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Zweiwochenbericht

6. Oktober 1956
Informationsdienst Nr. 19 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Die Lage in Industrie und Verkehr

Politische Diskussionen

Die Beschäftigten in den Industriebetrieben sowie in der Landwirtschaft und die übrige Bevölkerung diskutierten während der Berichtszeit folgende Probleme: Aufhebung der Ortsklassen C und D,1 Ratenzahlung in der DDR,2 28. Plenum der SED,3 Verstaatlichung des Sues-Kanals.4 Über die Frage der Ratenzahlung und zum 28. Plenum des ZK der SED erfolgten Sonderinformationen.5 Zur Frage der Verstaatlichung des Sues-Kanals wurden keine neuen Argumente bekannt.

Die Aufhebung der Ortsklassen C und D findet die volle Anerkennung bei den Arbeitern. Besonders begrüßt wird diese Maßnahme von den Arbeitern in den Privatbetrieben und im staatlichen und genossenschaftlichen Einzelhandel. Negative und pessimistische Diskussionen wurden nur vereinzelt bekannt. In diesen Diskussionen werden Befürchtungen zum Ausdruck gebracht, dass es sich nur um eine geringe Lohnaufbesserung handeln würde, die durch die Steuern und andere Maßnahmen den Arbeitern wieder verloren gingen. Dafür folgende Beispiele:

  • Ein Arbeiter aus der Zuckerfabrik Lübz, [Bezirk] Schwerin, äußerte: »Dies ist ein weiterer Schritt zur Erhöhung des Lebensstandards in der DDR«. Er verpflichtete sich, am weiteren Aufbau aktiv teilzunehmen und Kandidat der SED zu werden.

  • Der Pförtner aus dem VEB Textima Hartha,6 [Kreis] Döbeln, [Bezirk] Leipzig, brachte zum Ausdruck: »Diese Maßnahme bedeutet für uns viel, da wir noch einen niedrigen Lohn haben. Wir haben schon errechnet, dass wir im Monat 15,00 DM mehr verdienen.«

  • Der Verkaufsstellenleiter der Konsum-Genossenschaft Neuendorf,7 [Kreis] Ueckermünde, [Bezirk] Neubrandenburg, brachte zum Ausdruck: »Durch diese neue Eingruppierung erhalten wir Angestellte der Konsum-Genossenschaft einen beachtlichen Mehrverdienst. Aufgrund des schlechten Verdienstes gingen die Angestellten oft in andere Betriebe.«

Die pessimistischen Stimmen kommen in folgenden Beispielen zum Ausdruck:

  • Ein Arbeiter aus dem VEB Werkzeugfabrik Königsee, [Kreis] Rudolstadt, [Bezirk] Gera: »Wir wollen mal etwas warten, bis wir sehen, was wir bekommen und dann schicken wir erst ein Dankschreiben«.

  • Im Straßenunterhaltungsbetrieb Kyritz, [Bezirk] Potsdam, war folgende negative Tendenz zu verzeichnen. Als man die Arbeiter fragte, ob sie nun mit dem Lohn zufrieden seien, antworteten sie: »Das nächste Mal stellen wir wieder andere Forderungen.«

  • In der Stärkefabrik Kyritz bringt ein großer Teil der Arbeiter zum Ausdruck, »dass die Abschaffung der Ortsklassen C und D den Arbeitern kaum Vorteile bringe, da es sich bei der Verbesserung wahrscheinlich nur um Pfennige handeln werde«.

  • Der Wächter vom VEB Möbelfabrik Schönberg, [Kreis] Grevesmühlen, [Bezirk] Rostock, äußerte: »Die Aufhebung der Ortsklassen bedeutet für den Arbeiter doch keine Verbesserung, denn was man uns auf der einen Seite zukommen lässt, nimmt man uns auf der anderen Seite wieder weg.«

  • Ein Arbeiter aus der Privatfirma Kunststoffpresserei Bernhardt, Gräfenthal, [Kreis] Neuhaus, [Bezirk] Suhl, brachte Folgendes zum Ausdruck: »Die Aufhebung der Ortsklassen C und D wird die Lebenslage der davon Betroffenen nicht wesentlich erhöhen. Die Arbeiter werden eventuell DM 5,00 mehr Grundlohn erhalten und ein Teil davon wird wieder durch Steuern und sonstige Beiträge verloren gehen. Diese Maßnahme trägt mehr einen politischen als einen wirtschaftlichen Charakter.«

Ökonomische Probleme

In der Materialversorgung, vor allem in der Metallindustrie ist in der angespannten Lage noch keine Änderung eingetreten. Vielfach wird berichtet, dass die Materialschwierigkeiten immer größer werden und dadurch die gestellten Pläne nicht erfüllt werden können.

Im Einzelnen zeigt sich in der Materiallage folgendes Bild: Im Bereich des Schwermaschinenbaues fehlen für das IV. Quartal 1956 46 000 t Material, wodurch der Staatsplan nur zu 96 % erfüllt werden kann. In den Betrieben des Ministeriums für Schwermaschinenbau der HV 1 (Ausrüstung für Schwerindustrie) fehlen nach dem Stichtag vom 3.8.1956 16 000 t Walzmaterial, 5 820 t Walzquoten und 28 000 t Stahlguss. Dadurch ist die Produktion von Erzeugnissen in Höhe von 80 Mio. DM gefährdet. Bereits für das I. Quartal 1957 sind jetzt schon Fehlmengen an Walzstahl bekannt. Nach Angaben der Staatlichen Plankommission werden 21 000 t und nach Angaben des Ministeriums für Maschinenbau 74 000 t Walzstahl fehlen. Der HV Förderanlagen und Stahlbau fehlen bereits jetzt für das Jahr 1957 55 890 t, das sind 32,1 % vom Staatsplan. Für das I. und II. Quartal 1957 wird die Situation noch schlechter eingeschätzt als im IV. Quartal 1956. Angeblich sind die Disproportionen darauf zurückzuführen, dass der Maschinenbau schneller wächst als die Metallurgie.

Die Auswirkungen der Materialschwierigkeiten in den Betrieben zeigen folgende Beispiele:

  • So fehlen z. B. im VEB Ernst-Thälmann-Werk Magdeburg Bleche und Profilstahl aus der SU für 3 Mio. DM, elektrische Geräte vom Elmo-Werk Dessau, EKM Erfurt und Stalinwerk Treptow8 im Werte von 2 Mio. DM, Getriebe vom Getriebebau Leipzig und Penig/Coswig im Werte von 2 Mio. DM, Wälzlager vom DKF Leipzig im Werte von 283 000 DM, Stahlgussteile vom Georgi-Dimitroff-Werk Magdeburg für 28 000 DM und sonstige Teile aus Westdeutschland im Werte von 2 Mio. DM. Diese Materialien müssen teilweise wieder für Exportaufträge verwandt werden.

