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Ansichten von Leistungssportlern zur Sportentwicklung

5. Mai 1965
Einzelinformation Nr. 415/65 über Ansichten einiger Leistungssportler zu Problemen des Sports in der DDR

Dem MfS liegen eine Reihe von Meinungen und Hinweisen von Leistungssportlern vor, in denen zu Trainingsmethoden, Fragen der materiellen Zuwendungen und zu dem in einigen Verbänden begonnenen Verjüngungsprozess Stellung genommen wird. Die Aktiven berichteten über die Weltmeisterschaften im Eiskunstlauf,1 Eishockey2 und Rennschlittensport3 und zusammenhängend damit über das Verhalten einiger leitender Funktionäre.

Meinungen der Aktiven im Rennschlittensport zu den Welttitelkämpfen in Davos/Schweiz und anderen Wettkämpfen:

Die Schlittensportler brachten zunächst in Gesprächen ihre Verärgerung über das Verhalten des Generalsekretärs des Bob- und Schlittensportverbandes, Dathe, zum Ausdruck.

Thomas Köhler4 – Schlittensportler im SC Traktor Oberwiesenthal – ist verärgert über das Verhalten des Generalsekretärs des Bob- und Schlittensportverbandes, Dathe, da dieser den Aussagen eines amerikanischen Wettkampfrichters mehr Glauben schenkte, als den Worten eines Genossen.

Köhler berichtete, dass vor dem offiziellen Wettkampf in Innsbruck nur der obere Teil der Strecke zum Training freigegeben wurde. Die Aktiven trainierten deshalb auch nur auf dem oberen Teil der Bahn.

Der amerikanische Schiedsrichter behauptete jedoch gesehen zu haben, dass Köhler und Bonsack5 auch auf dem unteren Teil der Strecke trainierten. In einer Aussprache zwischen dem internationalen Schiedsgericht und dem Generalsekretär Dathe soll dieser vorgeschlagen haben, Köhler und Bonsack von den weiteren drei Trainingsläufen zu sperren. Später stellte sich der Irrtum des amerikanischen Wettkampfrichters heraus. Für Köhler/Bonsack war es zu diesem Zeitpunkt für die Fortsetzung der Trainingsläufe zu spät, sodass eine gewisse Benachteiligung gegenüber anderen Wettkampfteilnehmern eintrat.

Die Schlittensportler Vollprecht,6 Fuchs,7 Scheidel,8 Enderlein9 und Köhler äußerten in den Aussprachen, dass es für sie und auch die anderen Aktiven unverständlich war, dass unsere Delegation als einzige nicht an den Abschlussfeierlichkeiten anlässlich der Welttitelkämpfe in Davos teilnahm.

Generalsekretär Dathe bestand darauf, Davos unmittelbar nach Beendigung der Wettkämpfe wieder zu verlassen, mit der Begründung, rechtzeitig zu den Wettkämpfen in der DDR zurück sein zu müssen. Wie sich später herausgestellt haben soll, wurde diese Maßnahme von Dathe getroffen, um »angeblichen Republikfluchten vorzubeugen«, was von den Sportlern der Welttitelkämpfe im Rennschlittensport als unverständlich und unbegründet bezeichnet wurde.

Nach der Übernachtung in einem unweit von Davos gelegenen Ort reist unsere Delegation am nächsten Tag weiter und begegnete dabei den Österreichern, Italienern, Westdeutschen u. a., die nun feststellten, dass es unsere Delegation anscheinend gar nicht so eilig hatte.

Alle Schlittensportler brachten für diesen plötzlichen Aufbruch kein Verständnis auf und vertraten übereinstimmend die Meinung, dass ein solches Verhalten bei den anderen Delegationen der Welttitelkämpfe einen schlechten Eindruck hinterlassen habe.10

Übereinstimmend kritisierten die Teilnehmer der Weltmeisterschaften in Davos die schlechte Organisation. Die Bahn entsprach nicht den Anforderungen. Es fehlte ein vorgeschriebener Fußgängerweg neben der Bahn, sodass sich die Zuschauer während der Wettkämpfe auf der Bahn bewegten. Viele Aktive, unter ihnen Helmut Vollprecht, mussten eine Schneelandung in Kauf nehmen, um nicht die Fußgänger umzufahren, womit ihre Chancen zunichte gemacht wurden.

Sehr gut gefallen hat es den Aktiven im Schlittensport bei ihren Starts in Schweden.

