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Entfernen roten Fahnen bei der Reichsbahn in Westberlin

23. September 1964
Einzelinformation Nr. 803/64 über das Entfernen von roten Fahnen mit Trauerflor auf S-Bahnhöfen und anderen Dienststellen der Deutschen Reichsbahn in Westberlin durch Angehörige der Westberliner Polizei

Anlässlich des Ablebens des Vorsitzenden des Ministerrates der DDR, Genossen Otto Grotewohl,1 waren auf 16 S-Bahnhöfen und S-Bahndienststellen der Deutschen Reichsbahn in Westberlin,2 die sich auf alle drei Westberliner Sektoren verteilen, rote Fahnen mit Trauerflor bzw. auf Halbmast gesetzte rote Fahnen überwiegend in der Größe 1,50×1,00 m angebracht worden. Das Anbringen der Fahnen geschah nicht auf offizielle staatliche oder Weisung der Politischen Verwaltung der DR, sondern die Parteiorganisationen der Westberliner Bahnhöfe handelten in eigner Entscheidung bzw. wurde ihnen bei Anfragen von der für Westberlin zuständigen Abteilung der Politischen Verwaltung der RBD Berlin mitgeteilt, dass sie in eigener Zuständigkeit entscheiden könnten.

Am 22.9.1964 wurden dann in der Zeit von 13.00 Uhr bis nach Mitternacht die auf den Bahnhöfen

  • Zoologischer Garten,

  • Wilmersdorf,

  • Tegel,

  • Spandau und Spandau-West,

  • Halensee,

  • Eichkamp,

  • Neukölln (Güterabfertigung)

angebrachten roten Fahnen von Angehörigen der Westberliner Polizei entfernt, während es auf

  • dem Bahnhof Wedding,

  • im Reichsbahnausbesserungswerk Tempelhof,

  • im Reichsbahnausbesserungswerk Grunewald,

  • S-Bahn Bahnbetriebswerk Wannsee,

  • S-Bahn Bahnbetriebswerk Papestraße,

  • Bahnbetriebswerk Grunewald,

wo ebenfalls Fahnen angebracht waren, zu keinen Übergriffen der Westberliner Polizei kam.

Auch die provokatorische Aktion selbst wurde von der Westberliner Polizei unterschiedlich durchgeführt. Die Stärke der Einsatzgruppen der Westberliner Polizei betrug z. B. am Bahnhof Zoo 30 Polizisten, am Bahnhof Tegel zehn und sonst schwankend bis zu vier und sieben Polizisten. Dem Entfernen der Fahnen ging eine Aufforderung an die Dienstvorsteher oder Aufsicht voraus, die Fahnen einzuholen. Nach Weigerung seitens dieser Personen wurden dann die Fahnen teilweise regelrecht abgerissen. Am Bahnhof Zoo wurde die Fahne mithilfe einer Feuerwehrleiter von der gegenüberliegenden Straßenseite aus entfernt. Auf dem Bahnhof Spandau wurde die Fahne mit einem Feuerhaken heruntergerissen. Zum Teil wurden die Fahnen ohne weitere Bemerkungen mitgenommen. In anderen Fällen erklärten die Westberliner Polizisten der Aufsicht, dass sie die Fahnen in den nächsten Tagen im zuständigen Westberliner Polizeirevier abholen könnten und in einigen Fällen wurde die abgenommene Fahne sofort der Aufsicht übergeben.

Auf dem Bahnhof Tempelhof erschienen vier Westberliner Polizisten und versuchten, über die Gleise zum S-Bahn-Bahnbetriebswerk Tempelhof zu gelangen, wo ebenfalls eine rote Fahne gehisst war. Als ihnen dies von der Aufsicht verboten wurde, erkundigten sich die Westberliner Polizisten, ob das Gebäude auch zum Bahnhof Tempelhof gehöre.

Als dies verneint wurde, entfernten sie sich mit der Bemerkung, dass dies dann nicht mehr ihr Revierbereich sei.

  1. Zum nächsten Dokument Einschätzung der politischen Situation in der IG Metall
    24. September 1964
    Einzelinformation Nr. 805/64 über die Einschätzung der politischen Situation in der IG Metall durch einen führenden Funktionär
  2. Zum vorherigen Dokument Festlegung weiterer Maßnahmen nach Flucht Prof. Barwichs
    22. September 1964
    Einzelinformation Nr. 801/64 über die Festlegung weiterer Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Republikverrat des Prof. Barwich