  • Im VEB Gaselan Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/O., fehlen mehrere 100 t Grobbleche für die Planerfüllung. Dadurch sind die wichtigsten Exportaufträge nach anderen Ländern sehr stark gefährdet.

  • In den größten Maschinenbaubetrieben des Bezirkes Leipzig fehlt es in der Hauptsache an Walzmaterial, Schmiedestücken, Gussteilen und Stählen sowie Elektromotoren. So werden im VEB Verlade- und Transportanlagen Leipzig 5 000 t Grobbleche für Exportaufträge der SU benötigt. Hierzu steht aber nur eine Deckung von 4 000 t gegenüber. Im VEB Kirow-Werk Leipzig9 fehlen 130 t Stahlguss sowie 1 000 t Walzstahl.

  • Im VEB Sachsenwerk Niedersedlitz, [Stadtteil von] Dresden können z. B. folgende Betriebe die Aufträge für Guss nicht realisieren und gaben die Bestellungen zurück:

    • Lauchhammer mit 60 t,

    • Emailleguss Radebeul, [Bezirk] Dresden, [mit] 90 t,

    • Ferdinand Kunert, Schmiedeberg [mit] 120 t,

    • Fortschritt Neustadt [mit] 60 t,

    • Stahlgießerei Borna [mit] 200 t,

    • Stahlgießerei Pirna-Copitz [mit] 180 t,

    • Stahlgießerei Silbitz-Kaßberg10 [mit] 160 t.

Diese Beispiele könnten noch beliebig erweitert werden, da in allen Bezirken der DDR ähnliche Erscheinungen auftreten.

Eine weitere Schwierigkeit, die besonders in der letzten Zeit in den Bezirken Leipzig, Dresden, Gera und Erfurt auftrat, waren die ständigen Stromabschaltungen bzw. die starke Einschränkung in der Stromentnahme. Dies führt in den Betrieben zu unliebsamen Diskussionen unter den Beschäftigten, da sie durch die entstehenden Wartestunden in ihrem Verdienst benachteiligt werden. Eine Ursache dafür ist mit, dass das Energiebauprogramm nur ungenügend erfüllt wird. So ist der Erfüllungsstand vom 31.8.1956 im Dauerbetrieb 67,2 % und im Probebetrieb 55,2 %. So zeigt sich z. B. in einigen Betrieben Folgendes:

  • Der VEB Vereinigte Grobgarnwerke Kirschau, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, muss infolge Strommangels in der Zeit von 5.00 Uhr bis 18.00 Uhr 25 % der Maschinen außer Betrieb setzen. Außerdem müssen in der Spitzenzeit 4½ Stunden alle Maschinen ausgeschaltet werden.

  • Im VEB Baumwollwerk Mühlhausen, [Bezirk] Erfurt, müssen jeden Abend zwei Stunden Stromabschaltungen vorgenommen werden. Dies bringt mit sich, dass der Verdienst der Arbeiter sinkt und die Stimmung immer schlechter wird.

  • In einigen VEB des Kreises Schmölln, [Bezirk] Leipzig, müssen aufgrund der Stromversorgung Nachtschichten eingeführt werden. Darüber gibt es unter einem großen Teil von Arbeitern negative Diskussionen, in der Form, »dass nach elf Jahren Kriegsende genügend Strom vorhanden sein müsste, damit keine Nachtschichten durchgeführt werden müssten«.

Produktionsstörungen in der Zeit vom 21.9. bis 4.10.1956

  • Durch den Ausfall von Baggern, [durch] Zugentgleisungen und Zusammenstöße entstanden in den Braunkohlenrevieren Altenburg, Borna sowie im Abraum Pirkau- Deuben, [Kreis] Hohenmölsen, [Bezirk] Halle, folgende Ausfälle: 291 497 cbm Abraum, 6 115 t Rohkoks, 1 504 t Brikett. Der finanzielle Schaden an Maschinen und Geräten beträgt 160 416 DM.

  • Am 27.9.1956, gegen 17.45 Uhr, riss im Kaliwerk Roßleben, [Kreis] Artern, [Bezirk] Halle, das Zugseil der Seilbahn, wobei 35 Wagen abgestürzt sind. Dadurch fällt die Produktion im Schacht aus. Es entstand ein Schaden bzw. Produktionsausfall von 750 t Kainit.

  • Zwischen dem VEB Eisenerzgruben11 und der Maxhütte Unterwellenborn, [Bezirk] Gera, musste für mehrere Tage die Seilbahn stillgelegt werden, da das Seil total verbraucht war. Es entstand ein Produktionsausfall von täglich 1 000 t Erz für den VEB Maxhütte.12

  • Am 29.9.1956, gegen 6.00 Uhr, ereignete sich im Gaswerk Dresden-Reick eine Explosion an der Kammer 78, Ofenblock 3. Bei der Explosion wurde der Kammerkopf zerstört. Außerdem verbrannten noch der Motor der Förderanlage sowie ca. 15 m Transportband. Die Explosion ist auf die schlechte und ungeeignete Kohle zurückzuführen. Die Schadenhöhe beträgt ca. 10 000 DM.

  • Am 21.9.1956 wurde auf dem Wismut-Schacht 367 in Ronneburg, [Bezirk] Gera, in der 120-Metersohle durch Unachtsamkeit des Anschlägers eine Havarie am Füllort verursacht, wo ein Förderausfall von acht Stunden eintrat, das Schutzgitter wurde mit einem Hunt13 durchfahren, zertrümmert und der Hunt eingequetscht.

  • Am 22.9.1956 ereignete sich im Schacht 116 Johanngeorgenstadt – Blindschacht 5 eine Havarie. Der Signalist hatte vergessen, das Schutzgitter am Füllort zu schließen, sodass es möglich war, dass ein leerer Hunt in den Schacht stürzte. Produktionsausfall: fünf Stunden

  • Im VEB Zellstoff- und Papierfabrik Blankenstein,14 [Kreis] Lobenstein, [Bezirk] Gera, ruft die neue Turbine, welche vom VEB Turbinenbau Görlitz15 montiert wurde, ständig Betriebsstillstände hervor. Die Ursache dazu ist, dass der Herstellerbetrieb keinen Prüfstand hat und die Turbine ohne Überprüfung montiert werden musste. Bisher entstand ein Produktionsausfall von ca. 100 000 DM.