Im Vergleich zu der Atmosphäre in Österreich und in der Schweiz herrschte in Schweden eine wohltuende und ruhigere Atmosphäre.

In der Schweiz z. B. trat man unseren Sportlern gegenüber überheblich auf, was nach Meinung des Aktiven Halbauer11 auf die falschen Informationen über unsere Republik zurückzuführen wäre.

In Gesprächen mit den Teilnehmern der Eiskunstlaufweltmeisterschaften in den USA kam übereinstimmend zum Ausdruck, dass sie von der Stadt Colorado und den amerikanischen Menschen sehr beeindruckt waren. Die Amerikaner wurden als sehr höflich, zuvorkommend, gastfreundlich und ständig um das Wohl ihrer Gäste besorgt bezeichnet.

Über die Organisation und Betreuung gab es im Gegensatz zu den Europameisterschaften keine Klagen.

Empört äußerten sich die Aktiven über das Verhalten einiger Funktionäre – insbesondere des Vorsitzenden der Sportleistungskommission, Orzechowski, der während des Rückfluges von New York nach Zürich in sehr starkem Maße Alkohol zu sich nahm und bei der Ankunft in Zürich nicht mehr in der Lage war, allein das Flugzeug zu verlassen.

Auch das Auftreten des Generalsekretärs des Deutschen Eislaufverbandes, Dragunski,12 wäre nicht überzeugend gewesen. Während des Aufenthaltes in den USA betonte er unseren Sportlern gegenüber ständig, dass jeder an den Sportveranstaltungen, in denen unsere Aktiven auftreten, teilnehmen und diese moralisch unterstützen soll. Er selbst wäre aber ständig mit einem Wagen unterwegs gewesen.

Verbände und Sektionen

Für den abgelaufenen Berichtszeitraum liegen zu den Fragen der materiellen Zuwendungen, zu Trainingsmethoden und zum begonnenen Verjüngungsprozess in den Verbänden nur einzelne Meinungsäußerungen und Hinweise von den Aktiven vor.

Der Zehnkämpfer Werner Glatz13SC DHfK Leipzig – äußerte in einer Aussprache, dass er und die anderen Aktiven seiner Sektion den Eindruck gewonnen haben, dass ihre Disziplin vom Verband vernachlässigt und ihr nicht die genügende Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Seiner Auffassung nach wird vom Leichtathletikverband nur immer gesagt, dass die Leistungsentwicklung zu langsam gehe und wir nicht die Weltspitze erreichen könnten. Dieser Vorwurf wurde von den Zehnkämpfern als unbegründet betrachtet, da sie keine Vergleichsmöglichkeiten mit Leichtathleten anderer Länder haben, z. B. auch durch Vergleichskämpfe, wie sie die Leichtathleten in anderen Disziplinen jährlich haben.

Jörg Hornkohl14SC DHfK Leipzig/Fechten – äußerte sich zum Zurückbleiben des Fechtsports in der DDR gegenüber anderen Ländern und nannte dabei mehrere Ursachen: Seiner Meinung nach wäre bei uns die Trainerfrage noch nicht richtig gelöst, da unsere Trainer, die heute unsere Spitzenfechter trainieren, beispielsweise bei Weitem nicht in der Lage wären, einem mittelmäßigen ungarischen Fechter etwas beizubringen.

Außerdem sei der Leistungsunterschied zwischen Nachwuchs und Spitze zu groß und für die Spitzenfechter gäbe es in den Clubs kaum Vergleichsmöglichkeiten.

Eine der Hauptursachen liege nach seiner Ansicht darin, dass die besten Fechter von den »Hochburgen« des Fechtsports, z. B. Köthen und Nordhausen, weggenommen und in Clubs delegiert wurden. Hornkohl ist der Meinung, diese Maßnahme sei seinerzeit zu radikal durchgeführt worden und in den Clubs fehlten die notwendigen Voraussetzungen für eine solche Maßnahme.

[Vorname Name 1] – SC Motor Jena/Hockey – befürwortet eine Maßnahme des Verbandes, die laufenden Nationalmannschaftszuwendungen von nun an rückwirkend für einen Monat zu übergeben. Seiner Meinung nach wird diese Maßnahme die Trainingsintensität bei einigen Spielern wesentlich beeinflussen, zumal der Verbandstrainer die Möglichkeit hätte, diese Zuwendung auch zu kürzen. Das wird mit dazu beitragen, diese Zuwendung nicht mehr als etwas »Selbstverständliches« zu betrachten.

