 5.9. bis 19.9.1956

In der Berichtsperiode wurden insgesamt 44 Brände bekannt, davon fünf Fahrlässigkeit, elf unbekannt, elf durch Kinderhand, drei vermutliche Fahrlässigkeit, vier vermutliche Brandstiftung, drei Blitzschlag, eine Leuchtrakete, ein Defekt an der Stromleitung, einer durch Benutzen eines alten Backofens, zwei Kurzschluss, eine Selbstentzündung, einer durch Geistesgestörten, ein Defekt am Motor eines Höhenförderers.

Rostock

  • Zwei Scheunen, werktätiger Bauer, durch Leuchtrakete; Kleinbauer, Fahrlässigkeit.

Potsdam

  • ein Dachstuhl, Mittelbauer, unbekannt;

  • ein Schuppen, werktätiger Bauer, vermutlich durch Kinder;

  • drei Scheunen, LPG, durch Kinderhand; VEG, unbekannt; Kleinbauer, Fahrlässigkeit;

  • zwei Ställe, LPG, unbekannt, vermutlich Fahrlässigkeit.

Neubrandenburg

  • Eine Scheune und Maschinenschuppen, LPG, vermutlich Fahrlässigkeit.

Schwerin

  • zwei Scheunen, Mittelbauer, unbekannt und Defekt an Stromleitung;

  • ein Dachstuhl, Mittelbauer, vermutlich Fahrlässigkeit;

  • 20 Fuder Heu und Getreide, Mittelbauer, unbekannt.

Gera

  • eine Miete, Mittelbauer, Kinderhand;

  • ein Gehöft, Genossenschaftsbauer, durch Benutzen eines alten Backofens.

Dresden

  • fünf Scheunen, zwei Einzelbauern, unbekannt; VEG, unbekannt; Mittelbauer, durch Kinderhand; Obstplantagenbesitzer, unbekannt;

  • eine Scheune und Seitengebäude, Großbauer, Blitzschlag;

  • eine Feime,22 werktätiger Bauer, vermutlich Brandstiftung.

Magdeburg

  • vier Heureiter, LPG, Fahrlässigkeit;

  • eine Mühle, Müller, Kurzschluss;

  • zwei Strohmieten, LPG, Blitzschlag; Großbauer, unbekannt;

  • ein Stallboden, privater Hausbesitzer, Selbstentzündung;

  • eine Scheune, Einzelbauer, durch Kinderhand;

  • ein Schweinestall, LPG, Fahrlässigkeit;

  • ein Stall und Scheune, Gastwirt, durch Kinderhand.

Erfurt

  • Zwei Scheunen, Kleinbauer, vermutlich Brandstiftung; Kircheneigentum, vermutlich Brandstiftung.

Leipzig

  • zwei Feldscheunen, LPG, Fahrlässigkeit, durch Geistesgestörten;

  • zwei Scheunen, Großbauer, durch Kinderhand; Kleinbauer, durch Kinderhand;

  • ein Gebäude und Schuppen, LPG, unbekannt;

  • zwei Strohmieten, Kleinbauer, Brandstiftung, durch Kinderhand; Mittelbauer, Blitzschlag;

  • 100 dz Weizenstroh, auf Felde der VEG, Defekt am Dieselmotor eines Höhenförderers;

  • zwölf Fuhren Roggenstroh, auf Druschplatz, durch Kinderhand.

Karl-Marx-Stadt

  • Zwei Scheunen, vermutlich Brandstiftung, Mittelbauer, durch Kinderhand.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Industrie und Verkehr

Am 16.9.1956, gegen 7.20 Uhr, stießen in Böhlitz-Ehrenberg, [Kreis] Leipzig[-Land], zwei Straßenbahnzüge in der Karl-Marx-Straße zusammen. Bei diesem Zusammenstoß wurden 17 Personen verletzt, davon fünf Personen mittelschwer. Die beiden Straßenbahnzüge wurden z. T. schwer beschädigt. Nach den bisherigen Untersuchungen durch den Sachverständigen für Sicherungsfragen und Meldetechnik wurde festgestellt, dass die Erdleitung, welche von den Schienen zum Schalter der Signalanlage führt, durchgeschmort war.