Brände entstanden

  • Am 29.9.1956 brach im Objekt der Bau-Union Küste in Binz, [Kreis] Rügen, in einem Maschinengebäude ein Brand aus. Die Ursache war Fahrlässigkeit des Heizers, welcher Salz zum Trocknen auf den Ofen gelegt hatte. Der Schaden beträgt 2 000 DM.

  • Am 21.9.1956 brannte im VEB Holzindustrie Wolgast, [Bezirk] Rostock, der Spänebunker. Die Ursache ist auf Fahrlässigkeit des Heizers zurückzuführen. Schaden 5 000 DM.

  • Am 26.9.1956 entstand im VEB Sägewerk »Holzeber« in Grevesmühlen,16 [Bezirk] Rostock, ein Brand mit einem Schaden von 250 000 DM. Ursache: vermutlich durch Schweißarbeiten.

  • Am 28.9.1956, gegen 17.00 Uhr, brach im Privatbetrieb Glaswerk [August] Leonhardi17 in Schwepnitz, [Kreis] Kamenz, [Bezirk] Dresden, in einer zweistöckigen Lagerhalle für Fertigwaren ein Brand aus. Nach vorläufiger Schätzung beträgt der Schaden ca. 100 000 DM.

  • Am 21.9.1956, gegen 8.00 Uhr, geriet die Abfüllstation für Propangas18 in Schöneiche, [Kreis] Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/O., in Brand. Beim Entfernen eines Verschlusses einer 3-atü-Flasche strömte Gas aus, welches stichflammartig brannte und in wenigen Minuten den Abfüllraum in Brand setzte. Schaden ca. 30 000 DM.

  • Am 30.9.1956, gegen 4.00 Uhr, brach in der Lackiererei des VEB Automobilwerkes in Eisenach, [Bezirk] Erfurt, ein Brand aus. Die Ursache des Brandes war, dass das Windrad der Absaugvorrichtung sich verzogen hatte und dadurch Reibungen entstanden, wobei die Nitrogase und Lacke sich entzündeten. Sachschaden ca. 20 000 DM.

  • Am 20.9.1956 brannte der Dachstuhl im Versuchsgebäude der Technischen Hochschule für Chemie in Magdeburg im VEB Fahlberg-List. Ursache: Zerspringen eines Glaskolbens, welcher mit drei Litern Nitroäther gefüllt war und sofort brannte. Schaden ca. 1 000 DM.

  • Am 29.9.1956 brannte im Baugelände der Arbeiterbaugenossenschaft Langenbach, [Kreis] Zwickau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, eine provisorische Trafostation nieder. Sachschaden ca. 2 000 DM.

Versorgung der Bevölkerung

Die Versorgungslage hat sich in dieser Berichtsperiode nicht wesentlich verändert. Nach wie vor besteht ein Mangel an HO-Butter, Zucker und HO-Margarine. Neben dem Mangel an HO-Zucker gibt es in den Bezirken Rostock, Karl-Marx-Stadt und Cottbus auch Schwierigkeiten bei der Versorgung der Bevölkerung mit Markenzucker. So war z. B. am 28.9.1956 im Kreisgebiet Herzberg, [Bezirk] Cottbus, nur noch ein Zuckervorrat von 1 t vorhanden. Neueingänge waren noch nicht zugesagt worden, sodass die 1. Dekade Oktober für die Markenversorgung nicht gesichert war.19 Ähnlich sieht es auch im Kreis Weißwasser aus. Ebenso wurde von der Abteilung Handel und Versorgung Marienberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, festgestellt, dass die Versorgung der Bevölkerung mit Markenzucker bis zum Anschluss an die neue Ernte nicht gewährleistet ist.

Versorgung mit Tabak und Tabakwaren

Aus den Bezirken Neubrandenburg, Cottbus, Frankfurt/O., Halle, Leipzig, Karl-Marx-Stadt, Suhl und dem Wismutgebiet wird berichtet, dass gegenwärtig ein Mangel an billigen Zigarettensorten bzw. Zigarren besteht. Im Bezirk Neubrandenburg ist bereits seit einem Jahr die Bereitstellung von Zigarren sehr schlecht.

Kohleversorgung

Rege Diskussionen gibt es auch weiterhin über die Kohleversorgung. Besonders herrscht Verärgerung über die mangelhafte Zuteilung von Rohbraunkohle. Aus einem großen Teil der Bezirke wird dazu berichtet, dass der Bedarf an Rohkohle nicht gedeckt werden kann. Der Mangel an Kohle macht sich im Bezirk Magdeburg auch in den Verkehrsbetrieben bemerkbar. Dadurch war z. B. in der letzten Woche im Bahnwerk Oschersleben der planmäßige Zugverkehr gefährdet. Weiterhin wurde vom Rat des Bezirkes Magdeburg bekannt, dass auch die Belieferung der 15 Ztr. Rohbraunkohle nicht gewährleistet ist.

Überplanbestände

  • Im Kreis Schmalkalden gibt es Überplanbestände an Schweinslederschuhen. Diese Schuhe können nicht abgesetzt werden, da sie nicht dem Bedarf und der gewünschten Qualität entsprechen.

  • Beim GHK Technik Berlin wurde der Umsatzplan nicht erfüllt. Hauptursache ist der ungenügende Absatz von Rundfunkgeräten.

  • Das HO-Warenhaus Rostock hatte per 31.8.1956 für 2 476 000 DM Überplanbestände an Rundfunk- und Elektrogeräten, teuren Teppichen, Gardinen und Dekostoffen sowie Untertrikotagen. Außerdem gibt es auch große Überplanbestände an Möbeln.

  • Die Lager der Konsum-Industriewaren Zittau, [Bezirk] Dresden, sind überfüllt. Seit zwei Jahren lagern 62 transportable Küchenherde. Bis Jahresende sollen noch 80 Stück aufgenommen werden. Im Lager ist kein Überblick mehr vorhanden, sodass es nicht möglich ist, Neueingänge ordnungsgemäß zu kontrollieren.

  • Im GHK Marienberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, lagern für ca. eine halbe Mio. Mark Überplanbestände an Spirituosen.

  • Im Kreis Glauchau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, lagern noch ca. 3 000 000 Stück Zigaretten, Sorte »1. Mai« und »Solidarität«. Wegen schlechter Qualität können diese nicht abgesetzt werden.

Zur Lage in der Landwirtschaft

In dieser Berichtsperiode steht die Kartoffelrodung im Vordergrund. Die Getreideernte ist bis auf den im Bezirk Karl-Marx-Stadt gelegenen Gebirgskreis abgeschlossen. In einigen Bezirken, besonders Karl-Marx-Stadt, Suhl, Halle und Rostock gibt es noch Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Dreschsätzen. Aus diesem Grunde ist z. B. im Kreis Auerbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, die Ablieferung von Getreide noch sehr im Rückstand. Die zwei Druschsätze, die die MTS Rodewisch im IV. Quartal 1956 erhalten sollte, sind vom Lieferwerk »Fortschritt« Neustadt20 noch nicht geliefert worden. Diese Druschsätze können voraussichtlich erst Ende November 1956 geliefert werden.

