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Probleme der Durchsetzung der Akademiereform

25. Oktober 1968
Einzelinformation Nr. 1155/68 über einige Probleme in der Deutschen Akademie der Wissenschaften im Zusammenhang mit der Durchsetzung der Akademiereform

Nach vorliegenden Informationen wurden seit Beginn der Akademiereform1 an der Deutschen Akademie der Wissenschaften (DAW) am 25.7.1968 in der Durchsetzung der umfangreichen und komplizierten Aufgabenstellung Fortschritte erzielt. Die Führungs- und Leitungstätigkeit wurde auf die Lösung der sich aus der Akademiereform ergebenden Schwerpunktaufgaben konzentriert. Dabei zeigt sich jedoch, dass es eine Reihe von Problemen und Schwächen gibt, die offensichtlich nicht allein von der DAW gelöst werden können.

Die neue Leitung der DAW, die mit der Durchsetzung der am 25.7.1968 beschlossenen Akademiereform betraut ist, kann die damit verbundenen schwierigen und komplizierten Aufgaben nur als ein arbeitsfähiges wissenschaftliches Organ durchsetzen und sichern. Die Arbeitsfähigkeit der Leitung der DAW wird jedoch gegenwärtig dadurch beeinträchtigt, dass ein Vizepräsident für Planung und Ökonomie fehlt und außerdem noch keine Forschungsbereichsleiter eingesetzt wurden.

Es fehlen aber insbesondere Erfahrungen in der Leitung eines solchen umfangreichen und komplizierten Prozesses wie der Akademiereform.

Darüber hinaus wird die Arbeit der neuen Leitung durch die Passivität einer Reihe älterer Akademiemitglieder (z. B. Prof. Mothes,2 Prof. Thilo,3 Prof. Rieche,4 Prof. Kraatz,5 Prof. Leibnitz,6 Prof. Stern7) behindert, die aus den verschiedensten Gründen, u. a. auch wegen des Verlustes ihrer bisherigen Funktionen, nicht an der Durchsetzung der Akademiereform interessiert sind. Die Haltung vorgenannter Personen wirkt sich auf das Verhalten einiger Kollektive der DAW negativ aus.

Diese Situation wird noch dadurch verschärft, dass eine Reihe von unterschiedlichen Auffassungen und ungelösten Problemen zwischen dem neugewählten Präsidenten der DAW, Prof. Klare,8 und dem Generalsekretär der DAW, Genosse Prof. Lauter,9 auf der einen und dem 1. Sekretär der Parteiorganisation der DAW, Genosse Ziert,10 auf der anderen Seite besteht.

Prof. Klare äußerte wiederholt seine Unzufriedenheit darüber, dass er als Präsident nicht an der am 25.9.1968 durchgeführten Parteiaktivtagung in der DAW, auf der Genosse Hörnig11 das Hauptreferat hielt, teilnehmen konnte. Nach Äußerungen des Genossen Ziert habe Genosse Hörnig darauf bestanden, Prof. Klare an dieser Tagung nicht teilnehmen zu lassen. Zwei Tage vor der Parteiaktivtagung erhielt dann Prof. Klare vom Genossen Ziert eine Einladung, obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt war, dass Prof. Klare an diesem Tage im Ministerrat anwesend sein musste und deshalb ohnehin nicht teilnehmen konnte. Der Generalsekretär der DAW, Prof. Lauter (SED), befand sich im Ausland und nahm ebenfalls nicht an der Parteiaktivtagung teil.

Prof. Klare äußerte weiter sein Unverständnis darüber, weshalb man nicht vor der Parteiaktivtagung die Zeit gefunden habe, sich mit ihm als Präsidenten der DAW und Leiter der Akademiereform über die mit der Reform zusammenhängenden Probleme und Schwierigkeiten zu beraten. Die eingeleitete Reform sei ein so tiefgreifender Prozess, dass er als Präsident die Gewissheit brauche, ob er auf dem richtigen Wege sei und die eingeleiteten Maßnahmen den Beschlüssen der Partei- und Staatsführung der DDR entsprächen. Die bisherige Verhaltensweise ihm gegenüber lasse ihn daran zweifeln.