Nach seinen Angaben sind die Jenaer Nationalspieler der gleichen Auffassung.

Peter Kremtz15SC Einheit Dresden/Rudern – sieht die Ursachen für die immer noch beträchtlichen Leistungsunterschiede zu den westdeutschen Ruderern darin, dass es uns noch nicht gelungen ist, die richtigen Trainingsmethoden zu finden. Er sagte, unsere Rudersportfunktionäre würden zwar oft nach Ratzeburg zur Beobachtung fahren, jedoch wäre dabei für uns noch nichts herausgekommen. Die Methoden, die man in Westdeutschland anwendet, würden von uns meist zu spät übernommen und die Westdeutschen hätten sich dann schon wieder etwas Neues einfallen lassen.

Kremtz äußerte weiter, dass man im Rudersportverband auch keinen Wert auf die Meinungen der Aktiven lege. Er selber habe in der Vergangenheit des Öfteren Anregungen für eine Verbesserung des Trainings gegeben, jedoch vom Trainer [Name 2] stets die Antwort bekommen, wenn ihm die Trainingsmethoden des Verbandes nicht gefallen, solle er doch den Rudersport aufgeben. Kremtz schlussfolgert daraus, es sei besser, nicht viel zu sagen.

In diesem Zusammenhang ging er auf die Lehrgänge in der vergangenen Saison ein, die als Vorbereitungsperiode für die Olympischen Spiele 1964 in Berlin-Grünau durchgeführt wurden. Er – und nach seinen Angaben auch andere Ruderer – hält diese Methode des Trainings nicht für geeignet und vertritt die Meinung, dass es ausreichend sei, wenn sie in ihren Clubs trainieren, ihrer Arbeit nachgehen und hin und wieder zu Überprüfungen zusammengefasst werden. Das Training würde dann auch mehr Spaß machen.

Unter den Aktiven der BSG Chemie Leipzig – Fußball – herrscht gegenwärtig eine bedrückte Stimmung. Alle Spieler und Trainer Kunze16 sind mit der durch den DFV verhängten Platzsperre nicht einverstanden. Bernd Bauchspieß17 und Eberhard Dallagrazia18 äußerten, dass sich diese Platzsperre einzig und allein gegen die Mannschaft richten würde und nicht gegen diejenigen, die diesen Zwischenfall verursachten. Einige Fußballspieler meinten, diese Vorkommnisse haben mit dem »treuen Chemieanhang« nichts zu tun. »Radaubrüder«, die nicht auf den Sportplatz gehören, wären dafür verantwortlich, aber man erwischt nie die Richtigen und letzten Endes wird die Mannschaft so hart getroffen.19

Karin Rüger20SC DHfK Leipzig/Leichtathletik – äußerte zu den Sportlerschulungen, dass diese nicht mehr nach einem einheitlichen Themenplan gestaltet werden, sondern in den einzelnen Gruppen individuell durchgeführt werden, was zu befürworten ist.

Dieter Kinzel21SC Karl-Marx-Stadt/Schwimmen – brachte in einem Gespräch zum Ausdruck, dass diese Schulungen für Sportler, die Oberschulen, Universitäten usw. besuchen, nicht notwendig wären, da man ja in der Schule über die aktuellen politischen Tagesprobleme und einige Grundfragen der Politik unterrichtet wird. Im SC Einheit Dresden hat er an Sportlerschulungen teilgenommen, in seinem neuen Club in Karl-Marx-Stadt kennt er diese nicht und vermisse sie auch nicht.

[Vorname Name 3] – SC DHfK Leipzig/Kanu – äußerte zu dem in einigen Verbänden begonnenen Verjüngungsprozess seine Bedenken. Nach seiner Ansicht könne das Vorhaben bei den nächsten Olympischen Spielen zu einem Rückschlag führen, was auch andere aktive zum Ausdruck gebracht hätten.

Dabei würden nach seiner Meinung zwischen den einzelnen Verbänden und den Aktiven keine Konsultationen erfolgen, sodass der Eindruck entstanden wäre, der Verjüngungsprozess würde am »grünen Tisch«, ohne die Meinungen und Erfahrungen der Aktiven, entschieden.