Unter den Bauern im Kreis Sonneberg, [Bezirk] Suhl, gibt es gerade negative Diskussionen, wenn die Druschsätze von einem Ort in einen anderen abgezogen werden. Durch die Witterungsverhältnisse war es nicht möglich, den Plan des Einsatzes der Druschsätze einzuhalten. Ähnlich ist es auch in vielen Gemeinden des Bezirkes Rostock.

Kartoffelernte

Durch einige Mängel und Schwierigkeiten geht die Kartoffelrodung nicht überall reibungslos voran. Ein Faktor dabei ist der Einsatz der Kartoffelvollerntemaschinen. Einige Beispiele beweisen, dass durch harten Boden, Verunkrautung u. Ä. die Maschinen nicht überall eingesetzt werden können. Verschiedentlich ist auch das Material dieser Maschinen zu schwach. So musste z. B. die deutsche Kartoffelkombine21 aus dem MTS-Bereich Golzow,22 [Kreis] Seelow, [Bezirk] Frankfurt/O., abgezogen werden, da das Material zu schwach war. Bei einem Probelauf wurde festgestellt, dass die Ländereien teilweise sehr verunkrautet sind und der Boden im Oderbruch für diese Maschine zu hart ist. Außerdem fehlen im Bezirk Frankfurt/O. noch zwölf Kartoffelvollerntemaschinen, die das Werk in Weimar wegen angeblicher Materialschwierigkeiten nicht liefern kann. Unter den Genossenschaftsbauern der LPG Jänkendorf, [Kreis] Niesky, [Bezirk] Dresden, wird darüber gesprochen, dass die Kartoffelkombinen zwar gut und schön seien, aber die Industrie die Maschinen erst ausprobieren müsste, bevor sie geliefert würden. Denn bei den ersten Einsätzen dieser Maschinen würden sehr viele Mängel auftauchen, die erst die MTS beseitigen müssen.

Im Bezirk Leipzig musste in einigen Fällen die Rodung mit den Kartoffelkombinen wieder eingestellt werden, weil durch Verunkrautung und durch unsauberes Arbeiten der vorher eingesetzten Kartoffellager ein großer Prozentsatz der Kartoffeln mit dem Unkraut und dem noch vorhandenen Kartoffelkraut zur Erde geschleudert werden. Das trat besonders im Kreis Döbeln auf. Im Kreis Schmölln konnten durch den schweren Boden mit den Kombinen ebenfalls keine positiven Ergebnisse erzielt werden. In Kunrau, [Kreis] Klötze, [Bezirk] Magdeburg, lehnen die werktätigen Bauern den Einsatz der sowjetischen Kartoffelkombine ab, weil angeblich durch die breite Siebvorrichtung die kleinen Kartoffeln liegen bleiben würden.

Einige Schwierigkeiten gibt es auch wegen Mangel an Arbeitskräften

In der LPG Dolgen, [Kreis] Neustrelitz, sind noch 80 ha Kartoffeln zu roden. Die bisherige Tagesleistung von 29 bis 30 Arbeitskräften betrug 1 ha. Das bedeutet, dass bei gleichbleibender Arbeitsintensität in ca. 80 Tagen die Kartoffelrodung beendet sein würde. Von einzelnen Personen wird daraufhin Folgendes geäußert: »Warum sollen wir uns überhaupt noch anstrengen, ein Teil der Kartoffeln wird ja doch erfrieren.« Ähnlich ist es auch in einigen LPG des Bezirkes Neubrandenburg. Hierzu sagte z. B. der Vorsitzende der LPG Paslin,23 [Kreis] Demmin, dass er bald den Mut verlieren würde. Der Rat des Kreises würde sich wenig Gedanken machen, wie den LPG geholfen werden könnte. Bei einer Flurbegehung in der LPG Polleben, [Kreis] Eisleben, [Bezirk] Halle, wurde festgestellt, dass ca. 120 dz Frühkartoffeln ausgeschleudert und nicht aufgesammelt worden sind.

Aus den Bezirken Potsdam und Magdeburg wird berichtet, dass es unter den Bauern Verärgerung über die Waggonbereitstellung durch die Reichsbahn gibt. So wurden z. B. in den Gemeinden Badel und Zethlingen,24 [Kreis] Kalbe (Milde),25 [Bezirk] Magdeburg, je vier Waggons benötigt, die trotz Zusage der Reichsbahn erst zwei Tage später eintrafen. Durch diese Verzögerung hatten mehrere Bauern bis zu einem Tag Arbeitsausfall. In den Kreisen Brandenburg, Neuruppin, Pritzwalk und Gransee, [Bezirk] Potsdam, mussten die Bauern bis zu fünf Stunden warten, ehe ein Waggon kam. Im Kreis Neuruppin mussten deswegen Kartoffeln, die zur Ausfuhr in andere Bezirke bestimmt waren, eingemietet werden.

Zum Teil bereitet auch die schlechte Abnahme von Kartoffeln durch die VEAB unter den Bauern Verärgerung. So sind z. B. die Bauern des Kreises Görlitz, [Bezirk] Dresden, verärgert, weil die VEAB die Kartoffeln nicht abnimmt, obwohl von der Regierung aufgerufen wurde, mit der Kartoffelernte unverzüglich zu beginnen. Die VEAB verweigerte die Abnahme deshalb, weil die Kartoffeln noch nicht reif gewesen sein sollten. In der VEAB Reichenbach lagern zzt. 150 t Kartoffeln, ohne dass ein Abruf erfolgte.

Brände in der Zeit vom 20.9. bis 4.10.1956

In der Berichtszeit wurden insgesamt 57 Brände bekannt; davon: 21 unbekannt, zehn durch Kinderhand, sechs [Mal] vermutliche Brandstiftung, sechs [Mal] Brandstiftung, zwei vermutlich durch Kinderhand, zwei [Mal] Funkenflug, zwei Selbstentzündung, zwei vermutliche Fahrlässigkeit, drei Fahrlässigkeit, einer durch Benutzen eines alten Backofens, ein [Mal] vermutlich Defekt, ein Kurzschluss.

Bezirk Rostock

  • ein Stall, Neubauer, vermutlich Fahrlässigkeit;

  • zwei Erntewagen, Mittelbauer, Brandstiftung.