Diese Auffassung von Prof. Klare wurde offensichtlich noch durch Äußerungen von Prof. Kuczynski12 verstärkt, wonach Genosse Hörnig sich mit ihm vor der betreffenden Parteiaktivtagung »konsultiert« habe.

Prof. Klare ist bekannt, dass Prof. Kuczynski bei den Bemühungen der Leitung der DAW, alle Mitarbeiter für die Unterstützung der Maßnahmen der verbündeten sozialistischen Länder vom 21.8.1968 zu gewinnen, keine positive Rolle gespielt hat (u. a. lehnte Prof. Kuczynski eine öffentliche Stellungnahme ab).

Prof. Kuczynski tritt in der DAW gegenüber Prof. Klare und auch anderen leitenden Mitarbeitern mit »Empfehlungen« auf, die den weiteren Aufbau der DAW, deren Struktur sowie personelle Besetzung leitender Funktionen betreffen.

In diesem Zusammenhang lässt Prof. Kuczynski jeweils durchblicken, dass er sich darüber angeblich mit dem Leiter der Abteilung Wissenschaften beim ZK der SED beraten und seine Auffassungen mit Letzterem »abgestimmt« habe.

Offensichtlich versucht Prof. Kuczynski die Differenzen zwischen der staatlichen Leitung der DAW und dem Genossen Ziert dazu auszunutzen, um sich beim Präsidenten der DAW eine Position als »Berater« zu sichern.

Wie jedoch weiter bekannt wurde, hat Prof. Kuczynski am 25.7.1968 das Plenum der DAW kurz vor der Abstimmung über die Grundkonzeption für die Akademiereform und die Wahl des Präsidenten verlassen, weil er damit nicht einverstanden sei.

Von Prof. Klare wurde ein auf Anregung des Genossen Ziert von Prof. Heininger13 ausgearbeiteter Vorschlag für die Aufgaben des Vizepräsidenten für Planung und Ökonomie der DAW entschieden zurückgewiesen. Dieser Vorschlag lief faktisch darauf hinaus, dass der Präsident nur noch Repräsentationsaufgaben zu erfüllen habe, der Generalsekretär ohne wesentliche Bedeutung bleibt und die wichtigsten Leitungsfunktionen auf den Vizepräsidenten für Planung und Ökonomie konzentriert werden. Damit wären die in der Grundkonzeption festgelegten sozialistischen Leitungsprinzipien verletzt und die leitenden Personen, die gegenwärtig die Akademiereform durchführen, isoliert worden.

Von Prof. Klare wurde auch wegen des Verhaltens des Genossen Ziert auf der Dienstbesprechung des Präsidenten am 17.10.1968 Unverständnis geäußert. Auf dieser Dienstbesprechung, auf der wichtige Maßnahmen für die alten Fachbereiche und für die Neuformierung der Forschungsbereiche beschlossen werden sollten, trat Genosse Ziert gegen die Bestätigung einer entsprechenden Anweisung des Präsidenten auf. Er verlangte vielmehr, dass die Vorlagen der staatlichen Leitung erst in der Akademieparteileitung beraten und bestätigt werden, bevor der staatliche Leiter sie als Anweisung erlässt.

Prof. Klare lehnte eine derartige Verfahrensweise ab. Er erließ am 18.10.1968 die in der genannten Dienstbesprechung vom 17.10.1968 behandelte Anweisung und beauftragte Prof. Lauter, ab 21.10.1968 die festgelegten Kader in ihre neuen Leitungsaufgaben einzuweisen.

Obwohl Genosse Ziert in der Dienstbesprechung vom 17.10.1968 keine weiteren Einwände gegen die Anweisung von Prof. Klare erhob, brachte er danach zum Ausdruck, dass er in der Sitzung der Akademieparteileitung am 22.10.1968 diese Anweisung einer harten Kritik unterziehen werde. Genosse Ziert trat in dieser Sitzung jedoch nicht selbst mit der angekündigten Kritik auf, sondern erteilte dazu dem Sekretär der APL, Genossen Scholz, das Wort.