Hans-Jürgen Voigtländer22 – Boxer im SC Karl-Marx-Stadt – hält diese radikale Verjüngung ebenfalls nicht für ganz richtig. In seinem Club in Karl-Marx-Stadt wären z. B. die Boxer [Name 4] und [Name 5] von den Förderungsstellen heruntergesetzt worden, obwohl in diesem Club noch talentierter Nachwuchs fehlt. Seiner Meinung nach würde mit dem radikalen Verjüngungsprozess in unserer Nationalmannschaft ein tüchtiges Loch entstehen, was die DDR wahrscheinlich bei den diesjährigen Europameisterschaften schon zu spüren bekommen werde.

Günter Lörke23SC DHfK Leipzig/Radsport – wird nach eigenen Angaben aus dem Leistungssport zwar ausscheiden und abtrainieren, vertritt jedoch die Auffassung, dass er durchaus noch in der Lage gewesen wäre, einige Zeit aktiv Sport zu betreiben.

Zum Nachwuchsproblem im Radsport insgesamt äußerte er gewisse Bedenken. Einmal nannte er die Einberufung der 18-Jährigen zum Militärdienst, weil es nur wenige Talente gebe, die nach ihrer Dienstzeit in der NVA wieder mit dem aktiven Training beginnen würden. Lörke vertritt die Meinung, dass es unseren Nachwuchskadern heute in vieler Hinsicht zu leicht gemacht werde und sie oft nicht die notwendige Initiative aufbringen würden, um solche Leistungen zu erreichen, wie einst ein Schur24 oder Eckstein.25 Es sei nicht selten, dass unsere Nachwuchskader resignieren und ausscheiden.

Ein Mangel liegt seiner Ansicht nach auch in den zu wenigen internationalen Vergleichen. Z. B. fehlen uns solche Vergleiche wie die Weltmeisterschaften.

Auffallend sei auch, dass zu internationalen Vergleichen in der DDR in der letzten Zeit aus dem kapitalistischen Ausland nur die Fahrer der »zweiten Garnitur« geschickt worden wären, was als ein allgemeiner Nachteil empfunden wird.

In Gesprächen mit den Sportfreunden Kolbe26 und Karrenbauer27 und anderen Aktiven der Eishockey-Nationalmannschaft kam einstimmig zum Ausdruck, dass sie mit ihrem Abschneiden bei den diesjährigen Weltmeisterschaften in Tampere sehr zufrieden sind. Sie führen den Erfolg unserer Mannschaft auf die gute Trainingsvorbereitung zurück, wobei es den Trainern gelungen sei, ein festes Kollektiv zu schaffen.

Unsere Mannschaft war bei der finnischen Bevölkerung gern gesehen, was auf ihr diszipliniertes und anständiges Verhalten zurückgeführt wurde.

Die Betreuung durch unsere Delegationsleitung wurde als sehr gut eingeschätzt. Dieser Umstand trug auch wesentlich zur Festigung des Kollektivs bei.

Kontakte zu Mitgliedern der westdeutschen Eishockeymannschaft waren äußerst gering, wobei besonders das abweisende Verhalten des westdeutschen Trainers [Name 6] auffällig war. Aus Unterhaltungen mit westdeutschen Aktiven entnahmen unsere Eishockeyspieler, dass im westdeutschen Team spürbare Zerfallserscheinungen vorhanden sind. Angeblich wäre dies auf Meinungsverschiedenheiten zwischen Trainer [Name 6] und Spieler Ambros28 zurückzuführen. Einige westdeutsche Eishockeyspieler erklärten, dass sie sich nach den Weltmeisterschaften vom aktiven Sport zurückziehen wollen.

Joachim Franke29und Klaus Hirche30 – SG Dynamo Weißwasser – erklärten in der Aussprache, Schwierigkeiten mit ihrem Fernstudium zu haben.

Aufgrund der vielen Wettkämpfe und des Trainings in der vergangenen Saison war es ihnen nicht immer möglich, den gesamten Lehrstoff durchzuarbeiten, besonders im Fach Biologie.

Vom Außenstellenleiter der DHfK wurde ihnen ein Dr. [Name 7] in Cottbus genannt, der auch anderen Studenten in diesem Fach Unterstützung gibt. Hirche und Franke äußern, dass dieser Dr. [Name 7] trotz wiederholter Bitten sich nicht bereit erklärte, ihnen zu helfen. Sie sehen im Moment noch keinen Ausweg und hinterließen einen deprimierten Eindruck.

In einem Gespräch mit Klaus Köste31SC DHfK Leipzig/Turnen – konnte festgestellt werden, dass dieser trotz seiner moralischen Verfehlungen einen sehr arroganten Eindruck hinterließ und keinerlei Reue zeigte.

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