Bezirk Schwerin

  • eine Strohmiete, Mittelbauer, unbekannt;

  • zwei Getreidemieten, Kleinbauer, Kinderhand.

Bezirk Frankfurt/O.

  • drei Scheunen, werktätiger Bauer, vermutlich Kinderhand;

  • eine Scheune und Schuppen, Mittelbauer, Fahrlässigkeit;

  • eine Strohmiete, Kleinbauer, vermutlich Brandstiftung;

  • ca. 20 Ztr. Heu, werktätiger Bauer, Selbstentzündung.

Bezirk Potsdam

  • zwei Scheunen, LPG, vermutlich Brandstiftung; VEG, unbekannt;

  • eine Scheune und Stall, Siedler, vermutlich Kinderhand;

  • ein Holzschuppen, staatlicher Forstwirtschaftsbetrieb, durch Kinderhand.

Bezirk Magdeburg

  • 200 m² Forst, Kreis Havelberg, Fahrlässigkeit;

  • eine Feldscheune, Funkenflug der Lok;

  • zwei Scheunen, werktätiger Bauer, Kurzschluss; Mittelbauer, unbekannt;

  • sieben Strohmieten, drei LPG, ein Kinderhand, zwei unbekannt; Kleinbauer, Kinderhand; Arbeiter, Kinderhand; werktätiger Bauer, Kinderhand; Mittelbauer, vorsätzliche Brandstiftung;

  • ein Spänebunker, Molkereifabrik, Fahrlässigkeit;

  • 80 Ztr. Weizen und Haferstroh, VEAB, Selbstentzündung;

  • ein Schweinestall, LPG, Kinderhand.

Bezirk Halle

  • zwei Scheunen, VdgB (BHG), unbekannt; Genossenschaftsbauer, vermutlich Brandstiftung;

  • eine Scheune und Stall, Großbauer, unbekannt;

  • ein Rinderstall, LPG, unbekannt;

  • zwei Strohmieten, VEG, unbekannt; LPG, unbekannt;

  • zwei Wagen mit Stroh, LPG, unbekannt; Einzelbauer, vermutlich Brandstiftung;

  • zwei Vollerntewagen, werktätiger Bauer, vermutlich Brandstiftung.

Bezirk Leipzig

  • zwei Strohmieten, Mittelbauer, unbekannt; werktätiger Bauer, Kinderhand;

  • eine Scheune, Mittelbauer, unbekannt;

  • eine Scheune und Stall, Kleinbauer, unbekannt;

  • 40 Ztr. Stroh, Kleinbauer, unbekannt.

Bezirk Dresden

  • ein Waldbrand, Kreis Großenhain, vermutlich Fahrlässigkeit;

  • eine Scheune, Gemeindeeigentum, unbekannt;

  • zwei Strohmieten, LPG, unbekannt, vermutlich Brandstiftung;

  • ein Futterschauer, LPG, Kinderhand;

  • eine Scheune und Schuppen, Einzelbauer, unbekannt.

Bezirk Karl-Marx-Stadt

  • eine Scheune und Schuppen, Mittelbauer, durch Funken;

  • zwei Scheunen, LPG, vorsätzliche Brandstiftung, Mittelbauer, vermutlich Defekt.

Bezirk Gera

  • zwei Scheunen, Dachstuhl und Wohnhaus, zwei Mittelbauern, vorsätzliche Brandstiftung;

  • eine Miete, Mittelbauer, Kinderhand;

  • ein Anwesen, Genossenschaftsbauer, durch Benutzen eines alten Backofens.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Industrie und Verkehr

Am 24.9.1956 fuhr im Erst-Thälmann-Schacht des Mansfeld-Kombinates »Wilhelm Pieck« bei Schichtwechsel (Mittagsschicht) der Förderkorb über die Rasenhängebank bis an die Seilscheibe. Dabei wurden sieben Personen schwer verletzt und eine Person getötet. Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen.

Übrige Bevölkerung

  • Am 14.9.1956 fand in der Gemeinde Großziethen, [Kreis] Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, eine öffentliche Gemeindeversammlung statt, nach deren Abschluss eine Person im angetrunkenen Zustand versuchte, den Bürgermeister (SED) zu provozieren. Als der Bürgermeister daraufhin die Gaststätte verließ, sang diese Person faschistische Lieder.

  • In einer HO-Gaststätte in Rheinsberg, [Kreis] Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, wurde von dem Leiter der ÖLB26 in Zühlen, [Kreis] Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, gegen die Genossen Pieck, Ulbricht und gegen Genossen Grotewohl, vor ca. 20 bis 25 Gästen, gehetzt. Zu einem anwesenden Gast sagte er: »Du bist Waldarbeiter und arbeitest für diese Banditen.« Der Leiter des ÖLB ist schon mehrmals in dieser Form aufgetreten.

  • In der Gemeinde Jakobshagen, Ortsteil Stabeshöhe, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, ist die Stimmung der Bevölkerung wegen der schlechten Trinkwasserversorgung sehr schlecht. Vor zwei Jahren wurde mit der Projektierung eines Brunnens begonnen. Wegen hygienischer Bestimmungen mussten die Arbeiten wieder eingestellt werden. Die Bevölkerung weiß nicht, wo sie das Trinkwasser holen soll. Das wirkt sich bereits so aus, dass jede politische Diskussion mit folgenden Worten abgelehnt wird: »Bringt uns erst Wasser, dann haben wir auch für Euch ein Ohr.«

  • Ähnlich ist die Situation im Ortsteil Suckow,27 [Kreis] Röbel, [Bezirk] Neubrandenburg. Die Bevölkerung muss hier das Wasser für das Vieh schon seit Jahren aus dem Plauer See28 holen. Um diese Mängel zu beseitigen, werden ca. 500 m Dränageröhren benötigt, die auch sofort beschafft werden könnten. Vom Rat des Kreises wurde jedoch nicht die Genehmigung erteilt, mit der Begründung, dass für 1956 keine Mittel vorhanden seien.

  • Für Angehörige der GST Halle, die zu dem in Karl-Marx-Stadt stattgefundenen Kongress der GST fuhren,29 mussten dort nach Ankunft erst Quartiere gesucht werden. Ein Offizier der Volksarmee wollte die Kameraden mit in die Kaserne in Frankenberg nehmen. Dies wurde jedoch vom Organisationsbüro untersagt. Als sich später immer noch kein Quartier für die Angehörigen der GST Halle fand, forderten sie in Sprechchören von allen Autos: »Wir haben Hunger, gebt uns was zu essen.« Verschiedene Kameraden wollten ihr Gewehr zerschlagen. Gegen 1.30 Uhr erhielten sie dann endlich Unterkunft und gekürzte Verpflegung. Am 16.9.1956 sollten die Vorführungen des GST-Treffens stattfinden. Die Kameraden aus Halle schlossen sich jedoch aus und fuhren nach Halle zurück.