Am 19.9.1956, gegen 18.30 Uhr, wurden im Wismut-Schacht 320, 8. Revier, 4. Sohle in Zobes, [Kreis] Plauen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sechs Bergarbeiter durch einen Erdrutsch abgeschnitten. Sofortige Rettungsaktionen wurden eingeleitet und gegen 20.15 Uhr konnten alle sechs Bergarbeiter gerettet werden.

Jugend

Jugendliche im Alter von 14 bis 20 Jahren aus Brandenburg halten sich sehr oft auf der Autobahn zwischen der Brücke Lehnin, Kreis Brandenburg, und der Brücke Reckahn, Kreis Brandenburg, auf und behindern oft den Verkehr auf der Autobahn. Vor einigen Tagen wurde ein Jugendlicher, der sich nach herausgeworfenen Bonbons bückte, überfahren. In den Schulen in Brandenburg hat es sich herumgesprochen, dass man sich auf der Autobahn leicht Geld verdienen könnte. So wurden einige Jugendliche von dem Besitzer eines westdeutschen Wagens angesprochen, ob sie ihm nicht zwölf Autoreifen von der HO in Brandenburg kaufen könnten. Weiterhin kommt es oft vor, dass die Jugendlichen von den Insassen amerikanischer Militärfahrzeuge Zigaretten usw. bekommen, um dann dafür in den Dörfern Obst usw. zu holen. Am 4.9.1956 wurden auf der o. a. Strecke ca. 32 Jugendliche angetroffen. Zu ihrem Aufenthalt auf der Autobahn gaben sie folgende Erklärung:

  • »Wir wollen uns Geld verdienen.«

  • »Wir wollen neue Autotypen kennenlernen.«

  • »Wir wollen mal sehen, wie ein Amerikaner aussieht.«

Es wurden auch Jugendliche angetroffen, die einen Fotoapparat bei sich hatten und verschiedene Autotypen fotografierten.

Kirche

Die »Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse«23 Wismut führt ständig Vorträge naturwissenschaftlichen-weltanschaulichen Charakters durch. In mehreren Fällen machte sich jedoch in der letzten Zeit eine starke Gegenpropaganda der Kirche bemerkbar. In Johanngeorgenstadt wurde z. B. ein ganzer Gegenzyklus von »Volksmissionsvorträgen« mit gleichen Themen durchgeführt. Als in Affalter bei Aue von der Gesellschaft ein Vortrag [von] Dr. Sadrawetz über das Thema »Gibt es ein Weiterleben nach dem Tode« gehalten wurde, veranstaltete die Kirche in Affalter eine Woche danach einen ähnlichen Vortrag. Dasselbe ist aus Geyer bekannt.

Übrige Bevölkerung

Im Kreis Sonneberg, [Bezirk] Suhl, gibt es noch immer Diskussionen, wo die Eröffnung des Kontrollpunktes Hönbach gefordert wird.24 Z. B. erklärte auf einer Parteiaktivtagung im VEB Porzellanwerk Neuhaus-Schierschnitz25 Genosse [Name 1], dass es sehr schlecht ist, wenn ein Arbeiter für zwei bis drei Tage seine Verwandten in Neustadt oder Umgebung besuchen will, dass er dann zwei Tage Urlaub mehr braucht, weil die Reise über den Kontrollpunkt Probstzella so umständlich ist.26 Auch aus dem Kreis Bad Salzungen sind ähnliche Diskussionen bekannt. U. a. äußerte ein höherer Geistlicher der katholischen Kirche aus dem Rhöngebiet, dass die Bevölkerung der Rhön im Allgemeinen die Meinung vertritt, dass aufgrund der letzten Volkskammersitzung auch eine Erleichterung der Grenzübertritte in der Rhön möglich sein müsste. Man sollte in der Rhön ein bis zwei kleinere Grenzübergangspunkte schaffen. Man müsste einen Umweg von 100 km machen, wenn man einen Verwandten, den man früher mit 20 Minuten Weg erreichen konnte, besuchen will.