Nach dessen Darlegungen sei es eine Verletzung der führenden Rolle der Partei, wenn die Weisungen des Präsidenten der DAW vor ihrem Erlass nicht in der Akademieparteileitung diskutiert würden. Genosse Ziert erklärte dazu, dass er »anweise«, künftig alle Weisungen des Präsidenten der DAW vorher in der APL zu beraten und zu bestätigen. Den Einwand des Parteileitungsmitgliedes Genossen Dr. Müller, wonach es falsch sei, dadurch eine »zweite staatliche Leitung« zu schaffen, wies Genosse Ziert zurück.

Von leitenden Genossen der DAW wird in diesem Zusammenhang eingeschätzt, dass Genosse Ziert die Akademieparteileitung »für die Durchsetzung seiner persönlichen Vorstellungen und Interessen missbrauche«.

Prof. Lauter, der nach seiner Wahl zum Generalsekretär der DAW in die Akademieparteileitung kooptiert wurde, äußerte im September 1968 seine Unzufriedenheit über die »Gängelei«, der er durch Genossen Ziert ausgesetzt sei.

Weiter brachte er zum Ausdruck, Genosse Ziert führe ein »diktatorisches Regime«, mische sich in die staatlichen Entscheidungen ein, organisiere Spannungen und eine schlechte Arbeitsatmosphäre, isoliere ihn und »beschäftige ihn als Generalsekretär«.

Nach der APL-Sitzung vom 22.10.1968, auf der sich Prof. Lauter zurückhaltend verhielt, betonte er, dass man einerseits mit Genossen Ziert als 1. Sekretär der APL »einen Weg der Zusammenarbeit suchen müsse«, dass er aber andererseits nicht mehr gewillt sei, sich von Genossen Ziert in staatliche Weisungen »hineinreden zu lassen«.

Weiter brachte Prof. Lauter intern zum Ausdruck, ihm sei bekannt, in der Beratung der Akademieparteileitung Ende September 1968 habe Genosse Ziert erklärt, dass die Wahl von Prof. Lauter zum Generalsekretär nur ein Notbehelf war und er von dieser Funktion abgelöst würde, wenn man einen besseren Generalsekretär findet. In einer Leitungssitzung der Parteiorganisation des Heinrich-Hertz-Instituts trat Genosse Ziert gegen kaderpolitische Entscheidungen von Prof. Lauter auf und gab über dessen bisherige Leitungsarbeit eine abwertende und unqualifizierte Einschätzung, die jedoch von den anderen Leitungsmitgliedern zurückgewiesen wurde.

In gleicher Weise trat im Auftrage des Genossen Ziert der Mitarbeiter der Akademieparteileitung, Genosse Planert,14 in Instituten des Geo-Astro-Sektors der DAW in Jena auf. Diese Äußerungen wurden Prof. Lauter und außenstehende Personen bekannt.

In der Folgezeit zeigten sich bei ihm starke Depressionen, die noch dadurch beeinflusst wurden, dass sich seine Ehefrau wegen Krebsverdacht in ärztlicher Behandlung befindet.

Gegenüber einem leitenden Mitarbeiter seines Instituts äußerte Prof. Lauter wegen beruflicher und persönlicher Schwierigkeiten Selbstmordgedanken.

Bei leitenden Mitarbeitern der DAW besteht demzufolge der Eindruck, Prof. Lauter resigniere und stelle sich unter dem Einfluss der von Genossen Ziert bezogenen Haltung vermutlich darauf ein, dass seine Tätigkeit als Generalsekretär der DAW womöglich nur eine relativ kurzfristige Übergangsperiode sein werde.

Wie bekannt ist, wurde Prof. Lauter wegen seines großen persönlichen Einsatzes bei der Organisierung der wissenschaftlichen Arbeit und insbesondere bei der Neubildung des Geo-Astro-Sektors anlässlich des 19. Jahrestages der DDR mit dem Nationalpreis II. Klasse ausgezeichnet. In seiner Tätigkeit als Generalsekretär der DAW gibt es bei ihm infolge ungenügender Kenntnisse und Erfahrungen auf dem Gebiet der Wissenschaftsorganisation im Gesamtmaßstab der Akademie noch einige Mängel, die er zu überwinden bemüht ist. Gegenüber Kritik und Vorschlägen zur Verbesserung seiner Arbeit ist Prof. Lauter aufgeschlossen.