  • Am 26.9.1956 brannte in Friedrichsroda, [Kreis] Gotha, [Bezirk] Erfurt, aus unbekannter Ursache die Baracke des Ferienlagers des VEB Bau-Union Erfurt bis auf die Grundmauern nieder. Der Schaden beträgt ca. 45 000 DM. Personen wurden nicht verletzt.

  • Der Wohnungsausschuss in der Gemeinde Zabeltitz, [Kreis] Großenhain, [Bezirk] Dresden, hat unter der Leitung seines Vorsitzenden (NDPD) seine Funktion niedergelegt. Als Ursache wird angegeben, dass der Bürgermeister (SED) die Beschlüsse des Wohnungsausschusses ignoriert und eigenmächtige Änderungen der Beschlüsse vornimmt.

Erkrankungen

  • Am 26.9.1956 erkrankten in Leipzig 25 Mitglieder der 77-köpfigen Delegation von Eisenbahn-Fachschülern aus Prag an Brech- und Durchfallerscheinungen. Nach bisherigen Untersuchungen sind die Erkrankungen auf verdorbenen Hackepeter und Fleischsalat zurückzuführen, der am Tage zuvor in Dresden (Ratskeller und Klubheim der Felsenkellerbrauerei) verabreicht wurde. Die erkrankten Personen wurden in das St.-Georg-Krankenhaus Leipzig eingeliefert.

  • In Prenzlau, [Bezirk] Neubrandenburg, erkrankten fünf Personen an Kinderlähmung, davon drei Schüler der landwirtschaftlichen Fachschule.

  • Die Typhus-Erkrankungen im Kombinat »Schwarze Pumpe« haben zzt. einen Stand von 44 erreicht, davon sind 24 positive Fälle. Der vermutliche Ausgangspunkt – die Küche 3 – wurde geschlossen und das Personal in Quarantäne gelegt. Gleichzeitig werden im Krankenhaus Hoyerswerda 18 Personen mit Typhus behandelt, die nicht zum Kombinat gehören. Die im Kombinat weilende Ärztekommission erklärt, dass ein Absinken der Krankheit erst ab 9.10.1956 zu erwarten ist.

  • Im VEB Bremsbelag Coswig,30 [Kreis] Meißen, herrscht gegenwärtig eine Angstpsychose wegen der Asbesterkrankung. In der letzten Zeit sind vier positive Asbesterkrankungen bei Kollegen, die nicht unmittelbar mit der Produktion in Berührung kommen, festgestellt worden. Ein großer Teil der Belegschaft bringt zum Ausdruck, dass von der Werkleitung keine Maßnahmen unternommen würden; zurzeit ist das Gerücht im Umlauf, abteilungsweise zu kündigen. In den letzten zwei Monaten sind aufgrund dieser Asbestgefahr Republikfluchten, darunter vier von Jugendlichen, zu verzeichnen. Sie sagen, dass sie nicht in dieser Dreckbude ihr junges Leben kaputtmachen wollen. Diese Zustände wurden der HV bereits am 9.8.1956 mitgeteilt, jedoch hat diese bisher nichts unternommen. Der Betrieb bezahlt jährlich für erkrankte Kollegen ca. 300 000 DM.

Kleinbürgerliche Parteien

Stellungnahmen zum Katholikentag in Köln31

Der Ortsvorsitzende der Stadtteilgruppe der CDU Dresden-Strehlen Heinrich Heiduschka trat aus der CDU aus, weil die Stellungnahme des Bezirksvorsitzenden der CDU Mayer32 zum Katholikentag nicht den Tatsachen entspricht. In der Stellungnahme, die in der »Sächsischen Zeitung« veröffentlicht wurde, kam zum Ausdruck, dass Adenauer33 das Weihnachtsfest ausersehen hat, um die DDR zu befreien.34 In der Austrittserklärung gibt H. an, dass er bei der Kundgebung wenige Meter vor Adenauer gesessen hat, diese Worte aber nicht gefallen sind.

Die CDU-Zeitung »Die Union«35 erhält laufend Leserzuschriften zu den Äußerungen Spülbecks36 zum Katholikentag in Köln,37 die erklären, dass die Darstellungen in dieser Presse nicht den Tatsachen entsprechen.38 Die Zeitung »Die Union« erhielt diese Artikel vom ADN.

Kirche

  • Die Evangelische Schiffermission in Magdeburg bemüht sich, eine verstärkte Tätigkeit unter den Schiffern auszuführen. Von der Kirche wurde ein Schiff gekauft, das für gottesdienstliche Zwecke eingerichtet werden soll.

  • In Dresden (Maschinenbau-Industriegelände) gelang es trotz aller Bemühungen einer berufstätigen Genossin nicht, ihr Kind in einem Säuglingsheim unterzubringen. Daraufhin sprach wiederholt die Innere Mission39 bei ihr vor und erklärte: wenn sie wieder in die Kirche eintritt, und ihr Kind taufen lässt, besteht jederzeit die Möglichkeit, das Kind unterzubringen.

  • Aus Niesky, [Bezirk] Dresden, wird bekannt, dass die Kirche bereits wieder beginnt, Jugendliche von der Jugendweihe40 abzuhalten und für die Konfirmation zu gewinnen. So besuchte der Superintendent aus Niesky die Eltern der Schulabgänger und lud zu einem Sondergottesdienst ein. Mitglieder des Elternbeirates der 2. Grundschule in Niesky, die sich Gedanken machten, um viele Eltern und Jugendliche für die Jugendweihe zu gewinnen, erhielten vom Schulleiter keine Auskunft, weil der Rat des Kreises noch keine »Anweisung oder Hinweise« gegeben habe.

  • Inoffiziell wurde aus Kreisen der »Zeugen Jehovas« in Flöha, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, bekannt, dass diese gegenwärtig über die Legalisierung der Zeugen sprechen,41 die aufgrund der Protestresolution des Kongresses zu erwarten sei. Aber auch dann wäre Vorsicht geboten, weil es möglich sein könnte, nur die Leitungen der Zeugen kennenzulernen zu wollen, um sie zu einem bestimmten Zeitpunkt ganz zu liquidieren.

Anlage vom 5. Oktober 1956 zum Informationsdienst Nr. 19

Feindtätigkeit in der Zeit vom 21.9. bis 5.10.1956

In der Berichtszeit erstreckte sich die Feindtätigkeit hauptsächlich wieder auf das Anschmieren von Hetzlosungen, Hakenkreuzen, Abreißen von Transparenten u. Ä. sowie Gerüchteverbreitung.