In den letzten Tagen schreibt das DRK-West (Suchdienst), Berlin-Dahlem, an Personen in der DDR, die ehemals in westlicher Kriegsgefangenschaft waren. In den Briefen wird mitgeteilt, dass die seinerzeit (für in der Kriegsgefangenschaft geleistete Arbeit) ausgegebene Guthabenbescheinigung über …27 Dollar bald eingelöst werden kann. Die Auszahlung bedarf jedoch noch einer Überprüfung durch die zuständige Stelle (?) [sic!] Die Empfänger der Briefe werden gebeten, ihre Bescheinigung per Einschreiben an die Berliner Bank A.G. | Depositenkasse 24 | Berlin-Steglitz | Schloßstraße 102/3 zu senden, welche die Überprüfung veranlassen und danach Kenntnis geben wird. Von einer Reise nach Berlin oder von Rückfragen ist abzusehen, ehe nicht eine endgültige Benachrichtigung vorliegt.

Durch den Leiter des VEB Jasmatzi Dresden wird bekannt, dass erneut die Produktion einer Zigarettensorte anlässlich des »13. Oktober« geplant ist.28 Es wird die Meinung vertreten, dass die beteiligten Ministerien noch keine Schlussfolgerungen aus den bisher gemachten Fehlern gezogen hätten, weil bereits die Produktion der Zigaretten »1. Mai« und »Vorwärts« zu starken Überplanbeständen geführt hätte. Es wäre deshalb wichtig, dass einmal Maßnahmen getroffen werden, wie die Überplanbestände beseitigt werden. Bei der geplanten Sonderproduktion für »13. Oktober« soll es sich um keine Verbesserung der Qualität handeln, sondern um eine Zigarettensorte der Preisklasse II.

Anlage vom 21. September zum Informationsdienst Nr. 18

Feindtätigkeit in der Zeit vom 7.9. bis 20.9.1956

Die Feindtätigkeit in der Berichtszeit erstreckt sich hauptsächlich auf das Anschmieren von Hetzlosungen, Hakenkreuzen, Abreißen von Fahnen u. Ä. sowie Gerüchteverbreitung. Hetzlosungen sind im Bezirk Halle (4 Fälle), Magdeburg und Leipzig (je 3 Fälle), Suhl (2 Fälle), Berlin, Dresden, Erfurt und Rostock (je ein Fall) festgestellt worden. Zu dem Fall im Bezirk Erfurt muss gesagt werden, dass in der Ortschaft Kleinballhausen, [Kreis] Langensalza, an ca. 20 Häusern Hetzlosungen angeschmiert wurden, die folgenden Wortlaut hatten:

  • »Freiheit für KPD und SPD«,

  • »Freie Wahlen«,

  • »Freiheit für SPD«,

  • »Iwan und Ami hau ab, go home«,

  • »Ost und West – ein Deutschland«.

Unterschrift: »Komitee freies Europa«.29

Hakenkreuze wurden an der Toreinfahrt des VEG und der LPG in Siersleben, [Kreis] Eisleben, [Bezirk] Halle, im VEB Dampfkesselbau Aken, [Bezirk] Halle, im VEB Geräte- und Reglerwerk Teltow, [Kreis] Potsdam-Land, angeschmiert. Des Weiteren stellte eine Bürgerin aus Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam, auf einem 1-DM-Stück (Hartgeld) zwei eingeritzte Hakenkreuze fest.

Abreißen von Fahnen

  • Im Bezirk Rostock und in Berlin-Pankow wurde je eine schwarz-rot-goldene Fahne abgerissen.30

  • Am 14.9.1956 wurde im VEB Kofferwerk Neukirch,31 [Kreis] Bischofswerda, [Bezirk] Dresden, eine Girlande, welche um ein Lenin-Bild hing, angebrannt. Am gleichen Tag beschädigten unbekannte Täter das Sowjetische Ehrenmal in Pirna, [Bezirk] Dresden.

  • In Flatow, [Kreis] Oranienburg, [Bezirk] Potsdam, wurden von den dort niedergelegten Kränzen der SED und LPG die Schleifen abgerissen. Als Täter konnte der [Vorname Name 2], wohnhaft in Flatow, ermittelt werden. In der Vernehmung gab [Name 2] zu, in der Vergangenheit ständig Plakate der Nationalen Front32 und der SED in Flatow abgerissen zu haben.

  • In der Gemeinde Grünheide, [Kreis] Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/O., wurden die Ketten des dortigen VVN-Denkmals ausgehängt und zu Boden geworfen. Weiter entwendeten die Täter eine Fahnenstange und erbrachen einen Schaukasten der BSG. Täter vermutlich Jugendliche.