Die Arbeit des 1. Sekretärs der Akademieparteileitung, Genossen Ziert, wurde bereits vor der Akademiereform durch Mitarbeiter der Abteilung Wissenschaft des ZK kritisiert. Er hatte wiederholt staatliche Führungs- und Leitungsaufgaben übernommen und die politisch-ideologische Arbeit in der Parteiorganisation vernachlässigt.

Am 21.8.1968 befand sich Genosse Ziert in Urlaub in der ČSSR. Er hielt sich dort beim Leiter der Auslandsabteilung des Staatlichen Komitees für Wissenschaft und Technik der ČSSR, Fuxa, auf, der gegen die Maßnahmen der fünf Bruderländer Stellung bezieht und eine revisionistische Grundhaltung einnimmt.

Mit Beginn der Akademiereform bemühte sich Genosse Ziert, eine einflussreiche staatliche Funktion in der DAW zu erhalten. Bei der Neuwahl der Parteileitung will er erreichen, nicht mehr als 1. Sekretär gewählt zu werden. Zu diesem Zweck habe er sich ein ärztliches Attest beschafft, um notfalls unter Hinweis auf seinen Gesundheitszustand diese Funktion ablehnen zu können.

Gegenüber leitenden Mitarbeitern der DAW äußerte Genosse Ziert, er hätte erwartet, dass man ihm die Leitung des wissenschaftlichen Sekretariates des Präsidenten übertragen würde. Gegenwärtig bemühe er sich, auf die Neugliederung der Auslandsarbeit der DAW seinen Einfluss dahingehend geltend zu machen, die Bildung eines neuen Direktionsbereiches zu erreichen. Wie bekannt wurde, hat Genosse Ziert Prof. Lauter gebeten, sich beim Genossen Hörnig dafür zu verwenden, dass er für diesen Direktionsbereich als Leiter vorgesehen wird.

Eine vom Präsidenten der DAW eingesetzte Arbeitsgruppe unter Leitung des Genossen Prof. Heininger, die die Struktur und Aufgabenstellung des Bereiches des noch nicht benannten Vizepräsidenten der DAW für Ökonomie und Planung ausarbeiten soll, entwickelt sich nach Meinung verschiedener Mitarbeiter der DAW gegenwärtig immer mehr zu einem Instrument der Durchsetzung der Auffassungen und persönlichen Interessen des Genossen Ziert sowie zu einer Art »Parallelorgan« zu den von der DAW-Leitung gebildeten Kommissionen für Struktur- und Kaderfragen.

In der bereits angeführten APL-Sitzung vom 22.10.1968 wurde offensichtlich, dass die Vorstellungen des Genossen Ziert, die wesentlichen Leitungsaufgaben der DAW auf den Vizepräsidenten für Ökonomie und Planung zu konzentrieren, von Genossen Prof. Heininger weiterentwickelt wurden.

Sowohl diese Vorstellungen des Genossen Ziert und Prof. Heininger als auch der Vorschlag von Prof. Stern, den Genossen Prof. Heininger als Vizepräsidenten für Ökonomie und Planung einzusetzen, werden von leitenden Genossen der DAW so eingeschätzt, dass es sich um einen Versuch des Genossen Ziert handelt, sein persönliches Interesse an einer Position in der DAW durchzusetzen, von der aus er maßgeblichen Einfluss auf die Leitung der DAW ausüben sowie den Einfluss des Präsidenten und des Generalsekretärs der DAW zurückdrängen kann.

Diese Einschätzung leitender Genossen der DAW wird insbesondere noch dadurch bekräftigt, dass Genosse Ziert sein zu erwartendes Ausscheiden als 1. Sekretär der APL im Frühjahr 1969 immer wieder betont und dass die Fähigkeit des Genossen Prof. Heininger, die Funktion des Vizepräsidenten der DAW für Ökonomie und Planung auszuüben, bezweifelt wird, da er sich bisher theoretisch betätigte und wenig praktische Erfahrungen in der Leitung und Organisation der Wissenschaft besitzt.