  • Hetzlosungen sind im Bezirk Halle (8 Fälle), Dresden (4 Fälle), Potsdam (3 Fälle), Magdeburg und Neubrandenburg (je 2 Fälle), Karl-Marx-Stadt und Leipzig (je 1 Fall) angeschmiert worden. Im Bezirk Halle wurden in einem Fall deshalb Hetzlosungen angeschmiert, weil verschiedene Kettenbahner des VEB Braunkohlenwerk »Gustav Sobottka« in Röblingen, [Kreis] Eisleben, von der Lohngruppe III in die Lohngruppe IV umgestuft wurden.42 Alle zehn Hetzlosungen trugen wirtschaftlichen Charakter.

  • Hakenkreuze wurden im EKM Bitterfeld, [Bezirk] Halle, auf der Klingerbrücke (Elsterflutbecken) in Leipzig, im VEB Harzer Werk Blankenburg, [Bezirk] Magdeburg, in der Stahlgießerei, in einer Toilette im VEB (K) Neustrelitz, [Bezirk] Neubrandenburg, und im Treppenaufgang des VEB Möbelkombinat Wittstock, [Bezirk] Potsdam, angeschmiert.

  • In Saalfeld, [Bezirk] Gera, wurde ein Transparent der DSF beschädigt und ein Transparent entfernt.

  • Am 29.9.1956 wurden in Berlin N 443 zwei Fahnenmasten der Nationalen Front44 umgeworfen und die daran befestigten Fahnen gestohlen.

  • In der Gemeinde Gallun, [Kreis] Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, wurden am 21.9.1956 zwei Werbeplakate der GST abgerissen und am 22.9.1956 riss man die erneuerten Plakate wieder ab.

  • In der Nacht vom 24.9.1956 zum 25.9.1956 wurden zwei Pfeiler von der Umfriedung des sowjetischen Ehrenfriedhofes in Treuenbrietzen, [Kreis] Jüterbog, [Bezirk] Potsdam, beschädigt.

  • Im Speiseraum des »Hauses Einheit« im Zementwerk Nienburg, [Kreis] Bernburg, [Bezirk] Halle, wurde die Scheibe des Thälmannbildes zerstört und die unter dem Bild hängende Ehrentafel der zur VP gegangenen Belegschaftsmitglieder beschädigt.

  • In Meißen, [Bezirk] Dresden, wurde ein Werbeplakat der FDJ mit einer Werbung der Jungen Gemeinde überklebt. Des Weiteren war noch ein handgeschriebener Streifen mit befestigt, auf dem Folgendes stand: »Auch die Junge Gemeinde erwartet dich – Jeden Donnerstag um 19.30 Uhr im Lutherhaus.« Darunter war das Zeichen der Jungen Gemeinde gemalt.

Gerüchte wurden verbreitet

  • Unter der Belegschaft im VEB Obst- und Gemüseverwertung Lommatzsch, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden: »Ab nächstes Jahr werden nicht nur die Renten erhöht,45 sondern auch wieder die Kriegsrenten bezahlt, rückwirkend von 1945 ab.«

  • Im VEB Zeiss Jena, [Bezirk] Gera, in der Feinteilerei, »dass ehemalige Umsiedler aus der ČSR wieder in ihre Heimat zurückkämen«. Dies wäre ein Verdienst der Bonner Regierung. Auch hätte unsere Regierungsdelegation, welche kürzlich in der ČSR weilte, diese Maßnahme besprochen und gebilligt.

  • Unter den Kumpels des VEB Bleierzgrube »Albert Funk« in Freiberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »In Westdeutschland (im Schwarzwald und Fichtelgebirge) wird der Uranbergbau eröffnet. Es werden dafür 22 000 Bergleute benötigt. In den Gruben soll unter den gleichen Bedingungen gearbeitet werden wie bei der SDAG-Wismut.« Die Kumpels zeigten dafür Interesse.

  • Im Kreis Salzwedel, [Bezirk] Magdeburg, unter den Handwerkern und Mittelbauern, »dass im Januar 1957 eine Preissteigerung eintritt«. Mehrere äußerten sich daraufhin, dass sie vorher ihr Geld für Fernsehapparate und andere größere Industriewaren anlegen wollen.

  • In Zerben, [Kreis] Genthin, [Bezirk] Magdeburg, »dass die Sowjetarmee ihre Manöver in der DDR beenden muss, weil der Luftkorridor sich über dem Manövergebiet befindet und der Amerikaner sich beschwert hätte«.

Vermutliche Feindtätigkeit in Industrie und Verkehrsbetriebe

  • In der Nacht zum 18.9.1956 wurden durch unbekannte Täter an der Brückenbaustelle, in der Nähe des Kulturhauses der Maxhütte Saalfeld,46 [Bezirk] Gera, die elektrischen Anlagen und Steckdosen zerstört. Schaden: für zehn Arbeiter ein Arbeitsausfall von 20 Stunden.

  • Am 6.9.1956 wurde in der Putzerei der Harzer Werke Wernigerode, [Bezirk] Magdeburg, festgestellt, dass an der Putzmaschine der Radiatorenglieder ein geputztes Radiatorenglied eingeklemmt war, was bewusst geschehen sein muss. Bei nicht rechtzeitigem Bemerken hätte die Putzmaschine ausfallen können.

  • In einem Salzwagen des VEB Kaliwerk »Deutschland« Teutschenthal, Saalkreis, [Bezirk] Halle, befand sich ein Stück Schiene von ca. 75 cm Länge. Dadurch wurde der Mühle ein erheblicher Schaden zugefügt. Es besteht der Verdacht, dass die Schiene von einem Arbeiter in den Förderwagen geworfen wurde.

  • Am 17.9.1956 wurde im VEB Kunstlederwerk Coswig, [Kreis] Meißen, festgestellt, dass eine Walze des Folienziehkalandars Eindrücke von 18 cm Länge und 2 cm Breite aufwies. Diese sollen durch das Durchlaufen eines Schraubenschlüssels oder durch einen größeren Draht hervorgerufen worden sein. Diese Walze hat einen Wert von 1 Mio. DM. Da sie eingebaut werden musste, ist der Plan gefährdet.

  • Im VEB Kalksandsteinwerk Heyrothsberge,47 [Kreis] Burg, [Bezirk] Magdeburg, wurden in der Steinpresse wiederholt Gegenstände gefunden, die den Produktionsablauf gefährden. Am 7.8.1956 ein Hammer, am 24.8.1956 ein größerer Schraubenbolzen, am 24.9.1956 eine Stahlplatte in der Größe von 12 × 15 cm, Stärke 8 mm. Durch einen Arbeiter konnte verhindert werden, dass diese Stahlplatte durch die Steinpresse ging. Sie hätte der Maschine größeren Schaden zufügen können. Es wurde festgestellt, dass die Werkstücke nur durch Menschenhand in die Maschine gelangen konnten. Bisher entstand ein Schaden von 700 DM.