Gerüchte

  • In Berlin, »dass bei einer Wiedervereinigung Deutschlands die Ostmark entwertet wird und dass Spareinlagen auf den Sparkassen entsprechend des Kurses der Westmark 1 : 4 entwertet werden.« Als Beweis für diese Annahme werden die Preise der HO-Geschäfte herangezogen, die angeblich drei- bis viermal höher liegen als in Westberlin.

  • In Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/O.: »In Kürze werden die Preise an die in Westdeutschland angeglichen.«

  • In Frankfurt/O.: »Die Lebensmittelkarten werden am 1.1.1957 fortfallen und die Preise für Fett und Fleisch sollen teurer werden.« In Verbindung mit diesen Gerüchten kommt es unter den Hausfrauen zu solchen Diskussionen, dass man sich dann keine Butter mehr leisten kann und die Rentner trotz einer zu erwartenden Rentenerhöhung besonders betroffen werden. Man sollte die Lebensmittelkarten bestehen lassen und sie rationsmäßig erhöhen.

  • Unter der Landbevölkerung in der Gemeinde Heinersdorf, [Kreis] Angermünde, [Bezirk] Frankfurt/O.: »Die Oder-Neiße-Friedensgrenze bleibt nicht für immer bestehen, denn sie wird 25 km weiter nach Polen verlegt.«

  • In Ahlbeck, [Kreis] Wolgast, [Bezirk] Rostock, »dass Swinemünde wieder an die DDR zurückgegeben wird«, da die polnischen Behörden Vorbereitungen für die Übergabe zum 1.1.1957 bereits getroffen hätten.

  • In Jena-Lobeda, [Bezirk] Gera: »Die Verkaufskräfte bekämen nur noch die Lebensmittelgrundkarte.«33

  • Im VEB Waggonbau Dessau, [Bezirk] Halle in der Abteilung Holzbearbeitung, »dass Jugendliche als Kandidaten der SED geworben werden sollen, damit diese dann später durch Parteiauftrag zur Nationalen Volksarmee geschickt werden können«.

  • In Loburg, [Bezirk] Magdeburg: »Durch die Abschaffung der Ortsklassen C und D34 werden die Preise in den betreffenden Orten erhöht.«

  • In der Gemeinde Kloster-Zinna, [Kreis] Jüterbog, [Bezirk] Potsdam: »1956 werden nur zwei Zentner Einkellerungskartoffeln ausgegeben.«

  • Im Kreis Sonneberg, [Bezirk] Suhl, »dass die 1952 ausgesiedelten Personen in Kürze zurückkommen, und die Familien, die jetzt in diesen Wohnungen untergebracht sind, müssten ausziehen«.35 Dadurch herrscht unter diesen Kreisen eine starke Beunruhigung.

Ergänzungsmeldung

Ergänzend wurde uns zum Bericht vom 21.7.195636 bekannt, dass der Täter, der die Hetzlosungen im VEB Kranbau Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/O., angeschrieben hat, der Schmied [Vorname Name 3], geboren [Tag, Monat] 1938, ist.

Vermutliche Feindtätigkeit – Industrie –

  • In der Zeit vom 27.8. bis 7.9.1956 kam es im VEB (K) Ziegelwerk Rädel, [Kreis] Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, verschiedentlich zu Störungen am Tonschneider. Hervorgerufen wurden diese Störungen durch Fremdkörper (Schienennagel und Schienenlaschen): Am 3.9.1956 drei Schienennägel, eine Schienenlasche, am 6.9.1956 zwei Schienennägel, drei Schienenlaschen und ein Verbindungsstück. Am 7.9.1956 wurde eine andere Maschine desselben Werkes durch einen vorgefundenen Feldstein außer Betrieb gesetzt. Bei den Untersuchungen wurde festgestellt, dass Schienennägel und Schienenlaschen nach dem Verlegen der Gleise nicht ordentlich weggeräumt werden. Weiterhin besteht aber die Möglichkeit, dass diese Fremdkörper bewusst eingeschleust werden. Durch diese Störungen wurden ca. 100 000 Rohlinge weniger hergestellt.