Die Gesamtsituation an der DAW wird u. a. noch durch folgende Gesichtspunkte, die hier kurz zusammengefasst dargelegt werden, charakterisiert:

  • 1.

    Die Reform der DAW hatte keinen ausreichenden politisch-ideologischen, wissenschaftlichen und kadermäßigen Vorlauf. Das Dokument wurde vor der Beschlussfassung im Ministerrat nur mit einem kleinen Kreis ausgewählter Wissenschaftler beraten. Aufgrund des fehlenden Vorlaufes ergeben sich komplizierte Probleme wie z. B.:

    • Die Mitarbeiter der DAW mussten mit Ziel und Inhalt der Reform vertraut gemacht werden.

    • Es galt, die Entwicklung der Bereitschaft führender Akademiemitglieder und der übrigen Mitarbeiter zur Durchsetzung und Verwirklichung der Reform in Angriff zu nehmen.15

    • Die laufenden Aufgaben der wissenschaftlichen Einrichtungen mussten ohne Unterbrechung fortgesetzt und gleichzeitig die sich aus der Grundkonzeption ergebenden Aufgaben präzisiert und in Angriff genommen werden.16

    • Mit dem Aufbau eines neuen Systems der Planung und Leitung der wissenschaftlichen Einrichtungen in der DAW musste begonnen werden.

    • Historisch überholte Einrichtungen, wie »gesamtdeutsche Unternehmen« mussten bzw. müssen noch schrittweise aufgelöst werden.17

  • 2.

    Das System der auftragsgebundenen Forschung und aufgabenbezogenen Finanzierung soll bis zum 1. Januar 1969 in der DAW eingeführt werden.18 (Ministerratsbeschluss zur Verwirklichung der auftragsgebundenen Finanzierung und ökonomischen Stimulierung wissenschaftlich-technischer Aufgaben vom 25.9.1968) Diese Aufgabe lief bereits vor dem Reformtermin an und dient jetzt maßgeblich der Verwirklichung des Reformzieles. Das gesamte Planangebot der DAW umfasst eine Summe von 349,5 Mio. Mark. Allein aus dem naturwissenschaftlichen Bereich der DAW wurde der Industrie ein Planangebot in Höhe von 258,6 Mio. Mark unterbreitet. In diesem Zusammenhang tauchen solche Probleme auf wie z. B.:

    • Die Verwaltungsapparate der Institute und Einrichtungen sind auf die notwendigen ökonomischen und juristischen Aufgaben kadermäßig nicht eingerichtet.

    • Über Finanzierungsprobleme gab und gibt es komplizierte Verhandlungen zwischen der DAW, dem Ministerium für Wissenschaft und Technik und dem Ministerium der Finanzen.19

    • Nachteilig wirkt sich ein zögerndes Herangehen seitens der Industrieministerien und VVB aus, was am 11.10.1968 zu einer ernsten Kritik im Ministerrat führte. Die Folge dieses Verhaltens ist, dass erst vier Vereinbarungen zwischen der DAW und Ministerien existieren, wodurch etwa 70 Mio. Mark, das sind weniger als 30 %, der Kapazität der DAW gebunden wurden. (Diese Vereinbarungen auf hoher Ebene sind die Voraussetzungen für den Vertragsabschluss zwischen den Instituten und den VVB.) Auf der Grundlage dieser wenigen Vereinbarungen konnten bisher erst neun Verträge abgeschlossen werden, die eine Summe von 19 Mio. Mark umfassen, die etwa 8 % der Kapazität der DAW ausmachen.20

    • Da sich VVB und Betriebe nach ihren Perspektivplänen orientieren, ist der Vertragszeitraum im günstigsten Falle auf drei Jahre bemessen. Eine derart kurzfristige Bindung wissenschaftlicher Aufgaben bedeutet für die wissenschaftliche Vorlaufleistung in der Grundlagenforschung eine Gefahr.

  • 3.

    Die Profilierung und Konzentration der Forschung durch die Bildung von Forschungsbereichen und Zentralinstituten ist die gegenwärtig wichtigste Aufgabe (wissenschaftspolitisch und wissenschaftsorganisatorisch) der Leitung der DAW. Diese Aufgabe wurde durch eine Strukturkommission, die Vorlagen für die Bildung von Forschungsbereichen und Zentralinstituten erarbeitete, vorbereitet. Ihre gegenwärtige Aufgabe besteht in der Kontrolle dieses Prozesses.