  • Am 13.9.1956 entwendeten unbekannte Täter von einem Kraftwagen der MTS Radensleben, Kreis Neuruppin, zwei luftbereifte Räder.

  • In der Zeit vom 21.9. bis 23.9.1956 wurde von einem Traktorenanhänger des VEG Sputendorf, Markgraßhof,48 Kreis Potsdam-Land, ein Doppelrad entwendet. Täter unbekannt.

  • In der Zeit vom 10.9. bis 19.9.1956 zerschnitten unbekannte Täter die Brennstoffleitung eines Dieselmotors der LPG Protzen, [Kreis] Neuruppin, [Bezirk] Potsdam.

  • Am 26.9.1956 wurde von unbekannten Tätern von einem Mähbinder des MTS-Stützpunktes Ganz, [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam, ein luftbereiftes Rad gestohlen.

  • Am 29.9.1956 wurde von einem Kleereiber des VEG Sputendorf, [Kreis] Potsdam-Land, durch unbekannte Täter ein luftbereiftes Rad entwendet.

  • Bei einer Raupe des MTS-Stützpunktes Plötzin, [Kreis] Potsdam-Land, war die Ölleitung durch kleine Hartgummistücke verstopft worden. Ähnliches Material wurde auch in der Ölwanne einer »Brockenhexe«49 vorgefunden. Beide Maschinen waren zur Reparatur kurze Zeit in der MTS Nedlitz/Potsdam-Land.50

  • In der Nacht zum 8.9.1956 wurde an der Sammelpresse der Brigade II im Amesdorf, [Kreis] Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, von unbekannten Tätern der Külriemen51 angeschnitten.

  • In der Nacht zum 2.10.1956 wurden von einem Kraftwagen der MTS Brielow,52 [Kreis] Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, zwei Gummidecken sowie Schläuche entwendet. Täter unbekannt.

  • Bei einem Traktor der MTS Doberlug-Kirchhain, [Bezirk] Cottbus, wurden am 28.9.1956 die hinteren Reifen zerstochen. Der Traktor stand vor einer Gastwirtschaft.

  • In der MTS Lychen, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, wurden in der Nacht zum 21.9.1956 ein VK-Gemisch und ein Scheinwerferglas beschädigt.

  • Am 25.9.1956 wurde ein Rad des gummibereiften Schwadwenders53 durch einen 10 cm langen Messerschnitt absichtlich beschädigt.

  • In der Nacht zum 25.9.1956 wurde auf einem Feld der LPG in Beenz,54 [Kreis] Templin, eine Scheibenegge zerschlagen.

  • Im MTS-Stützpunkt Wesenberg, [Kreis] Neustrelitz, wurde ein Reifen der Kartoffelkombine durch Messerstiche beschädigt.

  • Am 17.9.1956 wurde beim Abmähen eines Kleefeldes der LPG Ringleben, [Kreis] Erfurt[-Land], der Mähbalken der Maschine abgebrochen, da 3 bis 4 cm lange Eisenstangen in dem Boden steckten.

  • Am 29.9.1956 wurde festgestellt, dass von einem Mähbinder des VEG Großröda,55 [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, der am Tagebau abgestellt war, das Transportrad abmontiert und in den Tagebau geworfen worden war. Täter unbekannt.

  • Das VEG Klein Wanzleben, Zweigstelle Wanzleben, [Bezirk] Magdeburg, erhielt von der DSG HZ Klein Wanzleben 4 Ztr. Futtergetreide, in welchem sich Scheibenbolzen sowie Schmiernippel befanden. Dadurch wurde die Schrotmühle beschädigt und fiel aus. Ähnliches ist bereits im März 1956 geschehen. Die Mastanlage Rennersdorf, [Kreis] Sebnitz, [Bezirk] Dresden, erhielt für ca. 2 000 Schweine Eiweißkonzentrat, in welchem Fremdkörper, glasklare Kugeln, enthalten waren. Lieferbetrieb: VEB (K) Kraftfutterwerk Dresden.

  • Am 21.9.1956 wurden im staatlichen Tieraufzuchtbetrieb Wulfersdorf, [Kreis] Wittstock, [Bezirk] Potsdam, beim Schroten im Futtergetreide zehn Drahtkrammen gefunden. Bei diesen Drahtkrammen soll es sich um keine DDR-Produktion handeln. Im Oktober 1955 wurden in der Schrotmühle bereits schon einmal Krammen gefunden.

Feindtätigkeit

An der Demarkationslinie56 (Kommando Lockstedt,57 Bereitschaft Gardelegen) beschossen am 30.9.1956, gegen 9.35 Uhr, westdeutsche Zöllner die Streife der Grenzpolizei. Sie gaben drei Schuss aus Pistolen ab, jedoch ohne zu treffen. Vorher versuchten die Zöllner schon, die Streife des Kommandos Gehrendorf,58 die den 10-m-Streifen kontrollierte, zu überfallen. Da der Leiter des Kommandos Gehrendorf sah, wie die Zöllner in Stellung gingen und die Karabiner in Anschlag brachten, zog er die Streife zurück, sodass es dort zu keinem weiteren Zwischenfall kam.

Vermutliche Feindtätigkeit

Auch in dieser Berichtsperiode wurden in mehreren Fällen VP-Angehörige von Jugendlichen provoziert und tätlich angegriffen. So belagerten in Fürstenberg/Oder ca. 40 Jugendliche das Zimmer des ABV und beschimpften die Volkspolizisten mit »SS-Banditen und Strolche«. Die Rädelsführer konnten festgenommen werden. In Berlin wurden Volkspolizisten, die eine Schlägerei auf dem Oktoberfest schlichten wollten, tätlich angegriffen. In zwei Fällen wurden in Berlin Angehörige der Bereitschaftspolizei niedergeschlagen und beraubt. Die Täter sind bekannt.

  1. Zum nächsten Dokument Versorgungslage in Penkun, Kreis Pasewalk
    6. Oktober 1956
    Information Nr. 235/56 – Betrifft: Versorgungslage in Penkun, [Kreis] Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg
  2. Zum vorherigen Dokument Arbeitsniederlegungen und Lohnforderungen (1. Nachtrag)
    5. Oktober 1956
    Information Nr. 234/56 – Betrifft: Arbeitsniederlegung und Lohnforderungen (1. Nachtrag zur Information Nr. 231/56)