  • In der Nacht zum 11.9.1956 wurden außerhalb des Werkgeländes vom VEB Schlepperwerk Nordhausen, [Bezirk] Erfurt, Teile von abgestellten Traktoren abmontiert. Auf einem Platz vor dem Werk waren 135 Traktoren zum Versand abgestellt worden. Von 17 Traktoren wurden Teile wie Ölglocken, Ölfüllstützen, Ölmaßstäbe, Luftfilter, Reglerschutzkappen, Wasserablasshähne usw. abgeschraubt und auf die Erde geworfen.

  • Am 14.9.1956 wurde im Fleischkombinat Stalinstadt, [Bezirk] Frankfurt/O., festgestellt, dass sich in der Bockwurstspritze Glassplitter befanden. Es stellte sich heraus, dass ›Unbekannt‹ ein Inko-Glas37 in die Wurstmasse in einem Mengtrog geworfen hat. Schaden: ca. 6 200 DM und ca. 10 Ztr. Wurstmasse.

  • Am 7.9.1956 wurde bekannt, dass im VEB Lokomotivbau Elektrotechnische Werke Hennigsdorf, [Bezirk] Potsdam, für den Bau von Lokomotiven für die UdSSR und China Stahl verwendet wurde, der nicht den Anforderungen entspricht. Insgesamt sind 18 Rahmen fertiggestellt und acht Rahmen vorgearbeitet, die wieder auseinandergeschweißt und verschrottet werden müssen. Ursachen der falschen Verarbeitung sind noch nicht bekannt. Der Schaden beträgt ca. 400 000 DM.

  • In der Nacht zum 6.9.1956 wurden im VEB Schleifmaschinenwerk Berlin O 1738 24 Gehäuse von Außenbordmotoren beschädigt. Die Beschädigungen wurden vermutlich mit einem Hammer vorgenommen. Täter sind nicht bekannt. Die Gehäuse können noch verwendet werden.

  • Am 27.8.1956 versuchten unbekannte Täter den Arbeitsablauf auf der Baustelle des VEB Tiefbau (Außenring) Berlin zu stören. Die Täter haben versucht, durch das Einlegen einer Mutter in das Getriebe eines Baggers diesen zu zerstören.

  • Am 29.8.1956 wurde beim Anfahren der Betriebsanlage in der Erzaufbereitung (Zeche 58 – Breitenbrunn/Johanngeorgenstadt), [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, der Walzenbrecher am Band 1 durch ein Stück Bandeisen außer Betrieb gesetzt. Nach Aussagen von Fachkräften ist es unmöglich, dass das besagte Stück auf produktionstechnischen Ablauf in den Brecher gelangen konnte. Schaden: neun bis zehn Stunden Reparaturzeit, Täter ist unbekannt.

  • In der Zeche II des Objektes 101 Wismut/Zwickau wurden an den Vorwaschmaschinen laufend Verstopfungen festgestellt. Es wurden Gummistücke in einer Breite von 7 cm und einer durchschnittlichen Länge von 30 cm gefunden. Diese Vorkommnisse traten ein: am 2.9.1956 Maschine 1, am 4.9.1956 Maschine 17, am 7.9.1956 Maschine 11, am 8.9.1956 Maschine 9, immer in derselben Schicht.

Vermutliche Feindtätigkeit – Landwirtschaft –

  • Bei einem Mähdrescher der MTS Göhlen, [Kreis] Ludwigslust, [Bezirk] Schwerin, wurde bei einem Einsatz am 30.8.1956 festgestellt, dass in der Kornschnecke eine ca. 1 m lange Brechstange eingeklemmt war. Als am anderen Morgen der Mähdrescher in die LPG Glaisin abgezogen werden sollte, sprang der Motor nicht an, weil die Batterien entladen worden waren. Nach Angaben des Fahrers sollen die Batterien am Abend vollkommen in Ordnung gewesen sein.

  • Am 2.9.1956 wurde das Bindetuch eines Mähbinders der MTS Krölpa, [Kreis] Pößneck, [Bezirk] Jena,39 vermutlich mit einem Messer beschädigt. Der Binder war auf der Straße abgestellt.

  • Am 7.9.1956 wurde in der LPG Sundremda, [Kreis] Rudolstadt, [Bezirk] Gera, festgestellt, dass sich im Körnergebläse zwischen Gebläseschaufel und dem Schutzmantel ein faustgroßer Stein und ein alter Türbeschlag befanden.