    Dabei treten folgende Probleme auf:

    • Es gelingt nur schwer, das bisher vorhandene Spezialfachdenken in ein Komplexdenken umzuwandeln.

    • In zunehmendem Maße werden wissenschaftsorganisatorische Aufgaben von dazu befähigten Wissenschaftlern abgelehnt. Es überwiegt das Interesse, sich durch wissenschaftliche Arbeiten internationales Ansehen zu erwerben.21

    • Es gibt nur eine ungenügende Bereitschaft zur Konzentrierung insbesondere im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich.

    • (Prof. Irmscher,22 Institut Griech.-Röm. Altertumskunde,

    • Prof. Bahner,23 Institut Romanische Sprachen und Kultur,

    • Prof. Bielfeldt,24 Institut für Slawistik)

    • Von den mit der Bildung von Forschungsbereichen und Zentralinstituten beauftragten Personen wird die breite Diskussion mit den betroffenen Wissenschaftlern ungenügend gepflegt.25

    • Es bestehen objektive Schwierigkeiten infolge der bisherigen sporadischen Entstehung der Forschungseinrichtungen der DAW an verschiedenen Orten.26

  • 4.

    Die Entwicklung geeigneter Kader der DAW wurde vernachlässigt. Hinzu kommen eine Reihe völlig neuer Qualitätsmerkmale, auf die die Akademie nicht vorbereitet ist. Das führt zu solchen Problemen wie z. B.:27

    • Die Funktion des Vizepräsidenten für Planung und Ökonomie ist gegenwärtig noch nicht besetzt.

    • In den Instituten und Einrichtungen der DAW fehlen Ökonomen und Vertragsjuristen.

    • Die bisherige Zuwahlpolitik der Akademiemitglieder der DAW trug den strukturbestimmenden Aufgaben in keiner Weise Rechnung.

    • Die bisherige Geringschätzung wissenschaftsorganisatorischer Aufgaben führt zu einer Überbewertung des »reinen Wissenschaftlers«, wodurch die Bereitschaft der Übernahme zentraler Leitungsfunktionen gemindert ist.28

  • 5.

    Die Reform der DAW von der Gelehrtengesellschaft zur Forschungsakademie bringt eine Reihe ideologischer Probleme mit sich.30 Sie kommen u. a. in solchen Fragen zum Ausdruck wie z. B.:29

    • Einige Akademiemitglieder, z. B. Prof. Rieche und Prof. Thilo, befürchten, dass durch den Wegfall der bisherigen Klassen das wissenschaftliche Leben der Akademie gefährdet sei. Problemorientierte Gremien, wie sie in der Grundkonzeption vorgeschlagen sind, seien ihnen zu eng.31

    • Es wurden »Theorien« verbreitet, wonach kleine Wissenschaftlergruppen die höchste Effektivität erzielen. Dadurch wird die Entwicklung zur Groß- und Komplexforschung erschwert.32

    • Das Bestreben einzelner Mitarbeiter der DAW, mit hohen wissenschaftlichen Ergebnissen das Leistungsniveau anerkannter internationaler Spitzenkräfte auf den einzelnen Gebieten der Wissenschaften zu erreichen, ist oftmals mit solchen Vorstellungen verbunden, dass mit diesen Wissenschaftlern eine »harmonische Zusammenarbeit« faktisch über Ländergrenzen hinweg möglich sei. (Prof. Mothes, Prof. Bethge33)34

    • Die auftragsgebundene Forschung wird als »Diktat der Industrie« gegenüber der Wissenschaft interpretiert.35

    • Durch Überbetonung der jeweiligen Spezialinteressen auf den einzelnen Wissenschaftsgebieten wird die Zusammenführung von Natur- und Gesellschaftswissenschaften verhindert bzw. verzögert.36

Bei der Auswertung vorliegender Information, insbesondere bei Verwendung wörtlicher Äußerungen, beachten, dass keine Quellengefährdung eintritt.

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    23. Oktober 1968
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