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Antisozialistische Auffassungen des Schriftstellers Dietmar Müller

27. März 1968
Einzelinformation Nr. 344/68 über antisozialistische Auffassungen des sogenannten Nachwuchsschriftstellers Dietmar Müller aus Karl-Marx-Stadt

Vom MfS wurde festgestellt, dass der sogenannte Nachwuchsschriftsteller Dietmar Müller1 aus Karl-Marx-Stadt, der bereits seit August 1961 mehrmals negativ in Erscheinung trat, ein Manuskript zu einer Erzählung mit dem Titel »Kastanienernte« verfasst hat. In dieser Schrift bringt der Verfasser seine ablehnende Haltung zur sozialistischen Gesellschaftsordnung zum Ausdruck. Die Erzählung hat das Leben sowie die Stimmungen und Meinungen von Schülern der Abiturientenklasse einer Erweiterten Oberschule der DDR zum Inhalt. Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Schüler, der aufgrund seiner provozierenden Haltung und negativen Einstellung zum Lernen von allen Oberschulen der DDR ausgeschlossen wird. Im Manuskript gibt es einige Stellen, in dem der Verfasser offen seine ablehnende Haltung gegenüber der sozialistischen Entwicklung in der DDR sowie gegen gesellschaftliche Einrichtungen, einschließlich der Partei, zum Ausdruck bringt. Die Hauptperson der Handlung wird als ein von der sozialistischen Gesellschaft isolierter und ihr ablehnend gegenüberstehender Individualist dargestellt.

Das gesamte Manuskript ist von einer skeptizistischen und pessimistischen Lebensauffassung durchdrungen.

Die Erzählung trägt starke autobiographische Züge. Wie die Hauptperson der Handlung, so wurde auch Müller von der Erweiterten Oberschule ausgeschlossen. Die durch seine Haltung und Äußerungen bekannt gewordene inkonsequente politische Haltung spiegelt sich auch in den Auffassungen und Handlungen seiner Titelfigur wider.

Der Anlass des Schulausschlusses des Müller war sein provokatorisches Auftreten auf einem FDJ-Forum Ende August 1961, auf dem er sich im Zusammenhang mit den Grenzsicherungsmaßnahmen vom 13.8.[1961] gegen die Politik von Partei und Regierung, gegen die führende Rolle der Partei, gegen den Wehrdienst in der NVA und gegen die staatsbewusste Haltung der Jugend aussprach. Auf dem Forum erklärte Müller, dass in unserem Staat die Diktatur des ZK der Partei herrsche, und er fragte, wo die bürgerliche Demokratie sei, von der immer gesprochen werde.

Im März 1968 machte Müller in einem Gespräch die Bemerkung, dass nicht Friedrich Engels,2 sondern Friedrich Nietzsche,3 Sigmund Freud4 und Ludwig Marcuse5 seine Philosophie geprägt und bestätigt hätten. Das Buch von Marcuse »Pessimismus als Stadium der Reife«6 sei das Beste, was er seit zehn Jahren gelesen habe. Mit den Theorien von Freud stimme er gänzlich überein, sodass er sagen könne, er sei »voller Freudianer« geworden.

In einem anderen Zusammenhang bezeichnete Müller das Lehrbuch für Psychologie7 von Rubinstein8 als nicht akzeptierbar. Die wahren Psychologen in der heutigen Zeit seien nach seiner Meinung die Schriftsteller.

Zu den Ereignissen in der ČSSR9 und in der VR Polen10 erklärte Müller, dass solche »Revolten« vorausberechnet werden könnten und ein Beweis für die Wellentheorie seien. Es handle sich um einen Aufstand der intellektuellen Jugend, der durch äußere Erscheinungen wie Gammlertum, Professorenreden usw. vorbereitet werde. Er selbst, so schätzt sich Müller ein, würde wie ein guter »Bombenschmeißer«. Jedoch könnte er sich vorstellen, dass er »bei einer freien Debatte« über »Freiheit« nicht schweigen würde.

Die abstrakte Kunst bezeichnete Müller als eine Ausweglösung. Wenn jemand nicht die nackte Wahrheit sagen und zeigen könne, flüchte er sich ins Abstrakte. Das sei besonders in der DDR nötig.

Der 1943 in Chemnitz geborene und in Karl-Marx-Stadt wohnhafte Dietmar Müller ist zurzeit Hilfsdrucker im Druckhaus Karl-Marx-Stadt (»Freie Presse«). Müller wurde 1959 Mitglied der FDJ, aus der er 1961 im Zusammenhang mit seiner negativen Haltung ausgeschlossen wurde. 1962 erfolgte seine Wiederaufnahme. Im November 1963 wurde er Kandidat der SED und ist jetzt Mitglied.

Müller stammt aus einer Arbeiterfamilie. Sein Vater ist von Beruf Tischler und war Mitglied der NSDAP. Müller besuchte die Erweiterte Oberschule bis zur 11. Klasse. Auf Antrag der Kinder- und Jugendsportschule Karl-Marx-Stadt wurde er für einen Besuch aller Erweiterten Oberschulen der DDR aus den o. g. Gründen ausgeschlossen. Seine weiteren Tätigkeiten: 1962 Straßenbahnschaffner und Fahrer; 1963 Bibliothekar im Haus der DSF in Karl-Marx-Stadt; 1964 freier Mitarbeiter der Zeitung »Sächsische Neueste Nachrichten«; 1966 Angehöriger der VP (aufgrund provozierenden Verhaltens und negativer Diskussionen 1967 wieder entlassen). Müller ist ständiger Gast der Arbeitsgemeinschaft junger Autoren des Deutschen Schriftstellerverbandes.

Müller wurde bisher von den Schriftstellern Karl Otto11 und Klaus Walther12 protegiert. Walther ist auch der Lektor von Müllers Erzählung »Kastanienernte«. Am 19.1.1968 las Müller im Haus der DSF in Karl-Marx-Stadt vor jungen Autoren des Bezirkes aus seinem Manuskript. (Das Manuskript für die Erzählung »Kastanienernte« liegt im Wortlaut vor.)

Der erste Sekretär der SED-Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt13 ist über die Angelegenheit unterrichtet worden.

  1. Zum nächsten Dokument Ausarbeitung einer Stellungnahme zur neuen Verfassung durch Dr. Hamel
    28. März 1968
    Einzelinformation Nr. 334/68 über eine interne Ausarbeitung einer Stellungnahme zum 1. Entwurf der neuen Verfassung durch Pfarrer Dr. Hamel, Rektor des Kirchlichen Oberseminars Naumburg, im Auftrage der evangelischen Bischöfe der DDR, und über das Auftreten Dr. Hamels während der Frühjahrssynode der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen
  2. Zum vorherigen Dokument Flugblätter in Weimar, feindliche Losungen in Leipzig
    27. März 1968
    Einzelinformation Nr. 340/68 über die Verbreitung selbstgefertigter Hetzflugblätter im Stadtgebiet von Weimar, Bezirk Erfurt, und eine in Leipzig angeschmierte Hetzlosung