  • Am 1.9.1956 wurden in der Bereifung von einem Gespannwagen der LPG Bülstringen, [Kreis] Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg, lange Nägel festgestellt. Der Wagen war auf einem offenen Hof abgestellt. Täter unbekannt.

  • Am 14.9.1956, gegen 21.00 Uhr, brach in Großsteinberg, [Kreis] Grimma, [Bezirk] Leipzig, bei einem Großbauern im Futterstall ein Brand aus. Der Brand wurde sofort bemerkt, sodass größerer Schaden vermieden werden konnte. Eine halbe Stunde später brach im gleichen Ort unter einem Scheunenvorbau bei einem Mittelbauern ebenfalls ein Brand aus. Der Brand wurde ebenfalls sofort bemerkt und gelöscht. Die Brandursache ist in beiden Fällen unbekannt.

  • Am 6.9.1956 fiel in der MTS Rossau, [Kreis] Hainichen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ein Lanz Bulldog,40 die in der LPG Ottendorf eingesetzt war, aus. Eine ca. 6 cm lange Schraube wurde vermutlich durch das senkrechtstehende Auspuffrohr geworfen und zerschlug den Zylinder. Ein Täter konnte bis jetzt noch nicht ermittelt werden.

In der Berichtsperiode gab es zahlreiche Fälle, wo Angehörigen der Volkspolizei bei ihren dienstlichen Handlungen Widerstand geleistet wurde. Besonders stark war dies in Berlin und seitens Jugendlicher festzustellen. Einige Beispiele:

Im Vergnügungspark Alt-Stralau, [Bezirk] Berlin, wurde am 8.9.1956 eine Funkwagenstreife beim Schlichten einer Schlägerei von ca. 50 Jugendlichen tätlich angegriffen und verletzt, sodass sich zwei ambulant behandeln lassen mussten.

Der [Vorname Name 4], 20 Jahre alt, beschimpfte am 8.9.1956 im angetrunkenen Zustand einen VP-Meister und schlug ihm ins Gesicht. Noch bei der Überführung durch eine Funkwagenstreife stieß [Name 4] den VP-Meister mit dem Fuß ins Gesicht. Weitere ähnliche Fälle wurden außer in Berlin in Leipzig, Dresden und Zangenberg, [Kreis] Zeitz, [Bezirk] Halle, festgestellt.

Am 31.8.1956 wurde in Premnitz, [Bezirk] Potsdam, ein Angehöriger der Nationalen Volksarmee, der sich mit seiner Ehefrau auf dem Nachhauseweg von einer Hochzeit befand, von zwei Personen aus Premnitz belästigt und verfolgt. Dabei kam es beiderseits zu Tätlichkeiten. Die zwei Personen holten sich anschließend einen als negativ bekannten Einwohner zur Verstärkung und gingen zur Wohnung des Angehörigen der Nationalen Volksarmee, der ihnen auf ihr Klopfen hin öffnete. Es kam dort zur Schlägerei, und der Angehörige der Nationalen Volksarmee wurde später mit einer schweren Kopfverletzung und in einer Blutlache liegend im Kellergeschoss aufgefunden. Die als negativ bekannte Person wurde festgenommen und – da innerhalb von 24 Stunden keine Tatüberführung möglich war – (der Verletzte war vernehmungsunfähig) wieder entlassen.41 Alle drei wurden republikflüchtig. Sachverhalt konnte noch nicht geklärt werden. Der Überfall und noch mehr die Freilassung der Beschuldigten lösten unter der Bevölkerung umfangreiche Diskussionen aus. Z. B. »Die Einhaltung der demokratischen Gesetzlichkeit darf nicht dazu führen, dass solche Banditen straffrei ausgehen.«42; »Es ist unverantwortlich, dass solche Banditen, die offensichtlich schuldig sind, frei herumlaufen und die Möglichkeit haben, nach dem Westen abzuhauen.« Solche Vorkommnisse sind dazu angetan, das Selbstbewusstsein der Genossen der VP stark zu erschüttern.

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    21. September 1956
    Information Nr. 213/56 – Betrifft: Arbeitsniederlegung
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    18. September 1956
    Information Nr. 212/56 – Betrifft: Neue Methode des Gegners